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Full text of "Die Gedichte des Paulus Diaconus"

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Digitized  by  the  Internet  Archive 

in  2011  with  funding  from 

University  of  Toronto 


http://www.archive.org/details/diegedichtedespaOOpaul 


Quellen    und    Untersuchungen 


zur 


lateinischen  Philologie 
des  Mittelalters 


herausgegeben  von 

Ludwig  Traube 


Dritter  Band 


Mit  sechs  Tafeln 


MÜNCHEN  1908 

C  H.  BECK'SCHE  VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR  BECK 


Inhalt  des  dritten  Bandes: 

Erstes  Heft:   Franciscus  Modius  von  Paul  Lehmann. 
Zweites  Heft:  Textgeschichte  Liudprands  von  Cremona  von  Joseph  Becker. 
Drittes  Heft:  Die  ältesten  Kaiendarien  aus  Monte  Cassino  von  E.  A.  Loew. 
Viertes  Heft:  Die  Gedichte  des  Paulus  Diaconus  von  Karl  Neff. 


Quellen    und    Untersuchungen 


zur 


lateinischen  Philologie  des 
Mittelalters 


herausgegeben  von 

Ludwig  Traube 


Dritter  Band,  viertes  Heft 

Kritische  und  erklärende  Ausgabe  der  Gedichte 

des  Paulus  Diaconus 

von 

Dr.  Karl  Neff 

Professor  am  Wilheimsgymnasium  zu  München 


MÜNCHEN  1908 

C.  H.  BECK'SCHE  VERLAGSBÜCHHANDLUNG 

OSKAR  BECK 


DIE  GEDICHTE  DES 


PAULUS  DIACONUS 


KRITISCHE  UND  ERKLÄRENDE  AUSGABE 


VON 

Dr.  KARL  NEFF 

PROFESSOR  AM  WILHELMSGYMNASIUM  ZU  MÜNCHEN 


MIT  EINER  TAFEL 


5-^^^^ 


MÜNCHEN  1908 

C.  H.  BECK'SCHE  VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR  BECK 


C.  H.  Beck'sche  Buchdruckerei  in  Nördlingen. 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Vorwort       VII 

Einleitung:  Geschichte  der  Forschung       XI 

Die  handschriftliche  Überlieferung XIII 

1.  Übersicht  über  die  Abkürzungen XIII 

^              2.  Inhalt  der  wichtigsten  Handschriften    ........  XIII 

I.  Loblied  auf  den  Comersee 1 

II.  Paulus  an  Adelperga 7 

III.  Brief  an  Adelperga 11 

IV.  Inschriften  auf  die  Bauten  des  Arichis 14 

V.  Andere  Inschriften 20 

VI.  Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt 23 

VII.  Zweites  Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt 35 

VIII.  An  einen  Freund 38 

IX.  Auf  das  Grab  der  Königin  Ansa 41 

X.  Auf  das  Grab  der  Enkelin  Sophia 49 

XI.  Bittschrift  an  Karl 52 

XII.  Petrus  von  Pisa  an  Paulus  Diaconus 56 

XIII.  Antwort  des  Paulus 63 

XIV.  Brief  an  Theudemar 69 

XV.  Grammatische  Rhythmen 74 

XVI.  Rätsel 82 

XVII.  Petrus  an  Paulus 84 

XVIII.  Paulus  an  den  König       88 

XIX.  Antwort  des  Paulus 91 

XX.  Paulus  an  Petrus 96 

XXI.  Petrus  an  Paulus 98 

XXII.  Antwort  des  Paulus 101 

XXIII.  Karl  an  Paulus 106. 

XXIV.  Auf  das  Grab  der  Rotheid,  Tochter  Pippins       109 

XXV.  Auf  das  Grab  der  A^lheid,  Tochter  Pippins 112 

XXVI.  Auf  das  Grab  der  Königin  Hildegard 113 

XXVII.  Auf  das  Grab  der  Adelheid,  Tochter  Karls 117 

XXVIII.  Auf  das  Grab  der  kleinen  Hildegard 119 

XXIX.  Auf  das  Grab  des  Dichters  Fortunat 121 

XXX.  Paulus  an  Karl  (Widmung  seines  Auszugs  aus  Festus) 123 


VI  Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

XXXI.  Brief  an  Adalhard 126 

XXXII.  Paulus  an  Karl 131 

XXXIII.  Karl  an  Paulus 135 

XXXIV.  Karl  an  Petrus  und  Paulus 139 

XXXV.  Auf  das  Grab  des  Arichis 143 

XXXVI.  Auf  das  Grab  des  Paulus  Diaconus 150 

XXXVII.  Widmungsgedicht  des  Petrus  von  Pisa 157 

XXXVIII.  Zum  Lob  des  Königs 159 

XXXIX.  Angilbert  an  Petrus       163 

XL.  Karl  an  Petrus 165 

XLI.  Karl  an  Petrus 168 

Anhang. 

I.  Auf  das  Grab  Lothars 170 

IL  Grabschrift  für  Eggihard 176 

IIL  Auf  das  Grab  des  Dombercht 178 

IV.  Fiducia  an  Angilram 181 

V.  Verse  über  die  Metzer  Bischöfe 186 

VI.  Fabeln 191 

VII.  Coniurationes  convivarum  pro  potu 199 

VIII.  Hausimus  altifluo 202 

IX.  Perge  libelle  meus 205 

X.  Filius  ille  dei 207 

XL  Hausimus  altifluam 209 

Indices. 

I.  Initia  carminum  et  epistularum 213 

IL  Index  nominum 215 

IIL  Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus  Diaconus 219 

Tafel:  Abdruck  von  Oxford  Bodl.  Add.  C  144  saec.  XI  f.  58 v. 


Vorwort. 


Die  vorliegende  Ausgabe  der  Gedichte  ist  das  Ergebnis  einer 
neuen  Untersuchung  des  für  die  ÜberHeferung  des  Paulus  wichtigen 
handschriftlichen  Materials,  das  mir  teils  im  Original  teils  in  photo- 
graphischen Wiedergaben  vorlag.  Durch  diese  nochmalige  Ver- 
gleichung,  die  eine  reiche  Nachlese  ergab,  wurde  ein  zuverlässiger 
kritischer  Apparat  geschaffen,  der,  ausführlicher  und  leichter  ver- 
ständlich angelegt  als  die  früheren,  einen  Einblick  in  die  bis  jetzt 
bekannte  Überlieferung  gewährt.  Lesefehler  und  Versehen  der  Dümm- 
lerschen  Ausgabe  wurden  dabei  nicht  angeführt.  Der  Text  der  Ge- 
dichte hat  durch  die  kritische  Revision  und  die  genaue  Beobachtung 
des   paulinischen  Sprachgebrauches  hoffentlich  abermals  gewonnen. 

Besondere  Beachtung  schenkte  ich  der  Lösung  der  Autorfrage. 
In  diesem  Punkt  gingen  schon  die  Meinungen  Bethmanns  und 
Dahns  sehr  weit  auseinander  und  auch  Dümmler  traf  hier  nicht 
immer  die  richtige  Entscheidung.  Die  Hauptschwierigkeit  besteht 
darin,  daß  die  sonst  übliche  Methode,  nämlich  die  Autorschaft  dadurch 
festzustellen,  daß  man  zweifellos  echte  Werke  in  stilistischer  Hinsicht 
mit  bezweifelten  vergleicht  und  aus  den  Anklängen  die  Schlußfolgerung 
zieht,  bei  karolingischen  Dichtern  nicht  immer  zum  Ziele  führt,  da 
diese,  ein  und  derselben  Schule  angehörig  und  in  der  nämlichen 
Weise  von  ihren  Klassikern  beeinflußt,  sich  meist  der  gleichen  Aus- 
drucksformen bedienen.  Um  dies  deutlich  vor  Augen  treten  zu 
lassen  führte  ich  bei  den  Erläuterungen  zu  den  einzelnen  Gedichten 
möglichst  viele  Parallelstellen  aus  der  von  Dümmler,  Traube  und 
P.  V.  Winterfeld  herausgegebenen  Sammlung  der  Poetae  aevi  Carolini 
(Poet.  I — III)  an,  während  ich  mich  bei  der  Angabe  antiker  Ent- 
lehnungen, die  Manitius  in  ausführlichster  Weise  angibt  (Poet.  II 
688),  möglichst  beschränkte.    Bei  der  Feststellung  der  Urheberschaft 


B  Q 

M  6  I. 


VIII  Vorwort. 

nahm  ich  das  stiHstische  Moment  nur  dann  als  Beweis  an,  wenn 
es  sich  um  besonders  zahlreiche  und  charakteristische  Eigentümlich- 
keiten handelte.  Von  größerer  Bedeutung  war  für  mich  der  Inhalt 
der  Gedichte  selbst,  von  der  größten  die  handschriftliche  Überliefe- 
rung, die  manchmal  ganz  allein  das  entscheidende  Wort  sprach. 
Die  Grundsätze,  die  für  die  Anordnung  der  einzelnen  Gedichte  maß- 
gebend waren,  entwickelte  ich  bei  Besprechung  des  Inhalts. 

Meine  Ausgabe  will  aber  nicht  bloß  kritisch,  sondern  auch  er- 
klärend sein.  Deshalb  wurden  zum  Verständnis  der  oft  schwierigen 
Gedichte  außer  kurzen  Inhaltsangaben  auch  die  für  die  Lebens- 
verhältnisse gewonnenen  Resultate  vorausgeschickt  und  unter  dem 
kritischen  Apparat  Erklärungen  einzelner  Stellen  beigegeben. 

Um  ein  vollständiges  Bild  vom  Leben  des  Paulus  Diaconus  und 
seiner  Umgebung  zu  entwerfen  hielt  ich  es  für  notwendig  einige 
seiner  Briefe,  dann,  wie  es  schon  die  Vorgänger  getan,  die  Gedichte 
des  Petrus  von  Pisa  und  auch  die  an  Paulus  und  Petrus  ge- 
richteten anzureihen.  Der  Anhang  enthält  einzelne  Gedichte,  die 
bis  jetzt  unter  denen  des  Paulus  ihren  Platz  hatten,  und  besonders 
solche,  deren  Verfasser  man  nicht  kennt,  bei  deren  Untersuchung 
aber  sich  für  uns  wichtige  Beziehungen  nachweisen  ließen.  Den  Ab- 
schluß bildet  die  Herausgabe  von  drei  noch  nicht  veröffentlichten 
Gedichten.  Den  Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus 
Diaconus  gestaltete  ich  ausführlicher  um  einen  genauen  Einblick  in 
die  Formen  seiner  Darstellung  zu  eröffnen. 

Schließlich  möchte  ich  noch  allen  denen  danken,  die  mir  die 
Benützung  des  handschriftlichen  Materials  ermöglichten  oder  mich  durch 
Rat  und  Tat  unterstützten,  vor  allem  der  k.  b.  Akademie  der  Wissen- 
schaften, dann  den  Vorständen  der  Bibliotheken  zu  Berlin,  St.  Gallen, 
Leipzig,  London,  Madrid,  München,  Oxford,  Paris,  Rom, 
ferner  den  Herren  Arturo  Farinelli,  Emil  Jacobs,  Paul  Kehr, 
Pater  Leo  Kolmer  O.  S.  B.,  Wilhelm  Meyer,  Ferdinand  Rueß, 
Karl  Schellhaß,  Anton  Schillinger,  Schnorr  von  Carolsfeld, 
besonders  Wilhelm  Engelhardt,  Karl  Reinwald  und  Friedrich 
Vollmer. 

Den  unvergeßlichen  Freund  Traube  nannte  ich  nicht.  Er  wollte 
keinen  öffentlichen  Dank  und  ich  könnte  auch  nicht  in  Worten  die 
Dankesgefühle  zum  Ausdruck  bringen,  die  ich  für  ihn  hege.  Er  erst 
lehrte  mich  die  Eigenart  der  exakten  wissenschaftlichen  Forschung. 
Durch  ihn  erst  wurde  mir  klar,  daß  ihren  Wert  nicht  das  Gebiet  be- 
stimmt, dem  sie  sich  zuwendet,  sondern  der  Geist,  in  dem  sie  durch- 


Vorwort.  IX 

geführt  wird.  Unter  seiner  Leitung  erkannte  ich,  daß  jene  Pfade, 
wenn  sie  auch  oft  weit  weg  von  der  klassischen  Höhe  in  einsam 
gelegene  Täler  führen,  doch  als  Vermittler  der  Antike  große  Bedeutung 
haben.  Auf  seinen  Wunsch  übernahm  ich  diese  Arbeit.  Noch  in 
den  letzten  schweren  Wochen  vor  seinem  Tode  unterzog  er  sie  einer 
eingehenden  Durchsicht.  Das  Manuskript  mit  den  Bemerkungen  von 
seiner  Hand  ist  mir  eine  wertvolle  Reliquie,  der  Ausdruck  seiner 
Zufriedenheit  ein  beglückendes  Vermächtnis. 

Nentschau,  den  16.  August  1908. 

Karl  Neff. 


Einleitung. 


Geschichte  der  Forschung. 

Die  umfangreiche  Literatur  zu  Paulus  Diaconus  findet  sich  bei 
Wattenbach,  Deutschlands  Geschichtsquellen  im  Mittelalter,  7.  Aufl.  I, 
177 — 186  und  bei  Cipolla,  Note  bibliografiche  circa  Todierna  condizione 
degli  studi  critici  sul  testo  delle  opere  di  Paolo  Diacono,  Venezia  1901, 
verzeichnet.  Hier  sollen  nur  die  Haupterscheinungen  mit  wenigen 
Worten  gewürdigt  werden,  damit  man  einen  Einblick  in  den  Ent- 
wicklungsgang der  Forschung  bekommt  und  das  Verhältnis  dieser 
neuen  Ausgabe  der  Gedichte  zu  den  früheren  Arbeiten  richtig  be- 
urteilen kann. 

Der  große  Benediktiner  J.  B.  Mab i Hon  machte  sich  besonders 
dadurch  verdient,  daß  er  die  Berichte  des  Chronisten  von  Salerno 
(SS.  III  467  ff.)  und  der  übrigen  süditalienischen  Quellen  auf  ihren 
Wert  prüfte  und  eine  sichere  historische  Grundlage  schuf.  (Analecta 
vetera,  L  Ausg.  Paris  1675 — 1685,  2.  Ausg.  1703;  Annales  ordinis 
S.  Benedicti,  vol.  II  1703.) 

Mabillons  Untersuchungen  wurden  erweitert  und  bestätigt  durch 
den  Abbe  Jean  Lebeuf  (Dissertations  sur  l'histoire  ecclesiastique 
et  civile  de  Paris,  vol.  I,  Paris  1739),  der  zum  erstenmal  die  meisten 
Gedichte  und  Briefe  aus  dem  Parisinus  lat.  528  veröffentlichte  und 
dadurch  über  die  Lebensverhältnisse  des  Paulus  mehr  Klarheit  ver- 
breitete. 

Wenn  auch  nachher  die  Forschung  nicht  stillstand,  so  wurden 
doch  erst  durch  Ludwig  Bethmann  neue  wichtige  Resultate  zutage 
gefördert.  Im  Jahre  1851  erschien  seine  Abhandlung:  Paulus  Diaconus' 
Leben  und  Schriften  (Archiv  der  Gesellschaft  f.  alt.  deutsche  Geschichtsk. 


XII  Einleitung. 

X  247 — 334).  Hier  ist  mit  staunenswerter  Gründlichkeit  und  Sach- 
kenntnis das  handschrifthche  Material  verwertet  und  eine  Arbeit  ge- 
schaffen worden,  die  heute  noch  in  vielen  Punkten  als  grundle.^end 
zu  bezeichnen  ist. 

Durch  Bethmann  angeregt,  veröffentlichte  Felix  Dahn  seine 
Schrift:  Paulus  Diaconus  (Leipzig  1876).  Er  gelangte,  wie  er  selbst 
in  seiner  Vorrede  sagt,  in  sehr  vielen  Einzelheiten  der  Lebensverhält- 
nisse zu  anderen  Ergebnissen,  häufig  zur  bloßen  Negation  der  An- 
nahmen Bethmanns.  Allein  viele  seiner  Gründe  sind  nicht  überzeugend. 
Dies  bewies  G.  Waitz,  der  die  Verteidigung  Bethmanns  übernahm 
(Göttinger  gel.  Anzeigen  1876  S.  1513  ff.)  und  wegen  seiner  Ver- 
trautheit mit  diesem  Gebiet  (vgl.  seine  Vorrede  zur  Historia  Lango- 
bardorum  des  Paulus)  am  meisten  dazu  berufen  schien.  Auch  meine 
Untersuchung  zeigt,  daß  Dahn  die  handschriftliche  Oberlieferung  zu 
wenig  beachtete  und  deshalb  bei  der  Herstellung  des  Textes  und  der 
Entscheidung  der  Autorfrage  nicht  immer  das  Richtige  traf.  Dabei 
darf  aber  nicht  verkannt  werden,  daß  seine  Schrift  reich  ist  an  wert- 
vollen,  die  Lebensverhältnisse   des  Paulus  klärenden  Bemerkungen. 

Auf  allen  diesen  Vorarbeiten  baute  Ernst  Dümmler  im  Jahre 
1881  seine  Ausgabe  der  Carmina  Pauli  et  Petri  Diaconorum  auf 
(Mon.  Germ.  Poet.  lat.  aevi  Carol.  I  27—86  und  625—628).  Nach 
Prüfung  des  ganzen  damals  bekannten  handschriftlichen  Materials  (Neues 
Archiv  der  Gesellschaft  f.  alt.  deutsche  Geschichtsk.  IV  102 — 112)  stellte 
er  einen  möglichst  korrekten  Text  her  und  gab  die  Gedichte  in  der 
Reihenfolge  heraus,  in  der  sie  nach  seiner  Anschauung  entstanden 
waren.  Dadurch  erleichterte  und  beförderte  er  zugleich  die  weiteren 
Untersuchungen. 

Darunter  sind  besonders  zu  erwähnen:  Die  wichtigen  Beob- 
achtungen über  das  Leben  des  Paulus  von  A.  Hauck  (Kirchen- 
geschichte Deutschlands,  2.  Aufl.  Leipzig  1900,  besonders  S.  158  ff.), 
die  größtenteils  mit  meinen  eigenen,  unabhängig  gemachten  überein- 
stimmen; die  Aufschlüsse  Wilhelm  Meyers  aus  Speyer  über  die 
rhythmischen  Gedichte  des  Paulus  (jetzt  in  den  Gesammelten  Ab- 
handlungen zur  mittellateinischen  Rhythmik,  2  Bände,  Berlin  1905); 
die  kritischen  und  historischen  Beiträge  von  L.Traube  (Neues  Archiv 
XVI 199,  XVII  397,  XX  256  und  Textgeschichte  der  Regula  S.  Benedict! 
in  den  Abhandlungen  der  bayr.  Akademie  III.  Kl.  XXI.  Bd.  III.  Abt., 
München  1898). 


Die  handschriftliche  Überlieferung.  XIII 


Die  handschriftliche  Oberlieferung. 

1. 
Übersicht  über  die  Abkürzungen. 

Die  gesperrt  gedruckten  Handschriften  enthalten  eine  größere 
Anzahl  von  Gedichten.  Da  ich  die  von  mir  verwendeten  photo- 
graphischen Wiedergaben  Friedrich  Vollmer  zu  weiterer  Verwertung 
überließ,  so  kann  jeder,  der  hier  neue  Studien  machen  will,  mühe- 
und  kostenlos  sich  einen  genauen  Einblick  in  die  paulinische  Über- 
lieferung verschaffen.  Die  mit  einem  Stern  bezeichneten  Handschriften 
enthalten  Gedichte,   die  nicht  Paulus  Diaconus  zum  Verfasser  haben. 

A  =  Madrid  A.  16.  fol.  mai  saec.  XII. 

B  =  Oxford  Bodl.  Add.  C  144  saec.  XI. 

C  =  Rom  Vat.  lat.  5001  saec.  XIII.— XIV. 

D  =  Berlin  Diez.  B  66  saec.  VIII.  ex. 

E  ==  Paris  lat.  4841  saec.  IX.* 

F  =  Paris  lat.  2832  saec.  IX.  med. 

G  =  St.  Gallen  899  saec.  X.  und  dazu  gehörend  Rom  Reg.  421. 

H  =  London  Harl.  3685  saec.  XV. 

I   =St.  Gallen  573  saec.  X. 

L  =  Leipzig  Rep.  I  74  saec.  IX. 

M=  Montecassino  175  saec.  XI.  ex.* 

N  =  Paris  lat.  9428  saec.  IX.  in.* 

p  =  Paris  lat.  528  saec.  IX.  ex. 

Q  =  Paris  lat.  7530  saec.  VIII.  ex. 

R  =  Rom  Palat.  lat.  1753  saec.  X.* 

S  =  Paris  lat.  5294  saec.  XI. 

U  =  Rom  Urb.  lat.  533  saec.  XIV. 

V  =  St.  Gallen  184  saec.  XL* 

2. 
Inhalt  der  wichtigsten  Handschriften. 

Die  zu  Paulus  Diaconus  in  Beziehung  stehenden  und  hier  be- 
handelten Stücke  sind  gesperrt  gedruckt.  Die  in  Klammern  gesetzte 
römische  Zahl  bezieht  sich  auf  meine  Ausgabe. 

Berlin  Diez.  B.  66  (=  D),  aus  dem  Ende  des  8.  Jahrhunderts, 
beschrieben  von  Bethmann  (Archiv  VIII  854),  Keü  (Gramm.  Lat.  IV 


XIV  Einleitung. 

p.  XXXII)  und  Dümmler  (Zeitschr.  f.  deutsch.  Altert.  XVII  144,  Neues 
Archiv  IV  108). 

Den  Hauptinhalt  bilden  grammatische  Schriften,     p.  124  Con- 
lectiones  uocum  inconditarum  quibus  exprimitur  animi  affectus,  p.  125 
bis  126   Gedichte,  herausgegeben  von  Riese,   Anthol.  lat.  186 — 188 
(vgl.  L  Müller,  Rhein.  Mus.  XXV  455);   p.  126  Nemo   diu  gaudet 
quod  iniquo  iudice  unincit  und  Cum  sacra  donatus  celebrans  diuina 
sacerdos;    p.  127 — 128    Omnes    gentes    quas    fecisti    (Poet.  I  116); 
p.  217  Albanische  Königstafel:  Picus  regnauit  primus  in  Italia;  p.  218 
bis  219   ein  Bücherkatalog:   Werke  von  Lukan,   Statius,    Terentius, 
Jüvenal,  Tibull,  Horaz,  Martial,  Cicero,  Sallust( Haupt,  Hermes  3, 221) 
p.220CarminamittoPetrofXY"^/^;;  p.  220— 221  Alius  versus 
Rex   Carulus    Petro  (XL);    p.  221    lam    puto    nervosis    (XX) 
p.  221 — 222  Versus   Fiduciae    ad  Angelramnum    praesulem 
Carmina  ferte  mea  (Anh.  IVj);    p.  222   Alius  versus:    Credere 
s.  vellis  (Anh.  IVll);  p.  223  Incipit  centimetrum  Servii;  p.  277 — 278 
Columbanus  fidolio  fratri;  p.  279  Heia  uiri  nostrum  reboans  (ed.Peiper, 
Rhein.  Mus.  N.  F.  XXXII  p.  523). 

St.  Gallen  573  (= /),  aus  dem  10.  Jahrhundert,  beschrieben 
von  G.  Scherrer  (Verzeichnis  der  Handschriften  der  Stiftsbibliothek 
p.  185—187). 

p.  2 — 166  Inc.  opus  Paulini  Petricordiae  de  vita  s.  Martini  ep. 
versibus;  p.  166 — 172  Prologus  cum  versibus  Paulini  de  visitatione 
nepotuli  —  et  eiusdem  de  orantibus;  p.  173 — 276  Venantii  Fortunati 
Vita  S.  Martini  metrica  libri  IV  (MG.  Auct.  IV  ed.  Leo);  p.  276—293 
Ven.  Fortunati  Carmen;  p.  294 — 319  Visio  Wettini  (Prosaerzählung 
des  Haito);  p.  320 — 367  Visio  Wettini  metrice  (cum  prologo  pro- 
saico  ad  Grimoltum  capellanum)  auct.  Walafrido;  p.  367 — 370  Visio 
mulieris  pauperculae  de  rege  Ludovico;  p.  370 — 398  Visio  Barontis, 
monachi  Longoret.  apud  Bituric.  deinde  eremitae  Pistoriens.;  p.  398 
bis  405  Inter  florigeras  fecundi  cespitis  herbas  etc.  Am  Ende  von 
anderer  Hand:  Expliciunt  versus  Bedae  b.  de  die  iudicii;  p.  406 — 407 
Acrostichon  in  Lotharium  imp.;  p.  408 — 466  Vita  s.  Leodegarii 
metrica  libri  II;  p.  466  Item  in  basilica  sanctae  Mariae:  O  una 
ante  omnes  felix  pulcherrima  virgo  (Vii);  p.  466 — 467  Item 
versus  super  crucem  (Viii);  p.  467 — 469  Item  alfabetum  de  bonis 
sacerdotibus  prosa  conpositum:  Ad  perennis  vite  fontem  (Poet.  179); 
p.  470 — 474  Item  alfabetum  de  malis  sacerdotibus:  Aquarum  meis 
quis  det  (Poet.  181);  p.  474 — 475  Disticon  in  foribus:  Dulcis  amice 
veni  pacem  (Poet.  I  65);  p.  475  Coniurationes  convivarum  pro 


Die  handschriftliche  Überlieferung.  XV 

potu:  Dulcis  amice  bibe  gratanter  (Anh.  VII);  p.  476  Ante 
fores  basilicae:  Haec  domus  est  domini  (IViii). 

St.  Gallen  899  (=  G),  aus  dem  9.  oder  10.  Jahrhundert;  be- 
schrieben von  Dümmler  in  den  Mitteilungen  der  antiquarischen  Ge- 
sellschaft in  Zürich  XII  p.  V,  vgl.  Sitzungsber.  der  phil.hist.  Klasse  der 
Wiener  Akad.  XLIII 67,  Neues  Archiv  IV 107,  276.  Die  fehlenden  Stücke 
stehen  in  Rom  Reg.  421  f.  16—20,  27—28  (vgl.  Bethmann  Archiv 
XII  279  und  Zeitschr.  f.  deutsch.  Altert.  XX  213).  Der  Sammelband  der 
Bibliothek  zu  Fulda  C  1 1  fol.  chart.  s.  XV.  (Zeitschr.  f.  deutsch.  Altert. 
XIV  496;  XV  452)  ist  nur  eine  Abschrift  der  St.  Galler,  als  sie  sich 
noch  in  unverstümmeltem  Zustand  befand. 

Der  Inhalt  der  von  mir  noch  einmal  untersuchten  Handschrift 
weist  auf  nahe  Verwandtschaft  mit  L  e  i  p  z  i  g  R  e  p.  1, 74  hin.  Die  Haupt- 
stücke  sind:  p.  2  Incipit  epistola  Symmachi  ad  Ausonium  (Symmachi 
epist.  I  14  ed.  Parei);  p.  3  Incipit  de  Pythagoricis  diffinitionibus; 
p.  4  Incipit  de  aetatibus  animantibus  hesidion;  p.  5 — 6  Incipiunt 
versus  in  laude  Larii  laci:  Ordiar  unde  tuas  (I);  p.  6 — 7 
Fabulae  vitulo  et  ciconia:  Quaerebat  merens  matrem 
(Anh.  VIii);  Fabula  podagrae  et  pulicis:  Temporibus  priscis 
(Anh.  Villi);  p.  7  Quid  fatis  liceat  (De  Rossi,  inscr.  urb.  Rom.  II p.  112; 
285);  p.  7 — 8  Pauli  (Diaconi  von  späterer  Hand)  contra  Petrum 
(Diaconum  von  späterer  Hand):  lam  puto  neruosi  religata 
(XX);  p.  8  Petri  (Diaconi  von  späterer  Hand):  Paule  sub  um- 
broso  (XXI),  nur  bis  V.  15;  p.  11  folgt  mit  Csirceris  aut  seuo  der 
Schluß  (v.  16 — 25);  p.  9—10  Cumque  ante  ora  ducum  v.  40 — 68 
=  Schluß  der  Fabel  Aegrum  fama  fuit  (Anh.  VI i),  deren  Anfang, 
V.  1—40,  in  Rom  Reg.  421  f.  28— 28^  steht;  p.  11  De  iuvene  qui 
aprum  occidit  et  ipse  a  serpente  percussus  est:  Anguis  aper  iuvenis 
(Riese,  Anth.  160) ;  De  Narcisso :  Dum  putat  esse  parem  (Riese,  Anth.  39) ; 
Item  versus  Martialis  Damma  (Marl.  ed.  Schneidewin  XIII  9);  Ne 
vinum  inmoderate  bibatur:  Qui  cupis  esse  bonus  von  Eugenius  Tole- 
tanus  (ed.  Vollmer,  MQ.  Auct.  ant.  XIV  236);  p.  12  Ad  ebrium: 
Die  mihi  die  ebrie;  De  vino:  Magnus  tu  bacche;  Epitafion  Bailiste 
Latronii:  Monte  sub  hoc;  De  eulice:  Parva  culix  (Donatus  §  29j;  De 
calicae  fracto:  Abietine  calix;  p.  12 — 13  Item  versus  in  tribunali: 
Multicolor  qualispecie  (Vi);  p.  13 — 15  Versus  Pauli  Diaconi:  Sic 
ego  suscepi  {XXII);  p.  15 — 17  Petri  (Diaconi  von  späterer  Hand): 
Lumine  purpureo  (XVII);  p.  17  Rustice  lustrivage  capripes  (Riese, 
Anth.  682);  Si  memini  fuerant  .  .  am  /?a/zöJ  Martial  (1 19);  p.  17 — 18 
Cinthius  oeciduas  rapidis  .  .  Pauli  Diaconi  LR.  (XVIII);  p.  18 


XVI  Einleitung. 

beginnt  das  Epitaphium  Hlotharii:  Hoc  saltus  \nv\x\(\\  (Anh.  I) 
V.  1 — 4,  das  übrige  in  der  Vatikanischen  Handschrift  f.  27 — 27^; 
p.  19 — 21  enthalten  Verse  von  Prospers  Poema  coniugis  ad  uxorem 
(v.  65 — 122);  p.  45  Ovidii  Nasonis  versus:  Ut  belli  sonuere,  Sus 
iuvenis  serpens  (Riese,  Anth.  160)\  Monastica  de  aerumnis  Herculis; 
p.  57  Epita(/)ion  Geroldi  comitis  (Poet.  1 114)\  p.  57 — 58  E^WdLrpion 
Constantii  (Poet.  I78)\  p.  59  Erklärung  lateinischer  und  griechischer 
Wörter;  p.  86  Karolus  gratia  dei  rex  (Brief  Alkvins  MG.  Epp.  IV  228); 
p.  117  Versus  de  cuculo  bis  v.  38  (Ale.  Poet.  1269);  p.  120  Versus 
Theotolfi  episcopi:  Gloria  laus  et  honor  tibi  sit,  rex  Christe,  redemptor 
bis  V.  12  (Poet.  1558);  p.  120  bis  123  Versus  eiusdem  (Poet.  1577); 
p.  123  Albinus  precibus  postulet  (Poet.  1579);  Rumpitur  invidia  (Marl. 
IX 97);  p.  124  lonae  episcopi:  En  adest  Caesar  (Theodulf  Poet.  1 529); 
p.  126  Ad  Hludovicum  regem:  Rex  pie  (Poet.  II 410);  p.  127—129  In 
adventu  Karoli  filii  Augustorum:  Ecce  votis  (Poet.  II 406);  In  adventu 
Hlotharii  imperatoris:  Innovatur  nostra  laetos  (Poet.  II 405);  p.  144 
Postquam  primo  homini  (Wal.  Strabi  carm.  Poet.  II 392). 

Leipzig  Rep.  I,  74  (=1),  ein  Miszellanband  der  Stadtbibliothek, 
von  Naumann  (Catalogus  libr.  manuscr.  bibl.  Ups.  p.  16)  und  aus- 
führlicher von  M.  Haupt  (Berichte  der  kgl.  sächsischen  Gesellsch. 
d.W.  phil.  hist.  Klasse  1850  p.  1 — 14  und  in  seinen  Opuscula  I  p.  286 
bis  300)  beschrieben,  wurde  mit  Unrecht  von  Naumann  dem  12.  und 
Dümmler  dem  10.  Jahrhundert  zugewiesen.  Die  Handschrift  stammt 
aus  dem  9.  Jahrhundert. 

f.  13^  Terra  marique  victor  honorande  zur  Begrüßung  Ludwigs 
des  Erommen  and  seiner  Gemahlin  Emengard  (Poet.  1 578  Appendix 
zu  Theodulf);  f.  14 — 15  versus  in  laude  solis  (Riese,  Anth.  389); 
f.  15^ — 24  Questiones  enigmatum  rethoricae  aprtis  (=  artis):  Wil- 
helm Meyer,  Gesammelte  Abhandlungen  zur  mittellateinischen 
Rhythmik  II p,  161  ff.;  f.  24  Item  de  uino:  Pulchrior  me  nullus 
(XVI);  Incipiunt  versus  Sybillae:  ludicio  tellus  sudabit;  f.  25  De 
iuvene  qui  aprum  occidit  et  ipse  a  serpente  pe<r>cussus  est:  Anguis 
aper  iuvenis  (Riese,  Anth.  160);  De  Narcisso:  Dum  putat  esse 
parem  (Riese,  Anth.  39);  f.  25 — 27^  folgen  15  Gedichte  Martials: 
f.  25  Item  versus  Martialis  damma;  De  quadam  vetula;  f.  25^  De 
Galla  puella;  Ad  Levinum;  De  eo  cuius  domus  arsit;  Ad  PolHonem; 
De  Candido  qui  uxorem  adulteram  habebat;  f.  26  De  Andragora  ad 
Faustinum;  De  Fannio;  Ad  Cottam;  Ad  Claudiam  puellam  longam; 
Ad  Crispum;  f.  26^  Ad  Gallam;  Ad  Flaccum;  Ad  eum  cum  quo  cenabat; 
f.  27  Ne  vinum  immoderate  bibatur:  Qui  cupis  esse  bonus  von  Eugen. 


Die  handschriftliche  Überlieferung.  XVII 

Tolet.  (MG.  Aiict.  XIV236);  Epitafion  Ballistae  latronis:  Monte  sub 
hoc;  De  culice:  Parva  culix  (Donatas  §29);  De  calice  fracto:  Abietine 
calix;  f.  27^ — 28^  Item  ex  libro  Ovidii  Nasonis  de  somno,  quod  viderat: 
Nox  erat  et  somnus  (Ovid,  Am.  3,  5);  f.  28^ — 31^  Idem  eiusdem  ex 
libro  metamorphoseon.  Actaeon  in  cervum:  lam  stabant  Thebae  (Ovid. 
Met.  3,  131 — 252)  \  f.  31^ — 35^  Gedichte  von  Eugen.  Tötet,  und  Prosper 
Aquitanus;  f.  35^ — 36  Hos  versus  Paulus  Diaconus  conposuit 
in  laude  Larii  laci:  Ordiar  unde  tuos  (I);  f.  36 — 36^  Epitafion 
Sophie  neptis:  Roseida  de  lacrimis  (X);  f.  36^ — 37  Super 
sepulcrum  domne  Anse:  Lactea  splendifico  (/Xj;  f.  37 — 37^ 
Item  versus  in  tribunali  (am  Rand  tironische  Noten,  die  nach 
Angabe  von  Rueß  nur  die  Überschrift  wiederholen):  Multicolor 
quali  specie  (Vl)\  f.  37^  Item  in  basilica  sanctae  Mariae: 
O  una  ante  omnes  (Vll)\  Item  versus  super  crucem  (ViiiJ;  f.  37^ 
—38  Christe  deus  mundi  (Poet.  I  78);  f.  38^—62  Incipit  psycho- 
machia  des  Prudentius;  f.  62^ — 63^  folgen  Gedichte  von  Alcvin 
f.  62^  Dulcis  amice  vale  (Poet.  I  251);  f.  63  Ductus  amore  tuo  (1 334) 
Munera  muneribus;  Nee  tu  quippe  (1 252);  f.  63^  Nix  ruit  e  caelo 
Tu  mihi  dulcis  amor,  davon  nur  v.  1 — 3  (1 253). 

London,  Britisches  Museum  Harleianus  3685  (=  H),  im 
fünfzehnten  Jahrhundert  von  einem  ungebildeten  Schreiber,  dem  eine 
schlecht  lesbare,  angelsächsische  Handschrift  vorlag  (Traube,  Karo- 
lingische Dichtungen),  fehlerhaft  geschrieben.  Den  Inhalt  gab  Dümmler 
an  in  der  Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  XXI,  84  A.  1  und  Neues 
Archiv  IV  108—109. 

Hauptstücke:  f.  1  Anguste  vite  fugiunt  consorcia  musae 
(VIII);  f.  1 — 1^  Aemula  romuleis  consurgunt  menia  templis  (IVi) 
IV  Ad  abbatem:  Sit  tibi  sancta  phalanx  (Poet.  1 83);  f.  1^—2  Ad 
Moulinum  de  Dagulfo:  Aspicis  eximia  rutilantem-  luce  muolume 
(Poet.  192);  f.  2— 2^  De  peste:  Ausimus  altifluam  Petri  Pauli- 
que  salutem  (Anh.  XI);  f.  2^  Sanctorum  meritis  claro  semperque 
beato  (Eugen.  Tolet.  MG.  Auct.  XIV  268);  f.  2^— 3^  Hoc  satus  in 
viridi  servatur  flosculus  aruo  (Anh.  I);  f.  3^  — 5^  folgen  Epi- 
gramme und  Epitaphien  (vgl.  De  Rossi,  Inscript.  urb.  Rom.  II,  1 
p.  121);  f.  5^ — 6  Epitaphion:  Roseida  de  lacrimis  miserorum 
terra  parentum  (X);  f.  6  Verba  tui  famuli,  rex  summe,  attende 
serenus  (XI);  f.  6^  De  sex  operibus  dei:  Primus  in  orbe  dies  (Eugen. 
Tolet. MG. Auct. XIV 67);  i.l — 11^  Incipit  praefatio  tocius  libri  Smaragdi 
grammatici:  Hunc  operis  nostri  modicum  percurre  libellum  (Poet. 1607); 
f.  11^  Dum  primus  pulchro  fuerat  {Ale.  Poet.  1 288);  f.  26^—29^  Hoc, 

II 


XVIII  Einleitung. 

Modoine,  tibi  Teudulfus  dirigit  exul  (Poet.  1  563 ff.)  \  f.  30^  Eiusdem 
ad  Luduicum  valedictio:  Qui  regit  arva,  polum  (Poet.  1 531);  Carmen 
Nigellii  Ermoldi  exulis  in  laudem  gloriosissimi  Pippini  regis:  Perge, 
Thalia,  placet  (Poet.  II  79);  f.  33  Ad  eundem  Pippinum:  Sunt  mihi 
praeterea  (Poet.  II  85);  f.  66  Liber  de  iudicibus  exametris  versibus 
compositus  incipit:  ludicii  callem  censores  (Theod.  Poet.  I  493);  f.  47  ^ 
Postquam  primus  homo  paradisi  liquerat  hortos  (Ale.  Poet.  1 229); 
f.  50^ — 51^  Carior  in  cunctis  mihimet  qui  constat  alumnis  (Theod. 
carm.  appendix  Poet.  1 579);  f.  53^ — 54  ^  Lege  tonantis  eri  retegit  qua 
crimina  lator  (Theod.  Poet.  I  517);  f.  55 — 92  Elegia  Hermoldi:  In 
honorem  Hludowici  (Poet.  II 5). 

Madrid  A.  16  fol.  mai.  (=  ^),  im  12.  Jahrhundert  geschrieben, 
stammt  aus  Montecassino.  Der  Inhalt  ist  ausführlich  angegeben  Archiv 
VIII  769. 

Nach  Werken  Bedas  folgen  Gedichte  chronologischen  Inhalts: 
Item  de  anno  solari:  Annus  solis  continetur  quattuor  temporibus; 
Versus  de  sexta  aetate  huius  seculi:  Prima  sexcentum  annis;  f.  52^ 
Item  versus  Pauli  Diaconi  de  annis  a  principio:  A  principio 
saeculorum  (II);  Item  versus  de  annis  a  principio:  Deus  a 
quo  facta  fuit  (Zeitschr.  f.  deutsch.  Altert,  XXII  426);  f.  55  Arati 
liber  de  astronomia;  f.  75  Ordo  computus;  f.  87  Galieni  expositio 
pro  infirmis;  de  humanae  vitae  cautela;  Spera  Pitagore  quam  Apuleius 
descripsit;  de  quattuor  ventis,  angulis  celi  et  temporibus;  f.  89  De 
natura  corporis  humani;  Ypocratis  ep.  de  flebotomia;  Ypocratis  dicta 
de  anni  circulo;  f.  93  ex  libro  Solini;  f.  99  Scarpsum  ex  cronica 
Origenis;  f.  101  De  gentibus  ex  Ysidoro;  f.  102  De  lapidibus  ex  libro 
eiusdem;  Beda  de  naturis  rerum;  f.  160  Epistola  Karoli  ad  Albinum 
de  septuag.  sexag.  quinquag.  et  quadrag.:  Karolus  gratia  dei  (MG. 
Epp.  IV  228);  f.  163^  Gedicht  über  Superbia  et  humilitas:  Non 
mihi  Sit  ductrix;  de  pace  et  concordia:  Pax  veneranda  mecum;  de 
castitate  et  libidine;  f.  165  Sententiae  Septem  sapientum;  f.  166 
Epitaphium  Alchuini:  Huc  rogo  (Poet.  I  350);  f.  171  Ex  libro  XI 
Plinii:  Miror  quidem  Aristotelem;  aus  Paulus  Diaconus:  In  Italia 
sicut  d.  a.  circa  diem  natalis  domini  in  humbra  —  meridiem 
videntur;  (Hist.  Lang.  I  cap.  5);  f.  189  Scarpsum  ex  libro  Josephi: 
Boves  mugiunt  —  vas  in  aqua  bilbit;  f.  190  Item  de  provinciis 
Italie  aus  Paulus  Diaconus  (SS.  rer.  Langob.  p.  188);  f.  190  Con- 
stantins  Schenkung;  f.  193  Africanus  ad  Aristidem  de  genealogia 
Christi:  Ut  autem  clarius  fiat;  f.  195  Incipit  liber  Junioris  philosophi, 
in  quo  continetur  totius  mundi  descriptio:  Post  omnes  ammonitiones. 


Die  handschriftliche  Überlieferung.  XIX 

Daran  schließen  sich  noch  Schriften  geographischen,  ethnographischen 
und  naturwissenschaftlichen  Inhalts. 

Oxford,  Bodleian  Library  28  188  =  Add.  C  144  {=  B) 
aus  dem  11.  Jahrhundert,  beschrieben  von  Madan,  Summary  Catalogue 
of  Western  Manuscripts  in  the  Bodleian  Library  at  Oxford,  Vol.  V 
p.  419;  H.  Schenkl,  Bibliotheca  patrum  latinorum  Britannica  II,  Sitzungs- 
berichte der  Wiener  Akademie  phil.hist.  Kl.  CXXIII  Jahrg.  1890. 

f.  1  De  pronomine  .  pronomen  est  pars  orationis  (Donati  gramm.; 
Keil  IV  379,  22)  \  f.  33  De  barbarismo  .  barbarismus  est  una  pars 
orationis  (Keil  392,  5)  \  f.  34  De  soloecismo  .  soloecismus  est  Vitium 
(Keil  393,  6)\  f.  35^  De  syllabis  apud  grammaticos  .  Syllaba  grece 
latine  conceptio  siue  complexio  dicitur.  nam  syllaba  dicta  (Keil 
423,  11)\  De  syllabis  tractatus  Bedae.  Syllaba  est  comprehensio 
litterarum  uel  unius  uocalis  (KeilVII,  229,  II) \  f.  37^  De  tropis  Bedae. 
Tropus  est  dictio  translata  (Keil  611,  19);  f.  39^  Incipit  de  meta- 
plasmis.  Metaplasmus  est  transformatio  quaedam  (Keil  IV  395,  28) ; 
f.  40  Mauri  Serui  grammatici  de  centum  metris  (Keil  IV  456);  f.  46^ 
Ein  kurzes  Glossar;  f.  47  Incipit  de  littera.  diximus  enim,  quod  bene 
fecit  donatus  (Pompei  commentum  artis  Donati  Keil  V  98,  6);  f.  55 
de  pedibus.  Pedes  omnes  uiginti  et  quattuor  (Keil  V 120,  21);*f.  5S 
Item  versus  Pauli  Diaconi:  Candidum  lumbifido  proscissum 
vomere  campum  {XIX);  f.  58^  versus  Paulini:  Hausimus  alti- 
fluo;  Perge,  libelle  (Anh.  VIII,  IX,  vgl.  auch  die  beigegebene 
Tafel);  Sinonima  Ciceronis:  orator,  actor;  f.  63^  Incipit  de  officiis 
grammaticae  artis:  Nam  in  loco;  f.  66 ^  Quis  primus  phylosophy 
nomine  nuncupatus  est?;  f.  68^  ludicii  Signum  (vgl.  Aug.  de  civ.  Dei 
41,  579;  auch  Beda  90,  1182);  f.  89  Sententiae  quorundam  philo- 
sophorum:  Amicuitanis  cferas  (!)  facias  necesse  tua  (cfr.  Meyer,  Publilii 
Syri  sententiae  p.  12);  f.  70  Versus  Siluii;  Spes  ratio  uia  uita  (Riese 
Anthol.  lat.  689a).  Den  Schluß  bilden  Glossen  und  grammatika- 
lische Stücke. 

Paris  lat.  528  (=  P),  aus  dem  9.  Jahrhundert.  Die  Haupt- 
stücke des  Inhalts,  den  der  Abbe  Lebeuf  zuerst  veröffentlichte,  führen 
Bethmann  (Archiv  X  247)  und  Dümmler  (Neues  Archiv  IV  104)  an. 
Diese  Handschrift  hat  für  die  OberHeferung  der  Gedichte  des  Paulus 
Diaconus  die  größte  Bedeutung. 

Nach  theologischen  und  rhetorischen  Werken  und  Hymnen 
beginnt  f.  121  ein  neuer  Quaternio  von  feinerem  Pergament  und 
von  derselben,  wenn  auch  etwas  kleineren  Schrift,  f.  120 — 121^ 
Exhortatio  Eugenii  Toletanae  sedis  episcopi:  Rex  deus  (MG.  Auct.  XIV 


XX  Einleitung. 

232);  f.  121^  Brief  formet  (Neues  Archiv  IV  104)-,  f.  122— 122^  Zwei 
Epitaphien,  die  am  Hofe  Karls  bei  Abfassung  anderer  zum  Vorbild 
dienten:  Epitaphium  Constantis:  Hie  decus  Italiae  (Poet.  I  78) 
und  Epitaphium  Toctronis:  Clauditur  hoc  tumulo  (Pauli  Hist. 
Lang.  III  €.19);  f.  123 — 123^  Item  versus  Petri  grammatici: 
Nos  dicamus  Christo  (XII);  f.  123^— 124  Versus  Pauli:  Sensi 
cuius  (XIII);  f.  124—125  Item  versus  Petri  ad  Paulum:  Lu- 
mine  purpureo  (XVII);  f.  125 — 125^  Versus  Pauli  ad  Petrum: 
Candido  lumbifido  (XIX);  f.  125^—126  Item  versus  Pauli 
missi  ad  regem:  Cynthius  occiduas  (9^V7//^;  f.  126 — 126^  Item 
versus  Pauli  ad  regem  precando:  Verba  tui  famuli  (XI); 
f.  126^ — 127  Epitaphium  Sophiae  neptis:  Roseida  de  lacri- 
mis  (X);  f.  127 — 128^  Incipit  epistola:  Amabillimo  mit  drei 
Hexametern  am  Schlüsse  (Paulus  Diaconus  an  Theudemar  XIV); 
f.  128^ — 129  Versus  de  episcopis  sive  sacerdotibus:  Ad  perennis 
(Poet.  I  79);  f.  129 — 130  De  malis  sacerdotibus:  Aquarum  meis  quis 
det  (Poet.  1 81);  f.  130— 131^  Versus  in  laude  sancti  Benedicti: 
Ordiarundetuos  (VI);  f.  132 — 133  Cartula  perge  cito  (Alcvin  Poet. 
1220);  f.  133— 133^  Versus  Petri  in  laude  regis:  Culmina  si 
regum  (XXXVIII);  f.  134 — 135  Sententiae  septem  philosophorum: 
Periander  Corinthius;  im  Anschluß  daran  eine  kleine  griechische 
Grammatik  (XII) ,  dann  grammatische  Bemerkungen  über  die  Kom- 
paration, Aufzählung  von  homonima:  species  acies  aries;  von  Syno- 
nima:  terra  humus;  f.  135^  Epitaphium  Chlodarii  pueri  regis: 
Hoc  satus  in  viridi  (Anh.  I);  f.  135^ — 136  Item  versus  metrici: 
Paule  subumbroso  (XXI);  f.  136  Epistola:  lUe  Christi  fretus  auxilio 
rex:  Cum  in  adquirendis  fidelium  (MQ.  Epp.  IV  532).  Den  Abschluß 
des  Quaternio  bildet  Grammatisches.  Dann  folgt  von  einer  anderen 
Hand  geschrieben  eine  Vita  Audoeni,  ein  Martyrologium  und  Theo- 
logisches. 


I. 

Loblied  auf  den  Comersee. 

'Wie  soll  ich  Dein  Loblied  beginnen,  wie  Deine  reichen  Gaben 
preisen  (1 — 6)?  Olivenwälder  umsäumen  Deine  von  ewigem  Früh- 
ling beglückten  Gestade  und  in  üppigen  Gärten  leuchten  aus  dem 
Grün  der  Lorbeerbäume  rote  Granatäpfel  hervor.  Myrten,  Pfirsiche 
und  Zitronen  erfüllen  alles  mit  ihrem  lieblichen  Duft  (7 — 16). 

Kein  See  kann  sich  mit  Dir  vergleichen,  nur  das  Galiläische 
Meer,  auf  dem  einst  Jesus  gewandelt  (17 — 22).  Bringst  Du  den 
Schiffern  kein  Verderben,  dann  bleibst  Du  der  Liebling  aller.  Lob 
und  Preis  sei  der  Dreieinigkeit,  die  solche  Wunder  schafft.  Du  aber, 
Leser,  empfiehl  mich  der  Gnade  des  Erlösers  und  mißachte  mein 
Gedicht  nicht  (23—30).' 


Eine  so  begeisterte  Schilderung  konnte  nur  ein  Dichter  ent- 
werfen, der  die  Reize  jener  Gegend  selbst  geschaut  und  gefühlt  hatte. 
Dies  ist  zwar  von  Paulus  nicht  wörtlich  überliefert,  läßt  sich  aber 
mit  Bestimmtheit  aus  seinem  nicht  anzuzweifelnden  Aufenthalt  im 
nahgelegenen  Monza  folgern  (vgl.  Hist.  Lang.  IV  21,  22,  47;  V  6,  38). 
Traube  kommt  in  seiner  Textgeschichte  der  Regula  S.  Benedicti  S.  44 
zu  dem  Resultat,  daß  Paulus  in  dem  nach  der  Tradition  von  Desi- 
derius  gegründeten  Peterskloster  bei  Civate,  nicht  weit  vom  Comer- 
see, sich  aufhielt. 

Dahn  „Paulus  Diaconus"  S.  66,  der  die  Autorschaft  des  Paulus 
bestreitet,  sieht  darin,  daß  die  Schilderung  der  Vegetation,  der  Natur- 
schönheit an  diesen  Ufern  poesievoller  ist  als  in  irgend  einer  der 
unzweifelhaft  echten  Dichtungen,  einen  Beweis  für  die  Unechtheit 
des   Gedichtes.     Allein    die    Stoffe,    die    Paulus    später    behandelte, 

Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4.  1 


2  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

boten  ihm  keine  Gelegenheit  zu  einer  derartigen  lebendigen  Schil- 
derung und  dann  kann  man  doch  auch  aus  deren  Behandlung  er- 
kennen (vgl.  Hist.  Lang.  II  4,  wo  er  die  Pest,  und  IV  37,  wo  er 
den  Verfall  seines  Stammsitzes  schildert),  daß  er  Phantasie  und 
Gewandtheit  in  der  Darstellung  in  hervorragendem  Maße  besaß. 
Außerdem  fällt  dieses  Gedicht  in  eine  Zeit,  wo  er  noch  jugend- 
licher fühlte,  wo  er  in  seiner  angesehenen  Stellung  als  Lehrer  der 
Prinzessin  am  Hofe  glückliche  Tage  verbrachte,  von  denen  er  in 
Gedicht  VIII  v.  1 — 4  andeutungsweise  spricht  (vgl.  auch  Anm.  zu 
XXXVI  V.  18). 

Auch  der  Hinweis  darauf,  daß  Paulus  unmöglich  das  Loblied 
auf  einen  See  mit  den  gleichen  Worten  habe  anfangen  können, 
wie  das  auf  den  heiligen  Benedikt,  beweist  nichts.  Ich  sehe  darin 
nur  eine  Bestätigung  der  Anschauung,  daß  beide  Gedichte  Erstlings- 
werke sind,  und  glaube,  daß  er  in  der  späteren  Zeit,  als  er  infolge 
der  vielfachen  Anregungen  Karls  des  Großen  in  ausgedehnterem 
Maße  dichterisch  tätig  war,  solche  Wiederholungen  vermieden  hätte. 
Man  muß  eben  auch  hier,  was  bei  stilistischen  Untersuchungen  zur 
Bestimmung  der  Autorschaft  eines  Werkes  von  großer  Wichtigkeit  ist, 
in  Betracht  ziehen,  daß  sich  eines  Dichters  Anschauungen  und  Dar- 
stellungsformen im  Lauf  der  Zeit  oft  bedeutend  ändern.  Wer  würde 
den  Dichter  des  Faust  im  Götz  wiedererkennen?  Mir  erscheint  dieser 
gleiche  Anfang  im  Gegensatz  zu  Dahn  als  Beweis  für  die  Autor- 
schaft des  Paulus  und  ich  verweise  dabei  auch  auf  die  Anmerkung 
zu  Gedicht  VI  v.  L 

Das  entscheidende  Wort  spricht  hier  nur  die  Oberlieferung.  In 
der  Leipziger  Handschrift,  die  wegen  ihres  Alters  —  sie  ist  in  das 
neunte  Jahrhundert  zu  verlegen  —  und  ihres  Inhalts  für  die  Über- 
lieferung paulinischer  Gedichte  von  großer  Bedeutung  ist,  trägt 
unser  Gedicht  die  Überschrift,  an  deren  Echtheit  nicht  zu  zweifeln 
ist:  Hos  versus  Paulas  Diaconus  conposait  in  laude  Larii  lad. 
Betrachtet  man  ferner  die  Gedichte,  die  sich  in  dieser  Leipziger 
Handschrift  an  das  unsrige  anschließen,  so  erkennt  man,  wie  die 
späteren  Untersuchungen  zeigen  werden,  daß  wir  hier  eine  Samm- 
lung von  Gedichten  des  Paulus  vor  uns  haben,  die  besonders 
auf  den  langobardischen  Hof  mit  Sicherheit  hinweisen.  In  der 
St.  Galler  Handschrift  899  aus  dem  zehnten  Jahrhundert  ist  zwar  der 
Name  des  Dichters  nicht  mitüberliefert,  das  Gedicht  befindet  sich 
aber  in  einem  Kreis  von  solchen,  die  zweifellos  Paulus  zum  Verfasser 
haben. 


Loblied  auf  den  Comersee.  3 

Sahen  wir  schon,  daß  die  Umgebung,  in  der  das  Gedicht  über- 
liefert ist,  auf  den  langobardischen  Hof  hinweist,  so  ergibt  sich  das 
gleiche  auch  aus  v.  6  Regificis  mensis  manera  magna  vehis. 
Wegen  der  Entfernung  der  Örtlichkeiten  kann  nicht  die  Tafel  Karls, 
sondern  nur  die  eines  langobardischen  Königs  gemeint  sein.  Dem- 
nach ist  die  Abfassungszeit  unseres  Gedichtes  vor  den  Untergang 
des  Reiches,  also  vor  774,  zu  verlegen.  Da  Paulus  sich  jeden- 
falls 763  in  Benevent  befand  (vgl.  Vorbem.  zu  VI),  so  mag  es 
schon  vor  dieser  Zeit  entstanden  sein  und  zwar  am  Hofe  des  Desi- 
derius,  eine  Behauptung,  die  durch  das  Epitaph  auf  Ansa,  die  Ge- 
mahlin des  Desiderius,  gestützt  wird,  das  in  der  Leipziger  Hand- 
schrift sich  anschließt. 

Die  Darstellung  des  Paulus  Diaconus  steht,  wie  die  Erklärung 
der  Verse  beweist,  unter  dem  Einfluß  Virgils  und  besonders  auch 
Eugens  von  Toledo.  Werke  dieses  Dichters,  den  jedenfalls,  wie  auch 
den  Martial,  der  Spanier  Theodulf  an  den  Hof  Karls  brachte,  sind 
wie  in  allen  für  die  Überlieferung  paulinischer  Gedichte  wichtigen 
Handschriften,  so  auch  in  der  Leipziger  überliefert.  Aber  schon 
früher  hatten  sich  die  großen  Werke  der  spanischen  Literatur  (wie 
Taio,  Eugenius,  Isidorus)  nach  Italien  verbreitet. 

Was  die  Form  anlangt,  so  besteht  sie  aus  epanalemptischen 
Disticha  (auch  versus  reciproci,  serpentini,  echoici  genannt,  vgl. 
Traube  Poet.  III  p.  392,  7  und  Index  p.  815).  Diese  finden  sich 
schon  vereinzelt  zu  bestimmten  Zwecken  bei  Ovid,  dann  zur  Er- 
reichung einer  besonderen  Wirkung  in  einem  längeren  Gedicht  bei 
Martial  (IX  n.  97  Rampitar  invidia;  dieses  Gedicht  ist  wie  das 
unsrige  in  der  St.  Galler  Handschrift  überliefert  neben  anderen  karo- 
lingischen),  ferner  bei  Pentadius  in  den  drei  Gedichten  de  fortuna, 
de  adventu  veris,  auf  Narcissus,  bei  Sedalias  (M.  Jahrh.)  in  einem 
dichterischen  Vergleich  des  alten  und  neuen  Testamentes  und 
sonst  öfters.  In  späterer  Zeit  scheint  bei  Dichtern  wie  Venantias 
Fortanatas  (VI.  Jahrh.  Mon.  Germ.  Auct.  IV  ed.  Leo),  Eugen.  Tolet. 
(VII.  Jahrh.)  und  Beda  (VIII.  Jahrh.)  mehr  das  Streben  nach  Ab- 
wechslung oder  auch  die  Bequemlichkeit  maßgebend  gewesen  zu 
sein.  Paulus  verwendet  sie  nur  in  Gedichten,  die  der  Zeit  an- 
gehören, wo  er  noch  nicht  am  Hofe  Karls  sich  aufhielt,  so  in 
seinen  beiden  Lobliedern  (auf  den  Comersee  und  zum  Preis  der 
Wunder  des  heiligen  Benedikt)  und  in  einer  Inschrift  auf  einer 
Kirchentüre. 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


Ordiar  unde  tuas  laudes,  o  maxime  Lari? 

Munificas  dotes  ordiar  unde  tuas? 
Cornua  panda  tibi  sunt  instar  vertice  tauri; 

Dant  quoque  sie  nomen  eornua  panda  tibi. 
Munera  magna  vehis  divinis,  dives,  asilis, 

Regificis  mensis  munera  magna  vehis. 
Ver  tibi  semper  inest,  viridi  dum  cespite  polles; 

Frigora  dum  superas,  ver  tibi  semper  inest. 
Cinctus  oliviferis  utroque  es  margine  silvis; 

Numquam  fronde  cares  cinctus  oliviferis. 
Punica  mala  rubent  laetos  hinc  inde  per  hortos; 

Mixta  simul  lauris  Punica  mala  rubent. 


HOS  UERSUS  PAULUS  DIACONUS  CONPOSUIT  IN  LAUDE  LARII  LACI 
Z.  /.  35v;   INCIPIUNT  UERSUS  IN  LAUDE  LARII  LACI  G  p.  5. 

1  unde]  un  auf  Rasur  Z.  ||  5  vehis]  ue  auf  Rasur  L  \  diues  aus  diuis 
corr.  L  diuis  G  \  asylis  G  ||  7  inest  fehlt  G  ||  8  superas]  semper  eras  G  || 
9  oliviferis  aus  soliuiferis  corr.  L  \\  10  cinctus]  i  auf  Rasur  Z.  ||  11  laetos]  et 
auf  Rasur  L,  leteres  G  |  hie  G  |  hortos  in  ortos  corr.  L  ü  11  12  Punica]  n 
beidemal  auf  Rasur  G. 


1  0  maxime  Lari:  Verg.  Georg.  II 
159  te,  Lari  maxime,  (memo rem).  An 
dieser  Stelle  nennt  Virgil  ebenso  wie 
Paulus  V.  17  und  20  den  Averner  und 
Lukriner  See;  vgl.  auch  Hist.  Lang.  V  38 
ad  insulam,  quae  intra  lacum  Lariam 
non  longe  a  Como  est. 

3—4  Ein  die  Gestalt  des  Sees  an- 
schaulich wiedergebender  Vergleich,  den 
er  auch  in  seiner  Hist.  Lang.  II  21  von 
Italien  gebraucht:  in  sinistro  Italiae 
cornu.  —  dant  quoque  sie  nomen 
cornua:  ,Die  gekrümmten  Hörner  geben 
Dir  auch  den  Namen'.  Man  könnte 
meinen,  daß  Paulus  den  Namen  Larius 
mit  den  Laren  in  Verbindung  brächte, 
die  aus  gekrümmten  Füllhörnern  (cor- 
nua) ihre  Gaben  spenden;  denn  er 
zählt  im  folgenden  die  Gaben  des  Sees 
auf  (munificas  dotes);  allein  schwerlich 
kannte  er  Stellen  wie  Tibull  I  1,  19 
vos  quoque,  felicis  quondam,  nunc 
pauperis  agri  Gastodes,  fertis  munera 


vestra,  Lares;  vielleicht  war  ihm  das 
Attribut  der  Laren  geläufig. 

5  divinis  asilis  =  für  die  Klöster 
und  die  damit  verbundenen  Kirchen; 
sonst  gebraucht  Paulus  asylum  in  der 
Bedeutung  von  Kirche,  vgl.  IV  ii  v.  5 
construxit  asylum  (Salomon),  Hist.  Rom. 
I  2  condito  templo,  quod  (Romulus) 
asylum  appellavit;  vgl.  auch  Theodulf 
Poet.  I  478  V.  41  Salomon  sapiens,  sancti 
constructor  asyli. 

7  ver  tibi  semper  inest;  vgl.  XI  v.  4 
semper  inest  luctus.  —  viridi  dum  ce- 
spite polles  vgl.  Grabschrift  Lothars  (An- 
hang I)  V.  33  vernali  cespite  poltet  und 
Verg.  Aen.  III  304  viridi  quem  caespite 
(sacraverat). 

11  Punica  mala  (=  Granatäpfel) 
mixta  simul  lauris,  vgl.  die  Schilderung, 
diePaulinusvonAquileja  von  den  Gefilden 
des  Jordans  gibt  (Poet.  aev.  Carol.I  128). 
Hier,  v.  70,  71,  sagt  dieser  auch  Punica 
mixta  simul  foliis  sed  poma  retentat. 


Loblied  auf  den  Comersee. 


15 


20 


Mirtea  virga  suis  redolet  de  more  corimbis, 

Apta  est  et  foliis  mirtea  virga  suis. 
Vincit  odore  suo  delatum  Perside  malum; 

Citreon  has  omnes  vincit  odore  suo. 
Cedat  et  ipse  tibi  me  iudice  furvus  Avernus, 

Epirique  lacus  cedat  et  ipse  tibi. 
Cedat  et  ipse  tibi  vitrea  cui  Fucinus  unda  est, 

Lucrinusque  potens  cedat  et  ipse  tibi. 


13  mirtea  virga]  myrtea  mixta  (mixta  durch  Punkte  getilgt)   virga  G    \    co- 
rimbos  G    \\     14   myrtea  G    II     17    18    caedat  G    \\     18   eripique  L   Epyrique  G. 
Epirique  H.  J.  Müller,  Euripique  Haupt    \\     19  der  Vers  fehlt  L    \     caedat  G 
tibi  über  der  Zeile  zugesetzt  G    \\    20  der  Vers  fehlt  L    \    caedat  G    \    potens] 
patens  coni.  H.  J.  Müller. 


14  apta  est  et  foliis:  in  ihrem 
Blätlerschmucli  stellt  sie  da,  foliis  ist 
als  Abi.  zu  fassen  und  aptus  bedeutet 
ornatus,  von  Virgil  in  dieser  Bedeutung 
verwendet,  Aen.  IV  482,  VI  797,  XI  202; 
vgl.  auch  Thesaurus  ling.  Lat.  II  p.  327. 

15 — 16  delatum  Perside  malum  = 
der  Pfirsich;  der  Dichter  will  sagen:  Die 
Myrte  duftet,  noch  mehr  der  Pfirsich, 
am  meisten  aber  die  Frucht  des  Zitronat- 
baumes. Die  Stellung  von  has  omnes 
verbietet  citreon  als  erklärenden  Zusatz 
zu  delatum  Perside  malum  zu  fassen, 
vgl.  V.  Hehn  „Kulturpflanzen  und  Haus- 
tiere" 6.  Aufl.,  1894,  p.  453  und  Dios- 
COrides  1,  166*.  xä  ds  [xrjdixa  ksyofieva 
rj  TieQOixä  rj  >ieÖQ6fxr]?M ,  gcof^aiozl  ds 
xixQia. 

17 — 20  cedat  et  ipse  tibi  me  iudice: 
Verg.  Ecl.  IV  38  cedet  et  ipse  mari  (je- 
doch in  anderer  Bedeutung),  besonders 
aber  Eugen.  Tolet.  (ed.  Vollmer  XXXIII 
11  p.  254)  iudice  me  cygnus  et  gar- 
rula  cedat  hirundo,  cedat  et  inlustri 
psittacus  ore  tibi.  —  Nachdem  Paulus 
die  Vegetation  des  Sees  gerühmt  hat, 
vergleicht  er  ihn  mit  anderen  bekannten 
Seen,  mit  dem  Averner,  Fuciner,  Lukriner 
und  mit  einem  See   in  Epirus.    Die  Er- 


wähnung des  letzteren  inmitten  lauter 
italienischer  Seen  erscheint  nach  der  Er- 
klärung von  H.  J.  Müller  (Symbolae  ad 
emendandos  scriptores  Latinos,  Progr. 
des  Friedr.  Werderschen  Gymn.  Berlin 
1876  p.  29)  nicht  mehr  auffallend.  Es 
gibt  nämlich  in  Epirus,  wie  auch  in  Kam- 
panien,  einen  See  Acherusia,  der  gerne 
in  Verbindung  mit  dem  Avernus  genannt 
wird,  da  auch  dorthin  die  Sage  den  Ein- 
gang in  die  Unterwelt  verlegt  (vgl.  Plin. 
n.  h.  III  5,  61;  IV  I,  4).  Auch  Vibius 
Sequester  bringt  in  seiner  Aufzählung 
einen  Acheron  nach  dem  Avernus.  Pau- 
lus wählt  diese  Ausdrucksweise  jeden- 
falls aus  metrischen  Gründen  statt 
Acheron.  —  vitrea  cui  Fucinus  unda 
est:  Verg.  Aen.  VII  759  vitrea  te  Fuci- 
nus unda  (flevit) ;  vgl.  auch  in  den 
Schlußversen  des  Briefes  an  Theude- 
mar  XIV  Margine  de  vitreae  Mosellae, 
Hist.  Rom.  XIV  10  fluvius  vitreis 
labebatur  fluentis.  —  Lucrinusque 
potens  findet  seine  Erklärung  durch 
Isidorus  Orig.  XIII  19,  der  bei  der  Auf- 
zählung von  Seen  vom  Lukriner  sagt: 
Lucrinus  autem  dictus,  quia  olim  prop- 
ter  copiam  piscium  vectigalia  magna 
praestabat. 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


25 


30 


Vinceres  omne  fretum,  si  te  calcasset  lesus, 

Si  Galilaeus  eras,  vinceres  omne  fretum. 
Fluctibus  ergo  cave  tremulis  submergere  Untres; 

Ne  perdas  homines  fluctibus  ergo  cave. 
Si  scelus  hoc  fugias,  semper  laudabere  cunctis; 

Semper  amandus  eris,  si  scelus  hoc  fugias. 
Sit  tibi  laus  et  honor,  trinitas  inmensa,  per  aevum; 

Quae  tam  mira  facis,  sit  tibi  laus  et  honor. 
Qui  legis  ista,  precor,  'Paulo'  die  'parce,  redemptor', 

Spernere  neve  velis,  qui  legis  ista,  precor. 


21  calcassit  G  |  hiesus  G  \\  22  galileus  G  \\  23  lyntres  G  ||  25  fugias 
aus  fugius  corr.  L  fugia  G  li  26  amandus]  andu  auf  Rasur  L  \\  28  quae  tam] 
qui  aetam  G  \\  30  der  Vers  von  derselben  Hand,  aber  mit  kleineren  Buchstaben 
zwischen  die  Zeilen  geschrieben  G    \    neve  velis]  neuelis  L. 


21 — 23  vinceres:  Die  Verkürzung 
der  letzten  Silbe  findet  sich  auch  bei 
Fortunat  (vgl.  Leo  p.  424).  —  fluctibus 
tremulis  vgl.  Paul.  XVIII  v.  15  Anm. 

27 — 30  trinitas  mit  verkürztem 
ersten  /  ist  in  ganz  später  Zeit  nicht  selten. 
—  Bei  V.  27 — 28  ist  wiederum  der  Ein- 
fluß Eugens  von  Toledo  (p.  254  v.  19—20) 
unverkennbar.  Dieser  schließt  sein  Ge- 
dicht mit  einem  Lobpreis  Christi  ab: 
Gloria  summa  tibi,  laus  et  benedictio, 

Christe, 
Qui  praestas  famulis  haec  bona  grata 

tuis 


(vgl.  Paul.  V.  28  quae  tam  mira  facis). 
Jedenfalls  hatte  auch  Paulus  ursprünglich 
für  sein  Gedicht  diesen  seiner  Vorlage 
entsprechenden  Abschluß  gewähU  und 
fügte  V.  29 — 30  erst  später  hinzu,  als 
er  sein  Gedicht  an  den  Hof  Karls 
brachte  und  es  dort  vorlegte.  Wenn 
das  Gedicht  VI  (vgl.  Vorbem.)  mit  den 
gleichen  Versen  (153  und  154)  abschließt, 
so  lag  dem  Verfasser  wohl  die  ur- 
sprüngliche Fassung  unseres  Gedichtes  I 
vor;  vgl.  auch  Theodulf  Poet.  I  558  v.  1 
Gloria,  laus  et  honor  tibi  sit,  rex 
Christe,  redemptor. 


II- 
Paulus  an  Adelperga. 

'Von  der  Erschaffung  der  Welt  bis  zur  Sintflut  sind  2242  Jahre, 
von  da  bis  Abraham  942,  bis  zur  Gesetzgebung  des  Moses  505,  zum 
salomonischen  Tempelbau  480,  zur  babylonischen  Gefangenschaft  512, 
zur  Geburt  Christi  518  und  bis  zur  Gegenwart  763  (1 — 8).  Un- 
getrübter Friede  herrscht  jetzt  in  Italien  unter  Desiderius  und  Adel- 
chis  und  auch  in  Benevent  unter  Arichis  und  Adelperga  (8 — 10). 
Möchten  doch  diese  beiden  am  jüngsten  Tag  der  ewigen  Seligkeit 
teilhaftig  werden  (11—12).' 


Wie  das  Akrostichon  (Adelperga  pia)  beweist,  hat  Paulus  dieses 
Gedicht  seiner  Schülerin,  der  Tochter  des  Königs  Desiderius,  gewid- 
met zur  Förderung  ihrer  geschichtlichen  Studien  (vgl.  Vorbem.  zu  III). 
Es  ist  das  einzige  Gedicht,  von  dem  uns  die  Entstehungszeit  an- 
gegeben ist.  Aus  Strophe  8,3  geht  hervor,  daß  es  Paulus  im  Jahre 
763  verfaßte  und  zwar  jedenfalls  in  Benevent  selbst. 

Überliefert  ist  es  in  einer  Madrider  Handschrift  A  16  saec.  XII, 
die  einstens  in  Montecassino  sich  befand  und  deshalb  für  die  Her- 
stellung des  Textes  eine  sichere  Grundlage  bietet.  Nicht  mehr  in 
beneventanischen  Zügen  geschrieben,  stammt  sie  aus  der  Zeit  und 
dem  Kreise,  vielleicht  aus  der  Hand  des  Petrus  Diaconus.  Der  von 
Dümmler  in  seiner  Ausgabe  der  Gedichte  des  Paulus  Diaconus  (Poet.  I 
p.  35)  herangezogene  Florentiner  Codex  Strozz.  46  saec.  XIV  ist  eine 
Abschrift  des  Madrider  und  bedeutungslos. 

Paulus  gibt  hier  eine  Einteilung  der  Weltchronologie  in  Welt- 
alter, wie  sie  nach  dem  Vorgang  von  Eusebius  (Hieronymus)  und 
Augustin  auch  Isidor  in  seinem  Chronicon  anwendet.  Da  nun  in 
der  Madrider  Handschrift  auf  unser  Gedicht  unmittelbar  eines  folgt, 


8  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

das  den  Titel  trägt  Item  versus  de  annis  a  principio  und  den  gleichen 
Stoff  behandelt,  so  untersuchte  ich  das  Verhältnis,  in  dem  beide  Ge- 
dichte zueinander  stehen. 

Paulus  ist  in  seiner  Einteilung  von  der  bei  Isidor  und  den 
anderen  üblichen  etwas  abgewichen:  Die  dritte  Epoche  umfaßt  bei 
ihm  die  Zeit  von  Abraham  bis  Moses  und  die  vierte  von  Moses 
bis  zum  salomonischen  Tempelbau,  während  Isidor  daraus  nur 
eine  Epoche  macht  und  sie  von  Abraham  bis  David  reichen 
läßt.  Diese  nämliche  Art  der  Einteilung,  wie  sie  Paulus  hat,  zeigt 
jenes  zweite  Gedicht,  das  aus  Irland  nach  Benevent  gekommen 
war.  Es  finden  sich  auch  einige  stilistische  Anklänge,  vgl.  Paul.  6, 
1  und  2  quo  salatem  virgo  mundi  peperit,  quem  prophetae  prae- 
dixerunt  und  v.  28  in  dem  anderen  Madrider  Gedicht:  salas  mundi 
praedicatur;  Paul.  11,2  dies  sed  aut  hora  quando  non  patet  morta- 
libus  und  im  andern  v.  35  horam  autem  atque  diem  finis  huius 
saeculi  nee,  ut  puto,  certum  sciunt  et  caelomm  angeli.  Bedeutender 
als  diese  Anklänge  erscheint  mir  aber,  daß  Paulus  seinem  Gedicht 
die  gleiche  Verszahl  gab,  nämHch  36,  nur  daß  er,  wie  bei  seinem 
grammatischen  Rhythmus  (XV)  diese  Verse  in  zwölf  Gruppen  zu  je 
drei  Zeilen  zusammenstellt,  von  denen  zwei  oder  drei  meist  assonie- 
ren  (in  dem  anderen  Gedicht  ist  ein-  und  zweisilbige  Assonanz  kon- 
sequent durchgeführt).  Mit  dieser  Gruppierung  erreichte  Paulus,  daß 
seine  chronologische  Einteilung  übersichtlicher  erscheint  und  also 
seinem  Zweck  zu  belehren  mehr  entspricht. 

Diese  Vergleichung  und  auch  der  Umstand,  daß  beide  Gedichte 
in  einer  Handschrift  aus  Montecassino  und  zwar  beieinanderstehend 
überliefert  sind,  scheint  mir  dafür  zu  sprechen,  daß  das  zweite  Ge- 
dicht für  Paulus  die  Vorlage  bildete.  Wenn  er  nur  den  Inhalt  der 
ersten  sechzehn  Zeilen  seiner  Vorlage  in  seinem  Gedicht  verwendete 
und  die  anderen  auf  profane  Geschichte  bezüglichen  Angaben  aus- 
schied, so  hat  dies  seinen  Grund  in  dem  Wunsch  Adelpergas,  daß 
mehr  die  heilige  Geschichte  betont  werden  möge  (vgl.  Vorbem.  zu  III). 

Dieses  zweite  Madrider  Gedicht,  das  zuerst  Dümmler  in  der 
Zeitschr.  f.  deutsch.  Altert.  XXII  426  herausgab,  kannte  auch  Bethmann 
(Archiv  X  294)  und  hielt  es  nicht  für  ausgeschlossen,  daß  es  dasselbe 
Gedicht  sei,  das  Leo  von  Ostia  I  15  Necnon  et  universas  fere  an- 
nalis  computi  lectiunculas  rithmice  composuit  und  Petrus  de  viris 
illustribus  Casinensibus  8  zitiert:  Universas  etiam  lectiunculas  a 
principio  usque  ad  suam  aetatem  una  cum  annali  computo  rithmice 
composuit. 


Paulus  an  Adelperga.  9 

Beide  meinen  aber  vielmehr  den  hier  herausgegebenen  Rhyth- 
mus. Ein  anderes  rhythmisches  Gedicht  mit  komputistischem  Inhalt, 
das  in  einer  Handschrift  aus  La  Cava  steht,  hat  Traube  zweifelnd 
mit  Paulus  in  Verbindung  gebracht,  Textgeschichte  der  Regula 
S.  Benedicti  S.  113. 


1.  A  principio  saeculorum  usque  ad  diluvium 

duocenti  quadraginta  duo  bina  milia 
evoluta  supputantur  annorum  curricula. 

2.  Dehinc  usque  quo  fidelis  Abraham  exortus  est, 

novies  centeni  duo  quadraginta  pariter 
sibi  successisse  anni  scribuntur  ex  ordine; 

3.  Ex  hoc  tempore  quousque  Moysi  in  heremo 

praeceptorum  instituta  tradidit  altissimus, 

annos  quinque  et  quingentos  praeterisse  terminos. 

4.  Legis  datae  a  diebus  et  conscriptae  caelitus 

usque  quo  templum  dicavit  rex  sapientissimus, 
quadringenti  octoginta  orbes  evoluti  sunt. 

5.  Percucurrit  hinc  annalis  ordo  sua  spatia 

quingentenis  et  bissenis  annis,  Babylonica 
donec  populum  vastavit  Israel  captivitas. 

6.  Exhinc  usque  quo  salutem  virgo  mundi  peperit, 

quem  prophetae  praedixerunt  venturum  Emmanuel, 
octodecem  et  quingenti  peracti  sunt  circuli. 


Item  versus  pauli  diaconi  de  annis  a  principio  A  f.  52v. 
2,3  scribuntur  aus  scribantur  corr.  A    ||    5,1    spacia  A    \\    5,3   uastabit  A 
6,3  octodeceni  Bethmann.  octodeni  Huemer. 


1,2  duocenti  ist  entspreciiend  der 
handschriftlichen  Überlieferung  beizu- 
behalten und  damit  zu  erklären,  daß 
dem  Dichter  anni  statt  annorum  curri- 
cula vorschwebte. 

3,1  Moysi  in  heremo  vgl.  Paulin. 
Poet.  1 141  V.  4  Moyses  in  eremo.  — prae- 
terisse: veranlaßt  durch  scribuntur. 


4,3  orbes  vgl.  hier  die  Abwechslung 
im  Ausdruck:  1,3  evoluta  annorum 
curricula  (Hist.  Langob.  I  cap.  4),  5,1 
percucurrit  annalis  ordo  sua  spatia, 
6,3  peracti  sunt  circuli;  ähnlich  Hist. 
Rom.  XIII  3  Septem  mensibus  evolutis, 
XV  2  annali  emenso  spatio,  XV  7  annali 
circulo  evoluto. 


10  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

7.  Rex  aeternus  mundum  venit  restaurare  perditum: 

quinque  milia  expletis  annis  a  principio 

centum  atque  nonaginta  novem  <sunt>  per  calculum. 

8.  Glorioso  ab  adventu  redemptoris  omnium 

ad  hunc  usque  prima  annum  in  quo  est  indictio, 
septingenti  sexaginta  tresque  simul  anni  sunt. 

9.  Alta  pace  nunc  exultat  Ausonia  regio 

Desiderio  simulque  Adelchis  regnantibus 
florentissimis  et  piis,  cum  haec  annotata  sunt, 

10.  Principatum  Beneventi  ductore  fortissimo 

Arechis  regnante  freto  superni  auxilio 
Adelperga  cum  tranquilla  stirpe  nata  regia. 

11.  Iudex  veniet  supernus  velut  fulgor  caelitus, 

dies  sed  aut  hora  quando  non  patet  mortalibus, 
felix  erit,  quem  paratum  invenerit  dominus. 

12.  Ante  tuum,  iuste  iudex,  dum  steterit  solium 

Arechis  benignus  ductor  cum  praeclara  coniuge, 
dona  eis  cum  electis  laetari  perenniter. 


7,3  sunt  fehlt  A,  hinc  Bethmann,  novenis  Vollmer  \\  9,1  regio  Ausonia 
Waitz,  haec  Ausonia  Dahn,  Ausoniana  Eyssenhardt  \\  10,3  stirpentata  regio  A  \\ 
11,3  dominus  invenerit  Bethmann. 


7    expletis  annis  a  principio   vgl.      ventana  regio  hoc  nomine  appellata  est, 
Hist.  Rom.  I  1   expletis  a  mundi  princi-      postea  vero   tota  sie  coepit  Italia  voci- 


pio  annis  quattuor  milibus.  —  sunt  per 
calculum:  „Nach  Ablauf  der  Jahre  vom 
Anfang  an  ergibt  die  Zusammenrechnung 
5199" ;  zu  sunt  vgl.  4,3,  6,3,  8,3. 

9  Ausonia  regio:  Der  Widerstreit 
des  Wort-  und  Versakzentes  veranlaßte 
mit  Unrecht  Waitz,  Dahn  und  Eyssen- 
hardt zu  Textveränderungen;  vgl.  auch 
Hist.  Lang.  II  24:  Italia  etiam  Ausonia 
dicitur   .    .    .    Primitus    tamen    Bene- 


tari.  —  Adelchis,  der  Sohn  des  Desi- 
derius  (757 — 774),  war  vom  Jahre  759 
an  Mitregent  seines  Vaters. 

10  Arichis  war  Herzog  von  Bene- 
vent 758—787. 

11  felix  erit,  quem  paratum  in- 
venerit dominus,  vgl.  M.  G.  Epp.  IV 
p.  81,  9  Beatus  ille,  quem,  cum  venerit 
dominus  eius,  invenerit  vigilantem  nach 
Luc.  12,  37. 


III. 

Brief  an  Adelperga. 

„Da  Du  nach  dem  Vorbild  Deines  Gatten  wissenschaftliche 
Studien  treibst  und  Dich  auch  mit  weltlicher  Geschichte  und  der  des 
Reiches  Gottes  beschäftigst,  so  habe  ich  Dir  den  Eutrop  als  Lektüre 
überreicht  (1 — 10).  Das,  was  Dir  beim  Durchstudieren  mißfiel,  habe 
ich  beseitigt,  indem  ich  die  Geschichte  erweiterte  und  Zusätze  aus 
der  heiligen  Schrift  anfügte  (11 — 21). 

Ich  begann  die  geschichtliche  Darstellung  ein  wenig  früher  und 
fügte  zu  der  nur  bis  Valens  reichenden  Schilderung  noch  sechs  Bücher 
bis  zur  Zeit  Justinians.  Wenn  es  Euer  Wunsch  ist  und  ich  am  Leben 
bleibe,  will  ich  die  Geschichte  bis  auf  unsere  Zeit  fortsetzen  (22 — 28)." 

Dieses  Widmungsschreiben,  das  wegen  seines  für  die  Lebens- 
verhältnisse des  Paulus  sehr  wichtigen  Inhalts  nach  den  Ausgaben 
Droysens  (M.  G.  Auct.  ant.  vol.  II,  Berlin  1895,  und  Schulausgabe  der 
M.  G.,  Berlin  1879)  hier  abgedruckt  wird,  zeigt  uns,  wie  am  lango- 
bardischen  Hof  die  Wissenschaften  gepflegt  wurden,  und  welche  An- 
forderungen man  damals  in  hochgebildeten  Kreisen  an  die  Geschicht- 
schreibung stellte. 

Wir  entnehmen  ihm  zugleich,  daß  Paulus  Lehrer  der  Prinzessin 
Adelperga  war.  Als  diese  sich  mit  Arichis,  dem  Herzog  von  Bene- 
vent, vermählte,  wollte  sie  offenbar  in  ihren  neuen  Verhältnissen  den 
Mann  unter  ihrem  Gefolge  nicht  missen,  der  ihr  am  Hofe  ihres 
Vaters  geistlicher  und  wissenschaftlicher  Berater  gewesen  war.  Sehen 
wir  ja  auch,  wie  Kleriker  die  verlobte  Tochter  Karls,  Rothrud,  nach 
Byzanz  begleiten  sollten  (XII 12).  Zudem  bestanden  zwischen  ihrem 
Gatten  und  Paulus  insofern  Beziehungen,  als  der  Herzog,  wie  aus 
dem  Anfang  des  Briefes  hervorgeht,  ein  großer  Freund  wissenschaft- 
licher Studien  war  und  sein  Geschlecht  der  Heimat  des  Paulus, 
Friaul,   entstammte.     Endlich  scheint  mir  auch   die  Art,  wie  Paulus 


12 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


die  Bauten  des  Arichis  schildert  (vgl.  IV'  v.  24 — 25),  auf  einen  Auf- 
enthalt des  Paulus  am  beneventanischen  Hof  hinzuweisen.  Ohne 
Zweifel  besteht  zwischen  dem  chronologischen  Gedicht  (II)  und 
diesem  Brief,  der  das  Vorwort  zu  dem  von  Paulus  nach  den 
Wünschen  Adelpergas  geänderten  Eutrop  bildet,  ein  innerer  Zu- 
sammenhang, der  sie  auch  zeitlich  einander  naheliegend  erscheinen 
läßt:  Paulus  hatte  seiner  Schülerin  den  Eutrop  in  seiner  ursprüng- 
lichen Gestalt  zum  Studieren  gegeben,  sie  hatte  aber  ihre  Unzufrieden- 
heit mit  dieser  Art  geschichtlicher  Darstellung  geäußert,  die  nur 
römische  Geschichte,  nicht  aber  auch  die  des  Reiches  Gottes  be- 
handle. Daraufhin  versprach  Paulus  ihr  beides  in  enger  Verbindung 
vorzuführen.  Zuvor  aber  verfaßte  er  für  sie  763  das  Gedicht  von 
den  Weltaltern,  um  damit  seiner  Schülerin  gleichsam  eine  kompendiöse 
chronologische  Grundlage  zu  geben.  Dann  erst  entstand  seine 
Historia  Romana.  Droysen  (p.  VI)  verlegt  die  Entstehung  des  Briefes 
vor  das  Jahr  764,  allein  schon  die  Erwähnung  von  drei  Kindern  Adel- 
pergas, von  denen  das  älteste  763  geboren  wurde,  weist  auf  spätere 
Zeit  und  so  nehme  ich  an,  daß  er  zwischen  766  und  769  entstand 
(vgl.  auch  Dahn  S.  15  und  Vorbem.  zu  VI). 


DOMNAE  ADELPERGAE  EXIMIAE 
SVMMAEQVE   DVCTRICI 

PAVLVS  EXIGWS  ET  SVPPLEX. 

Cum  ad  imitationem  excellentissimi  comparis,  qui  nostra  aetate 
solus  paene  principum  sapientiae  palmam  tenet,  ipsa  quoque  subtili 
ingenio  et  sagacissimo  studio  prudentium  arcana  rimeris,  ita  ut  philo- 
sophorum  aurata  eloquia  poetarumque  gemmea  dicta  tibi  in  promptu 
sint,  historiis  etiam  seu  commentis  tam  divinis  inhaereas  quam  mun- 

a  =  Perugia  // 75  saec.YÄV',  b  =  Wien  104  saec.YÄV;  c  =  Florenz  Laur. 
89,  41  saec.  XIII. 

Historie  romane  a  paulo  diacone  ordinis  sancti  benedicti  monasterii  montis 
Cassini  edite  ex  historiis  eutropii  ad  adelbergam  ducis  comparis  coniugem  prologus 
et  liber  primus  incipit  b. 

1  dominae  b  c  \  adelbergae  b  \\  3  et  supplex  fehlt  ^  ||  5  paene  fehlt  b 
I  principium  a  \  suctili  a  \\  6  et  fehlt  b  c  \  prudentum  b  \  archana  a  .  || 
7  gemea  c    \    tibi  dicta  c    ||    8  seu]  et  a. 


1 — 5  exiguus  et  supplex:  an  Theu- 
demar  (XIV)  schreibt  er  pusillus  filius 
supplex,  in  XXXII  an  Karl  famulus 
supplex,    in    XXXI    an    Adalhard    bloß 


supplex.  —  nostra  aetate  solus  paene 
principum  sapientiae  palmam  tenet: 
Paulus  preist  auch  sonst  die  Weisheit 
des  Arichis  vgl.  IVi  15,  XXXV  10—12. 


Brief  an  Adelperga. 


13 


danis,  ipse,  qui  elegantiae  tuae  stiidiis  semper  fautor  extiti,  legendam 
tibi  Eutropii  historiam  tripudians  optuli.  lo 

Quam  cum  avido,  ut  tibi  moris  est,  animo  perlustrasses,  hoc 
tibi  in  eius  textu  praeter  immodicam  etiam  brevitatem  displicuit,  quia 
utpote  vir  gentilis  in  nullo  divinae  historiae  cultusque  nostri  fecerit 
mentionem.  Placuit  itaque  tuae  excellentiae,  ut  eandem  historiam 
paulo  latius  congruis  in  locis  extenderem  eique  aliquid  ex  sacrae  textu  15 
scripturae,  quo  eius  narrationis  tempora  evidentius  clarerent,  aptarem. 
At  ego,  qui  semper  tuis  venerandis  imperiis  parere  desidero,  utinam 
tam  efficaciter  imperata  facturus  quam  libenter  arripui.  Ac  primo  paulo 
superius  ab  eiusdem  textu  historiae  narrationem  capiens  eamque  pro  loci 
merito  extendens  quaedam  etiam  temporibus  eius  congruentia  ex  divina  20 
lege  interserens  eandem  sacratissimae  historiae  consonam  reddidi. 

Et  quia  Eutropius  usque  ad  Valentis  tantummodo  Imperium 
narrationis  suae  in  ea  seriem  deduxit,  ego  deinceps  meo  ex  maiorum 
dictis  stilo  subsecutus  sex  in  libellis  superioribus,  in  quantum  potui, 
haud  dissimilibus  usque  ad  lustiniani  Augusti  tempora  perveni  pro-  25 
mittens  deo  praesule,  si  tarnen  aut  vestrae  sederit  voluntati  aut  mihi 
vita  comite  ad  huiusmodi  laborem  maiorum  dicta  suffragium  tulerint, 
ad  nostram  usque  aetatem  eandem  historiam  protelare. 

Vale  divinis  domina  mater  fulta  praesidiis  celso  cum  compare 
tribusque  natis  et  utere  felix.  30 


9  qui]  quia  a  \  studiis  fehlt  a  \  factor  b  \\  10  obtuli  ^  ll  11  tibi  ut  c  \\ 
12  15  19  testu  a  \\  14  mensionem  a  \\  16  scripturae  textu  b  \\  20  excedens  a  \ 
etiam]  et  a  \\  23  in  eam  b  \\  24  subsequutus  a  \\  25  tempora  augusti  c  \\  26 
praeside  a  \\  27  huiuscemodi  a  \\  28  uestram  c  \\  29  suffulcta  b  \  celo  b  \\ 
30  tribus  a    \    comparentibusque  c. 


6 — 10  philosophorum  aar  ata  elo- 
quia:  auch  von  ihrem  Gatten  werden  die 
philosophischen  Studien  besonders  er- 
wähnt XXXV  V.  11.  Diese  Stelle  gibt 
einen  Einblick  in  die  Erziehung  einer 
langobardischen  Prinzessin.  Adelperga 
studierte  demnach  Philosophie,  Literatur 
und  Geschichte.  —  qui  elegantiae  tuae 
studiis  semper  fautor  extiti:  Paulus  war 
nicht  erst  in  Benevent  nach  ihrer  Ver- 
heiratung ihr  Lehrer,  sondern  schon  am 
Hofe  ihres  Vaters,  was  durch  semper 
ausgedrückt  ist. 

16   quo   eius   narrationis   tempora 


evidentius  clarerent:  Paulus  beabsich- 
tigte also,  daß  durch  seine  Ausgabe  des 
Eutrop  Adelperga  mehr  Klarheit  über  die 
chronolpgischen  Verhältnisse  bekomme. 
Sie  soll  bei  Erwähnung  eines  Ereignisses 
aus  der  Weltgeschichte  immer  zugleich 
wissen,  in  welche  Zeiten  der  Geschichte 
des  Reiches  Gottes  dies  fällt. 

25 — 28  vita  comite:  eine  in  den 
Briefen  des  Paulus  beliebte  Wendung.  — 
promittens  ad  nostram  aetatem  pro- 
telare: Paulus  konnte  infolge  der  po- 
litischen Verhältnisse  sein  Versprechen 
nicht  halten. 


IV. 

Inschriften  auf  die  Bauten  des  Arichis. 

I. 

'Die  Mauern  wetteifern  an  Höhe  mit  den  Tempeln  Roms,  ver- 
danken aber  nicht  wie  diese  Stadt  ihre  Größe  Raubzügen  durch  die 
ganze  Welt  und  eitler  Ruhmsucht  (1 — 8).  Nicht  Heiden  bauten  sie, 
sondern  der  katholische  Fürst  Arichis,  den  alle  Vorzüge  des  Körpers 
und  Geistes  zieren  (9 — 19). 

Eingedenk  des  jüngsten  Tages  ließ  er  einen  hohen  und  präch- 
tigen Tempel  erstehen.  Christus  möge  die  frommen  Gebete  der  Be- 
drängten erhören  (20 — 32).' 


Arichis,  der  seit  758  schon  unter  Desiderius  fast  unabhängig 
über  den  größten  Teil  Unteritaliens  herrschte  (Abel-Simson  Jahrb.  d. 
fränk.  R.  I  363),  ließ  nach  dem  Bericht  des  im  Jahre  978  verfaßten 
Chronicon  Salernitanum  (cap.  17)  Salerno  befestigen  und  dort  einen 
sehr  großen  und  schönen  Palast  und  eine  Kirche  des  Petrus  und 
Paulus  errichten.  An  einer  anderen  Stelle  (cap.  37)  berichtet  der 
Chronist,  Paulus  habe  für  jenen  Palast  Inschriften  in  Versen  verfaßt: 
undiqae  versibus  illustravit. 

Wenn  man  auch  den  Angaben  des  Salernitaners,  bei  denen 
wohl  auch  der  Lokalpatriotismus  mitspielt,  im  allgemeinen  keine  zu 
große  Bedeutung  beilegen  darf,  so  ist  hier  an  ihrer  Richtigkeit  nicht 
zu  zweifeln.  Denn  was  erscheint  natürlicher,  als  daß  der  Herzog  seine 
neu  geschaffenen  Bauten  mit  Versen  seines  Freundes  geschmückt  sehen 
wollte.  Da  aber  die  Tradition  einer  berühmten  PersönHchkeit,  von 
der  man  wußte,  daß  sie  in  einer  Gegend  wirkte,  gerne  im  Laufe  der 
Zeiten  auch  Werke  zuschreibt,  die  andere-  schufen,  so  darf  man  auch 
hier  nicht  alle  Inschriften  für  Bauten  des  Arichis  ohne  weiteres  dem 
Paulus  zuschreiben. 


Inschriften  auf  die  Bauten  des  Arichis. 


15 


Eine  sichere  Entscheidung  scheint  mir  nach  den  bis  jetzt  zur 
Verfügung  stehenden  Hilfsmitteln  bei  Titulus  II  und  III  unmöglich; 
denn  hier  weisen  weder  stiUstische  EigentümHchkeiten  noch  die  hand- 
schriftliche Überlieferung  bestimmt  auf  Paulus  hin.  Da  aber  kein 
Grund  zu  finden  ist,  der  gegen  diese  Autorschaft  spricht,  so  schien 
es  ungerechtfertigt  diese  beiden  Gedichte  auszuscheiden. 

Dagegen  ist  der  Titulus  I  zweifellos  paulinisch.  Er  zeigt  die 
klare  Anordnung  der  Gedanken,  wie  wir  sie  in  den  Gedichten  des 
Paulus  finden,  und  die  Schilderung  der  PersönHchkeit  des  Arichis  ent- 
hält inhaltlich  und  formell  mehrfache  Anklänge  an  zweifellos  pau- 
linische  Werke  (vgl.  III  und  XXXV).  Dann  spricht  auch  die  hand- 
schriftliche Überlieferung  dafür.  Das  Gedicht  steht  im  Harleianus 
3685,  einer  Handschrift,  die  zum  Unterschied  von  den  andern  für 
die  Überlieferung  der  Gedichte  des  Paulus  wichtigen  nur  solche  von 
ihm  enthält,  die,  wie  wir  sehen  werden,  alle  der  Zeit  vor  seinem 
Aufenthalt  am  Hofe  Karls  angehören. 

Da  in  diesem  Gedicht  der  größte  Teil  der  Verse  dem  Arichis 
selbst  gewidmet  ist,  so  ist  es  nicht  unwahrscheinlich,  daß  wir  hier 
jene  von  Petrus  Diaconus  de  viris  illustribus  Casinensib.  cap.  8  er- 
wähnten versus  Pauli  ad  Arichis  vor  uns  haben. 


Aemula  Romuleis  consurgunt  moenia  templis 
Ampla  procul  fessis  visenda  per  aequora  nautis. 
lila  sed  externis  sumpsere  augmenta  rapinis 
Et  toto  exuviis  miserorum  ex  orbe  petitis. 
Dum  male  perduntur  viduatae  civibus  urbes, 
Pro  pudor,  et  fragilis  captantur  flamina  laudis. 
Haec  vero  ex  causis  capiunt  exordia  iustis 
Inpensisque  probis  nullo  et  cum  crimine  partis. 


Ohne  Überschrift  H  f.  \. 

1  menia  (und  ebenso  immer  e  für  ae,  außer  Aemula  1,  Aeterni  10,  quaeque 
2b)  H   II    3  sumsere  H    \    aucmenta  H   \\    1  kX  vero  H  corr.  Dümmler. 


1  Romuleis  templis:  eine  bei 
Paulus  beliebte  Ausdrucks  weise,  vgl. 
Hist.  Lang.  II  23;  Gest.  epp.  Mett. 
SS.  II  p.  265;  XXX;  XXVI  v.  18;  XXXV 
V.  36.  —  moenia  sc.  Salernitana. 

5 — 10   viduatae  civibus  urbes  vgl. 


Verg.  Aen.  VIII  571  viduasset  civibus 
urbem.  Fortunat  IV 8,  23  viduatam  civibus 
urbem.  —  captantur  flamina  laudis: 
flamen  =  aura  der  sanfte,  uns  schmei- 
chelnde Hauch  des  Ruhmes.  —  extiterant 


16 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


15 


20 


Adde  quod  extiterant  auctores  luminis  illis 

Aeterni  expertes,  Veneri  Phoeboque  lovique 

Atque  pharetrigerae  ponentes  tura  Dianae, 

Quosque  referre  pudet.     Horum  est  nam  structor  herilis 

Catholicus  princeps  Arichis,  tarn  corpore  pulcher 

Pectore  quamque  magis  virtute  insignis  et  armis, 

Omnia  conponens  quem  sie  sapientia  compsit, 

Redderet  ut  variis  satis  artibus  esse  potentem, 

Quo  merito  Latiae  dicatur  gloria  gentis, 

Bardorum  et  culmen,  pietatis  cultor  et  index, 

lustitiaeque  tenax,  summus  servator  honesti. 

Iste  pater  patriae,  lux  omne  <decusque>  suorum, 


10  phoebque  //  ||  11  pharetrigera  H  \\  12  scrutator  H  corr.  Dümmler  \ 
herilis  aus  herelis  corr.  H  \\  19  lusticieque  H  \  sumus  H  \\  20  decusque  von 
Dümmler  hinzugesetzt. 


auctores:  Die  Gründer  Roms  waren 
Heiden,  Salerno  aber  verdankt  seinen 
Ausbau  einem  katholischen  Fürsten. 

12  quosque  referre  pudet:  et  eis 
deis  tura  ponentes,  quos  referre  pudet, 
vgl.  Sedul.  carm.  pasch.  I  276  plura  referre 
pudet.  —  horum  est  nam:  nam  ist  hier 
adversativ  gebraucht,  eine  Eigentümlich- 
keit, die  sich  bei  Fortunat  (vgl.  IV  26,  30; 
VI  10,  28)  u.  a.  häufig,  selten  aber  bei 
Paulus  findet  (vgl.  XXXV  39).  —  struc- 
tor herilis  vgl.  XXXV  34  structorem, 
orba,  tuum,  clara  Salerne.  gemis;  vgl. 
ductor  herilis  Poet.  II  650  v.  1 1 ;  651  v.  53. 

13 — 15  catholicus  princeps  Arichis: 
Leo  von  Ostia  Chron.  mon.  Casin.  I,  8 
(SS.  VII  568  N.  47,  48)  Hie  Aridiis  pri- 
mus  Beneventi  principe m  se  appellari 
iussit,  cum  usque  ad  istum,  qui  Bene- 
vento  praefuerant,  duces  appellaren- 
tur.  —  tarn  .  .  quamque  oft  bei  Paulus, 
vgl.  Neff  De  Paulo  D.  Festi  epitomatore 
p.  24.  —  virtute  insignis  et  armis  vgl. 
Verg.  Aen.  VI  403.  —  quem  sie  sapientia 
compsit  vgl.  Poet.  I  60  v.  22  bene  quem 
patientia  compsit. 

16  variis  satis  artibus  esse  poten- 
tem: auch  im  Brief  des  Paulus  an  Adel- 


perga  rühmt  er  seine  Weisheit  (vgl.  oben 
III).  —  qui  nostra  aetate  solus  paene 
principum  sapientiae  palmam  tenet  vgl. 
auch  das  im  Gedicht  XXXV  entworfene 
Bild. 

17  Latiae  dicatur  gloria  gentis:  ein 
auch  sonst  beliebter  Versschluß,  vgl. 
Verg.  Aen.  VI  767,  Ovid.  Met.  XII  530, 
Alcvin.  I  247  v.  4  u.  s.  w. 

18  Bardorum:  Paulus  braucht  in 
seinen  prosaischen  Schriften  nur  Lango- 
bardi.  Daraus  ist  aber  kein  Beweis  gegen 
seine  Autorschaft  zu  entnehmen  (vgl. 
Dahn  S.68);  denn  die  längere  Form  läßt 
sich  im  Vers  schwer  verwenden  (vgl. 
Gedicht  des  Petrus  XXXVIII  10  Hie 
domuit  Lango-properans  ad  proelia 
-bardos);  Bardi  findet  sich  noch  IX  11 
und  in  seiner  Grabschrift  XXXVI  9.  — 
pietatis  cultor  et  index  vgl.  XXXV  13 
divini  cultor  et  index. 

19  lustitiaeque  tenax,  summus  ser- 
vator honesti  vgl.  Luc.  Phars.  II  389  iusti- 
tiae  custos,  rigidi  servator  honesti. 

20  iste  pater  patriae  vgl.  Fortun. 
V  10,  1;  VIII  15,  1;  IX  10,  1  summe 
pater  patriae;  Alcvin.  I  172  v.  118  Factus 
amor  populi,   patriae  pater  et   decus 


Inschriften  auf  die  Bauten  des  Arichis. 


17 


Mente  satis  vigili  pensans  et  acumine  magno 
Tempore  supremo  Ventura  pericula  saeclo, 
Ut  nostris  cecinit  labiis  reparator  et  auctor, 
Omne  quod  hie  spatiis  effertur  in  ardua  vastis' 

25    Quaeque  stupens  lustras  diti  caperisque  decore, 
Suscipiens  promissa  patris,  cui  fallere  non  est, 
Suppetias  dedit  esse  suis  portumque  quietis. 
Christe  potens,  via,  vita,  salus,  spes  sola  tuorum, 
Qua  quisque  innixus  numquam  est  confusus  ab  aevo, 

30    Ne  patiare  umquam  frustrari  cordis  anheli 


21  pensans  Wattenbach,  pensaret  et  H  \\  22  suppremo  H 
I  spaciis  H  \\  25  diti  Traube,  de  te  //,  tacite  Wattenbach  \\ 
30  haneli  //. 


24  his  Dümmler 
27  supetias  H   \\ 


aulae.  —  lux  omne  decusque  suorum: 
das  in  der  Handschrift  fehlende  decus 
einzusetzen  veranlassen  ähnliche  Ver- 
bindungen bei  Paulus,  vgl.  XXXII  v.  2 
unten  luxque  decusque;  XXXV  v.  10 
luxque  decorque,  Epp.  IV  514  unten 
Vale,  Salus  patriae,  lumenque  decusque 
tuorum:  auch  bei  gleichzeitigen  Dichtern 
finden  sich  ähnliche  Ausdrucksformen: 
Alcvin.  I  226  v.  21  o  decus  omne  tuis 
(Verg.  Ecl.  V  34  tu  decus  omne  tuis),  vitae 
lux  maxima  nostrae;  Theod.  Poet.  I  522 
V.  2  cleri  luxque  decusque  vigens;  Poet. 
II  661  V.  24  luxque  decorque',  an  Stelle 
von  lux  tritt  dann  auch  laus  vgl.  Alcvin. 
I  254  v.  22  o  laus  atque  decus;  Theod.  I 
534  v.  74  lausque  decusque;  Alcvin.  I 
257  V.  26,  258  v.  60  laus  honor  atque 
decus. 

22  Ventura  pericula  saeclo,  ut  ce- 
cinit vgl.  Ventura  saeclo  praecinens  VII 
4.  —  ut  nostris  cecinit  labiis  beweist, 
daß  Paulus  am  Hofe  des  Arichis  als 
Geistlicher  tätig  war. 

23  reparator  et  auctor  vgl.  Alcvin. 
I  285  V.  20  redemptor  et  auctor. 

24 — 27  omne  quod:  auch  sonst,  vgl, 
Theod.  I  507  v.  530.  —  hie  spatiis  effer- 
tur in  ardua  vastis:  Arichis   dachte  an 
die  am  jüngsten  Tag  der  Weh  bevor- 
Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA, 


stehenden  Gefahren  und  schuf  alles, 
was  in  diesen  gewaUigen  Räumen  hoch 
emporragt  und  was  du  staunend  be- 
trachtest, als  Hort  und  Hafen  der  Ruhe 
für  die  Seinen,  nämlich  eine  Kirche  in 
Salerno.  Aus  v.  24  und  25  kann  man 
entnehmen,  daß  der  Dichter  selbst  sie 
geschaut  hat.  —  suscipiens  promissa 
patris:  Arichis  erfüllte  damit  ein  Gelübde 
seines  Vaters.  —  cui  fallere  non  est: 
bezieht  sich  auf  Arichis.  —  portumque 
quietis  vgl.  XXXV  v.  27  tu  requiesque 
tuis  portusque  salusque  fuisti. 

28  via,  vita,  salus,  spes  sola  tuo- 
rum: eine  auch  sonst  in  der  karolingi- 
schen  Dichtung  behebte  Zusammenstel- 
lung alliterierender  Wörter,  vgl.  Alcvin.  I 
241  V.  37  Sit  via,  vita,  salus,  spes;  259 
v.  85  spes  alma  tuorum,  Sit  tibi  vita, 
Salus  Sit  sine  fine;  261  v.  44;  321  v.  22 
lux,  via,  vita,  salus;  Theod.  I  530  v.  3; 
554  v.  15  via,  vita,  salus;  vgl.  Joh.  XIV  6. 

29  numquam  est  confusus  ab  aevo: 
Psalm.  XXX  2 ;  LXX  1  in  te.  Domine, 
speravi,  non  confundar  in  aeternum; 
Rom.  IX  33  et  omnis,  qui  credit  in  eum, 
non  confundetur;  Alcvin.  I  279  v.  116 
in  domino  sperans  malus  confunditur 
umquam;  vgl.  Petr.  I  2,  6  und  Jes.  28, 16. 

III,  4.  2 


18  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Vota  precesque  pias,  mage  sed  sustolle  iacentem, 
Corde  tibi  ut  relevato  omni  spes  fida  redundet. 


31  mage  Dümmler,  magne  H  \\  32  Sic  scripsi,  corde  tibi  utre  leuata  bonis 
spes  fidet  redütet  H,  corda  tibi  ut  relevata  bonisque  fideque  redundent  coni. 
Dümmler,  corde  tibi  ut  relevata  boni  spes  rite  redundet  Traube. 


II. 
Diese  nur  lückenhaft  erhaltene  Inschrift  wurde  für  die  Kirche 
des  Petrus  und  Paulus  in  Salerno  verfaßt  und  ist  uns  nur  von 
Ughelli  (Italia  Sacra  VII  358)  überliefert,  der  sagt:  Ecclesiam  (S.Petri 
et  Pauli  Salernitanam)  luculentissimis  versibus  exornavit  Paulus 
Diaconus,  quorum  aliquos  vetusta  consumpsit  antiquitas;  qui  super- 
fuerunt,  hi  sequuntur: 


Christe  salus,  utriusque  decus,  spes  unica  mundi, 
Duc  et  educ  Clemens,  Arichis  pia  suscipe  vota 
Perpetuumque  tibi  haec  condas  habitacula  templi. 
Regnator  tibi,  summe  decus,  trinominis  ille 
Hebreae  gentis  Solymis  construxit  asylum, 
Pondere  quod  factum  sie  circumsepsit  obrizo; 
Duxit  opus  nimium  variis  sculptumque  figuris 
Brac 


8  Brac<teolis>  Traube. 


1 — 4  utriusque:  Petrus  und  Paulus 
—  spes  unica  mundi:  Der  gleiche  Vers- 
schluß findet  sich  bei  Paulin.  Poet.  1 130 
V.  142   und   Sedul.  carm.  pasch.  I  60  — 


educ  (e);  vgl.  Joh.  10,  3  (Gleichnis  vom 
guten  Hirten).  —  trinominis  (i)  Hebreae 
gentis  =  Israelitae,  Judaei,  Hebraei. 


III. 
Wie  beim  vorausgehenden  Titulus,  so  weist  auch  bei  diesem 
nur  die  Erwähnung  des  Arichis  auf  Paulus  hin  und  läßt  es  als  mög- 
lich erscheinen,  daß  er  der  Verfasser  ist.  Gewichtige  Beweispunkte 
dafür  sind  aber  außerdem  ebensowenig  zu  finden  wie  dagegen.  Die 
Verse  sind  der  St.  Galler  Handschrift  573  saec.  IX — X  entnommen  (7) 
und  stehen  dort  inmitten  einer  kleinen  Sammlung  von  Inschriften, 


Inschriften  auf  die  Bauten  des  Arichis. 


19 


von  denen  nur  die  zwei  ersten  (V,  n  und  lll)  wahrscheinlich  pauHnisch 
sind  (vgl.  Vorbem.  zu  V). 


10 


Haec  domus  est  domini  et  sacri  ianua  regni, 

Huic  properate  viri:  haec  domus  est  domini. 
Hie  deus  ipse  manet  proprie,  qui  semper  ubique  est, 

Currite  huic  populi:  hie  deus  ipse  manet. 
Si  qua  piacla  nocent,  oHm  quae  forte  patrastis, 

En  qui  pellat  adest,  si  qua  piacla  nocent. 
Amne  rigate  genas,  sanentur  ut  ulcera  cordis, 

Ut  Salus  adveniat,  amne  rigate  genas. 
De  bonitate  dei  cuncti  confidite  semper, 

Diffidat  nullus  de  bonitate  dei. 
Mitis  enim  pater  est,  se  numquam  spernit  amantes, 

Qui  bona  dat  gratis,  mitis  enim  pater  est. 
Pectora  vestra  sonent:  „parce  et  miserere,  precamur;" 

„Parce  Arichis,  Christe,"  pectora  vestra  sonent. 


ANTE  FORES  BASILICAE  J  p.  476. 

1  SACRA  IANUA  (der  ganze  Vers  ist  in  Capitalis  geschrieben)  J  \\  2  und 
4  huc  Traube  \\  5  parastis  in  patrastis  corr.  J.  \\  13  und  14  sonet  J  \\  14  parce 
Arichis,   Christe  Dümmler,  parce  xpe  arichis  J,  parce,  <o>  Christe,  Arichis  Traube. 


2  huic  properate:  vgl.  Eug.  Toi.  carm. 
XII  2;  huc  properate  viri  und  Hildr. 
Grabschrift  des  P.  D.  XXXVI  28  huc  pro- 
verasti. 

3  proprie  wird  wohl  besser  zu  manet 


gezogen :  Gott,  der  Allgegenwärtige,  weilt 
besonders  gerne  in  der  Kirche. 

7  amne  rigate  genas  vgl.  Ovid.  ars 
am.  532  imbre  rigante  genas. 


V. 
Andere  Inschriften. 

Während  die  vorausgehenden  Inschriften  durch  ihren  Inhalt 
zweifellos  auf  den  beneventanischen  Hof  hinweisen,  so  veranlaßt 
mich  die  handschriftliche  Überlieferung  zu  der  Annahme,  daß  die 
folgenden  drei  den  langobardischen  betreffen. 

Sie  sind  nämlich  in  der  oben  erwähnten  Leipziger  Handschrift 
(vgl.  Vorbem.  zu  I)  überliefert  und  schließen  die  mit  dem  Loblied  auf 
den  Comersee  beginnende  Sammlung  vorkarolingischer  Gedichte  des 
Paulus  ab.  Dieser  Abschluß  ist  durch  das  am  Ende  der  Kreuzes- 
inschrift stehende  Explicit  auch  äußerlich  angedeutet  und  ich  schied 
deshalb  und  mit  Rücksicht  auf  Form  und  Inhalt  das  sich  anschließende 
Gebet:  Christe,  deas  mundi  (Dümmler  Poet.  aev.  Carol.  I  78)  als  nicht 
paulinisch  aus. 

Da  die  I.  Inschrift,  die  auch  in  der  St.  Galler  Handschrift  899 
inmitten  paulinischer  Gedichte  steht,  sich  unmittelbar  an  das  Epitaph 
der  Königin  Ansa  anschließt,  so  liegt  es  nahe  sie  für  einen  Titulus  der 
betreffenden  Grabkirche  zu  halten.  Die  Inschriften  II  und  III  stehen 
ebenso  vereint  in  der  anderen  St.  Galler  Handschrift  573. 


Multicolor  quali  specie  per  nubila  fulget 
Iris,  caerulei  cum  cingunt  aethera  nimbi. 


ITEM  UERSUS  IN  TRIBUNALI   (diese  Worte  in  L   am  Rand,    teilweise  in 
tironisdien  Noten,  wiederholt)  L  f.  37,  G  p.  12. 
1  fulgit  L  G    \\    2  cerulei  L 


1  fulgit,  V.  4  nitit:  da  sich  bei  Pau- 
lus selten  die  Vertauschung  der  Konjuga- 
tionen findet  (vgl.  XIII  3  und  11;  XXII 
22),  so  wurde  hier,  ebenso  wie  IX  1,  trotz 


der  handschrifthchen  Überlieferung   die 
regelmäßige  Form  eingesetzt. 

2 — 3  Iris  multicolor  vgl.  Sedul.  Poet. 
III   198   V.  6    Multicolor    varians    Iris 


Andere  Inschriften. 


21 


Vel  primum  radios  cum  Titan  spargit  in  orbem, 
Haud  alio  mirum  nitet  hoc  fulgore  tribunal, 
In  quo  terribilis  vultus  dominantis  et  una 
Sanctorum  effigies  pulchre  sub  enigmate  vefnant. 


4  haud]  a  mit  darüber  geschriebenem  e  G 
6  pulchre  LG,  pulchro  Dümmler. 


alio  fehlt  in  G    j    nitit  L  G 


honore  micat.  —  caerulei  cum  cingunt 
aethera  nimbi:  von  den  dunklen  Regen- 
wolken hebt  sich  um  so  strahlender  der 
Regenbogen  ab,  vgl.  zum  Gedanken 
Verg.  Aen.  VIII  622:  qualis  cum  caerula 
nubes  Solis  inardescit  radiis  longeque 
refulget. 

4 — 5  tribunal:  Es  ist  hier  an  ein 
Mosaikgemälde  in  der  Apsis  der  Kirche 
zu  denken,  auf  Goldgrund  Christus  in- 
mitten von  Heiligen.  Nach  den  Worten 
terribilis    vultus    dominantis    ist    anzu- 


nehmen, daß  hier  Christus  als  Richter 
beim  Weltgericht  abgebildet  war.  Chri- 
stus wurde  im  neunten  Jahrhundert  mit 
flammenden  Augen  dargestellt,  vgl.  J. 
V.  Schlosser  (Beiträge  zur  Kunstgeschichte 
aus  den  Schriftquellen  des  frühen  Mittel- 
alters, Sitzungsberichte  der  Wiener  Akad. 
philol.  hist.  Kl.  CXXIII,  1890,  S.  11  ff.).  — 
pulchre  sub  enigmate  vernant  =  in 
schöner  Darstellung  erglänzen  die  Bilder, 
vgl.  Thes.  ling.  Lat.  p.  987,  3.  sub  v. 
aenigma. 


II. 


O  una  ante  omnes  felix  pulcherrima  virgo, 
Quae  lapsum  casto  reparasti  viscere  mundum, 
Posce  deum  natumque,  piis  quem  contines  ulnis, 
Salvet  ut  hanc  proprio  quaesitam  sanguine  plebem. 


ITEM  IN  BASILICA  SCAE  MARIAE  L  f.ZJy,  J  p.  466. 
2  reparasti]   das  erste  r  auf  Rasur  £    1|    3   contenis  J 
salueat  corr.  L    \    sanguine  J. 


4   saluet  ut  aus 


1  vgl.  Verg.  Aen.  III  321  0  felix 
una  ante  alias  Priameia  virgo. 

3  quem  contines  ulnis:  In  der  Apsis 
der  Marienkirche  befand   sich   demnach 


eine  Darstellung  der  Maria  mit  dem  Jesus- 
kind auf  dem  Arm  und  darunter  standen 
diese  Verse  (vgl.  J.  v.  Schlosser  a.  a.  O.). 
4  vgl.  Act.  Apost.  20,  28. 


22 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


III. 


Adam  per  lignum  mortem  deduxit  in  orbem, 
Per  lignum  pepulit  Christus  ab  orbe  necem. 

2. 
Crux  tua,  Christe  potens,  his  sit  protectio  saeptis, 
Ne  lupus  insidians  possit  adire  gregem. 

3. 
Crux  tua,  rex  regum  Christe,  hoc  tueatur  ovile, 
Ne  leo  crudelis  carpere  possit  oves. 


Crux  tua,  lux  lucis,  has  vallet  fulgida  caulas, 
Fundere  ne  serpens  dira  venena  queat. 


ITEM  UERSUS  SUPER  CRUCEM  Z.  /.  37v,  J  p.  466. 

2  lignum  aus  dignum  corr.  J  \\  Überschrift  von  3,  4  (rechts  neben  2)  ITEM 
ALITER  (ALIAZ)  JI  ||  3  septis  J  \\  Überschrift  von  5,  6  (rechts  neben  4)  ITEM 
ALITER  (At  L)  J  L  ||  5  vor  ouile  ein  Wort  (etwa  obile^  radiert  L  \\  Überschrift 
von  7,  8  (rechts  neben  6;  ITEM  ALITER  J  L    \\    nadi  8  EXPt  L. 


1  Adam  per  lignum  mortem  de- 
duxit: vgl.  zum  Gedanken  Theod.  I  451 
V.  295  Ligno  mors  subiit,  redit  et  vita 
inclyta  ligno  und  besonders  Alcvin.  I  337 


V.  5 — 8 :  Mors  mala  per  hominem  para- 
disi  ex  arbore  fluxit.  Per  tactum  ligni 
paradisum  clauserat  Adam,  Perque  cru- 
cis  lignum  Christus  reseravit  Olimpum. 


VI. 
Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt. 

In  diesem  und  dem  folgenden  Gedicht  schildert  Paulus  das 
Leben  und  die  Wunder  des  heiligen  Benedikt,  wobei  er  sich  an  das 
zweite  Buch  der  593  verfaßten  Dialoge  Gregors  eng  anschließt.  Die 
Kenntnis  dieses  zweiten  Buches  (zuletzt  herausgegeben  von  J.  Cozza- 
Luzi,  Historia  S.  Benedicti,  Grottaferrata  1880,  und  Mittermüller, 
Gregorii  dialogorum  lib.  II,  Regensburg;  Auszüge  in  SS.  Langob.) 
ist  zum  Verständnis  beider  Gedichte  notwendig.  Einigermaßen 
brauchbar  sind  die  Glossen  von  Händen  des  XI.  und  XII.  Jahr- 
hunderts am  Rand  der  vatikanischen  Handschrift  Reg.  lat.  801  saec.  X, 
in  denen  eine  Vergleichung  mit  Gregor  schon  durchgeführt  ist.  Sie 
werden  über  dem  kritischen  Apparat  nach  den  Angaben  Dümmlers 
abgedruckt  werden. 

Beide  Gedichte  führen  uns  in  das  Kloster  Montecassino,  das 
nach  der  Zerstörung  durch  die  Langobarden  im  Jahre  581  und  nach 
der  717  erfolgten  Neubesiedlung  in  den  Jahren  720 — 883  zu  hoher 
Blüte  gelangte  und  sich  zu  einem  bedeutenden  Kulturzentrum  erhob 
(vgl.  Traube,  Textgesch.  der  Regula  S.B.  S.  29  und  97). 

Die  Frage,  wie  und  wann  Paulus  nach  Montecassino  kam,  fand 
bis  jetzt,  wie  man  aus  Abel  (I  413  Anm.  5)  ersehen  kann,  eine  ver- 
schiedenartige Beantwortung.  Gewöhnlich  wird  die  Meinung  vertreten, 
Paulus  habe  durch  die  traurigen  politischen  Verhältnisse  veranlaßt  die 
Stille  des  Klosters  aufgesucht.  Faßt  man  aber  seine  Beziehungen 
zum  langobardischen  Hof  näher  ins  Auge,  so  wird  es  klar,  daß  er 
nicht  dem  Drange  seines  Herzens,  sondern  dem  Zwange  der  Not- 
wendigkeit folgend,  nach  Montecassino  ging,  daß  dieses  Kloster  also 
der  Ort  seiner  Verbannung  war. 


24  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Die  Berufung  des  Paulus  zum  Lehrer  der  Prinzessin  Adelperga 
beweist,  wie  hoch  ihn  Desiderius  schätzte.  Ohne  auf  das  Zeugnis  des 
Salernitaners  (praeclams  atque  carus  ab  ipso  rege  et  ab  omnibus 
erat,  In  tantum  ut  ipse  rex  in  omnia  archana  verba  consiliariam 
eum  haberet)  Wert  zu  legen  kann  man  annehmen,  daß  Paulus  auch 
in  poHtischen  Dingen  zu  den  einflußreichsten  Ratgebern  des  lango- 
bardischen  Königs  gehörte. 

Als  im  Jahre  763  in  Italien  tiefer  Friede  herrschte  (vgl.  II  9 
alta  pace  nunc  exultat  Ausonia  regio),  da  bedurfte  der  König  seiner 
nicht  und  Paulus  konnte  dem  Herzogspaar  in  Benevent  seine  Dienste 
widmen.  Mit  dem  Jahre  769  aber  beschäftigten  hochpolitische  Fragen 
den  langobardischen  Hof;  galt  es  doch  zwischen  dem  Papst  und  den 
Franken  eine  solche  Stellung  einzunehmen,  daß  unter  Vermeidung 
ernstlicher  Verwicklungen  Desiderius  sein  Ziel,  die  Erweiterung  der 
langobardischen  Macht  in  Italien,  stets  im  Auge  behalten  konnte  (vgl. 
Abel  I  65  ff.).  Das  Jahr  770  brachte  die  Vermählung  Karls  mit  einer 
Tochter  des  Desiderius,  die  aber  im  nächsten  Jahr  aus  politischen 
Gründen  wieder  gelöst  wurde.  In  jenen  für  sein  Land  und  seine 
Familie  so  schweren  Zeiten  hatte  der  König  ohne  Zweifel  den 
Paulus  unter  seinen  Räten,  ihn,  den  Geburt,  Bildung,  Stellung 
und  besonders  freundschaftliche  Beziehungen  zur  königlichen  Familie 
mehr  als  andere  dazu  geeignet  erscheinen  ließen  die  Verhand- 
lungen zu  leiten,  die  hauptsächlich  mit  dem  heiligen  Stuhl  geführt 
werden  mußten. 

Demnach  ist  es  wahrscheinlich,  daß  Paulus  im  Jahre  769  Bene- 
vent wieder  verließ  und  sich  in  Pavia  befand.  Sicherlich  gehörte  er 
damals,  als  die  Feindseligkeiten  zwischen  Karl  und  Desiderius  schließ- 
lich zum  Kampf  führten,  zu  den  rührigsten  Gegnern  des  Franken- 
königs und  stritt  für  seinen  König  und  die  langobardische  Sache, 
wenn  auch  nicht  mit  dem  Schwerte,  so  doch  mit  Waffen,  mit  denen 
der  gebildete,  von  Patriotismus  erfüllte  und  einflußreiche  Mann  dem 
Gegner  ebenso  empfindlichen  Schaden  zufügen  konnte. 

So  ist  es  erklärlich,  daß  nach  dem  Fall  Pavias  im  Juli  774,  der 
dem  Herrn  die  Verbannung  brachte,  auch  den  Berater  und  Mitstreiter 
das  gleiche  Los  traf.  Er  mußte  als  Verbannter  in  Montecassino  leben 
und  wählte  sich  nicht,  wie  einige  behaupten,  aus  Schmerz  über  den 
Fall  seines  Volkes  oder  aus  Überdruß  am  weltlichen  Leben  dieses 
Kloster  zum  Aufenthaltsort.  Sowohl  das  vorliegende  Gedicht  als 
auch  VIII  enthalten  Andeutungen,  die  unsere  Behauptung  noch  weiter 
stützen  werden. 


Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt.  25 

Die  Entstehung  beider  Loblieder  auf  den  heiligen  Benediktus 
(VI  und  VII)  fällt  wohl  in  die  erste  Zeit  seines  Aufenthaltes  in  Monte- 
cassino,  also  kurz  nach  774.  Noch  hat  er  sich  mit  dem  Wechsel 
seiner  Lebensverhältnisse  nicht  befreundet,  noch  fühlt  er  sich  als 
hilfloser  Verbannter,  noch  hängt  er  mit  ganzer  Seele  an  seiner 
schönen  Vergangenheit.  Weit  ist  er  noch  entfernt  von  besonderen 
Studien  über  die  Geschichte  des  Klosters,  wie  er  sie  später  anstellte. 
Außer  Gregor  kennt  er  nur  das  Gedicht  des  Marcus  (vgl.  Traube, 
Textgeschichte  S.  100).  Auch  metrische  Verstöße  verraten  deutlich 
den  Anfänger. 

In  der  Historia  Langobardorum  schickt  Paulus  dem  ersten  Lob- 
lied folgende  Einleitung  voraus: 

Diebas  lustiniani  orthodoxi  imperatoris  beatas  Benedictas  pateVy 
qvd  monachomm  regalam  institait  et  prius  in  locOy  qal  Sublacus 
dicitur,  qai  ab  arbe  Roma  quadraginta  milibus  abest,  et  postea  in 
Castro  Casino,  quod  Arx  appellatiir,  et  magnis  vitae  meritis  et 
apostolicis  virtutibas  falsit.  Cuius  vitam,  sicat  notam  est,  beatas 
papa  Gregorias  in  suis  dialogis  suavi  sermone  composuit.  Ego 
quoque  pro  parvitate  ingenii  mei  ad  honorem  tanti  patris  singula 
eius  miracula  per  singula  distica  elegiaco  metro  contexui. 

Von  dem  Schluß  des  Gedichtes  (von  v.  127  an)  liegt  uns  eine 
dreifache  Fassung  vor.  Die  ursprüngliche,  d.  h.  diejenige,  in  welcher 
Paulus  am  Beginn  seines  ersten  Aufenthaltes  in  Montecassino  das 
Loblied  abfaßte,  haben  wir  in  P  vor  uns  und  in  der  Leidener  Hand- 
schrift Voss.  lat.  Q.  15  saec.  X(a).  Dafür  spricht  nicht  nur  die  große 
Bedeutung,  die  P  für  die  Oberlieferung  der  paulinischen  Gedichte 
hat,  von  denen  eine  große  Anzahl  in  fast  fehlerfreiem  Texte  erhalten 
ist,  sondern  auch  der  Inhalt.  Die  Verse  127 — 130  gehören  an  die 
Stelle,  wo  sie  in  P  stehen,  was  ein  Vergleich  des  Gedichtes  VII  mit 
dem  unsrigen,  seiner  Vorlage,  deutlich  beweist,  und  die  Verse  131 
bis  138  bilden  einen  zum  Ganzen  passenden  Abschluß  (vgl.  Anm.). 

Die  zweite  Fassung,  bei  welcher  die  Verse  127 — 130  und  135 
bis  138  weggelassen  sind,  stammt  auch  von  Paulus.  Als  er  das 
Loblied  in  die  Hist.  Lang,  aufnahm,  ließ  er  das  Gebet  für  die 
Klosterbrüder  und  für  seine  Persönlichkeit  aus  leicht  erklärlichen 
Gründen  weg. 

Weniger  leicht  läßt  sich  die  Entstehung  der  dritten  Fassung  er- 
klären. Man  möchte  zuerst  daran  denken,  daß  Paulus,  der  jedenfalls 
alle  seine  Gedichte  an   den  Hof  Karls  mitnahm,   diese  Zusätze  und 


26  I^arl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Änderungen  vornahm,  bevor  er  sie  vorlegte.  Dagegen  sprechen 
stiHstische  Erwägungen.  Auch  kann  man  schwerHch  annehmen,  daß 
er  den  gleichen  Schluß,  den  er  bei  einem  andern  vorgelegten  Gedicht 
(auf  den  Comersee  I)  verwendet  und  durch  Hinzusetzung  von  zwei 
neuen  Versen  erweitert  hatte,  nun  bei  diesem  wiederholte. 

Wahrscheinlicher  ist,  daß  ein  Mönch  in  Montecassino  zur  Ab- 
fassung eines  größeren  Gebetes  an  den  heiligen  Benedikt  aus  der 
ursprünglichen  Fassung  die  Verse  127 — 130  und  135 — 138  heraus- 
nahm, die  Verse  139 — 152  hinzudichtete  und  zum  Abschluß  des 
Ganzen  die  Schlußverse  des  Lobliedes  auf  den  Comersee  (vgl.  Anm. 
zu  I  v.  27 — 30)  verwendete,  veranlaßt  durch  den  gleichlautenden  An- 
fang. Möglicherweise  wollte  er  auch  dadurch  den  Glauben  hervor- 
rufen, als  sei  es  ein  selbständiges  Gedicht  des  Paulus.  Würden  die 
Handschriften,  in  denen  diese  dritte  Fassung  überHefert  ist,  nicht  dem 
IX.  und  XI.  Jahrhundert  angehören,  so  hätte  man  an  Petrus  diaconus 
Casinensis  als  Verfasser  denken  können.  Allein  auch  sonst  hat  man 
in  Montecassino  an  dem  vorhandenen  literarischen  Besitzstande  in 
ähnlicher  Weise  herumgearbeitet.  Vgl.  Traube  Poet.  III  393  über  die 
Gedichte  des  Bertharius. 

Im  Apparat  wird  die  erste  Fassung  (P  a)  als  I  zusammen- 
gefaßt. Wenn  oben  vorausgesetzt  wurde,  daß  P  eine  besonders 
gute  und  alte  paulinische  Tradition  darstellt,  so  gilt  dies  vom  Wort- 
laut im  einzelnen  doch  gerade  in  diesem  Gedicht  nicht  in  gleichem 
Maße.  Es  fehlt  nicht  an  Interpolationen.  Manche  Fehler  erweisen, 
daß  die  Vorlage  in  nicht  allgemein  geläufigen  Zügen  geschrieben  war, 
etwa  spanisch  oder  insular. 

Die  OberHeferung  der  Historia  Langobardorum,  für  die  ich 
mich  auf  Bethmann-Waitz  (M.  G.  SS.  Langob.  et  It.  saec.  VI — IX)  und 
Dümmler  (Poet.  I  36)  stütze,  wird  als  II  aufgeführt.  Sind  einzelne 
Handschriften  oder  Handschriftengruppen  zu  erwähnen,  so  geschieht 
es,  ohne  daß  damit  immer  die  gleichen  bezeichnet  werden,  durch  IIa, 
IIb  u.  s.  w. 

Mit  III  ist  die  Übereinstimmung  der  Handschriften  bezeichnet, 
aus  denen  die  dritte  Fassung  sich  zusammensetzt:  Montecassino  453 
saec.  XI  (=  n),  Montecassino  55  saec.  XI  (—  r),  Casanat.  B  IV.  18 
saec.  IX  (=  t).  Es  versteht  sich,  daß  für  II  und  III  nur  eine  Aus- 
wahl der  Lesarten  zu  geben  war. 


Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt. 


27 


10 


Ordiar  unde  tuos,  sacer  o  Benedicte,  triumphos? 

Virtutum  cumulos  ordiar  unde  tuos? 
Euge  beate  pater,  meritum  qui  nomine  prodis! 

Fulgida  lux  saecli,  euge  beate  pater! 
Nursia,  plaude  satis  tanto  sublimis  alumno; 

Astra  ferens  mundo,  Nursia,  plaude  satis. 
O  puerile  decus,  transcendens  moribus  aevum, 

Exsuperansque  senes,  o  puerile  decus. 
Flos,  paradise,  tuus  despexit  florida  mundi; 

Sprevit  opes  Romae  flos,  paradise,  tuus. 
Vas  pedagoga  tulit  diremptum  pectore  tristi; 

Laeta  reformatum  vas  pedagoga  tulit. 


Gregor.  Dial. 
LH. 


c.  1 


Glossen  in  Reg.  lat.  801 
attulit  —  diremptum]  scissum. 


11  vas]  capisterium  —  pedagoga]  nutrix  — tulit] 


UERSUS  IN  LAUDE  SCI  BENEDICTI  P  f.  130. 

2  cumulos  I!  III  Püiulos  A   ll    5  6  gaude  P  ||  7  aeuum  I III,  annos  II  (+  r). 


In  der  Einleitung  (oben  S.  25)  wurde 
magnis  vitae  meritis  eingesetzt  mit  Rück- 
sicht auf  Gesta  episcoporum  Mettensium 
(SS.  II  262)  magnis  in  vita  meritis  (vgl. 
Ausg.  der  Hist.  Lang,  von  Waitz). 

1  Paulus  beginnt  das  Loblied  auf 
den  Comersee  mit  den  gleichen  Worten 
wie  das  auf  den  heiligen  Benedikt.  Dahn 
geht  zu  weit,  wenn  er  sagt  (S.  66) :  'Es 
wäre  dem  frommen  Sinn  unseres  Paulus 
wie  Blasphemie  erschienen  seinen  heili- 
gen Vater  und  einen  profanen  See  mit  den 
nämlichen  Worten  anzusingen'.  Unmöglich 
kann  man  diesen  Punkt  als  entscheidenden 
Beweis  anführen,  daß  Paulus  nicht  der 
Verfasser  des  Lobliedes  auf  den  Comer- 
see ist.  Der  gleiche  Anfang  mag  seine 
Begründung  darin  finden,  daß  es  sich  in 
beiden  Gedichten  um  ein  Loblied  handelt 
und  daß  er  dort  die  Wunder  der  Schöpfung 
(vgl.  I  28  quae  tam  mira  facis),  hier  die 
des  heiligen  Benedikt  zu  preisen  vorhat 
(vg.  auch  Bem.  zu  Gedicht  I). 

3 — 10  meritum  qui  nomine  prodis: 
Dein  Name  Benedictus  sagt  schon,   daß 


Du  große  Verdienste  hast,  vgl.  Sedul.  carm. 
pasch.  I  185  merito  qui  et  nomine  ful- 
gens;  Anhang  IV  v.  3  nomine,  non  meritis 
Fiducia.  —  plaude  satis  vgl.  Ven.  Fort. 
C.  III,  7,  17  Gallia,  plaude  libens  (dar- 
nach Ermold.  Nig.  Poet.  II  26  v.79  Francia 
plaude  libens).  — puerile  decus  Theod.  I 
558  V.2,  Stat.  Silv.  3,  4,  31  ed.  Vollmer.  — 
transcendens  moribus  aevum:  vgl.  Greg. 
Dial.  II  Einl.  aetatem  moribus  transiens. 
Der  in  v.  7  und  8  ausgesprochene  Gedanke 
findet  sich  auch  bei  Paulus  X  v.  5 — 6  und 
Poet.  II  659  V.  15 — 16  Canitie  cordis  iuve- 
niles vicerat  annos,  Transcendens  sensu 
plurima  iura  senum ;  vgl.  auch  Stat.  silv.  2, 1 , 
40.  —  jlos  despexit  florida  mundi:  solche 
Wortspiele  liebt  Paulus  vgl.  XXXV  v.  16 
Anm.,  vgl.  Greg.  Dial.  II  Einl.  despexit 
iam  quasi  aridum  mundum  cum  flore. 
11  Mit  diesem  Vers  beginnt  die  Auf- 
zählung der  Wunder  des  heiligen  Benedikt; 
die  Hinweise  auf  die  einzelnen  Kapitel 
der  Dialogi  des  Gregorius,  denen  sie 
entsprechen,  habe  ich  wie  Dümmler  auf 
dem  Rand  gegeben. 


28 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


15 


20 


25 


30 


35 


Urbe  vocamen  Habens  tironem  cautibus  abdit; 

Fert  pietatis  opem  urbe  vocamen  Habens. 
Laudibus  antra  sonant  mortaHbus  abdita  cunctis; 

Cognita,  CHriste,  tibi  laudibus  antra  sonant. 
Frigora,  flabra,  nives  perfers  tribus  alacer  annis; 

Temnis  amore  dei  frigora,  flabra,  nives. 
Fraus  veneranda  placet,  pietatis  furta  probantur; 

Qua  sacer  altus  erat,  fraus  veneranda  placet. 
Signat  adesse  dapes  agapes,  sed  lividus  obstat; 

Nil  minus  alma  fides  signat  adesse  dapes. 
Orgia  rite  colit,  CHristo  qui  accommodat  aurem; 

Abstemium  pascens  orgia  rite  colit. 
Pabula  grata  ferunt  avidi  ad  spelea  subulci; 

Pectoribus  laetis  pabula  grata  ferunt. 
Ignis  ab  igne  perit,  lacerant  dum  viscera  sentes; 

Carneus  aetHereo  ignis  ab  igne  perit. 
Pestis  iniqua  latens  procul  est  deprensa  sagaci; 

Non  tulit  arma  crucis  pestis  iniqua  latens. 
Lenia  flagra  vagam  sistunt  moderamine  mentem; 

Excludunt  pestem  lenia  flagra  vagam. 
Unda  perennis  aquae  nativo  e  marmore  manat; 

Arida  corda  rigat  unda  perennis  aquae. 
Gurgitis  ima,  calibs  capulo  divulse,  petisti; 

Deseris  alta  petens  gurgitis  ima,  calibs. 
lussa  paterna  gerens  dilapsus  vivit  in  aequor; 

Currit  vectus  aquis  iussa  paterna  gerens. 


C.2 


C.3 


c.  4 


C.5 


c.  6 


C.7 


13  Urbe  v.  h.]   Romanus  quasi  nomen  habens  a  Roma  —  cautibus]  rupibus 

—  17  flabra]  ventos  —  19  probantur]  Romani  monachi  —  20  altus]  nutritus  — 
23  orgia]  festa  pro  pasca  posuit  —  accomodat]  sc.  presbiter  —  24  abstemium]  absti- 
nentem —  25  subulci]  pastores  —  26  pabula]  spiritalia  —  ferunt  pro  referunt  — 
27  ignis]  libidinis  —  igne]  urticarum  —  sentes]  Spinae  —  31  flagra]  flagella  — 
mentem]  monachi  vagae  mentis  —  32  pestem]  demonis  —  33  marmore]  petra  — 
35  calibs]  ferrum  —  capulo]  manubrio  —  divulse]  excusse  —  37  gerens]  Placidus 

—  dilapsus]  tractus  ab  unda  —  38  currit]  Placidus. 

13  tyronem  P  \\  17  alacer  I  (-{-  n  D  impiger  II  (+  t)  \\  18  tempnis  II 
III  (+  A)  II  21  Signa  in  signat  corr.  P  \  libidus  II  |  opstat  P  \\  22  nihil  P  \\ 
35  36  calips  P    \    diuulpse  P   \\    37  currit  in  aequor  r. 


14  fert  pietatis  opem  vgl.  Eug.  Tolet. 
hex.  311  p.  47,  Ven.  Fort.  VI,  3,  16. 

29  sagaci  ist  Dativ,  vgl.  v.  56  nee 


tibi  cernitnr. 

34  unda  perennis  aquae  vgl.  Sedul. 
carm.  pasch.  IV  224. 


Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt. 


29 


Praebuit  unda  viam  prompto  ad  praecepta  magistri; 
40  Cursor!  ignaro  praebuit  unda  viam. 

Tu  quoque,  parve  puer,  raperis  nee  occidis  undis; 

Testis  ades  verax,  tu  quoque,  parve  puer. 
Perfida  corda  gemunt  stimulis  agitata  malignis; 
Tartareis  flammis  perfida  corda  gemunt. 
46      Fert  alimenta  corax  digitis  oblata  benignis; 
Dira  procul  iussus  fert  alimenta  corax. 
Pectora  sacra  dolent  inimicum  labe  peremptum; 

Discipuli  excessum  pectora  sacra  dolent. 
Lyris  amoena  petens  ducibus  comitaris  opimis; 
50  Caelitus  adtraheris  Lyris  amoena  petens. 

Anguis  inique,  iuris,  luco  spoliatus  et  aris; 

Amissis  populis,  anguis  inique,  furis. 
Improbe  sessor,  abi,  sine  dentur  marmora  muris; 
Cogeris  imperio;  improbe  sessor,  abi! 
55      Cernitur  ignis  edax  falsis  insurgere  flammis; 

Nee  tibi,  gemma  micans,  cernitur  ignis  edax. 
Dum  struitur  paries,  lacerantur  viscera  fratris; 

Sospes  adest  frater,  dum  struitur  paries. 
Abdita  facta  patent,  patulo  produntur  edaces; 
60  Muneris  accepti  abdita  facta  patent. 

Saeve  tyranne,  tuae  frustrantur  retia  fraudis; 
Frena  capis  vitae,  saeve  tyranne,  tuae. 


c.  8 


c.  10 


c.  11 


c.  12.  13 


c.  14 


Glossen  in  Reg.  lat.  801   —  39  prompto]  oboedienti  —  40   cursori]  Mauro 

—  43  corda]  Florentii  presbiteri  —  45  corax]  corvus  —  46  fert]  proicit  —  47  ini- 
micum] Florentium  —  labe]  casu  solarii  —  48  excessum]  sc.  sui  Mauri,  cum  de 
inimici  morte  exultavit  —  49  Lyris]  nomen  fluminis  Cassiniensis  —  opimis]  duobus 
angelis  —  51  aris]  altaribus  —  52  populis]  paganis  —  53  marmora]  saxa  —  muris] 
officinarum  —  54  imperio]  Benedicti  —  56  tibi]  a  te  —  micans]  pater  Benedicte 

—  59  facta]  eorum,  qui  cibum  contra  regulam  sumpserunt  —  patulo]  aperte  — 
60  accepti]  epularum  et  potuum  —  61  tyranne]  Totila  —  62  frena]  terminos,  quia 
novem  annis  regnas,  decimo  morieris. 

39  40  prebuit  (nicht  selten  e  für  ae)  P  \  promto  P  \\  43  corda  fehlt 
P  II  48  excessum  //  ///,  excessu  /  i|  51  luco  I  (-f  TT  ^),  lucos  II«,  loco  II  (-|- 
r)    II    53  Inprobe  P   \\    53  54  sersor  P   \\    58  Sospis  P   i|    62  seue  aus  seuae  P. 


45 — 46  dira  alimenta:  heiligen 
Schauer  erregend,  vgl.  Verg.  Aen.  VIII  350 
dira  religio  loci. 

50  Lyris  amoena  petens:  die  Ver- 
wendung des  Neutr.  plur.  an  Stelle  eines 


Substantivs   ist   in  diesem   Gedicht   be- 
sonders häufig. 

55  ignis  edax  Verg.  Aen.  II  758.  — 
gemma  micans  Paul.  X  v.  2. 


30 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


65 


70 


75 


80 


Moenia  celsa  Numae  nullo  subruentur  ab  hoste; 

Turbo,  ajt,  evertet  moenia  celsa  Numae. 
Plecteris  hoste  gravi,  ne  lites  munus  ad  aram; 

Munera  fers  aris;  plecteris  hoste  gravi. 
Omnia  saepta  gregis  praescitum  est  tradita  genti; 

Gens  eadem  reparat  omnia  saepta  gregis. 
Fraudis  amice  puer,  suado  captaris  ab  ydro; 

Ydro  non  caperis,  fraudis  amice  puer. 
Mens  tumefacta,  sile  tacita  et  ne  carpe  videntem; 

Cuncta  patent  vati;  mens  tumefacta,  sile. 
Pellitur  atra  fames  delatis  caelitus  escis; 

Nilominus  mentis  pellitur  atra  fames. 
Pectora  cuncta  stupent,  quod  eras  sine  corpore  praesens; 

Quod  per  visa  monens,  pectora  cuncta  stupent. 
Vocis  ad  imperium  tempnunt  dare  frena  loquelis; 

E  bustis  fugiunt  vocis  ad  imperium. 
Vocis  ad  imperium  sacris  non  adesse  sinuntur; 

Intersunt  sacris  vocis  ad  imperium. 
Tellus  hiulca  sinu  corpus  propellit  humatum; 

lussa  tenet  corpus  tellus  hiulca  sinu. 


c.  II 


c.  16 


c.  17 


c.  18 


c.  20 


c.  21 


c.  22 


c.  23 


c.  24 


Glossen  in  Reg.  lat.  801  —  63  Numae]  Romae,  Roma  a  gentibus  non  exter- 
minabitur  —  64  turbo]  tempestates  —  ait]  sc.  Benedictus  —  65  aram]  clerice,  a 
demonio  libera  te  —  66  gravi]  postponens  imperium  viri  dei  —  67  genti]  sc.  Lango- 
bardorum  —  68  gens]  sc.  Langobardorum,  ut  in  sequentibus  invenitur  per  Petronacem 
civem  Brexianum  monachum  apud  Cassinum  effectum  —  69  puer]  qui  flascones  a 
domino  suo  attulerat  —  suado]  suadenti  —  ydro]  serpente  —  71  tumefacta]  superbi 
pueri  —  ne  carpe]  pro  'ne  carpas'  —  videntem]  sc.  abscondita  tua  —  73  escis]  in- 
certum  quibus  deferentibus  ducentos  farinae  modios  —  74  mentis]  fratrum,  qui 
dubitaverant  —  75  praesens]  quando  fabricam  monasterii  in  visu  fratribus  apparens 
disposuit  —  76  visa]  i.  e.  per  visum  —  77  loquelis]  sanctimoniales  —  78  imperium] 
diaconi  —  79  sacris]  missarum  sollempniis  —  80  imperium]  patris  Benedict!  — 
81  hiulca]  patefacta  —  sinu]  sc.  suo. 


63   subruentur  P  II  (+  r)   euertentur  A  H  ^    11    64  allidet  //  ///,  euertet  / 
{+  uertet  //«  und  auertet  IIb)  —  67  68  septa  P   \\    71  carpe  /////,  caspe  /  ]    silet 
acita   in   sile   tacita   corr.  P    \\    73   delatis   aus   delatus    corr.  P    \     aescis  P    \\ 
75  praeses  P   \\    77  loquilis   aus  loquillis  corr.  P   \\    79  80  gleichzeitig  am  Rand 
nachgetragen  P   \\    79  non  adesse  P,  non  esse  //  ///,  nee  adesse  A ;  vgl.  87. 


63   Paulus   sprach  vielleicht   ae   in 
subruentur  einsilbig. 

65  ne  lites:  i  hier  lang. 

74  nilominus:  o  ist  hier  kurz  gebraucht. 


79  Es  sieht  fast  so  aus,  als  habe 
hier  und'  v.  87  Paulus  ursprünglich  non 
gemessen,  vgl.  handschriftl.  Überl. 


Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt. 


31 


85 


90 


95 


100 


105 


Perfidus  ille  draco  mulcet  properare  fugacem; 

Sistit  iter  vetitum  perfidus  ille  draco. 
Exitiale  malum  capitis  decussit  honorem; 

It  procul  imperiis  exitiale  malum. 
Fulva  metalla  pius,  non  habens  promittit  egenti; 

Caelitus  excepit  fulva  metalla  pius. 
Tu  miserande,  cutem  variant  cui  fella  colubrae, 

Incolumem  recipis,  tu  miserande,  cutem. 
Aspera  saxa  vitrum  rapiunt  nee  frangere  possunt; 

Inlaesum  servant  aspera  saxa  vitrum. 
Cur,  promoconde,  times  stillam  praebere  leciti? 

Dolia,  cerne,  fluunt;  cur,  promoconde,  times? 
Unde  medela  tibi,  spes  est  cui  nulla  salutis? 

Qui  semper  perimis,  unde  medela  tibi? 
A  lacrimande  senex,  hostili  concidis  ictu, 

Ictu  sed  resipis,  a  lacrimande  senex. 
Barbara  lora  manus  ignaras  criminis  arcent; 

Sponte  sua  fugiunt  barbara  lora  manus. 
Ille  superbus  equo  reboans  clamore  minaci, 

Stratus  humi  recubat  ille  superbus  equo. 
Colla  paterna  ferunt  extincti  viscera  nati; 

Viventem  natum  colla  paterna  ferunt. 
Omnia  vincit  amor:  vicit  soror  imbre  beatum; 

Somnus  abest  oculis:  omnia  vincit  amor. 


c.  25 


c.  26 


c.  27 


c.  28 


c.  29 


c.  30 


c.  31 


c.  32 


c.  33 


Glossen  in  Reg.  lat.  801  —  83  mulcet]  suadet  —  fugacem]  fratrem  —  84  sistit] 
pro  'iubet*  —  85  malum]  leprosi  —  86  imperiis]  sc.  patris  —  87  fulva]  duodecim 
solidos  —  88  excepit]  super  arcam  monasterii  —  89  cui]  ei,  qui  venenum  accepisti 
—  91  vitrum]  ampullae  —  93  promoconde]  cellarari  —  stillam]  olei  —  lechiti]  i.  e. 
ex  lechito  —  95  In  modum  medici  pergebat  ad  fratres  potionem  eis  dare  —  97  hostili] 
demonico  —  ictu]  dum  hauris  aquam  —  98  ictu]  alapa  —  99  barbara]  Zallae  — 
lora]  ligamina  —  manus]  rustici  innocentis  —  100  sponte  sua]  nemine  solvente  — 
manus]  nofnts  {?)  —  101  ille]  Zalla  —  103  paterna]  rustici  —  ferunt]  apportant  — 
104  ferunt]  reportant  —  105  vinxit]  retinendo  —  beatum]  fratrem. 

84  Sistud  P  11  86  Id  P  jj  87  non  habens  /,  nee  habet  //  ///;  vgl.  79  |1 
89  fella  //  ///,  feile  /  (+  IIa)  \  colobre  /  |1  90  Incolomem  P  \\  93  leciti  /, 
lechiti  /////  11  95  96  medella  /  1|  96  perimis  /////,  perimes  /,  retines  //«,  metuis 
//ö,  times  IIc    11    98  miserande  P   \\    105  uinxit  soror  P. 


83  perfidus  ille  draco  Sedul.  carm. 
pasch.  II  8. 

93  promocondus  Kellermeister.  — 
lediiti  mit  kurzem  e  gebraucht,  entstanden 
aus  Xijxv&og  der  Krug;  der  Vers  wird  von 


Micon  schon  im  Jahre  825  zitiert  (Poet. 
III  287):  Cur  proconde  times  stillam 
praebere  lechito. 

105  omnia  vincit  amorV^rg.  Ecl.X  69. 


32 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


110 


115 


120 


125 


Simplicitate  placens  instar  petit  alta  columbae; 

Regna  poli  penetrat  simplicitate  placens. 
O  nimis  apte  deo,  mundus  cui  panditur  omnis, 

Abdita  qui  lustras,  o  nimis  apte  deo. 
Flammeus  orbis  habet  iustum  super  aethera  nantem; 

Quem  pius  ussit  amor,  flammeus  orbis  habet. 
Ter  vocitatus  adest  testis  novitatis  habendus; 

Carus  amore  patris  ter  vocitatus  adest. 
Dux  bone,  bella  monens  exemplis  pectora  firmas; 

Primus  in  arma  ruis,  dux  bone,  bella  monens. 
Congrua  signa  dedit  vitae  consortia  linquens; 

Ad  vitam  properans  congrua  signa  dedit. 
Psalmicen  assiduus  numquam  dabat  otia  plectro; 

Sacra  canens  obiit  psalmicen  assiduus. 
Mens  quibus  una  fuit,  tumulo  retinentur  eodem; 

Gloria  par  retinet,  mens  quibus  una  fuit. 
Splendida  visa  via  est,  facibus  stipata  coruscis; 

Qua  sacer  ascendit,  splendida  visa  via  est. 
Rupea  saepta  petens  nancta  est  errore  salutem; 

Errorem  evasit  rupea  saepta  petens. 


c.  34 


c.  35 


c.  36 


c.  37 


c.  38 


Glossen  in  Reg.  lat.  801  —  107  placens]  beata  Scolastica  —   109  apte]  care 

—  110  lustras]  sub  uno  solis  radio  —  111  orbis]  sy<d>era  ignea  —  nantem]  euntem: 
metafora  —  112  ussit]  arsit  —  amor]  dilectionis  dei  —  113  adest]  Servandus  dia- 
conus —  115  firmas]  scribendo  monachorum  regulam  —  116  ruis]  exemplis  facto- 
rum  —  117  Signa]  transitus  sui  —  vitae]  huius  —  118  vitam]  caelestem  —  119 
psalmicen]  psalmos  canens  —  plectro]  linguae  —  120  canens]  inter  verba  orationis 

—  124  sacer]  Benedictus  —  125  septa]  speluncae  illius  —  est]  mulier  —  126  er- 
rorem] demonis. 

Unterschiede  der  drei  Fassungen  in  der  Anordnung  des  Sdilusses  von  t;.  127 
an:  I  ordnet,  wie  unser  Text  gibt,  nur  fehlen  v.  139 — 154  ^135 — 138  stehen  am 
Schluß  der  Seite,  aber  fortlaufend  und  von  gleicher  Hand  gesdirieben  in  P):  in 
II  fehlen  127—130  und  135—154;  ///  ordnet:  131—134,  127—130,  135—154  (aber 
t  gibt  133—138,  127—130,  139—154;. 

109  mundis  P  1|  112  ussit  //  ///,  iussit  /  1|  113  est  in  adest  corr.  P  \\ 
117  linquens  aus  linguens  corr.  P   \\    125  126  septa  P. 


111  super  aethera  nantem  =  vo- 
lantem  vgl.  Verg.  Georg.  IV  59. 

112  quem  pius  ussit  amor  vgl.  Verg. 
Ecl.  II 68, 0  V.  Ep.  IV52  me  tarnen  urit  amor. 

113  ter  vocitatus  vgl.  Ver.  Aen.  VI 
506  ter  voce  vocavi. 


116  in  arma  ruis  vgl.  Verg.  Aen.  II 
353,  XI  886. 

117  vitae  consortia  linquens  vgl. 
Poet.  I  103  V.  27,  Paul.  VIII  1  angustae 
vitae  consortia. 


Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt. 


33 


130 


135 


Nunc,  venerande  pater,  cunctis  celeberrime  saeclis, 

Mitis  adesto  gregi  nunc,  venerande  pater. 
Funde,  benigne,  preces  validas,  quo  noxia  vitet; 

Quo  vitam  capiat,  funde,  benigne,  preces. 
Poemata  parva  dedi  famulus  pro  munere  supplex. 

Exsul,  inops,  tenuis  poemata  parva  dedi. 
Sint,  precor,  apta  tibi,  caelestis  tramitis  index, 

O  Benedicte  pater,  sint,  precor,  apta  tibi. 
Vincula  solve  mei  solita  virtute  piacli; 

Pectoris  et  plectri  vincula  solve  mei. 


Glossen  in  Reg.  lat.  801  —  131  poemata]  sc.  ubi  (?  Vollmer  coni.  üsi  =  versi) 
—  dedi]  o  Benedicte  —  famulus]  sc.  tuus  ego  Paulus  —  133  tramitis]  regulae  — 
index]  monstrator. 

129  ualidas  quo  noxia  uitet  /,  caueat  quo  noxia  uitae  ///  ll  130  qui  P  \\ 
131   132  dedi  /,  dedit  //  ///. 


129  funde,  benigne,  preces  vgl. 
XXXIX  V.  9  fundito,  quaeso,  preces  be- 
nignus. 

131  poemata  nur  hier  dreisilbig.  — 
dedi  famulus  supplex  vgl.  Paul.  XXXII. 

132  exsul,  inops,  tenuis:  Paulus  fühlt 
sich  als  heimatlos,  verbannt,  da  er  seine 
Heimat  hatte  verlassen  müssen.  Hätte 
er  dies  freiwillig  getan,  etwa  aus  An- 
hänglichkeit an  den  König  Ratchis,  der 
in  Montecassino  als  Mönch  seinen  Wein- 
berg bebaute  (Wattenbach  I  181),  so  hätte 
er  nicht  diese  Worte  gebrauchen,  nicht 
in  dieser  Weise  ein  selbstgewähltes  Los 
beklagen  können.  Ähnlich  äußert  sich 
auch  Theodulf  Poet.  I  563  v.  15,  als  er 
von  seiner  Verbannung  spricht:  exsul, 
inops,  pauper;  mit  inops  meint  Paulus 
seine  Hilf-  und  Mittellosigkeit;  denn  als 
Verbannter  hatte  er  nicht  bloß  seine  Habe 
verloren,  sondern  er  mußte  auch  die 
Verbindung  mit  seinen  Freunden  ab- 
brechen, die  ihm  früher  eine  Stütze  waren, 
wie  mit  dem  Hof  von  Benevent;  mit  tenuis 
will  er  sagen,  daß  er,  der  einst  am  Hofe 
so  großen  Einfluß  hatte,  jetzt  ohne  jeg- 
liche Bedeutung  sei.  In  den  Worten 
exsul,  inops,  tenuis  gibt  Paulus  den 
Grund  an,  warum  seine  Gedichte  unbe- 

Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA 


deutend  sind,  ebenso  wie  er  VIII  4  sagt: 
Musae  .  .  .  pauperiem  fugiunt. 

133  apta  =  accepta  vgl.  v.  109  o  nimis 
apte  deo. 

136 — 137  pectoris  et  plectri:  Im  An- 
schluß an  XXXIV  7  et  cordis  plectro  tu 
die  möchte  man  hier  stellen  et  solve 
vincula  plectri  pectoris  mei,  allein  die 
Pentameter  bringen  fast  durchgängig 
ohne  Verbindung  einen  neuen  Gedanken. 
Paulus  bittet  also,  Benedikt  möge  die 
Bande  seines  Herzens  und  seiner  Zunge 
lösen,  die  ihm  in  seiner  traurigen  Stim- 
mung wie  zugeschnürt  erscheinen  und 
ihn  keine  guten  Gedichte  machen  lassen; 
ein  ähnliches  Bild  bei  Petrus  XXXVIII 
V.  28  nullaque  maeroris  servantur  vin- 
cula cordis;  plectrum  =  lingua  ist  sehr 
häufig,  vgl.  V.  119  und  im  Index  zu  Poet. 
III  p.  810.  —  arce  varias  figuras:  In 
dieser  Bitte,  Benedikt  möge  seinem  Her- 
zen verlockende  Bilder  fernhalten,  sehe 
ich  nicht  eine  übliche  Gebetformel,  son- 
dern das  stillschweigende  Bekenntnis, 
daß  sein  Herz  sich  nach  allem,  was  er 
vor  nicht  langer  Zeit  verlassen  mußte, 
zurücksehnt.  Bestätigt  wird  diese  Auf- 
fassung durch  den  Anfang  des  Gedichtes 
VIII. 

III,  4.  3 


34 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Arce  piis  meritis  varias  a  corde  figuras; 

Desidiam  et  somnos  arce  piis  meritis. 
Currere  cede  viam  tua  per  vestigia  sursum; 
140  Nil  remorante  fide  currere  cede  viam. 

Guttura  Claude  lupi  semper  lacerare  parati; 

Ne  male  me  rapiat,  guttura  Claude  lupi. 
Cor  labiumque  meum  fac  laudent  cuncta  creantem; 

Christum  habeant  semper  cor  labiumque  meum. 
145     Pestifer  ille  draco  mea  ne  procul  intima  turbet 

Nonque  michi  occurrat  pestifer  ille  draco. 
Me  tua  sancta  phalanx  habeat  post  funera  carnis; 

Oro,  ne  excludat  me  tua  sancta  phalanx. 
Omnia  nempe  potes  meriti  pro  lampade  summi; 
150  Magnus  amice  dei,  omnia  nempe  potes. 

Perfice  cuncta,  precor,  per  eum,  quem  semper  amasti; 

Dulcis  amande  pater,  perfice  cuncta,  precor. 
Sit  tibi  laus  et  honor,  pietas  immensa,  per  aevum, 

Qui  tam  mira  facis,  sit  tibi  laus  et  honor. 


140  fidem  TT   II    145  146  draco  TT  T,  latro  ^   H   146  occurrat]  excludat  t. 


138  desidiam  et  somnos:  Seine  un- 
glückliche Stimmung  raubt  ihm  die  Lust 
zu  jeglicher  Tätigkeit.  Wir  sehen  also, 
daß  die  Verse  131 — 138  inhaltlich  zu- 
sammen gehören. 

145  pestifer  ille  draco  vgl.  v.  83 
perfidus  ille  draco. 


147  sancta  phalanx  Poet.  I  83  v.  1, 
vgl.  XXXV  V.  38  peregrina  falanx;  da- 
für steht  öfter  auch  cohors  Alcvin  I  317 
V.  5  sancta  cohors  fratrum,  vgl.  auch 
Paul.  XXVI  26. 


VII. 

Zweites  Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt. 

Paulus  behandelt  hier  den  gleichen  Stoff,  aber  in  jambischen 
Dimetern.  Er  nahm  die  Umarbeitung  vielleicht  deshalb  vor,  damit 
man  die  Wundertaten  des  heiligen  Benedikt  dem  Gedächtnis  leichter 
einprägen  könne. 

Die  Entstehungszeit  des  Gedichtes  liegt  jedenfalls  der  des  vor- 
ausgehenden sehr  nahe.  Paulus  fügte  es  auch  seiner  Hist.  Lang,  ein, 
wo  er  (I  26)  folgende  Worte  vorausschickt:  Hymnum  quoque  singula 
eiasdem  patris  miracula  continentem  metro  iambico  ardiiloico  ita 
texaimas.  Es  ist  nur  durch  die  Hist.  Lang,  auf  uns  gekommen.  Die 
Überlieferung  ist  sehr  gut.  Wir  geben  wie  bei  VI  unter  dem  Text 
nur  die  Erklärungen  des  Reginensis. 

L  Fratres,  alacri  pectore 
Venite,  concentu  pari 
Fruamur  huius  inclitae 
Festivitatis  gaudiis. 

2.  Hac  Benedictus  aurea, 
Ostensor  arti  tramitis, 

Ad  regna  conscendit  pater 
Captans  laborum  praemia. 

3.  Effulsit  ut  sidus  novum 
Mundana  pellens  nubila. 
Aetatis  ipso  limine 
Despexit  aevi  florida. 


2,2  ostensor  arti  tramitis   vgl.  VI 
133  caelestis  tramitis  index. 


2,3   aurea    regna    Poet.  I  92   v.  3, 
Paulin.  Aquil.  I  128  v.  54. 

3* 


36 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


4.  Miraculorum  praepotens, 
Afflatus  Alti  flamine, 
Resplenduit  prodigiis 
Ventura  saeclo  praecinens. 

5.  Laturus  esum  pluribus 
Panis  reformat  vasculum. 
Artum  petens  ergastulum 
Extinxit  ignes  ignibus. 

6.  Fregit  veneni  baiulam 
Crucis  per  arma  cymbiam. 
Coercuit  mentem  vagam 
Leni  flagello  corporis. 

7.  Funduntur  amnes  rupibus. 
Redit  calybs  e  gurgite. 
Currit  per  undas  obsequens. 
Peplo  puer  vitat  necem. 

8.  Virus  patescit  abditum. 
Mandata  praepes  efficit. 
Hostem  ruina  conterit. 
Cedit  fremens  leo  grave. 

9.  Immota  fit  moles  levis. 
Rogus  migrat  fantasticus. 
Fractum  revisit  sospitas. 
Excessus  absentum  patet. 

10.  Rector  vafer,  deprenderis. 
Inique  possessor,  fugis. 
Futura,  praenoscimini ; 
Arcana,  cor,  non  contegis. 


Glossen  in  Reg.  lat.  801  —  5,1  esum]  animae  —  5,2  vasculum]  capisterium 

—  5,3  ergastulum]  heremi  —  5,4  ignes]  luxuriae  —  ignibus]  urticarum  —  6,1  baiu- 
lam] latricem  —  6,2  cymbiam]  fialam  —  6,3  vagam]  monachi  vagi  —  7,2  calybs] 
ferrum  falcastri  —  7,4  peplo]  melote —  8,1  virus]  panis  infecti  —  8,1  abditum]  Floren- 
tium  —  8,2  mandata]  iussa  —  praepes]  corvus  —  8,3  ruina]  solarii  —  conterit]  dat 
locum  malignus  spiritus  —  8,4  grave]  graviter  —  9,1  immota]  supersedente  daemone 

—  moles]  saxi  —  9,2  rogus]  quoquinae  —  9,3  fractum]  conlisum  —  9,4  absentum] 
fratrum,  qui  contra  regulam  cibum  sumpserant  —  10,1  rector]  rex  Totila  —  depren- 
deris] daemon  crudelitatis  eius  anterioris  —  10,3  futura]  novem  annis  regnas. 


4,4  Ventura  saeclo  vgl.  IV  i  22. 

9,2   rogus  fantasticus   nur   in    der 


Phantasie,  nicht  in  Wirklichkeit  bestehend, 
vgl.  VI  55. 


Zweites  Loblied  auf  den  heiligen  Benedikt. 


37 


11.  Fundantur  aedes  somniis. 
Tellus  vomit  cadavera. 
Dracone  frenatur  fugax. 
Aether  pluit  nomismata. 

12.  Vitrum  resistit  cautibus. 
Manant  olivo  dolia. 
Vinctum  resolvit  visio. 
Vitam  receptant  funera. 

13.  Tanti  potestas  luminis 
Voto  sororis  vincitur  — 

Quo  plus  amat  quis,  plus  valet 
Enare  quam  cernit  polum. 

14.  Non  ante  saeclis  cognitum 
Noctu  iubar  effulgurat, 
Quo  totus  orbis  cernitur 
Flammisque  subvehi  pius. 

15.  Haec  inter  instar  nectaris 
Miranda  plectro  damit. 
Nam  pinxit  apte  lineam 
Vitae  sacrae  sequacibus. 

16.  lam  dux  alumnis  at  potens 
Adsis  gregis  suspiriis. 
Gliscat  bonis  ydrum  cavens, 
Sit  callis  ut  sequax  tui. 


11,1  aedes]  monasterii  per  uisum  dispositi   —    11,2  cadavera]  resuscitatorum 

—  11,3  dracone]  correctore  —  frenatur]  castigatur  —  fugax]  sc.  monachus  —  11,4 
nomismata]  duodecim  solides  —  12,1  vitrum]  ampulla  in  saxis  proiecta  —  12,2  olivo] 
oleo  —  12,3  vinctum]  rusticum  —  visio]  orbati  rustici  —   13,2  sororis]  Scolasticae 

—  13,3  quis]  aliquis  —  13,4  Enare]  evolare  —  15,1  haec]  doctrina  —  15,3  lineam] 
iter  —  16,3  ydrum]  diabolum  —  16,4  callis]  itineris. 


13.3  quo  plus  amat  quis,  plus  valet 
vgl.  VI  105  omnia  vincit  amor. 

13.4  enare  quam  cernit  polum  vgl. 
VI  107—108. 

15,1  instar  nectaris  vgl.  XIII  9, 2.  — 
plectro  vgl.  VI  136  Anm. 


15,3  pinxit  apte  lineam,  er  bezeich- 
net die  Regula  S.  Benedict!. 

16,1  iam  dux  adsis  gregis  suspiriis 
vgl.  VI  128  nunc  mitis  adesto  gregi. 

16,3  gliscat  bonis  ydrum  cavens 
vgl.  VI  129. 


VIII. 
An  einen  Freund. 

'Einem  engbegrenzten  Leben  hinter  Klostermauern  kehren  die 
Musen  den  Rücken.  Sie  lieben  es  nur-  auf  Rosenauen  ihr  Spiel  zu 
treiben.  Daher  meine  schlechten  Gedichte  (1 — 7).  Nimm  sie  trotz- 
dem gerne  an  und  sei  überzeugt,  daß  ich  gerade  so  wie  Du  nach 
dem  Himmelreich  trachte  und  in  unwandelbarer  Liebe  Dir  zugetan 
bin  (8—20); 


Der  Harleianus,  der  allein  und  ohne  Angabe  des  Verfassers 
dieses  Gedicht  überliefert,  enthält  noch  andere  als  paulinisch  erkannte 
und  zwar  lauter  solche,  die  der  Zeit  angehören*  die  vor  Paulus' 
Aufenthalt  am  Hofe  Karls  liegt  (vgl.  oben  S.  15).  Noch  mehr  als 
die  Überlieferung  sprechen  aber  Inhalt  und  Form  für  die  Autorschaft 
des  Paulus  Diaconus. 

'Einst  und  jetzt'  könnte  die  Oberschrift  dieses  stimmungsvollen 
Gedichtes  lauten.  Einst  konnte  Paulus  bei  seiner  Stellung  als  Hof- 
geistlicher an  den  Höfen  von  Pavia  und  Benevent  ein  behagliches 
Leben  führen,  konnte,  nicht  durch  strenge  Klosterregeln  gebunden, 
seine  Schritte  lenken,  wohin  er  wollte,  durfte  frei  und  froh  die 
schönen  Gegenden  an  den  Ufern  des  Comersees  durchwandern. 
Jetzt  bannt  ihn  das  Machtwort  Karls  hinter  die  Klostermauern  von 
Montecassino. 

Dieser  Kontrast  seines  gegenwärtigen  Lebens,  mit  dem  er 
sich  noch  nicht  abgefunden,  zu  den  vergangenen  glücklichen  Tagen 
liegt  ihm  schwer  auf  der  Seele  und  erzeugt  jene  Stimmung,  die 
er   auch   in    dem    Gedicht  VI    132    und    135 — 138    zum    Ausdruck 


An  einen  Freund. 


39 


bringt.    Die  ersten  Verse   unseres   Gedichtes    geben   gleichsam    die 

Erläuterung   dazu. 

cassino. 


Es   entstand   nicht    lange    nach    774    in  Monte- 


10 


Angustae  vitae  fugiunt  consortia  Musae 

Claustrorum  saeptis  nee  habitare  volunt, 
Per  rosulenta  magis  cupiunt  sed  ludere  prata, 

Pauperiem  fugiunt  deliciasque  colunt. 
Quapropter  nobis  aversae  terga  dederunt 

Et  comitem  spernunt  me  vocitare  suum. 
Inde  est,  quod  vobis  inculta  poemata  mitto, 

Suscipe  sed  libens  qualiacumque  tarnen. 
Inmodico  flagrat  de  vestro  pectus  amore, 

Crede,  pater,  nostrum,  semper  amande  mihi. 
Et  peream,  si  non  tecum  captare  per  aevum 

Per  domini  munus  regna  beata  volo. 
Hoc  mihi  est  votum,  hoc  fido  pectore  spero, 

Hoc  licet  indignus  nocte  dieque  precor. 


Ohne  Überschrift  H  f.  \. 

1  anguste  (und  so  fast  immer  e  für  ae)  H  \  consorcia  H  \\  2  dubitare  H, 
corr.  Dümmler  \\  5  nobis  aus  vobis  corr.  H  \\  8  sed  H,  Sethe  Traube  \\  14  hoc 
licet  indignus  Wattenbach,  hodie  et  indignos  H. 


1 — 5  angustae  vitae  consortia, 
claustrorum  saeptis,  pauperies:  Damit 
meint  er  sein  Leben  in  Montecassino, 
mit  rosulenta  prata  und  delicias  die 
glücklichen  Tage  am  Hofe,  in  der  Nähe 
des  Comersees.  —  per  rosulenta  prata 
vgl.  Prudent.  Peristeph.  III 199.  —  aversae 
terga  dederunt  vgl.  Verg.  Aen.  IX  686 
versi  terga  dedere. 

8  Die  überlieferte  Lesart  ist  aus 
metrischen  Gründen  nicht  annehmbar; 
es  verbirgt  sich  ein  Eigenname;  Traube 
(Neues  Archiv  XVII  399)  schlägt  suscipe 
Sethe  libens  vor  mit  Hinweis  auf  ein 
Gedicht  Columbans  (M.  G.  Epp.  III  183 
V.  1). 


10 — 14  crede  pater:  Wen  Paulus 
damit  meint,  läßt  sich  nicht  sagen,  man 
kann  nur  aus  der  Erwähnung  des  Rheins 
V.  17  schließen,  daß  der  Angeredete 
sich  in  den  Rheingegenden  aufhält.  — 
per  aevum  ist  nicht,  wie  Wattenbach  tut, 
in  perennis  zu  ändern;  denn  es  ist  ein 
beliebter  Versschluß  vgl.  I  27,  VI  153.  — 
et  peream :  Er  fürchtet  durch  seine  ein- 
leitenden Worte  (v.  1 — 4)  den  Glauben 
erweckt  zu  haben,  als  ob  sein  Herz  an 
weltlichen  Dingen  hänge;  deshalb  diese 
nachdrucksvolle  Beteuerung  (v.  13  und  14); 
vgl.  auch  Paul.  XIII  5,  1.  —  mihi  est: 
In  späteren  Gedichten  ist  der  Hiatus  ver- 
mieden. 


40 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


15      Tu  quoque,  si  felix  vigeas  de  munere  Christi,  — 
Namque  potes  —  misero  redde,  beate,  vicem. 
Ante  potest  flavos  Rhenus  repedare  Suavos 

Ad  fontem  et  versis  pergere  Tibris  aquis, 
Quam  tuus  e  nostro  labatur  pectore  vultus, 
20  Ore  colende  mihi  tempus  in  omne  pater. 


16  potis  H   \\    17  hrenus  H   \\    20  vielleicht  O  recolende  Traube. 


15 — 20  Diese  Verse  finden  sich  mit 
fast  gleichen  Worten  wieder  am  Schlüsse 
des  Briefes  an  Adalhard  XXXI.  —  misero 
redde  vicem  vgl.  XXIX  11  redde  vicem 
misero.   —   quam   tuus  e  nostro  Verg. 


Ecl.  I  59 — 63  entnommen,  vgl.  auch  XL 
9 — 12.  —  Die  Erwähnung  des  Tiber  deutet 
auf  den  Aufenthalt  des  Schreibenden,  auf 
Italien  (Montecassino). 


IX. 
Auf  das  Grab  der  Königin  Ansa. 

'Die  hier  begrabene  Königin  wird  weiterleben,  solange  die  Welt 
steht;  denn  groß  sind  ihre  Verdienste  um  Staat  und  Kirche.  In  den 
Zeiten  der  Not  des  Vaterlandes  stand  sie  hilfreich  ihrem  Gatten  zur 
Seite  (1 — 8).  Sie  ist  die  Mutter  des  Adelchis,  des  Hortes  der 
Langobarden,  und  durch  die  Vermählung  ihrer  Töchter  knüpfte  sie 
Verbindungen  mit  mächtigen  Herrschern  und  Staaten  an  (9 — 14). 
Berühmt  ist  sie  auch  durch  Gründung  von  Kirchen  und  Hospizen. 
In  ihr  vereinigen  sich  die  herrlichsten  Tugenden  (15 — 28).' 


Die  Gemahlin  des  Desiderius  wurde  nach  dem  Berichte  der 
Annalen  im  Jahre  774  mit  ihrem  Gatten  und  einer  Tochter  von  Karl 
in  die  Verbannung  geschickt.  Desiderius  soll  nach  Lüttich  geführt 
und  in  Corbie  an  der  Somme  gestorben  sein  (Abel-Simson  I  194 
Anm.).     Das  Todesjahr  der  Ansa  ist  nicht  bekannt. 

Mit  Haupt  (Opuscula  I  295)  zweifle  ich  nicht  an  der  Autorschaft 
des  Paulus,  trotzdem  Dahn  (Paul.  Diac.  S.  67  und  Allgemeine  Deutsche 
Biogr.  V  73)  sich  entschieden  dagegen  ausspricht.  Abgesehen  von 
stilistischen  Erwägungen  sprechen  dafür  besonders  die  handschriftliche 
Überheferung  (vgl.  meine  Vorbem.  zu  I)  und  die  nahen  Beziehungen 
des  Paulus  zu  der  Tochter  der  Verstorbenen  und  zum  Königshause 
überhaupt. 

Um  die  paulinischen  Epitaphien  richtig  würdigen  zu  können 
muß  man  bedenken,  daß  sich  diese  poetische  Gattung  unter  dem 
Einfluß  griechischer  Vorbilder  entwickelte  und  daß  allmählich  be- 
stimmte Ausdrucksformen  geprägt  wurden,  die  ein  Dichter  vom 
andern  übernahm  (vgl.  Lier,  Topica  carminum  sepulcralium  Latinorum, 
Philologus  XVI   [1903]   S.  445,  563   und   XVII   [1904]   S.  54).     Eine 


42  Karl  Neff,  Gediclitc  des  Paulus  Diaconus. 

Untersuchung  der  zahlreichen  Epitaphien  des  I.  Bd.  der  Poet.  aev.  Carol. 
soll  nun  zeigen,  welche  Grundsätze  bei  der  Anordnung  der  Gedanken 
für  die  Dichter  maßgebend  sind,  welche  Ausdrücke  sich  wiederholen, 
besonders  aber,  welche  Stellung  Paulus  Diaconus  dieser  Tradition 
gegenüber  einnimmt. 

Gewöhnlich  nennt  am  Anfang  des  Epitaphs  der  Dichter  den 
Namen  des  Toten,  der  hier  seine  Ruhe  gefunden,  gibt  dabei  auch 
einige  Andeutungen  über  das  Äußere  des  Grabmals  und  erwähnt 
gerne,  daß  nur  der  Körper  hier  liegt,  die  Seele  aber  schon  zu  den 
Sternen  emporgeeilt  ist: 

Hac  iacet  egregius  nivea  sab  mole  sacerdos  p.  20  v.  7; 

Hac  tamalatur  hämo  .  .  .  Nomen  avis  tribait  p.  103  v.  1 — 2; 

Hlc  Sacra  beatt  membra  Camiani  solvuntur  p.  107  II  v.  1; 

Marmore  Natalis  tegitar  vener abile  corpus  p.  107  III  v.  1; 

Hoc  humata  iacent  Joannis  membra  sepulchro  p.  109  V  v.  1; 

Pallida  sab  parvo  claudantur  membra  sepalcro, 

Ärdua  sed  caeli  spiritus  astra  petit  p.  109  VI  v.  1 — 2; 

Mole  sab  hac  magni  servantur  membra  Qeroldi  p.  114  v.  1; 

Hlc  Gislebertus  praesul  requiescit  humatus, 

Corpus  terra  tegit,  Spiritus  astra  petit  p.  305  v.  1 — 2; 

Mole  sub  hac  tegitur  Chaidocus  iure  sacerdos  p.  365  v.  1 ; 

Hoc  iacet  in  tumulo  Pippinus  p.  405  v.  1 ; 

Aurea  funereum  complectit  littera  Carmen, 

Verba  tonat  fulvus  et  lacrimosa  color  p.  489  v.  1 — 2. 

Bei  der  Darstellungsform  des  Lebensganges  selbst  bedient  sich 
der  Dichter  meist  der  dritten  Person,  springt  aber  oft  in  die  zweite 
über  und  sagt  dem  Toten  gleichsam  seine  Charakteristik  vor: 
'Du  warst  .  .  .,  Du  tatest  dies  oder  jenes  .  .  .'  Nur  in  wenigen 
Epitaphien  (p.  101,  420,  444)  erzählt  der  Tote  selbst  dem  an  seinem 
Grab  Stehenden  seine  Lebensgeschichte.  Er  spricht  wie  aus  dem 
Grab  zu  ihm  heraus,  so  p.  432  v.  1 :  Te  precor  ex  tumulo,  f rater. 

Gewöhnlich  aber  redet  der  Dichter  gleichsam  im  Auftrage  des 
Toten  den  FremdHng  an,  der  auf  seiner  Wanderschaft  an  das  Grab 
kommt,  und  fordert  ihn  auf  Gott  zu  bitten,  daß  er  dem  Toten  gnädig 
sein  möge.  Auch  diese  Darstellungsform  geht  auf  griechische  Vor- 
bilder zurück  (vgl.  Lier  S.  468): 

Tu  quicumque  legis  die  die  'peccata  remitte'  p.  102  v.  22; 

Tu  quicumque  cupis  requies  cognoscere  fratrum. 

Et  loca  quo  quisque  spectat  ab  arce  deum  p.  344  v.  1 — 2; 


Auf  das  Grab  der  Königin  Ansa.  43 

Et  si  forte  cupis  nomen  meritumque  sepulti 

Discere,  tu  poteris  magna  viator  amans  p.  19  v.  5 — 6; 

Same  tarnen  laudes,  quas  Petri  captus  amore 

Extremo  venlens  hospes  ab  orbe  Legat  p.  114  v.  41 — 42; 

Quisquis  legas  versus  devoto  pectore  supplex 

Die  'miserere  deus'  p.  113  v.  25 — 26; 

Quisquis  ab  occasu  venis  huc  vel  quisquis  ab  ortu  p.  108  v.  1; 

Quam  quis  ab  occasu  properans  vel  quisquis  ab  ortu  p.  490  v.  23; 

Quisquis  es  hunc  cernens  titulum,  die  pectore  puro: 

Sit  requies  Uli,  lector  opime,  precor  p.  406  v,  1 — 2; 

Quisquis  es,  'Hadriano',  die,  'sit  amoena  quies'  p.  490  v.  26; 

Pro  peregrino  me,  posco,  precare  tuo  p.  404  v.  16. 

Meist  erklärt  der  Dichter  am  Anfang  oder  Schluß,  daß  er  un- 
fähig sei  alle  Vorzüge  und  Taten  in  würdiger  Weise  zu  preisen: 

Cuius  haud,  lector,  vitam  tibi  prodere  scalptor 

Quit  calibis  stilo,  artatus  marmore  parvo  p.  103  v.  4 — 5; 

Jam  quoniam  digne  non  possumus  omnia  versu 

Promere,  conticeat  nostrae  nunc  fistula  linguae  p.  104  v.  26 — 27; 

Plura  quid  enumerem  sanctis  virtutibus  istis, 

Dicere  quas  nequeo,  scribere  nee  valeo  p.  407  v.  27 — 28; 

Sensus  et  eloquiis  formam  describere  laudis 

Cuius  non  possit  pleniter  ulla  manus  p.  430  v.  7 — 8. 

In  einigen  Epitaphien  nennt  auch  der  Dichter  seinen  Namen 
und  bittet  den  Leser  sich  für  dieses  Gedicht  erkenntlich  zu  zeigen, 
indem  er  für  ihn  bete: 

Post  patrem  lacrimans  Carolus  haec  carmina  scripsi  p.  113  v.  17; 

Hoc  lacrimans  cecini  David  ego  flebile  Carmen  p.  112  v.  27; 

Promere  quae  Carolum  compellit  amorque  dolorque  p.  489  v.  3; 

Nunc  Angilbe rti  carmine  fulget,  amen  p.  366  v.  8; 

Tu  mihi  redde  vicem,  lector,  rogo,  carminis  huius 

Et  die:  'Da  veniam,  Christe,  tuo  famulo'  p.  350  v.  17; 

Sed  iam  posco,  vicem  reddas  mihi  carminis  huius, 

Atque  'Illius',  die,  'miserere  deus'f  p.  420  v.  23 — 24. 

Bei  der  Durchführung  des  Lebensbildes  selbst  beginnen  die 
Dichter  naturgemäß  mit  der  Herkunft  des  Toten,  wobei  sie  mit  Vor- 
liebe hinzufügen,  daß  seine  Taten  noch  edler  waren  als  sein  Ge- 
schlecht: 

Scotia  quem  genuit  p.  365  v.  2; 

Francia  quem  genuit  p.  405  v.  3; 


44  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Nobilis  ex  magna  genitus  iam  gente  parentum, 
Sed  sacrls  longe  nobilior  meritis  p.  113  v.  5 — 6; 
Transcendunt  cuius  gesta  set  alta  genas  p.  430  v.  12. 

Dann  folgt  meist  die  Erwähnung  seiner  körperlichen  Vorzüge, 
von  denen  es  aber  gewöhnlich  heißt,  daß  sie  von  den  Verdiensten 
des  Toten  übertroffen  werden: 

In  specie  pulcher,  nobilior  meritis  p.  405  v.  12; 
Deqae  sua  facie  superabat  lilia  piilchra  p.  405  v.  9; 
Mirandus  specie,  set  plus  mirabilis  actis  p.  430  v.  15. 

Bei  der  Aufzählung  der  geistigen  Vorzüge  lieben  es  die  Dichter 
oft  zwei  Verse  mit  lobenden  Adjektiven  auszufüllen,  besonders  heben 
sie  Bildung  und  Mildtätigkeit  hervor. 

Moribus  et  forma  consilioqae  vigens  p.  111  v.  8; 

Mente  nitens  formaqae  decens  sensuqae  renidens  p.  489  v.  7; 

Eloquio  falgens  .   .  .    Qrammaticae  studio,    metroram   legibus 

aptus  p.  20  V.  9 — 10; 
Eloquio  dulcis,  f actis  probus,  ore  serenus  p.  404  v.  13; 
Alloquio  clarus,  vita  sed  clarior  alma  p.  104  v.  22; 
Nobilis  alloquio,  moribus  nobilior  p.  102  v.  12; 
Grammatica  pollens,  mundana  lege  togatus, 
Divina  instructus  nee  minus  ille  fuit  p.  111  v.  9 — 10; 
Solamen  egenis  p.  107  v.  3; 

Pauperibus  largus,  nulli  pietate  secundus  p.  113  v.  11; 
Rex  bonus  et  placidus,  nulli  bonitate  secundus  p.  405  v.  15; 
Promptus  ad  omne  bonum  an  vielen 'Stellen. 

Bedeutende  Männer  werden  meist  als  Helden,  als  Leuchte, 
Ruhm,  Zierde  und  Hoffnung  ihres  Vaterlandes  gepriesen: 

Helmengaldus  nobilis  heros,   Gloria  qui  patriae  et  decus  omne 

fuit  p.  532  V.  1—2; 
Lumen  erat  patriae  p.  20  v.  17.    Patriae  decus  p.  102  v.  3; 
Unica  spes  patriae,  murus  et  arma  suis  p.  111  v.  4; 
Militibus  periit  murus  et  arma  tuis  p.  112  v.  4; 
Qui  tibi  tutor  opum,  murus  et  arma  fuit  p.  490  v.  28; 
Spes  iam  Samnitis  certa  salutis  erat  p.  430  v.  14; 
Jpse  suae  gentis  spes  requiesque  fuit  p.  430  v.  32. 

SchließUch  spricht  der  Dichter  auch  von  der  Wirkung,  die  der 
Tod  auf  die  Hinterbliebenen  ausübte,  und  bittet  das  Grabmal  nicht 
zu  verletzen: 


Auf  das  Grab  der  Königin  Ansa.  45 

Hanc  flevit  civis,  luxit  peregrinas  et  exter  p.  104  v.  15; 
Hunc  deflet  Italiis  contrito  pectore  Francus  p.  110  v.  13; 
Itala,  Romana  .  .  .   Morte  tua,  prlnceps,  gens  sine  fine  doLet 

p.  431  V.  35—36; 
Ut  nullus  violet  quod  tenet  ipse  solam  p.  20  v.  32; 
Obsecro  nulla  manus  violet  pia  iura  sepulcri  p.  350  v.  19; 
Quem,  peto,  nulla  manus  violet  p.  420  v.  27. 

Untersucht  man  die  Epitaphien  des  Paulus  Diaconus, 
so  findet  man,  daß  die  für  Ansa  und  Sophia  verfaßten  in  Form  und 
Anordnung  der  Gedanken  von  den  übhchen  Darstellungsformen  ab- 
weichen, seine  späteren  aber,  die  am  Hofe  Karls  entstanden,  die 
erwähnten  Eigentümlichkeiten  zeigen.  Diese  beweisen,  daß  auch 
er  sich  der  Vorbilder  bediente,  nach  denen  der  literarische  Kreis 
des  Königs  arbeitete.  Zu  diesen  Vorbildern  gehörte  besonders  das 
Epitaphium  Constantii,  das  in  der  Pariser  Handschrift  528  und  in 
der  St.  Galler  899  neben  Gedichten  überliefert  ist,  die  am  Hofe 
Karls  entstanden  (vgl.  Mommsen  Grabschrift  des  Kaisers  Constantius 
Chlorus,  Hermes,  XXVIII,  1893,  S.  33;  Carmina  epigraphica  ed.  Bücheier 
II  1335). 

Die  Verschiedenheit  der  Grabschrift  für  die  Königin  Ansa  von 
den  untersuchten  liegt  besonders  •  in  der  Anordnung  der  Gedanken. 
Der  Dichter  sagt  nichts  von  ihrer  Abstammung,  wie  es  sonst  am 
Anfang  geschieht,  und  geht  nach  einer  kurzen  Bemerkung  über  ihre 
körperlichen  Vorzüge  (coniux  pulcherrima  v.  3)  sofort  zur  Darlegung 
ihrer  Verdienste  über,  die  er  scharf  in  politische  und  kirchliche  teilt. 
Erst  am  Schluß  kommt  er  mit  wenigen  Worten  auf  ihre  geistigen  Eigen- 
schaften zu  sprechen. 

Über  die  Abfassungszeit  des  Gedichtes  bestehen  verschiedene 
Anschauungen.  Dahn  (S.  68)  und  nach  ihm  Abel  (II  506)  glauben, 
daß  es  noch  zu  Lebzeiten  der  Königin  abgefaßt  worden  sei,  noch 
vor  dem  Untergang  des  langobardischen  Reiches,  und  zwar  zwischen 
770  und  771.  Zu  dieser  Anschauung  sahen  sie  sich  besonders  durch 
die  Verse  12 — 14  veranlaßt,  wo  auf  Karl  als  Schwiegersohn  (770) 
angespielt  ist,  und  Dahn  meint:  „Es  muß  doch  überraschen,  daß 
unter  den  starken  Helden,  den  drei  Eidamen,  auf  welche  Ansa  sich 
stützt,  auch  Karl  genannt  wird,  der  Ansa  nach  Zerstörung  des 
Reiches  mit  ihrem  Gemahl  in  die  Gefangenschaft  geführt  hat,"  und 
an  einer  anderen  Stelle:  „Die  Grabschrift  nennt  Karl,  Ansas  bittersten 
Feind,  ihren  Stützer  neben  denen,  die  es  wirklich  waren,  Arichis  und 
Thassilo". 


46  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Dieser  Sinn  liegt  nicht  in  den  allerdings  etwas  allgemein  ge- 
haltenen Worten:  fortia  natamni  thalamis  slbi  pectora  vinxit. 
Paulus  will  nur  sagen,  daß  Ansa  politisch  wichtige  eheliche  Ver- 
bindungen gestiftet  hat,  und  wenn  er  bei  fortia  pectora  wohl  auch 
in  erster  Linie  an  Arichis  und  Thassilo  dachte,  so  konnte  er  doch 
auch  den  Feind  seines  Volkes  dazu  zählen. 

Auch  die  Verse  7 — 8  zwingen  nicht  zur  Annahme,  daß  das 
Gedicht  vor  dem  Untergang  des  Reiches  entstand.  Wenn  der  Dichter 
sagt,  Ansa  habe  an  der  Seite  ihres  Gemahls  das  von  Kriegen  heim- 
gesuchte und  dem  Zusammensturze  nahe  Reich  aufgerichtet,  gefestigt 
und  emporgebracht,  so  meint  er  damit  die  Verdienste,  die  sie  sich 
beim  Regierungsantritte  ihres  Gatten  um  das  Reich  erwarb,  das  unter 
den  unglücklichen  Kriegen,  die  sein  Vorgänger  Aistulf  (749 — 757)  mit 
Pipin,  dem  Vater  Karls,  führte,  viel  zu  leiden  gehabt  hatte.  Diese 
Erklärung  mag  auch  darin  ihre  Bestätigung  finden,  daß  Paulus  bei  der 
Aufzählung  ihrer  Verdienste,  dem  eigentlichen  Thema  der  Grabschrift, 
chronologisch  vorgeht:  Zuerst  segensreiche  Tätigkeit  bei  Beginn  der 
Regierung  ihres  Gatten  757,  dann  Lob  auf  Adelchis,  der  759  Mit- 
regent seines  Vaters  wurde,  hierauf  Vermählungen  ihrer  Töchter  mit 
auswärtigen  Fürsten,  der  Adelperga  mit  Arichis  (763  Geburt  ihres 
ersten  Kindes),  Liutperga  mit  Thassilo  (zwischen  764  und  769,  vgl. 
Abel  I  58)  und  Desiderata  (?)  mit  Karl  (770,  vgl.  Abel  I  80). 

Es  liegen  demnach  keine  Gründe  vor,  die  zur  Annahme  zwingen, 
daß  das  Epitaph,  was  ja  an  und  für  sich  nichts  Ungewöhnliches  wäre, 
noch  zu  Lebzeiten  der  Königin  entstand,  und  ich  verlege  die  Ent- 
stehungszeit zwischen  774  und  782,  in  die  Zeit,  wo  Paulus  sich  in 
Montecassino  als  Verbannter  aufhielt  und  noch  keine  Annäherung  an 
Karl  erfolgt  war.  Dazu  veranlaßt  mich  außer  der  oben  erwähnten 
Eigenart  des  Epitaphs  selbst  die  Auffassung  des  Satzes  Bardis  spes 
maxima  mansit  (v.  1 1).  So  sehr  man  auch  auf  Grund  obiger  Zusammen- 
stellung geneigt  ist  ihn  als  einen  der  Gemeinplätze  zu  bezeichnen, 
die  in  den  Epitaphien  auftreten,  so  sprechen  doch  die  historischen 
Verhältnisse  dagegen.  Adelchis  war  wirklich  nach  774  der  Mann, 
auf  den  die  Patrioten  hoffend  ihre  Blicke  richteten  und  der  auch 
während  seines  Aufenthalts  beim  griechischen  Kaiser  in  Konstantinopel 
immer  für  die  Sache  seines  Volkes  tätig  war.  Auch  in  den  An- 
nalen  kommt  dies  zum  Ausdruck  (vgl.  Anm.  zum  Gedicht).  Diesen 
Gedanken  kann  aber  Paulus  nicht  in  einer  Zeit  ausgesprochen 
haben,  wo  er  bereits  Karl  näher  getreten  war,  d.  h.  also  nicht 
nach  782. 


Auf  das  Grab  der  Königin  Ansa. 


47 


Ob  Ansa  in  der  Verbannung  im  Frankenreich  starb  und  ihre 
Leiche  nach  ItaHen  geschafft  wurde,  oder  ob  sie  von  Karl  später  er- 
wirkte, daß  sie  den  Rest  ihres  Lebens  bei  einer  ihrer  Töchter  ver- 
bringen durfte,  läßt  sich  nicht  entscheiden.  Ihr  Grab  befand  sich, 
wie  Haupt  erkannte,  in  der  von  ihr  und  Desiderius  gestifteten  Abtei 
San  Salvatore  in  Brescia  (vgl.  Urkunde  vom  Jahre  769  bei  Muratori 
Antiq.  Ital.  I  525). 


10 


Lactea  splendifico  quae  fulget  tumba  metallo 
Reddendum  quandoque  tenet  laudabile  corpus. 
Hie  namque  Ausonii  coniux  pulcherrima  regis 
Ansa  iacet  totum  semper  victura  per  orbem 
Famosis  meritis,  dum  stabunt  templa  tonantis, 
Dum  flores  terris,  dum  lumen  ab  aethere  surget. 
Haec  patriam  bellis  laceram  iamiamque  ruentem 
Compare  cum  magno  relevans  stabilivit  et  auxit. 
Protulit  haec  nobis,  regni  qui  sceptra  teneret, 
Adelgis  magnum,  formaque  animoque  potentem, 
In  quo  per  Christum  Bardis  spes  maxima  mansit. 
Fortia  natarum  thalamis  sibi  pectora  vinxit, 
Discissos  nectens  rapidus  quos  Aufidus  ambit, 
Pacis  amore  ligans  cingunt  quos  Rhenus  et  Hister. 


SUPER  SEPULCRUM  DOMNE  ANSE  REGINAE  L  f.  36 v. 

1  fulgit  I  II  6  flores  terris  Dümmler,  flores  e  terris  vor  e  eine  Rasur  L  \ 
ethere  L  \  surget  Dümmler,  surgit  Z,  I|  10  adelgis  aus  adelchis  corr.  Z,  jj  12  vin- 
xit L,  iunxit  Haupt  und  Dümmler   \\    14  quos  Rhenus  Haupt,  chorentis  L. 


3 — 6  Ausonii  regis  des  Desiderius, 
vgl.  Bern,  zu  II  9,1.  —  totum  semper 
victura  per  orbem  meritis  vgl.  Hist.  Lang. 
III  19,  Grabschrift  des  Drokton  v.  2  nam 
meritis  toto  vivit  in  orbe  suis.  —  dum 
stabunt  etc.  vgl.  zum  Gedanken  Verg. 
Ecl.  V  76 — 78;  surget  ist  statt  surgit 
einzusetzen  wegen  des  vorausgehenden 
stabunt  (vgl.  oben  S.  20  Anm.). 

8 — 10  compare  cum  magno  vgl. 
Brief  des  Paulus  an  Adelperga  III  29  celso 
cum  compare.  —  regni  qui  sceptra 
teneret  vgl.  XXVI  19 — 20  teuere  regni 
aurea  sceptra.   —  formaque  animoque 


potentem  vgl.  Poet.  I  60  v.  59  sensu 
formaque  animoque  decorus,  Poet.  1104 
V.  18  censuque  animoque  potenti;  an 
dieser  Stelle  ist  wohl  auch  sensuque  zu 
verbessern. 

11  Bardis  vgl.  IV^  18.  —  spes  ma- 
xima mansit  vgl.  Einhard  Vita  Karoli 
cap.  6  Adalgisum,  in  quem  spes  om- 
nium  inclinatae  videbantur,  Ann.  Einh. 
in  quo  Langobardi  multum  spei  habere 
videbantur. 

12—14  Die  Flüsse  Aufidus,  Rhein 
und  Donau  deuten  das  Land  des  Arichis, 
Karls  des  Großen  und  Thassilos  an. 


48 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


15 


20 


25 


Quin  etiam  aeterno  mansit  sua  portio  regi, 
Virgineo  splendore  micans,  his  dedita  templis. 
Cultibus  altithroni  quantas  fundaverit  aedes 
Quasque  frequentat  egens,  pandit  bene  rumor  ubique. 
Securus  iam  carpe  viam,  peregrinus  ab  oris, 
Occiduis  quisquis  venerandi  culmina  Petri 
Garganiamque  petis  rupem  venerabilis  antri. 
Huius  ab  auxilio  tutus  non  tela  latronis, 
Frigora  vel  nimbos  furva  sub  nocte  timebis; 
Ampla  simul  nam  tecta  tibi  pastumque  paravit. 
Plura  loqui  invitam  brevitas  vetat  inproba  linguam. 
Concludam  paucis.     Quicquid  pietate  redundat, 
Quicquid  mente  micat  gestorum  aut  luce  coruscat, 
In  te  cuncta  simul,  fulgens  regina,  manebant. 


26  quicquid]  das  erste  q  auf  Rasur  L    \\    28  manebat  L. 


15 — 16  quin  etiam  aeterno  mansit 
sua  portio  regi:  Ansa  vermählte  ihre 
Töchter  nicht  bloß  irdischen  Königen, 
auch  dem  ewigen  König  blieb  sein  Teil 
dadurch,  daß  Ansilperga  Äbtissin  von 
San  Salvatore  in  Brescia  wurde.  —  his 
dedita  templis:  aus  dieser  Stelle  schloß 
Haupt  mit  Recht,  daß  die  Grabschrift  im 
Salvatorkloster  sich  befand  und  hier 
Ansa  begraben  wurde. 

17 — 18  quantas  fundaverit  aedes 
quasque  frequentat  egens:  quantas  ■= 
quot;  Paulus  will  sagen:  quantas  aedes 
cultibus  altithroni  fundaverit  et  quantas 
aedes,  quas  frequentat  egens:  'Allge- 
mein bekannt  ist,  wieviele  Gotteshäuser 
und  Hospize  sie  gründete.' 

19 — 21  securus  iam  carpe  viam: 
Der  Dichter  wendet  sich  hier  an  den 
zu  dem  Grab  kommenden  Pilger,  der 
entweder  nach  Rom  oder  zum  Heilig- 
tum des  Erzengels  Michael  auf  dem 
Monte  Gargano  wallfahren  will.  — 
venerandi  culmina  Petri  vgl.  Angil- 
bert  Poet.  I  420  v.  1  venerandi  culmina 
templi.  —  venerabilis  antri:  Nach  der 
Legende    hatten   Hirten   auf   der   Suche 


nach  einem  entlaufenen  Rind  in  einer 
Grotte  des  Monte  Gargano  die  Er- 
scheinung des  heiligen  Michael  und  zwar 
am  8.  Mai  unter  Papst  Gelasius  (S.Jahr- 
hundert). Zur  Erinnerung  daran  wurde 
eine  Kirche  erbaut,  die  heute  noch  ein 
besuchter  Wallfahrtsort  ist. 

25 — 28  improba  brevitas:  'Die  leidige 
Kürze  (der  geringe  Raum  auf  dem  Grab- 
stein) verbietet  der  Zunge  noch  mehr  zu 
sagen,  so  sehr  sie  sich  auch  sträubt.' 
Es  ist  dies  zugleich  eine  Wendung  um  zum 
Schluß  zu  kommen,  wie  sie  ähnlich  auf- 
tritt XXVI  15  sed  quid  plura  feram?; 
Theodulf  Poet.  I  528  v.  27  quid  referam? 
virtute  cluis,  pietate  redundas.  —  quic- 
quid pietate  redundat:  beliebter  Schluß, 
vgl.  außer  der  eben  angegebenen  Stelle  bei 
Theodulf  auch  Angilb.  Poet.  I  366  v.  22; 
Sedul.  carm.  pasch.  II  260;  Eug.  Toi. 
carm.  XVI 3.  —  luce  coruscat:  vgl.  Angilb. 
Poet.  I  366  v.  12.  —  manebant  =  erant: 
Zu  manebat  wurde  der  Schreiber  jeden- 
falls durch  den  Schluß  der  beiden  vor- 
ausgehenden Zeilen  veranlaßt,  vgl.  auch 
XXXVI  35  in  te  .  .  .  omne  simulque  bo- 
num  semper,  venerande,  manebat. 


X. 
Auf  das  Grab  der  Enkelin  Sophia. 

*Du  warst  die  Schönste  Deines  Geschlechts  und  an  Kenntnissen 
Deinen  Jahren  weit  voraus.  Dein  Geist  erfaßte  alles  im  Fluge  (1 — 8). 
Dein  Tod  war  auch  der  Tod  der  Großmutter.  Statt  zu  Deiner  Hoch- 
zeit rüstet  man  sich  zu  Deiner  Leichenfeier.  Alles  trauert  um  Deinen 
frühen  Tod  (9—18).' 


An  der  Autorschaft  des  Paulus  Diaconus  ist  nicht  zu  zweifeln, 
da  diese  Grabschrift  in  drei  für  die  paulinische  Oberlieferungs- 
geschichte wichtigen  Handschriften  (der  Leipziger  Rep.  I  74,  vgl.Bem. 
zu  V;  der  Pariser  lat.  528,  vgl.  Bem.  zu  VI;  dem  Harleianus,  vgl.Bem. 
zu  VIII)  enthalten  ist  und  auch  stilistische  Beobachtungen  auf  ihn  hin- 
weisen. Fraglich  aber  erscheint,  wer  mit  Sophia  neptis  gemeint  ist. 
Bis  jetzt  dachte  man  an  eine  Nichte  des  Dichters  (vgl.  Gedicht  XII, 
wo  von  seinem  Bruder  Arichis  vier  Kinder  erwähnt  werden),  allein 
mir  ist  es  wahrscheinlicher,  daß  hier  an  eine  Enkelin  der  Königin 
Ansa  zu  denken  ist.  Dafür  spricht  vor  allem  die  Überlieferung: 
das  Epitaph  geht  in  der  Leipziger  Handschrift  unmittelbar  dem  der 
Ansa  voraus.  Dann  auch  der  Inhalt:  nur  mit  wenigen  Worten  gedenkt 
der  Dichter  der  Eltern  und  hebt  besonders  die  Wirkung  des  Todes 
der  Jungfrau  auf  die  Großmutter  hervor. 

Das  kleine  Gedicht,  das  nicht  ohne  poetischen  Reiz  ist  und 
noch  nicht  die  in  der  karolingischen  Zeit  üblichen  Gemeinplätze  der 
epitaphistischen  Literatur  zeigt,  entstand  zwischen  774  und  782. 

Quellen  u.  Untersuch,  z,  lat,  Philologie  des  MA.    III,  4.  4 


50 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


Roseida  de  lacrimis  miserorum  terra  parentum 

Haec  te,  gemma  micans,  cara  Sophia,  tenet. 
Tu  decus  omne  tuis,  virgo  speciosa,  fuisti, 

Qua  non  his  terris  gratior  ulla  manet. 
Heu  fueras  teneris,  dulcis,  tarn  docta  sub  annis, 

Longaevi  ut  stuperent  iam  tua  verba  senes. 
Et  quae  longa  dies  aliis  praestare  puellis 

Vix  poterat,  raptim  cuncta  fuere  tibi. 
Te  moriente  avia  iam  vivere  posse  negavit 

Illius  et  mortis  mors  tua  causa  fuit. 
Iam  thalamus  sponsusque  tibi  parabantur  et  inde 

Spes  quoque  iam  nobis  grata  nepotis  erat. 


Epitaphium  sophiae  neptis  P  /.  126v;  EPITAFION  SOPHIE  NEPTIS  L 
f.  36;  Epithaphion  H  f.  5^. 

2  haec  te  gemma  micans]  die  Buchstaben  vom  ersten  a  bis  g  durch  Nässe 
zerstört  P,  haec  regem  manicans  H  \  caro  P  \  sofia  H  \  tenit  //  ||  3  von 
decus  ist  c  und  u  nidit  zu  erkennen  P  \  tuis  aus  tui  corr.,  dann  durchgestrichen 
und  verbessert  an  den  Rand  geschrieben  H  \\  5  Heu  eras  dazwischen  eine  durch 
Rasur  entstandene  Lücke  Z.  |1  6  longeui  P  L  H  \  cuperent  //  ||  7  prestare 
(und  so  fast  immer  e  für  ae)  H  \\  9  avia]  uia  H  \  uivere  aus  uiuire  corr.  L  \\ 
10  mortis]  moestis  //   ||    11  thalamus  aus  talamus  corr.  L    \    inde  PH,  ecce  L. 

doctior   in    terris    nulla  puella    foret; 


1 — 4  roscida  de  lacrimis:  vgl.  XXXV 
V.  1  lugentum  lacrimis  populorum  rosci- 
da tellus.  —  gemma  micans  VI  56 ;  vgl. 
auch  XXIX  7.  —  tu  decus  omne  tuis 
Verg.  Ecl.  V34;  vgl.  IV^  20  omne  decus- 
que  suorum,  XXXV  v.  27  tu  requiesque 
tuis  .  .  .  fuisti.  —  qua  non  his  terris 
gratior  ulla  manet:  vgl.  XXVI  8  qua 
non  occiduo  pulchrior  ulla  foret.  —  Es 
mag  auffallen,  daß  Paulus  bei  der  Grab- 
schrift einer  Prinzessin  nicht  mit  ihrer 
edlen  Abkunft  beginnt,  wie  es  nach  an- 
tikem Vorbild  die  karolingischen  Dichter 
gewöhnlich  tun  (vgl.  S.  43),  aber  Paulus 
arbeitet  noch  nicht  nach  den  Vorbildern, 
die  ihm  später  bei  seinem  Aufenthalt 
am  Hofe  Karls  vorlagen. 

5 — 8  Der  Hinweis  auf  den  hoch- 
entwickelten Geist  der  in  so  jungen 
Jahren  Verstorbenen  findet  sich  auch  in 
Epitaphien  älterer  Zeiten,  vgl,  Vollmer 
zu  Stat.  silv.  2,  1,  38;  Carmina  latina 
epigraphica  ed.  Bücheier  1166  quod  si 
longa  tuae  mansissent  tempora  vitae, 


649,  7  ultra  annos  sapiens  praeceps  fata 
invida  raptum.  —  longaevi  senes  (Ovid. 
Ep.  V  40).  Vgl.  zum  Gedanken  VI  8  ex- 
superansque  senes,  o  puerile  decus  und 
Poet.  II  659  V.  15,  16.  —  stuperent  darf 
nicht  mit  H  gegen  P  L  in  cuperent  ge- 
ändert werden,  da  eine  Vertauschung  der 
Konjugationen  oder  die  Verkürzung  eines 
langen  Vokals  in  längeren  Formen  bei 
Paulus  und  auch  sonst  (vgl.  Fortunat  ed. 
Leo  Index)  nichts  Ungewöhnliches  ist, 
vgl.  V.  11  parabantur :  XIV  v.  1  fluebat. 

9  avia  (mit  langem  Nominativ  -a!) 
=  Ansa,  vgl.  die  Vorbemerkung.  — 
vivere  posse  negavit:  Es  ist  in  alten 
Epitaphien  häufig  zu  lesen,  daß  die  Über- 
lebenden so  in  Trauer  versetzt  sind,  daß 
sie  sich  selbst  den  Tod  wünschen,  vgl. 
Lier,  Philol.  XVI  (1903)  S.  464. 

11  spes  quoque  iam  nobis:  Der 
Dichter  stellt  sich  hier  und  v.  13  und  15 
an  die  Stelle  der  Eltern  (vgl.  auch  IX  9; 
XXVIII  9). 


Auf  das  Grab  der  Enkelin  Sophia. 


51 


Hei  mihi,  pro  thalamo  dedimus  tibi,  virgo,  sepulchrum, 

Pro  taedis  miserum  funeris  officium. 
16      Tundimus  heu  maesti  pro  plausu  pectora  pugnis 

Pro  cithara  et  cantu  planctus  ubique  sonat.  • 
Gemmantem  vitem  decoxit  saeva  pruina 

Purpureamque  tulit  dira  procella  rosam. 


13  Hei  mihi  P  L,  H  mihi  H  \\  14  thaedis  P,  theHs  (am  Rand  uel  tedis)  L, 
caedis  H  \\  15  heu  aus  eu  corr.  L  \  moesti  H  \  plauso  P  \  pugni  am  Rand  s  L  \\ 
16  chithara  L,  cythara  P  \  canto  P  \\  17  fehlt  H  ||  18  purporeamque  L  \  tulit 
fehlt  P  I  rosa  P.  Daran  sdiließen  sich  in  P  folgende,  wie  es  sdieint,  später 
eingetragene  Verse: 

Christe  potens,  sollers  summi  sapientia  patris, 
Da  sensum,  da  verba  tuo  (corr.  aus  \o),  deposco,  fideli. 
Hierauf  folgt  der  Brief  des  Paulus  an  Theudemar. 


14 — 18  funeris  officium  Poet.  I  104 
V.  28.  —  tundimus  heu  maesti  pro  plausu 
pectora  pugnis:  eine  jedenfalls  beabsich- 
tigte Alliteration;  vgl.  den  gleichen  Vers- 
schluß Verg.  Aen.  IV  673,  XII  871;  Ovid. 
Met.  III  535.  —  planctus  ubique  sonat 
XXXV  31.  —  purpureamque  tulit  dira 
procella:  ähnliches  Bild  XXVIII  2;  vgl. 
Lier,  Philol.  XVI  (1903)  S.  583.  —  Die 
Verse  Christe  potens  sind  wahrschein- 
lich von  Paulus  selbst  hinzugefügt  und 


zwar,  als  er  das  Gedicht  an  den  Hof 
Karls  brachte  (vgl.  I).  Meine  Vermutung 
sehe  ich  dadurch  gestützt,  daß  sich  an 
diese  Verse  der  Brief  des  Paulus  an 
Theudemar  anschließt.  Wenn  man  be- 
denkt, welche  Anforderungen  Karl  an 
Paulus  stellte,  so  begreift  man  wohl 
seine  Bitte  um  sensus  und  sapientia: 
sollers  ist  nicht  wie  Dümmler  will  (M. 
G.  Epp.  IV  506,  10)  zu  Christe,  sondern 
zu  sapientia  zu  ziehen  (vgl.  Anhang  XI  6 


4* 


XI. 
Bittschrift  an  Karl. 

*Es  gibt  auf  der  Welt  keinen  unglücklicheren  Menschen  als  mich, 
seitdem  nun  noch  ein  neues  trauriges  Ereignis,  die  Gefangennahme 
meines  Bruders,  mich  mit  Schmerz  erfüllt  (1 — 8).  Seine  Frau  und 
Kinder  müssen,  ihres  väterlichen  Besitzes  beraubt,  in  der  Heimat  betteln 
gehn.  Meine  Schwester  weint  sich  in  ihrem  Elend  fast  die  Augen 
aus  (9 — 16).  Nur  Du  kannst  helfen;  hab'  Erbarmen  und  gib  ihnen 
Besitz  und  Stellung  wieder.  Dann  will  ich  Christi  Lob  verkünden, 
der  allein  gebührenden  Lohn  spenden  kann  (17 — 28).' 


Die  Gedichte  VI  und  VIII  gaben  schon,  wenn  auch  nur  an- 
deutungsweise, einen  Einblick  in  die  traurige  Stimmung,  die  den 
Dichter  in  der  frühesten  Zeit  seiner  Verbannung  nach  Montecassino 
erfüllte.  Hier  schildert  er  sich  in  den  ersten  vier  Versen  als  den  un- 
glücklichsten Menschen,  den  es  gibt.  Außer  seiner  eigenen  Bestrafung 
bereitet  ihm  ein  neuer  Anlaß  großen  Kummer:  die  Wegführung  seines 
Bruders  Arichis  in  fränkische  Gefangenschaft  und  das  Elend  der  zurück- 
gebliebenen Familie. 

Abgesehen  davon,  daß  uns  Paulus  in  Hist.  Lang.  IV  37  den 
Namen  seines  Bruders  nennt,  und  außer  den  Andeutungen  im  vor- 
liegenden Gedicht  gibt  es  keine  Oberlieferung  über  dessen  Schick- 
sale. Wir  wissen  aber,  daß  der  Herzog  Hrodgaud  in  Friaul  776 
gegen  Karl  sich  empörte  (Abel  I  245  ff.),  daß  im  April  gleichen 
Jahres  der  Aufstand  niedergeschlagen  war  und  daß  Karl  über  die 
Empörer  strenge  Strafen  verhängte:  Fortführung  in  fränkische  Ge- 
fangenschaft, Konfiskation  ihres  Vermögens  und  ihrer  Güter  (Abel  1 252). 
Arichis,  der  Bruder  des  Paulus,  wohnte  in  Friaul.  Hier  hatte  Karl, 
ebenso  wie  am  Hof  des  von  Friaul  stammenden  Herzogs  von  Benevent, 


Bittschrift  an  Karl.  53 

die  erbittertsten  Gegner  (vgl.  Ann.  Einh.  788  SS.  I  173;  Einh.  Vita  Car. 
cap.  11).  Demnach  ist  es  sehr  wahrscheinlich,  daß  Arichis  ebenso 
wie  sein  Bruder  auch  infolge  der  früheren  Beziehungen  ihrer  Familie 
zum  Hof  in  Pavia  zur  Nationalpartei  gehörte  und  sich  an  dem  Auf- 
stand des  Herzogs  Hrodgaud  beteiligte;  denn  es  trafen  ihn  die  gleichen 
Strafen  wie  die  anderen  Empörer. 

Die  Autorschaft  unseres  Paulus  wird  nicht  bloß  durch  den  In- 
halt, sondern  auch  durch  die  Überlieferung  gestützt:  in  der  Pariser 
Handschrift  lat.  528  (P)  steht  unser  Gedicht  unter  zweifellos  paulini- 
schen  Gedichten,  die  auch  zeitlich  ihm  nahestehen,  außerdem  im 
Harleianus  (H)  und  im  Urbinas  (U). 

Die  Abfassungszeit  läßt  sich  aus  v.  5  folgern:  septimus  annas 
adest,  ex  quo  nova  causa  dolores  generat:  das  siebente  Jahr  ist  da, 
d.  h.  nimmt  seinen  Anfang,  es  sind  gerade  sechs  Jahre  vorüber,  seitdem 
jenes  neue  Ereignis,  die  Bestrafung  seines  Bruders,  eintrat  (vgl.  auch 
Hauck,  Kirchengeschichte  Deutschlands  II  ^  161  Anm.  1).  Wenn  nun 
Arichis  im  April  776,  wo  der  Aufstand  unterdrückt  war,  bestraft  wurde, 
so  war  genau  im  April  782  das  sechste  Jahr  vorbei  und  schon  im 
Mai  782  konnte  er  sagen:  adest  septimus  annus.  Demnach  verfaßte 
Paulus  wahrscheinlich  in  dieser  Zeit  die  Bittschrift,  vgl.  auch  Hauck 
a.  a.  O.  und  Abel  I  253  Anm.  3,  und  ließ  sie  durch  Petrus  von  Pisa 
überreichen  (vgl.  Vorbem.  zu  XII). 

Das  Gedicht  gehört  unstreitig  zu  den  schönsten  Erzeugnissen 
des  karolingischen  Kreises  und  hat  jedenfalls  auch  auf  Karl  seine 
Wirkung  nicht  verfehlt,  der  gerade  in  jener  Zeit  Männer  von  dichteri- 
scher und  wissenschaftlicher  Befähigung  an  seinen  Hof  zu  ziehen 
suchte. 

Verba  tui  famuli,  rex  summe,  adtende  serenus. 

Respice  et  ad  fletum  cum  pietate  meum. 
Sum  miser,  ut  mereor,  quantum  vix  ullus  in  orbe  est. 

Semper  inest  luctus  tristis  et  hora  mihi. 


IT  UERS   PAULI  AD   REG  PCANDO   P  /.  126,    H  f.  6,    ohne  Übersdirift 
U  f.Sl. 

1  attende  H  U   \\    2  ei  affectum  U   \\    3  illus  M. 


2  ut  mereor:  Paulus  will  sagen: 
„Wenn  ich  auch  einer  der  Unglück- 
lichsten bin,  so  verdiene  ich  doch  meine 
Strafe  der  Verbannung,  und  ich  bitte  des- 


Bruder." Durch  diese  Selbstlosigkeit  ver- 
leiht er  der  Bitte  für  seinen  Bruder  mehr 
Nachdruck. 

3 — 6   semper  inest  luctus   vgl.  I  7 


halb  nicht  für  mich,  sondern  für  meinen   \  ver  tibi  semper  inest. 


54 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


5     Septimus  annus  adest,  ex  quo  nova  causa  dolores 
Multiplices  generat  et  mea  corda  quatit. 
Captivus  vestris  extunc  germanus  in  oris 

Est  meus  afflicto  pectore,  nudus,  egens. 
Illius  in  patria  coniunx  miseranda  per  omnes 
10  Mendicat  plateas  ore  tremente  cibos. 

Quattuor  hac  turpi  natos  sustentat  ab  arte, 
Quos  vix  pannuciis  praevalet  illa  tegi. 
Est  mihi,  quae  primis  Christo  sacrata  sub  annis 
Excubat,  egregia  simplicitate  soror. 
15      Haec  sub  sorte  pari  luctum  sine  fine  retentans 
Privata  est  oculis  iam  prope  flendo  suis. 
Quantulacumque  fuit,  direpta  est  nostra  supellex 
Nee  est,  heu,  miseris  qui  ferat  ullus  opem. 
Coniunx  est  fratris  rebus  exclusa  paternis 
20  lamque  sumus  servis  rusticitate  pares. 

NobiHtas  periit,  miseris  accessit  egestas. 
Debuimus,  fateor,  asperiora  pati. 


6  quattit  H  \\  7  vestris]  extris  U  \  horis  P//  il  8  afflictu  H  \\  9  coniux  P  \\ 
10  plateas  aus  plates  corr.  U  \  tremento  U  \\  11  quatuor  H  U  \  hac  aus  ac 
corr.  P  I  turpi]  uirpi  P  \  arce  H  \\  12  praevalet  illa  tegi  P  H,  quis  ualet  illa 
tegit  ü  II  13  que  (öfter  e  für  ae)  U  \\  14  simplicitatae  H  \\  17  quantulacunque  U  \ 
suppellex  P  H  U  \\  20  sumus  aus  summus  corr.  P  \\  21  accessit  aus  accedit 
corr.  P,  successit  U 


aegestas  P  H. 


12  quos  vix  pannuciis:  Der  Gedanke 
ist  klar,  nicht  aber  der  Wortlaut.  Nach 
V  könnte  man  deuten:  quos  illa  vix 
tegit,  quis  pannuciis  valet:  mit  Müh  und 
Not  hüllt  sie  ihre  Kinder  in  die  wenigen 
ihr  zu  Gebote  stehenden  Lumpen  (vgl.  die 
ähnliche  Ausdrucksweise  in  den  Briefen: 
XIV  tota  qua  solum  valeo  mente  und  XXXI 
oculis  quibus  solis  valeo.  Allein  diese  Les- 
art sieht  sehr  nach  Interpolation  aus;  PH 
bieten  die  richtige  Lesart:  „Mit  Mühe  und 
Not  bringt  es  die  Mutter  fertig,  daß  diese 
(=  ihre  Kinder)  sich  in  Lumpen  hüllen." 

13  est  mihi  soror:  Daraus  erfahren 
wir,  daß  Paulus  außer  seinem  Bruder 
Arichis  noch  eine  Schwester  hatte,  die 
ins  Kloster  gegangen  war. 

18  nee  vgl.  Vollmer,  Philol.  Suppl. 
X  302,  89. 


19 — 21  rebus  exclusa  paternis:  Da- 
mit ist  jedenfalls  der  Besitz  ihres  Vaters 
gemeint.  —  servis  rusticitate  pares: 
rusticitas  ist  der  Gegensatz  zu  nobilitas: 
infolge  ihrer  Armut  können  sie  nicht 
mehr  standesgemäß  leben,  sondern  sind 
zu  einer  niedrigen  Lebensführung,  ähn- 
lich den  Unfreien  verurteilt,  vgl.  zum 
Gedanken  Alcvin.  Poet.  I  187  v.  798—799 
nie  tarnen  metuit  clara  se  stirpe  fateri 
Progenitum  dicens:  pauper  sum  et 
rusticus  unus;  vgl.  auch  Dahn  S.  5.  — 
nobilitas  periit:  Hist.  Lang.  VI  24. 

22  debuimus  asperiora  pati:  kann 
kaum  bedeuten:  „wir  mußten  wirklich  zu 
Hartes  erdulden",  sondern  wegen  fateor 
und  sed  (v.  23)  nur:  „wir  hätten  noch 
Härteres  erdulden  sollen".  Vgl.  Bethm. 
S.  260,  Dahn  S.  29. 


Bittschrift  an  Karl. 


55 


25 


Sed  miserere,  potens  rector,  miserere,  precamur 
Et  tandem  finem  his,  pie,  pone  malis. 

Captivum  patriae  redde  et  civilibus  arvis, 
Cum  modicis  rebus  culmina  redde  simul, 

Mens  nostra  ut  Christo  laudes  in  saecla  frequentet, 
Reddere  qui  solus  praemia  digna  potest. 


25  redde  et]  reddet  H  |   civilibus]  genitalibus  U   \\    26  sumul  U 
P    I    secuta  U   II    unter  28  xeXwo  U. 


27  laude 


26  cum  modicis  rebus  culmina  redde: 
Er  bittet,  Karl  möge  diesem  Elend  ein 
Ende  machen,  den  Gefangenen  wieder 
in  die  heimatlichen  Gefilde  ziehen  lassen 
und  ihm  seinen  Wohnsitz  (culmina  = 
tectum)  nebst  einem  bescheidenen  Teil 
seines  Besitztums  zurückgeben;  es  ist 
aber  nicht  ausgeschlossen,  daß  culmina 
auch  die  angesehene  Stellung  be- 
deutet,     besonders      wenn      man     zu 


den  modicae  res   auch   Haus   und   Hof 
rechnet. 

27  Paulus  erklärt  hier,  daß  er,  wenn 
seine  Bitte  erfüllt  und  seine  Trauer 
geschwunden  sei,  seine  Tätigkeit  nur 
Christus  weihen  wolle,  der  dann  Karl 
seine  Gnade  lohnen  werde.  Man  kann 
die  Zusage  herauslesen,  daß  er  von  nun 
an  der  Politik  ferne  zu  bleiben  und  als 
Mönch  zu  leben  entschlossen  sei. 


XII. 
Petrus  von  Pisa  an  Paulus  Diaconus. 

^Gelobt  sei  Christus,  der  die  Hölle  überwunden  und  auch  Dich 
Paulus,  den  hochgelehrten  und  sprachenkundigeu  Dichter,  an  unsern 
Hof  sandte  (1 — 4).  Deine  unermüdliche  Tätigkeit  als  Lehrer  des 
Lateinischen  und  Griechischen  erweckt  in  mir  die  Hoffnung,  daß  Du 
uns  nicht  wieder  verlassen  wirst  (5 — 9).  Für  die  Förderung  der 
Kenntnisse  im  Griechischen  sage  ich  Dir  ganz  besonderen  Dank; 
denn  nunmehr  können  auch  die  Kleriker  im  Gefolge  meiner  Tochter 
mit  dieser  Sprache  bekannt  gemacht  werden  (10 — 12).' 


Der  Verfasser  dieses  im  Auftrage  Karls  an  Paulus  gerichteten 
Gedichtes  ist  Petrus  von  Pisa,  der  in  den  Handschriften  die  Beinamen 
diaconus,  archidiaconus,  grammaticus  und  magister  hat.  Alcvin  er- 
zählt in  einem  Briefe  aus  dem  Jahre  799  (iVL  G.  Epp.  IV  285),  daß 
er  als  junger  Mann  sich  auf  einer  Reise  nach  Rom  in  Pavia  auf- 
gehalten und  hier  eine  Disputation  mitangehört  habe,  die  ein  Jude 
Lullus  mit  diesem  Petrus  hatte,  und  fügt  bei  et  scriptam  esse 
eandem  controversiam  in  eadem  civitate  audivi.  Es  scheint  sich 
also  um  einen  wichtigen  wissenschaftlichen  Streitpunkt  gehandelt 
zu  haben. 

Diese  Bemerkungen  Alcvins  sind  deshalb  von  großer  Bedeutung, 
weil  man  daraus  entnehmen  kann,  daß  in  der  Residenz  des  Desiderius, 
während  dessen  Regierungszeit  (757 — 774)  Alcvin  jedenfalls  diese 
erste  italienische  Reise  machte,  wissenschaftlich  hochstehende  Männer 
lehrten.  Da  nun  auch  Paulus  an  diesem  Hofe  sich  aufhielt,  so  ist  es 
in  Anbetracht  seiner  Stellung  und  seiner  wissenschaftlichen  Be- 
strebungen zweifellos,  daß  diese  beiden  gelehrten  Männer  sich  nahe- 


Petrus  von  Pisa  an  Paulus  Diaconus.  57 

traten  und  Freunde  wurden;  was  man  auch  aus  v.  8  im  Gedicht  XVIII 
antiquo  et  caro  quondam  mittente  sociale  herauslesen  kann. 

Als  Karl  im  Jahre  780  nach  Italien   zog  und  sich  längere  Zeit 
auch  in  Pavia  aufhielt,  bekam  er  einen  Einblick  in  dajs  wissenschaft- 
liche Leben,  das  in  italienischen  Städten  herrschte,   und  wollte,   daß 
auch  sein  Hof  eine  Pflegestätte  feiner  Bildung  werde,   was  Angilbert 
(Poet.  I  360  V.  19—22)  mit  deutlichen  Worten  ausspricht: 
David  habere  capit  sapientes  mente  magistros 
Ad  decas,  ad  laudem  cuiuscumque  artis  in  aala, 
Ut  vetenim  renovet  studiosa  mente  sophiam. 
David  amat  vates,  vatoram  est  gloria  David. 

Da  galt  es  nun  geeignete  Männer  für  seine  Zwecke  zu  ge- 
winnen und  so  berief  er  um  jene  Zeit  Petrus  (vgl.  Hauck,  Kirchen- 
gesch.  II  155  ff.)  und  im  Jahre  782  Alcvin,  den  er  in  Parma  kennen 
gelernt  hatte,  an  seinen  Hof  (Abel  I  390). 

Daß  in  demselben  Jahre  Paulus,  wie  klar  gelegt  wurde,  seine 
Bittschrift  verfaßte,  scheint  mir  kein  Zufall  zu  sein.  Jedenfalls  hatte 
ihm  sein  Freund  Petrus  geraten  diesen  Zeitpunkt  zu  wählen,  als  Karl 
Gelehrte  für  seine  Akademie  suchte.  Damals  mag  wohl  jener  bei 
der  Überreichung  dieser  Bittschrift  seinen  Freund  als  geeignetes  Mit- 
glied jener  zu  gründenden  gelehrten  Gesellschaft  empfohlen  und  da- 
durch Karl  veranlaßt  haben  Paulus  zu  begnadigen  und  im  Jahre  782 
an  seinen  Hof  zu  berufen.  Wenn  sein  Erscheinen  als  göttliche  Fügung 
hingestellt  wird  (Str.  4),  so  ist  das  ebenso  zu  verstehen,  wie  wenn  in 
Str.  11  der  fromme  König  ein  Ereignis,  das  nur  das  Ergebnis  diplo- 
matischer Berechnung  war,  auch  als  solche  bezeichnen  läßt. 

In  dem  literarischen  Kreise  bildete  der  damals  schon  hochbetagte 
Petrus  von  Pisa  den  Mittelpunkt.  Er  wurde  in  lateinischer  Grammatik 
und  Literatur  zugleich  Lehrer  des  Königs  (vgl.  Einh.Vita  Caroli  cap.25: 
In  discenda  grammatica  Petrum  Pisanam  diaconem  senem  audivit) 
und  auch  Angilberts  (vgl.  Ged.  XXXIX  und  M.  G.  Epp.  IV  285, 6).  Über 
seine  weiteren  Lebensverhältnisse  und  seine  schriftstellerische  Tätigkeit 
soll  im  Anschluß  an  spätere  Gedichte  gesprochen  werden. 

Die  Gedichte  XII  und  XIII  entstanden  jedenfalls  in  der  ersten 
Zeit  des  Aufenthaltes  des  Paulus  am  fränkischen  Hof,  etwa  Anfang 
783;  denn  noch  gibt  dieser  keine  Andeutung,  ob  er  länger  bleiben 
wolle,  und  auch  der  König  spricht  nur  die  Hoffnung  aus  ihn  viel- 
leicht doch  dauernd  gewinnen  zu  können. 

Gewählt  ist  der  volkstümliche,  sehr  verbreitete  trochaeische  Fünf- 
zehnsilber,  der  auch  dem  Paulus  geläufig  war,   vgl.  oben  Gedicht  II 


58  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

und  Wilhelm  Mayer,  Gesammelte  Abhandlungen  zur  mittellateinischen 
Rhythmik  I  204. 

Das  überschwengliche  Lob,  das  Karl  dem  Paulus  für  seine  Lehr- 
tätigkeit ausspricht,  ist  wohl  schon  deshalb  nicht  wörtlich  zu  nehmen, 
weil  er  durch  besondere  Anerkennung  seiner  Verdienste  ihn  zum 
Bleiben  veranlassen  will.  Sicher  aber  hat  Paulus  als  Lehrer  der 
griechischen  Sprache  wirklich  etwas  geleistet,  da  der  König  an  drei 
Stellen  des  Gedichtes  davon  spricht  (Str.  7,  8,  10).  An  der  letzten 
Stelle  preist  er  diese  seine  Tätigkeit  als  etwas  ganz  Besonderes,  das 
nie  gehofften  Ruhm  einträgt. 

Daraus  kann  man  zwar  nicht  folgern,  daß  in  karolingischer  Zeit 
durch  Paulus  überhaupt  zum  erstenmal  das  Studium  des  Griechischen 
jenseits  der  Alpen  Eingang  fand,  sondern  daß  er  es  neu  belebte 
und  viele  unterrichtete  (vgl.  9,  1  post  Graecam,  multis  quam 
ostendis,  regalam).  Ganz  besonders  war  aber  der  König  wohl 
deshalb  darüber  erfreut,  weil  er  nun  Gelegenheit  hatte  die  Kleriker, 
die  mit  seiner  Tochter  Rothrud  nach  Byzanz  ziehen  sollten,  durch 
einen  Nichtgriechen  unterrichten  lassen  zu  können  und  es  erfüllte 
ihn  in  seinem  Bestreben  alles  zur  Hebung  der  Bildung  zu  tun 
mit  Befriedigung,  daß  er  auch  diese  infolge  des  regen  Verkehrs 
mit  Byzanz  wichtigen  Studien  an  seinem  Hofe  angeregt  hatte. 
Vor  Paulus'  Ankunft  am  Hof  im  Jahre  781  nach  der  Verlobung 
der  Prinzessin  war  der  Eunuch  und  Notar  Elissaeus  (Abel  I  385 
bis  386)  beauftragt  worden  ihr  griechische  Sprache  und  Sitte  zu 
lehren  (vgl.  Theophanes  ed.  de  Boor  I  455  y.axüdnev  'EhooaTov 
.  .  .  TiQdg  TO  diöd^ai  amrjv  rd  rs  icbv  Fgaizcbv  ygä/ijuaTa  xal  ti]v 
yXwooav),  Paulus  kann  zwar  griechisch,  wie  aus  Gest.  epp.  Mett. 
SS.  II  264  hervorgeht;  er  hatte  es  in  jungen  Jahren  am  Hof  in 
Pavia  gelernt,  aber  seine  Kenntnisse  in  dieser  Sprache  sind,  wie 
er  XIII  11  und  12  sagt,  sehr  gering.  Das  Studium  des  Griechi- 
schen lag  im  achten  Jahrhundert  im  Westen  vollkommen  darnieder 
und  man  begnügte  sich  mit  dem  Einlernen  einzelner  Formeln 
und  Verse. 

Ein  klareres  Bild  davon  gibt  uns  ein  kurzer  grammatischer 
Traktat,  der  sich  im  Parisinus  lat.  528  f.  134^ — 135  findet  und  zuerst 
von  H.  Omont  (Bibliotheque  de  l'Ecole  des  chartes  XLII  1881, 
126 — 127)  veröffentlicht  wurde.  Da  das  Stück  sich  an  eine  größere 
Anzahl  paulinischer  Gedichte  anschließt,  und  zwar  solcher,  die  am 
Hofe  Karls  entstanden  sind,  so  kann  man  annehmen,  daß  es  auf 
Paulus  und  seine  Lehrtätigkeit  zurückgeht.     Ich  habe  die  Handschrift, 


Petrus  von  Pisa  an  Paulus  Diaconus. 


59 


die  auch  den  Rhythmus  selbst  enthält,  noch  einmal  benützt  und  gebe 
hier  einen  Teil  des  Traktates  mit  allen  Fehlern  und  Eigenheiten  ge- 
treulich wieder.  In  genauem  Anschluß  an  Donat  (vgl.  Keil,  Gramm, 
lat.  IV  355)  wird  das  Wort  doctas  grammatikalisch  behandelt;  die 
Form  ist,  wie  so  oft,  dialogisch,  die  Methode  die  des  /legio^uog  oder 
emjusQiojuog  (vgl.  Baebler,  Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  lateinischen 
Grammatik  im  Mittelalter  S.  17). 


TI  ECTIN  DOCTUS. 

MEPOC  ÄUrU. 

TI  MEPOC  AUrU  ECTIN. 

ONOMA  ECTIN. 

nOCA      nAPEnONTE     TUTO 

ONOMATIt 
EX. 

noiA. 

IIOIOTIC,  CYNCPICIC,  GENOC 

APITHMOC,  CKEMA,  niHOCIC. 

TINOC  nOIOTITOC  ECTIN. 

nPOCITOPIIUAC 

TIC    BATMOC     CINKPICEOC 

ECTIN. 
THETICOC 
CYNKPICEOC  BATHMI  nOIO- 

CIN 
TRIC 
IIOIOI 
THETIKOC 
CINKPITIKOC. 
YnEPTETIKOC 
TINOC  FENOC  ECTIN 
APENIKU. 
THIAIKON 
UDETEPU. 
KOINON 
nANTOC 
EniKOINON 


Quid  est  doctus? 

Pars  orationis. 

Quae  pars  orationis  est? 

Nomen  est. 

Quot  accedunt  huic  nomini? 

Sex. 

Quae? 

Qualitas,  comparatio,  genus. 

Numerus,  figura,  casus. 

Cuius  qualitatis  est? 

Appellativae. 

Quis  gradus  conparationis  est? 

Positivus. 

Conparationis  gradus  quot  sunt? 

Tres. 

Qui? 

Positivus. 

Conparativus. 

Superlativus. 

Cuius  generis  est? 

Masculini. 

Feminini. 

Neutri. 

Communis. 

Omnis. 

Promiscui. 


Auch  in  der  St.  Galler  Handschrift  899  p.  84,  in  der  viele  Stücke 
zum  karolingischen  Hof  Beziehungen  aufweisen,  fand  ich  Notizen, 
die  sich  passend  hier  anschheßen. 


60 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


NOYC  nATPIKOC    sensus  paternus. 

AOrOC    verbum  sive  ratio. 

ON    quod  est. 

TOY  ONTOC    qui  sit. 

IIROON    pexistentia. 

TO  MH  ON    quod  non  est. 

MH  ONTA     quae  non  sunt. 

AOrOI    sermones. 

TQ  NOI    sensui. 

TOY  ONTOC    qui  sit. 

HYAE    materia  vel  corpus. 

MH  ONTÜC    non  sit. 

YAHN    corpus. 

TH  YÄH    huic  corpori. 


1.  Nos  dicamus  Christo  laudem  genitoris  unico, 
mundi  legitur  librorum  qui  creator  paginis, 
cuius  fine  Clemens  venit  liberare  perditos. 

2.  Ante  saecula  qui  natus  paterna  substantia, 

ut  salvaret,  quos  creavit,  carnem  nostram  induit 
et  innumeris  ostendit  virtutem  miraculis. 

3.  Rupit  tartara  calcato  draconis  imperio, 
cuius  mors  terrarum  orbem  vastabat  invidia, 
vinctos  diu  paradysi  perduxit  ad  gaudia. 

4.  Qui  te,  Paule,  poetarum  vatumque  doctissime, 
unguis  variis  ad  nostram  lampantem  provinciam 
misit,  ut  inertes  aptis  fecundes  seminibus. 


IT.  UERS.  petri  grammatici  Pf.  123— 123v. 

4,1  doctissime]  e  auf  Rasur  P,  doctissimum  Dümmler  \\  4,2  prouintiam  P  \\ 
4,3  aptis  fecundes  aus  aptes  fecundis  corr.  P. 


1,1  Christo  genitoris  unico  dem 
eingebornen  Sohne  des  Vaters ;  unicus  = 
unigenitus. 

2,1  ante  saecula  qui  natus  paterna 
substantia  vgl.  im  Symbolum  Athana- 
sianum :  Deus  ex  substantia  Patris  ante 
saecula  genitus. 

4,1 — 2  poetarum  vatumque:  vates 
ist  der  dichterisch  begeisterte  Sänger  und 


poeta  der  schaffende  Dichter.  —  lam- 
pantem Unguis  variis:  Er  verstand  also 
Lateinisch,  Griechisch  und  Hebräisch  und 
war  demnach  trilinguis  (vgl.Poet.  III 167 
V.  27;  229  v.  1).  Dies  ist  aber  nur  für  die 
lateinische  Sprache  wörtlich  zu  nehmen; 
denn  für  diese  Zeit  waren  Kenntnisse  im 
Hebräischen  eine  Seltenheit.  Was  das 
Griechische  betrifft,  vgl.  Vocbem. 


Petrus  von  Pisa  an  Paulus  Diaconus. 


61 


5.  Graeca  cerneris  Homerus,  Latina  Vergilius, 

in  Hebraea  quoque  Philo,  Tertullus  in  artibus, 
Flaccus  crederis  in  metris,  Tibullus  eloquio. 

6.  Tu  nos  gestu  docuisti  exemplorum  credere, 
quod  amoris  agro  nostri  plantatus  radicitus 
tenearis  nee  ad  prisca  cor  ducas  latibula. 

7.  Cum  grammaticae  Latinis  fecundare  rivulis 
non  cesses  nocte  dieque  cupientis  viscera 
partiumque  satione  Graecorum  sub  studio, 

8.  Haec  nos  facit  firmiores  doctrina  laudabilis 
vestra  de  permansione  qua  fuit  dubietas, 

quod  te  restis  nostrae  cinxit  nee  dimittit  anehorae. 


5,1  Greca  (oft  e  für  aej  P   \\    6,1  docuisti  zweimal  P   \\    6,2  radictus  P   \\ 
7,1  latinis]  das  erste  i  corr.  P   \\    7,3  ratione  P,  satione  Traube. 


5,1 — 3  in  Hebraea  quoque  Philo: 
Der  Jude  Philo  war  dem  karolingischen 
Kreis  aus  lateinischen  Übersetzungen  be- 
kannt. Paulus  nennt  den  in  Alexandria 
geborenen  Philosophen  XIII  4  Memphiti- 
cus.  —  Tertullus  in  artibus:  Wen  Petrus 
damit  meint,  läßt  sich  nicht  bestimmt 
sagen,  möglicherweise  den  in  der  Apostel- 
geschichte (24, 1)  genannten  jüdischen 
Redner,  der  gegen  den  Apostel  Paulus 
auftritt.  Daß  er  ihn  neben  dem  Juden 
Philo  nennt,  könnte  dafür  sprechen.  — 
Homer  galt  (Poet.  I  97  v.  54)  als  vatum 
summus,  ohne  daß  er  gelesen  wurde, 
und  Angilbert  hatte  als  Mitglied  des  ge- 
lehrten Kreises  Karls  diesen  Beinamen, 
Alcvin  hieß  mit  seinem  Dichternamen 
Flaccus.  Horaz  war  aber  jedenfalls  auch 
nicht  durch  Lektüre  bekannt,  vgl.  P.  v. 
Winterfeld  Rh.  M.  60,  1905,  33.  Welche 
Schriftsteller  in  der  karolingischen  Zeit 
besonders  gelesen  wurden,  erfahren  wir 
aus  Poet.  I  203  v.  1535 ff.  und  543  v.  1—18. 

6,1  gestu  exemplorum  =  prae  te 
gerens  exempla  —  credere,  quod:  Die 
Konstruktion  mit  quod  statt  acc.  c.  inf., 
sonst  eine  häufige  Erscheinung   (vgl.  in 


diesem  Gedicht  8,3  u.  11,1),  wird  von  Pau- 
lus selten  gebraucht.  Aus  dieser  und  aus 
der  8.  Strophe  geht  hervor,  daß  Paulus 
noch  keine  Zusage  machte,  ob  er  am  Hofe 
Karls  bleiben  wolle.  Er  scheint  also  noch 
nicht  lange  dort  geweilt  zu  haben.  — 
prisca  latibula  weist  auf  Montecassino 
hin,  wo  seine  wissenschaftHche  Bedeu- 
tung nicht  solche  Würdigung  fand  wie 
in  der  gelehrten  Gesellschaft  Karls. 

7 — 8  Die  von  Traube  (Neues  Archiv 
XVII  399)  vorgeschlagene  Lesart  pra- 
torumque  satione  bringt  ein  zu  fecun- 
dare rivulis  passendes  Bild;  vgl.  auch 
4,3  fecundes  seminibus;  doch  fordert 
der  Gedanke  nicht  die  Änderung  des 
überlieferten /7flr^/w/w;  Petrus  kann  sagen, 
daß  Paulus  im  Gegensatz  zum  Lateini- 
schen vom  Griechischen  nur  die  partes 
orationis  lehre  (vgl.  9).  —  vestra  de 
permansione:  sc.  firmiores  de  vestra 
permansione,  de  qua  fuit  dubietas,  quod 
„fester  im  Glauben  betreffs  eures  Ver- 
weilens,  daß".  —  Ein  Vergleich  dieses 
Gedichtes  des  Petrus  von  Pisa  mit  dem 
folgenden  zeigt  deutlich  den  Vorzug  der 
Darstellungsweise  des  Paulus. 


62 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


9.  Credimus  post  Graecam,  multis  quam  ostendis,  regulam 
te  iam  doctis  traditurum  Hebraeorum  studia, 
quibus  ille  Gamalihel  doctor  legis  damit. 

10.  Magnas  tibi  nos  agamus,  venerande,  gratias, 
qui  cupis  Graeco  susceptos  erudire  tramite. 
Quam  non  ante  sperabamus,  nunc  surrexit  gloria. 

11.  Haud  te  latet,  quod  iubente  Christo  nostra  filia 
Michaele  comitante  sollers  maris  spatia 

ad  tenenda  sceptra  regni  transitura  properat. 

12.  Hac  pro  causa  Graecam  doces  clericos  grammaticam 
nostros,  <ut>  in  eins  pergant  manentes  obsequio 

et  Graiorum  videantur  eruditi  regulis. 


12,2  ut  fügte  Dümmler  ein. 


9  post  Graecam  regulam,  vgl.  12,3 
Graiorum  videantur  eruditi  regulis  und 
10,2  Graeco  susceptos  erudire  tramite: 
Aus  dieser  Ausdrucksweise  entnehme 
ich,  daß  der  Unterricht  im  Griechischen 
sich  nur  auf  einzelne  grammatikalische 
Erscheinungen  bezog.  —  doctis  tradi- 
turum =  die  in  den  Kenntnissen  bereits 
Fortgeschrittenen ,  Gegensatz  suscepti, 
d.  h.  die  in  die  schola  palatina  Auf- 
genommenen. —  Gamalihel  doctor  legis, 
zu  dessen  Füßen  der  Apostel  Paulus  saß 
(Act.  Apost.  5,  34;  22,3). 

11  Während  Karl  im  Jahre  781  sich 
in  Rom  aufhielt,  warb  die  Kaiserin  Irene 
für  ihren  zehnjährigen  Sohn  Konstantin 
um  die  Hand  von  Karls  achtjähriger 
Tochter  Rothrud  (Abel  I  386).  Diese  Ver- 
lobung wurde  787  wieder  aufgelöst  (Abel 
1 569).  —  Michaele  comitante:  Michael 
war  ein  griechischer  Gesandter,  vgl.  M. 
G.  Epp.  IV  547, 16;  556,  20).  —  sollers: 
Rothrud    wird   auch   sonst  we^en   ihrer 


geistigen  Vorzüge  gerühmt,  vgl.  Angil- 
bert  Poet.  I  361  v.  43  Rotthrud  Carmen 
amat,  mentis  clarissima  virgo.  —  ad 
tenenda  sceptra  regni  vgl.  Petrus  XXI 18 
nunc  regni  sceptra  tenentis.  —  transi- 
tura properat:  Damit  ist  jedenfalls  nur 
gemeint,  daß  die  Prinzessin  zu  dieser 
Vermählung  Vorkehrungen  trifft.  Dahn 
(S.  47)  liest  aber  in  diesen  Worten  die 
Andeutung,  daß  diese  schon  in  aller- 
nächster Zeit  stattfinde.  Da  nun  die 
Prinzessin  781,  im  Jahre  ihrer  Verlobung, 
nicht  älter  als  neun  Jahre  war,  so  wäre 
der  früheste  Zeitpunkt  ihrer  Vermählung 
das  Jahr  785,  wo  sie  ungefähr  das  Alter 
ihrer  Mutter  Hildegard,  die  zwölf  Jahre 
alt  sich  mit  Karl  verheiratete  (vgl.  XXVI 
21  Anm.),  erreicht  hätte.  Nach  der  Dahn- 
schen  Erklärung  der  Stelle  wäre  also 
unser  Gedicht  erst  784/785  entstanden, 
was  aber  der  sonstige  Inhalt  (vgl.  Vor- 
bem.)  nicht  als  annehmbar  erscheinen  läßt. 


XIII. 
Antwort  des  Paulus. 

Ich  habe  wohl  gemerkt,  von  wem  die  mir  überbrachten  Zeilen 
stammen.  Das  mir  gespendete  Lob  erscheint  mir  als  Ironie  und 
Spott.  Nie  nahm  ich  mir  jene  heidnischen  Dichter,  mit  denen  ich 
verglichen  werde,  zum  Vorbild  (1 — 5).  Meine  Kenntnisse  im  Grie- 
chischen und  Hebräischen  sind  sehr  gering,  bilden  aber  meinen  ein- 
zigen Reichtum  und  ich  kann  nichts  anderes  zum  Geschenke  machen 
als  diese  und  meinen  guten  Willen.  Was  mich  hier  festhält,  ist  nicht 
Ruhmsucht,  es  ist  der  Anker  eurer  Liebe  (6 — 9). 

Wenn  die  Kleriker  im  Gefolge  Deiner  Tochter  nur  so  viel 
griechisch  reden,  als  sie  von  mir  gelernt  haben,  dann  werden  sie 
wie  Statuen  erscheinen  und  verlacht  werden.  Aber  einen  Beweis, 
daß  ich  nicht  ganz  unkundig  in  den  Sprachen  bin,  will  ich  geben. 
Dies  lernte  ich  als  Knabe,  das  andere  entschwand  mit  den  Jahren 
(10 — 12).'  —  Daran  schließt  sich  die  auch  sonst  bekannte  römische 
Obersetzung  eines  griechischen  Epigramms  ohne  den  zugehörigen, 
von  Paulus  vergessenen  Schluß. 


Man  hätte  erwartet,  daß  Karl  für  die  segensreiche  Tätigkeit  des 
Paulus  nicht  bloß  anerkennende  Worte  haben,  sondern  ihm  die  Er- 
füllung seiner  Bitte,  wenn  auch  nicht  sofort  gewähren,  aber  doch 
wenigstens  in  Aussicht  stellen  würde.  Daß  auch  Paulus  dies  er- 
wartete, beweist  seine  Antwort.  Sie  ist  in  sehr  zurückhaltendem,  manch- 
mal sogar  kühlem  Tone  gehalten.  In  dem  ganzen  Gedicht,  das  an  Karl 
gerichtet  ist,  bringt  er  keine  andere  Anrede  in  die  Feder  als  gegen 
den  Schluß  rector  (10,2).  Man  vergleiche  nur  die  anderen  am  Hofe 
Karls  entstandenen  Gedichte  und  man  wird  dann  diesen  Punkt  nicht 
als  belanglos  ansehen.    Während  Petrus  zwei  volle  Strophen  (6  u.  8) 


54  K^rl  Neff,  Gediclite  des  Paulus  Diaconus. 

dazu  verwendet  um  Paulus  zu  versichern,  wie  man  ihn  schätze,  und 
wie  viel  Karl  daran  liege  ihn,  der  nunmehr  frei  über  seinen  Auf- 
enthaltsort verfügen  könne,  an  seinem  Hofe  festzuhalten,  bringt 
Paulus  mit  einfacher  Verwendung  des  von  Petrus  (8,3)  gebrauchten 
Bildes  nichts  anderes  als  die  sehr  geschraubten  und  gewundenen 
Worte :  anchora  me  sola  vestri  hie  amoris  detinet,  nectar  omne  quod 
praecellit  qaodqae  f lagrat  optime.  Wenn  er  anfügt,  daß  ihn  nicht 
eitle  Ruhmsucht  festhält,  so  konnte  Karl  zwischen  den  Zeilen  lesen, 
daß  dem  Paulus  als  Ziel  viel  mehr  die  Befreiung  seines  Bruders  vor- 
schwebte und  daß  diese  ihm  erwünschter  war  als  das  maßlos  ge- 
spendete Lob. 

Von  besonderer  Bedeutung  scheinen  mir  Str.  7  u.  8  zu  sein. 
Mit  der  auffallenden  durch  zwei  Strophen  hindurchgehenden  und 
durch  nichts  im  Gedichte  des  Petrus  veranlaßten  Äußerung,  daß  er 
keine  materiellen  Güter  besitze  und  nicht  wie  andere  solche  zum 
Geschenk  machen  könne,  will  er  Karl  in  verblümter  Weise  nur  sagen: 
könnte  ich  Dir  Schätze  bieten,  wäre  mir  meine  Bitte  vielleicht  schon 
erfüllt  worden.  Wahrscheinlich  enthält  auch  die  Stelle  7,3:  vitam 
litteris  ni  emam  in  ihrer  doppeldeutigen  Ausdrucksweise,  insofern 
als  er  nicht  sagt,  wessen  Leben  er  gleichsam  durch  seine  wissen- 
schaftliche Tätigkeit  erkaufen  möchte,  eine  stille  Mahnung. 

Wenn  man  das  ganze  Gedicht  überblickt,  so  erkennt  man,  wie 
fein  Paulus  dem  König  zu  verstehen  gibt,  daß  er  sich  mit  Lob  nicht 
abspeisen  läßt  und  bis  jetzt  keinen  Grund  hat  die  Zusage  seines 
Bleibens  zu  geben. 

L  Sensi,  cuius  verba  cepi  exarata  paginis, 

nam  a  magno  sunt  directa,  quae  pusillus  detulit. 
Portes  me  lacerti  pulsant,  non  inbellis  pueri. 


Versus  Pauli  P  f.  123v— 124. 
1,1  coepi  P. 


1   verba  exarata:   Worte,   die   ent-   1   mer),  carta  mit  einem  campus  candidolus 
standen,  indem  man  die  Wachstafel  mit  i   (campi  albentes),  die  Zeilen  mit  Furchen 


dem  Griffel  durchfurchte.  Auch  in  der 
karolingischen  Zeit  wurde  ein  Gedicht 
zuerst  auf  einer  Wachstafel  niederge- 
schrieben; für  scribere  wird  daher  mit 
Vorliebe  arare,  perarare,  sulcare,  chara- 
xare  gebraucht;  penna  wird  mit  einer 
zweigespaltenen  Pflugschar  (bifidus  vo- 


(occae)  verglichen  (XIX  1  u.  2) ;  vgl.  Poet. 
I  361  V.  45.  —  a  magno  sunt  directa, 
quae  pusillus  detulit:  Karl  ist  der  Ab- 
sender und  ein  Page  der  Überbringer 
des  Schreibens;  an  einer  anderen  Stelle 
(XVIII  6)  ist  es  ein  Adjutant  des  Königs 
(clarus  miles). 


Antwort  des  Paulus. 


65 


2.  Magnus  dicor  poetarum  vatumque  doctissimus 
omniumque  praeminere  gentium  eloquio 
cordis  et  replere  rura  fecundis  seminibus. 

3.  Totum  hoc  in  meam  cerno  prolatum  miseriam, 
totum  hoc  in  meum  caput  dictum  per  hyroniam. 
Heu,  laudibus  deridor  et  cacinnis  obprimor. 

4.  Dicor  simihs  Homero,  Flacco  et  Vergiho, 
similor  Tertullo  seu  Philoni  Memphitico, 
tibi  quoque,  Veronensis  o  Tibulle,  conferor. 

5.  Peream,  si  quenquam  horum  imitari  cupio, 
avia  qui  sunt  sequuti  pergentes  per  invium; 
potius  sed  istos  ego  conparabo  canibus. 


2,1  doctissimos  P  \\  2,2  preminere  (einige  Male  o,  für  ae)  P  \\  4,2  similor  aus 
simulor  corr.  P    \    philoni  aus  philom  com  P   \\    5,2  auia  mit  c  über  u  P. 


2  entspricht  der  4.  Str.  im  voraus- 
gehenden Gedicht. 

3  Beachte  die  wirkungsvolle  Ana- 
phora verbunden  mit  Reim.  —  in  meam 
miseriam:  „Das  ganze  Lob  ist  nur  vor- 
gebracht worden  um  mir  meine  Arm- 
seligkeit, das,  was  mir  fehlt,  recht  zum 
Bewußtsein  zu  bringen,und  alles  ist  Ironie"; 
in  meum  caput  =  in  me,  vgl.  XXII  22 
deridetque  meum  caput.  —  heu:  Die 
handschriftliche  Überlieferung  ist  beizu- 
behahen;  heu  ist  zweisilbig  gebraucht 
wie  seu,ceuA,2  und  XV^Q,  1,  vgl. Traube, 
Karolingische  Dichtungen  S.  112  ff.  und 
O  Roma  nobilis,  Abh.  d.  I.  Cl.  d.  Akad.  d. 
Wiss.  XIX  Bd.  II  S.  320.  —  deridor:  Ver- 
tauschung der  Konjugation,  vgl.  XIII  11 
deridentur,  XXII  22  deridet  (beides  als 
Fut.  gebraucht);  X  6  stuperent. 

4  bringt  die  Antwort  auf  XII  5.  — 
Veronensis  o  Tibulle:  Paulus  verwechselt 
den  aus  Verona  stammenden  Catullus  mit 
Tibullus.  Von  diesem  sind  alte  Hand- 
schriften nicht  überliefert,  er  war  aber 
den  Karolingern  nicht  ganz  unbekannt. 

5  avia  qui  sunt  sequuti  pergentes 
per  invium:  Beachte  das  Wortspiel  avia- 
invium.  Paulus  verwahrt  sich  gegen 
einen  Vergleich   mit  den  in   Str.  4   ge- 

Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA 


nannten  Männern,  die  das  vom  rechten 
Weg  Abliegende  im  Auge  hätten  und 
dabei  durch  Unwegsames  gingen.  Er 
will  damit  sagen,  daß  diese  Schriftsteller 
als  Heiden  in  der  Irre  gehen,  da  sie  nicht 
den  rechten  Weg  einschlagen,  den  allein 
das  Christentum  zeigt,  und  Dinge  zu  er- 
gründen suchen  (pergentes  per  invium) , 
wie  der  Philosoph  Philo,  die  dem  mensch- 
lichen Geist  versagt  sind  (vgl.  Verg.  Aen. 
II  736  avia  cursu  dum  sequor  et  nota 
excedo  regione  viarum).  —  potius  sed 
istos  ego  conparabo  canibus:  Dieser 
Vergleich  erscheint  befremdend,  da  Pau- 
lus ein  so  gelehriger  Schüler  der  Antike 
ist,  aber  er  gebraucht  ihn  vielleicht  in  Er- 
innerung an  Matth.  XV  26,  wo  Jesus  die 
Heiden  auch  mit  Hunden  vergleicht  im 
Gegensatz  zu  den  oves  domus  Israel. 
Möglich  ist  aber  auch,  daß  Paulus  sagen 
will:  Jene  Schriftsteller  laufen,  eben  weil 
sie  nicht  den  rechten  Weg,  nämlich  den 
des  Christentums  gehen,  wie  die  Hunde, 
bald  hierhin  bald  dorthin.  Im  ähnlichen 
Sinne  sagt  Alcvin  Poet.  I  279  v.  121— 123: 
Converti  ad  dominum  ne  tardes  tra- 

mite  recto; 
Doctrinis  etiam  variis  non  flexilis  esto, 
Te  via  nam  domini  teneat  firmissima; 
III,  4.  5 


66 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


6.  Graiam  nescio  loquellam,  ignoro  Hebraicam. 
Tres  aut  quattuor  in  scolis  quas  didici  syllabas, 
ex  his  mihi  est  ferendus  maniplus  ad  aream. 

7.  Nulla  mihi  aut  flaventis  est  metalli  copia 
aut  argenti  sive  opum,  desunt  et  marsuppia. 
Vitam  Htteris  ni  emam,  nihil  est,  quod  tribuam. 

8.  Pretiosa  quaeque  vobis  dona  ferant  divites, 
aHi  conportent  gemmas  Indicosque  lapides: 
meo  pura  tribuetur  voluntas  in  munere. 

9.  Anchora  me  sola  vestri  hie  amoris  detinet, 

nectar  omne  quod  praecellit  quodque  flagrat  optime. 
Non  de  Htteris  captamus  vanae  laudem  gloriae. 


6,2  scolis  aus  scoli  corr.  P   \\    8,2  conportent  aus  conportant  corr,  ?  P. 


Sedul.  carm.  pasch.  I  300: 

Arrius  infelix,  qui  curvaperavia  rectum 

Flectere  nisus  iter,  foveam  delapsus  in 

atram; 
vgl.  auch  Poet.  I  82,  22. 

6  in  scolis  didici:  Darin  liegt  kein 
Widerspruch,  wie  Dahn  S.  10  behauptet, 
mit  den  Angaben  Hildrichs,  des  Ver- 
fassers der  Grabschrift  des  Paulus  (unten 
XXXVI  14):  divino  instinctu  regalis  pro- 
tinus  aula  te  sumpsit  alendum.  Paulus 
wurde  in  der  schola  palatina  in  Pavia 
unterrichtet,  vgl.  Bern,  zu  XXXVI  15.  — 
ferendus  maniplus  ad  aream:  Er  muß 
eine  Handvoll  der  Öffentlichkeit  über- 
geben. 

7 — 8  Ein  Vergleich  unseres  Gedichtes 
mit  dem  vorausgehenden  zeigt,  daß  Paulus 
in  seiner  ebenfalls  zwölf  Strophen  um- 
fassenden Antwort  auf  jede  Strophe  des 
Petrus  erwidert,  nur  7  und  8,  wo  Paulus 
hervorhebt,  daß  er  nicht  im  Besitze  von 
Schätzen  sei,  sind  durch  keine  Andeu- 
tung im  vorhergehenden  Gedicht  ver- 
anlaßt; vgl.  Vorbem.  —  nulla  flaventis 
metalli  copia  vgl.  Brief  an  Theudemar 
(XIV  35)  nullae  me,  credite,  divitiae, 
nulla  praedia,  nulla  flaventis  metalli 
copia  a  vestro  poterunt  separare  col- 
legio;  vgl.  auch  VI  132  und  Brief  an 
Adalhard    (XXXI  am  Anfang).    —    con- 


portent ist  in  Rücksicht  auf  ferant  ein- 
zusetzen. Die  Reichen  mögen  kostbare 
Geschenke  aller  Art  geben,  er  kann  nur 
seinen  guten  Willen  anbieten,  d.  h.  seine 
Bereitwilligkeit  das  zu  erfüllen,  was  Karl 
von  ihm  wünscht.  —  gemmas  Indicosque 
lapides:  vgl.  XXVI  6  Indica  gemma; 
Anh.  \\2  et  rutilat  vario  Indus  honore 
lapis.  Damit  kann  der  Beryll  gemeint  sein 
(vgl.  Isid.  Etymol.  XVI  cap.  7  Beryllus  in 
India  gignitur,  gentis  suae  lingua  nomen 
habens)  oder  auch  die  Perle,  vgl.  Plin. 
nat.  bist.  IX  106  culmen  omnium  rerum 
pr etil  mar  gar  itae  tenent.  Indiens  maxime 
has  mittit  oceanus. 

9  nectar  quod  flagrat  optime:  Die 
Verwechslung  von  fragrare,  f lagrare  und 
auch  fraglare  findet  sich  in  den  Hand- 
schriften sehr  häufig  (vgl.  Poet.  I  3  v.  8; 
98  v.  14;  128  V.  67,  133  Str.  3  u.  5;  Index 
zu  Poet.  III).  Hier  erwartet  man  frag- 
rare, vgl.  Poet.  I  261  V.  34  et  totum 
redolet  pectus  amore  dei;  Poet.  I  79 
V.  9  Romanis  blando  quantum  frag- 
lavit  (flagravit  G)  amore.  Die  Ver- 
wendung von  flagrare,  wenn  von  Liebe 
die  Rede  ist,  lag  näher;  vgl.  auch  Grab- 
schrift Hildrichs  XXXVI  v.  33  nectareus 
et  pacis  amor.  —  non  de  Htteris  cap- 
tamus laudem:  Paulus  will  sich  nicht 
durch    wissenschaftliche    Tätigkeit    Be- 


Antwort  des  Paulus. 


67 


10.  Nee  me  latet,  sed  exulto,  quod  pergat  trans  maria 
vestra,  rector,  et  capessat  sceptrum  pulchra  filia, 
ut  per  natam  regni  vires  tendantur  in  Asiam. 

11.  Si  non  amplius  in  illa  regione  clerici 

Graecae  proferent  loquellae,  quam  a  me  didicerint, 
vestri,  mutis  similati  deridentur  statuis. 

12.  Sed  omnino  ne  linguarum  dicar  esse  nescius, 
pauca,  mihi  quae  fuerunt  tradita  puerulo, 
dicam;  cetera  fugerunt  iam  gravante  senio: 


11,2  proferent  Traube,  proferunt  P    \    loquillae  P 
aus  i  corr.  P    \\    12,1  dicä  P. 


dedicerint  das  erste  e 


rühmtheit  verschaffen,  sondern  nur  Gott 
dienen.  Diese  Worte  bilden  die  Erwide- 
rung auf  XII 10:  nunc  surrexit  gloria.  — 
laudem  gloriae:  Ähnliche  Ausdrucks- 
weisen sind  in  der  karolingischen  Zeit 
häufig,  vgl.  Index  zu  Poet.  III  unter 
abundantiae  exempla. 

10  gibt  die  Antwort  auf  XII,  11.  — 
ut  per  natam  regni  vires  tendantur: 
Paulus  schließt  sich  in  dieser  Strophe 
enge  an  die  Worte  Karls  an,  setzt  aber 
statt  iubente  Christo,  worauf  Bezug  zu 
nehmen  ihm  eigentlich  näher  lag,  den 
wahren  Grund  und  beweist  dadurch,  daß 
er  die  politischen  Verhältnisse  wohl  im 
Auge  behalten  hat. 

1 1  proferent  wurde  in  Rücksicht  auf 
didicerint  und  deridentur  (vgl.  Bern,  zu 
Str.  3)  eingesetzt. 

12  dicar  esse  nescius:  Da  die 
überlieferte  Lesart  dicam  esse  nescius 
nicht  dem  Sprachgebrauch  des  Paulus 
entspricht,  so  wurde  die  auch  inhaltlich 
mehr  entsprechende  dicar  gewählt.  Da- 
mit man  nicht  sage,  er  habe  überhaupt 
keine  Sprachenkenntnisse  besessen,  so 
fügt  er  die  lateinische  Übersetzung  fol- 
genden griechischen  Epigramms  {^Xdxxov 
Anth.  Pal.  VII  542)  bei: 

"Eßgov  x^i/^isgioig  äzalog  XQVfÄoToi  ÖE'&Evxog 

HovQog  ohoßrjQoTg  tzooölv  ed  QavosTidyov , 

zov    JtagaovQOfisvoio    nsQiQgaysg    av/Jv' 

sxoyjsv 


drjyaXsov  jtozaf-iov  Biarovioio  xQvcpog. 
5   Kai  t6  [a,£v  rjQTidad^rj  divaig  f^sQog'  t]  ds 

XEXovoa 

Xeicpdlv    vjiSQ'ßs    xdcpcp    fxovvov    edrjXE 

xdga. 
MvQOfXEvrj  8s  xdXaiva  'xixog,  xixog'  eIjze 

'x6  (JLEV  aov 

TivQxal'rj,  x6  8e  oov  Jitxgov  £§ayj£v  vScoq.' 
Paulus  kann  damit  nicht  etwa  den  Be- 
weis liefern  wollen,  daß  er  imstande  sei 
ein  griechisches  Original  in  poetischer 
Form  zu  übersetzen,  sondern  nur,  daß  er 
in  seiner  Jugend  die  bereits  lange  vorher 
übersetzten  lateinischen  Verse  kennen 
gelernt  habe.  Die  Worte  pauca,  mihi 
quae  fuerunt  tradita  puerulo,  dicam  etc. 
sagen,  daß  er  das  Gedicht  aus  der  Er- 
innerung wiedergibt,  das  ihm  einst  sein 
Lehrer  vorlegte,  und  daß  ihm  nicht 
alles  mehr  im  Gedächtnis  geblieben  ist. 
—  iam  gravante  senio:  Damit  ist  nur 
gesagt,  daß  er  sich  schon  alt  fühlt.  Da 
sein  Geburtsjahr  nicht  überliefert  ist, 
so  kann  man  nur  unbestimmte  Angaben 
machen.  Nehmen  wir  an,  daß  er  als  Gast 
an  der  königlichen  Tafel  (Hist.  Lang,  II  28) 
des  Ratchis,  der  744  zur  Regierung  kam, 
mindestens  18  Jahre  alt  war,  dann  fällt 
seine  Geburt  ungefähr  ins  Jahr  726  und 
er  war  demnach  bei  Abfassung  dieses 
Gedichtes  (783)  bereits  57,  im  Jahre  786, 
wo  er  nach  Montecassino  zurückkehrte, 
60  Jahre. 

5* 


68 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


DE  PUERO  QUI  IN  GLACIE  EXTINCTUS  EST. 

Trax  puer  adstricto  glacie  dum  ludit  in  Hebro, 
Frigore  concretas  pondere  rupit  aquas. 

Dumque  imae  partes  rapido  traherentur  ab  amni, 
Praesecuit  tenerum  lubrica  testa  caput. 

Orba  quod  inventum  mater  dum  conderet  urna, 
*Hoc  peperi  flammis,  cetera,'  dixit,  'aquis'. 


Vgl.  die  handschriftliche  Überlieferung  bei  Baehrens,  Poet.  lat.  min.  IV  103 
und  Riese,  Anthol.  lat.^  Nr.  709  S.  174.  Demnach  sind  zwei  Versionen  zu  unter- 
scheiden, die  eine  vertreten  durch  einen  cod.  Bellovacensis  =  W,  die  andere,  hier 
wiedergegebene  durch  P. 

1  dum  ludit  in  Hebro]   cum  luderet  Hebro  1^   |1    2  concretas]   frenatas  l^|l 

3  dumque]  cumque  W  \    rapido  traherentur  ab  amni]  fundo  raperentur  ab  imo  W  \\ 

4  praesecuit  tenerum]  abscidit  a  iugulo  U^  |1    5  orba  quod]  quod  mox  W  \   urna] 
igni  W   II    Bei  W  finden  sich  noch  die  Verse: 

Me  miseram!  Plus  amnis  habet  solumque  reliquit, 
Quo  nati  mater  nosceret  interitum. 


Aus  Strophe  12  geht  hervor,  daß 
wir  keine  selbständige  Arbeit  des  Paulus 
vor  uns  haben,  wie  Riese  a.  a.  O.  und 
M.  Rubensohn  behaupten  (Neue  Jahr- 
bücher für  Philol.  und  Pädagogik  CXLVII, 
1893,  S.  764:  „Eine  Übersetzung  des 
Paulus  Diaconus  aus  der  griechischen 
Anthologie").  W  überliefert  wohl  die 
ursprüngliche  Übersetzung,  wie  sie  Pau- 


lus in  der  Schule  kennen  lernte,  P  die 
von  ihm  aus  dem  Gedächtnis  nieder- 
geschriebene. Daher  die  Vertauschung 
des  cum  mit  dem  ihm  geläufigeren  dum, 
daher  die  Änderung  in  v.  3,  die  beweist, 
daß  ihm  nur  noch  der  Klang  im  Ohre 
geblieben  war,  daher  das  Fehlen  des 
letzten  Distichons. 


XIV. 
Brief  an  Theudemar. 

'Wenn  ich  auch  räumHch  getrennt  bin,  weilt  mein  Herz  doch 
stets  bei  Euch  und  die  Erinnerung  an  all  das,  was  ich  verlassen 
mußte,  erfüllt  mich  mit  Wehmut  (1 — 15).  Trotz  der  guten  Aufnahme, 
die  ich  überall  fand,  erscheint  mir  der  Palast  wie  ein  Kerker  und  ich 
sehne  mich  nach  dem  Frieden  Eures  Klosters  (16 — 26).  Nichts  soll 
mich  abhalten  zu  Euch  zurückzukehren,  sobald  der  Herr  des  Himmels 
von  mir  die  Nacht  der  Trauer  und  von  den  Meinen  das  Joch  der 
Knechtschaft  wegnimmt  und  mir  die  Gnade  des  Fürsten  dazu  die 
Erlaubnis  gibt.  Betet  für  mich  zu  Benedikt,  daß  Gott  mich  bald 
heimsende  (27—43). 

Schreibt  mir,  wie  es  Euch  und  den  Brüdern  geht,  welchen  Zu- 
wachs ihr  bekommen  und  wen  ihr  durch  Tod  verloren  habt  (44 — 58).' 


Der  Brief  entstand  im  Jahre  783,  wo  Karl  in  Diedenhofen  sein 
Hoflager  hatte  (vgl.  Abel  I  414  Anm.  3)  und  zwar,  wie  aus  der 
poetischen  Nachschrift  hervorgeht,  am  10.  Januar.  Diesen  inhaltlich 
und  auch  formell  dem  Gedicht  XIII  ganz  nahe  stehenden  Brief  reihe 
ich  nach  nochmaliger  Vergleichung  des  Parisinus  lat.  528  hier  an, 
weil  sich  Paulus  hier  gegenüber  dem  vertrauten  und  verehrten  Mann, 
an  den  er  den  Brief  richtet  —  es  ist  Theudemar,  der  Abt  von  Monte- 
cassino  (778 — 797)  — ,  offener  ausspricht  als  in  seinem  poetischen 
Antwortschreiben  an  den  König  und  dadurch  einen  tieferen  Einblick 
in  die  Stimmung  tun  läßt,  die  ihn  in  den  ersten  Zeiten  seines  Auf- 
enthaltes am  königlichen  Hof  beherrscht. 


70  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Einst  war  ihm  die  Zelle  in  Montecassino  als  Kerker  und  Ver- 
bannungsort erschienen  (vgl.  Bern,  zu  den  Gedichten  VI  u.  VIII),  jetzt 
sehnt  er  sich  nach  ihr  zurück.  Dieser  Umschwung  der  Stimmung 
ist  nicht  nur  dadurch  zu  erklären,  daß  Paulus  während  seines  un- 
gefähr achtjährigen  Aufenthalts  sich  in  die  klösterlichen  Verhältnisse 
eingelebt  und  sie  liebgewonnen  hatte  (sehr  anmutig  ist  die  Art,  wie 
er  im  Geiste  an  den  einzelnen  Obliegenheiten  der  Kommunität  teil- 
nimmt [22 — 26]),  sondern  besonders  durch  den  Kontrast  seines 
gegenwärtigen  Lebens  mit  dem  damaligen. 

Da  Karl  mit  rastlosem  Geiste  auf  allen  Gebieten  des  Staats- 
lebens, vor  allem  in  kirchlichen  und  wissenschaftlichen  Dingen  durch- 
greifende Umgestaltungen  und  Verbesserungen  vornahm,  so  stellte  er 
auch  an  seine  Umgebung  die  größten  Anforderungen  und  es  ist  kein 
Zweifel,  daß  besonders  Paulus  wegen  seiner  vielseitigen  Bildung  ihm 
bei  der  Durchführung  seiner  Maßnahmen  mit  Rat  und  Tat  behilflich 
sein  mußte.  Wie  oft  mag  ihn  wohl  gerade  in  der  ersten  Zeit,  wo 
der  Grund  zur  Hebung  des  wissenschaftlichen  Lebens  gelegt  werden 
sollte,  Karl  veranlaßt  haben  sich  schriftlich  oder  mündlich  über  be- 
stimmte Punkte  zu  äußern  oder  zur  Belehrung  des  Königs  und  zur 
Klärung  strittiger  Punkte  mit  einem  anderen  Gelehrten  zu  disputieren 
oder  zur  Unterhaltung  Gelegenheitsgedichte  zu  machen  und  zwar  in 
einer  Zeit,  wo  Paulus  nicht  die  entsprechende  Stimmung  hatte.  Nimmt 
man  dazu  die  anstrengende  Lehrtätigkeit,  die  er,  wie  alles  andere, 
mit  um  so  größerer  Gewissenhaftigkeit  ausübte,  als  er  dadurch  eher 
für  seinen  Bruder  die  Gnade  des  Königs  zu  erringen  hoffte,  so  be- 
greifen wir,  wenn  ihn  eine  unwiderstehliche  Sehnsucht  nach  der  be- 
schaulichen Stille  und  Ruhe  des  Klosters  ergriff  und  er  an  seinen 
Abt  die  Worte  schrieb:  Ad  conparationem  vestrl  coenobii  mihi  pala- 
tium  carcer  est,  ad  conlationem  tantae,  quae  apud  vos  est,  guietis 
hie  mihi  degere  tempestas  est. 

Auch  hier  sagt  er  deutlich,  daß  er  bei  seinem  Aufenthalt  nur 
den  Zweck  verfolge  die  Befreiung  seines  Bruders  zu  erwirken  und 
daß  er,  unbeeinflußt  durch  die  glänzenden  Aussichten,  die  ihm  ein 
Bleiben  am  Hofe  eröffnete,  heimkehren  wolle,  sobald  es  möglich  sei. 
Dabei  aber  verschweigt  er  nicht,   daß  Karl  sich  ihm  gnädig  zeigte. 


Brief  an  Theudemar. 


71 


AMABILLIMO  ET  TOTIS  MIHI  PRAECORDIIS  DILECTO 

DOMINO  MEO,  PATRI  ABBATI  THEUDEMARI,  PAULUS 

PUSILLUS  FILIUS  SUPPLEX. 

Quamvis  prolixa  terrarum  spatia  corpore  tenus  a  vestro  con- 
sortio  dividant,  iungit  me  tarnen  utcumque  vestro  coetui  tenax  et  5 
quae  dividi  numquam  poterit  Caritas,  tantusque  singulis  paene  mo- 
mentis  me  vester  meorumque  seniorum  et  fratrum  amor  excruciat, 
quantum  nee  epistolaris  valet  relatio  nee  pagellarum  exponere  bre- 
vitas.  Cum  enim  menti  subeunt  occupata  tantum  in  divinis  operibus 
otia  ac  mei  statio  hospitioli  gratissima,  cum  vester  pius  et  religiosus  lo 
affectus,  cum  sancta  tantorum  Christi  militum  divinis  cultibus  insudans 
caterva,  cum  singulorum  fratrum  in  diversis  virtutibus  exempla  ful- 
gentia,  cum  dulcia  supernae  patriae  perfectionum  colloquia,  haereo, 
stupeo,  langueo  nee  inter  imo  pectore  tracta  suspiria  retinere  lacrimas 
possum.  15 

Inter  catholicos  et  christianis  cultibus  deditos  versor;  bene  me 
omnes  accipiunt,  benignitas  mihi  affatim  amore  nostri  patris  Benedicti 
et  vestris  meritis  exhibetur;  sed  ad  conparationem  vestri  coenobii 
mihi  palatium  carcer  est,  ad  conlationem  tantae,  quae  apud  vos  est, 
quietis  hie  mihi  degere  tempestas  est.  Solo  ab  hac  patria  debili  20 
corpusculo  teneor,  tota,  qua  solum  valeo,  mente  vobiscum  sum. 
Videorque  mihi  nunc  suavibus  nimium  vestris  Interesse  concentibus, 
nunc  consedere  satiandis  in  caenaculo  plus  lectione  quam  cibo,  nunc 


INCP  EPISTOLA  P/.  127. 

6  pene  (häufig  e  statt  ae^  P  \\  9  diuinis]  u  auf  Rasur  P  \\  14  imo 
über  i  stehen  zwei  Punkte  und  darüber  ein  Budistabe  wie  i  P  \  retenere  P  \\ 
16  deditos  aus  deditus  corr.  P   \\    17  benignitas  Traube,  benigniter  P. 


3 — 10  pusillus  filius  supplex  vgl. 
Anm.  zum  Anfang  des  Briefes  an  Adel- 
perga  (III).  —  quae  dividi  numquam 
poterit  Caritas:  Ähnlicher  Gedanke  bei 
Alcvin  M.  G.  Epp.  IV  53,  11.  —  occu- 
pata tantum  in  divinis  operibus  otia: 
In  diesen  Worten  liegt,  daß  seine  Tätig- 
keit am  Hofe  meist  weltlichen  Dingen 
gewidmet  war.  —  cum  vester:  Die  Ana- 
phora tritt  in  diesem  Brief  besonders 
häufig  auf,  vgl.  22,  27,  34. 


11 — 14  sancta  Christi  militum  ca- 
terva vgl.  27  Sacra  et  venerabilis  pha- 
lanx;  VI  v.  147  u.  148  sancta  phalanx.  — 
inter  imo  pectore  tracta  suspiria  vgl. 
Ovid.  Met.  X  403  suspiria  duxit  ab  imo 
pectore. 

21 — 26  tota,  qua  solum  valeo,  mente 
vgl.  Brief  an  Adalhard  XXXI  inter- 
ioribus  oculis,  quibus  solis  valeo.  —  ad 
instar  auch  sonst  von  Paulus  gebraucht 
Gest.  epp.  Mett.  SS.  II  267;  Hist.  Lang. 
I  14;  IV  47. 


72 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


singulorum  considerare  in  diversis  officiis  studia,   nunc  gravium  iam 

25  senio  seu  languidorum,  quomodo  quisque  valeat,  perdiscere  causas, 
nunc  ad  instar  mihi  paradisi  dilecta  sanctorum  terere  limina. 

Crede,  pater  et  domine,  crede  sacra  et  venerabilis  phalanx,  solo 
me  affectu  misericordiae,  solis  pietatis  precibus,  solis  animae  hie 
profectibus  ad  tempus  detineri;   et,   quod   his   est  ampHus,  tranquilH 

30  nostri  regis  et  domini  potestate.  Ceterum  quam  primum  valuero  et 
mihi  caeH  dominus  per  pium  principem  noctem  maeroris  meisque 
captivis  iuga  miseriae  demiserit,  si  tamen  quomodocumque  clemen- 
tissimi  principis  iocundum  quivero  emereri  permissum,  mox  ad  vestra 
consortia  nulla  aha,  vita  comite,  detentus  occasione  repedabo.    Nullae 

35  me,  credite,  divitiae,  nulla  praedia,  nulla  flaventis  metalli  copia,  nullus 
quorumlibet  affectus  a  vestro  poterunt  separare  collegio. 

Te  itaque,  pater  dulcissime,  vosque,  o  carissimi  patres  et  fratres, 
inploro,  pro  me  continue  beatissimum  communem  patrem  et  prae- 
ceptorem  poscere  dignamini  Benedictum,  ut  suis  apud  Christum  ob- 

40  tineat  meritis,  ut  me  quantocius  dignetur  reddere  vobis.  Spero  equi- 
dem  in  deo  nostro,  qui  numquam  in  bonis  patitur  desideriis  quem- 
quam  fraudari,  quod  me  secundum  anhelantis  mei  cordis  desiderium 
vobis  citius  restituat  cum  congruo  fructu. 


26  terrere  P  \\  27  phallanx  P  \\  28  me]  mea  P  \  precibus  Waitz,  patri- 
bus  P,  visceribus  Lebeaf  \\  29  deteneri  P  \  tranquilli  Dahn,  tranquill  a  P  |1 
31  meis  qua  P  \\  34  decentus  P  \\  35  me  credite  nicht  lesbar  P  \  flaventis  aus 
labentis  corr.  P   \\    36  a  vestro]  auexo  P   \\    39  obteneat  P   \\    40  quantotius  P. 


27 — 29  solo  me  affectu  misericordiae: 
In  diesen  Worten  gibt  er  deutlich  an, 
was  ihn  noch  festhäU,  nämlich  das  Ge- 
fühl des  Mitleids  für  die  Seinen,  ihre 
Bitten  und  der  Gewinn,  den  er  durch 
ihre  Befreiung  für  seine  Seele  erringt; 
damit  kann  er  seine  innere  Ruhe  meinen 
oder  das  angenehme  Gefühl  anderen 
Gutes  getan  zu  haben.  —  tranquilli 
nostri  regis  et  domini  potestate:  Daß 
Karl  ihn  nicht  fortlassen  will,  ist  deutlich 
auch  in  XII  6  u.  8  ausgedrückt;  vgl.  auch 
XIII  9  ancora  me  sola  vestri  hie  amoris 
detinet;  man  beachte  auch,  daß  er  Karl 
immer  den  gnädigen  Fürsten  nennt  (tran- 
quillus,  pius,  clementissimus) . 

31 — 35  mihi  noctem  maeroris  meis- 
que captivis  iuga  miseriae:  Mit  der  Be- 


freiung der  Gefangenen  schwindet  auch 
seine  Trauer,  vgl.  zum  Gedanken  XXI 
v.  12  taetro  maerore  relicto;  v.  9  quod 
tepost  tenehras  fecit  cognoscere  lumen.  — 
nulla  flaventis  metalli  copia:  Diese  wört- 
lich in  XIII  7  von  Paulus  gebrauchten 
Worte  bestätigen  die  nahen  Beziehungen 
zwischen  diesem  Gedicht  und  unserem 
Brief. 

40 — 52  ut  me  quantocius  dignetur 
reddere  vobis:  In  den  prosaischen  Schriften 
des  Paulus  finden  sich  nicht  selten  Vers- 
schlüsse oder  ganze  Verse,  vgl.  Neff, 
De  Paulo  D.  Festi  epitomatore  p.  8.  — 
cum  congruo  fructu:  Mit  dem  ent- 
sprechenden Erfolg  meint  er  die  Be- 
freiung der  Gefangenen.  —  pro  nostris 
dominis  eorumque  exercitu:  Es  ist  nicht, 


Brief  an  Theudemar. 


73 


Superfluum    vobis   aestimo,    ut   effundatis    preces    pro    nostris 
dominis   eorumque   exercitu,   scribere,   cum  sciam   vos  in   hoc  ipso  45 
semper  insistere;   pro   domno   illo   abbate,   sicut  et  facitis,   Christum 
deposcite,  cuius  hie  singulari  post  principalem  munificentiam  nutrior 
largitate.    Tanta  mihi,  carissimi,  vestra  illuc  copia  existit,  ut,  si  vehm 
vos  singulariter  nuncupare,   tota   haec  vestris  nominibus  pagina  non 
possit  sufficere.    Unde  generahter  omnibus  et  opto  et  scribo  salutem,  so 
obsecrans,   ut  non  obHviscamini  mei.    Te  vero,  mi  domine  et  vene- 
rabihs  abba,  seu  quicumque  es,  nonne  praeposite,  peto,  ut  mihi  scribi 
faciatis  de  vestra  fratrumque  salute,  vel  quales  vobis  fructus  praesens 
annus  adtulerit;   utque   eorum   fratrum  mihi  dirigatis  cum  nominibus 
numerum,  qui  mundanis  exuti  vincuHs  migrarunt  ad  Christum.    Nam  55 
plurimos  obisse  audio;  sed  nominatim  nonnum  illum,  qui,  si  vere  ita 
est,   mei   cordis  partem   non  modicam   abstuHt  secum.    Vale,   pater 
sanctissime,  et  memor  esse  dignare  fiUoU  tui. 

lam  fluebat  decima  de  mense  diecula  lani, 

Margine  de  vitreae  cum  sum  directa  Mosellae.  ^ 

Cum  patre  melHfluo,  fratres,  sine  fine  valete! 


48  ex  istit  P  \ 
und  i  eine  Rasur  P 
wischt  P. 


ut  aus  et  corr.  P  \   uellim  P   \\    56  nominatim]  zwisdien  t 
I    59  diecula]   deicola?  P    \\    60  mosellae  fast  ganz  ver- 


wie  Dahn  S.  31  will,  an  Karl  und  seine 
Söhne  Pippin  und  Ludwig  zu  denken, 
da  diese  seinem  Herzen  noch  ferne  stehen 
und  ihm  noch  als  die  Feinde  seines 
Vaterlandes  und  seiner  Familie  erscheinen. 
Er  bezeichnet  damit  Äbte  oder  Kloster- 
vorstände mit  ihren  Mönchen,  vgl.  XIV  11 
sancta  Christi  militum  caterva.  —  dom- 
no ilL:  Möglicherweise  stand  an  Stelle 
des  ///.  der  Name  Adalhards,  des  Abtes 
von  Corbie  an  der  Somme,  der  infolge 
seiner  Bekanntschaft  von  Montecassino 
her  sich  jedenfalls  des  Paulus  annahm, 
als  er  am  Hofe  Karls  erschien  (vgl.  Vor- 
bem.  zu  XXXI).  —  seu  quicumque  es, 
nonne  praeposite:  Schon  Lebeuf  erschie- 
nen diese  Worte  auffähig  und  er  änderte 
deshalb  quocumque  es  nomine.  Bethmann 
nimmt  an,   daß  dies  ein  Zusatz  ist,   der 


nachträglich  gemacht  wurde,  als  man  den 
Brief  für  die  Klosterschule  als  Muster  ab- 
schrieb. Dem  Schüler  soHte  gesagt  werden, 
daß  er,  wie  hier  Paulus  seinen  Abt  anredet, 
er  die  Anrede  zu  wählen  habe,  die  seinem 
Adressaten  zukommt.  Man  kann  auch 
denken,  daß  Paulus,  lange  ohne  Nach- 
richt von  Montecassino  geblieben,  die 
Möglichkeit  nicht  ausschließen  will,  daß 
an  Theudemars  Stelle,  der  abwesend  oder 
gestorben  sein  könnte,  ein  anderer  älterer 
Bruder  den  Brief  in  Empfang  nimmt. 

53  quales  fructus:  Paulus  erkundigt 
sich,  wie  der  Zusammenhang  ergibt,  nicht 
nach  der  Ernte,  sondern  nach  dem  Zu- 
gang neuer  Mönche. 

59  fluebat:  vgl.  die  Anm.  zu  X  6.  — 
Die  Verse  bilden  gleichsam  die  Adresse 
zu  dem  Brief,  vgl.  XXXIX. 


XV. 
Grammatische  Rhythmen. 

In  diesen  beiden  rhythmischen  Gedichten  werden  40  Perfekt- 
formen der  vier  Konjugationen  aufgezählt  und  zwar  so,  daß  das 
II.  Gedicht  einen  Nachtrag  zum  I.  liefert. 

Sie  sind  in  der  Pariser  Handschrift  lat.  7530  (Q)  überliefert, 
wo  f.  5^  eine  prosaische  Abhandlung  de  speciebus  praeteriti  perfecti 
beginnt.  Daran  schließt  sich  f.  7^  der  I.  abecedarische  Rhythmus. 
Ihm  folgt  f.  8  ein  II.  aus  10  Strophen  bestehender,  deren  Anfänge 
die  Worte  Paulus  feci  bilden. 

Schon  die  ersten  Herausgeber  (Nouveau  traite  de  diplomatique 
I  293),  dann  Dümmler  (Poet.  I  625)  und  Traube  (Neues  Archiv  XV 200) 
erkannten  darin  ein  Werk  des  Paulus  Diaconus,  denn  dieser  be- 
schäftigte siciT  viel  mit  grammatikalischen  Studien  (vgl.  die  Ausgabe 
seines  dialogisierten  Donat  von  Amelli,  Montecassino)  und  war  am 
Hofe  Karls  auch  als  Lehrer  der  Grammatik  tätig.  Er  ist  ferner  der 
Verfasser  andrer  rhythmischer  Gedichte  und  verwendete  auch  sonst  die 
Form  des  Akrostichons  (II  und  XVI). 

Das  wichtigste  Beweismittel  bietet  aber  die  handschriftliche  Ober- 
lieferung. Die  in  beneventanischer  Schrift  geschriebene  Pariser  Hand- 
schrift stammt  ohne  Zweifel  aus  Montecassino  und  P.  Lejay  (Revue 
de  Philologie  XVIII  42 — 52)  verlegt  ihre  Abfassungszeit  ins  Jahr  779. 

Traube  bezweifelt  aber,  daß  der  Parisinus  mit  den  Rhythmen 
des  Paulus  „soas  ses  yeux  oa  du  moins  par  ses  ordres"  entstanden 
sein  könne,  da  er  dafür  zu  fehlerhaft  geschrieben  sei;  er  hält  es  für 
möglich,  daß  er  aus  einer  älteren  Vorlage  vom  Jahre  779  abgeschrieben 
wurde  (Traube,  Textgesch.  S.  112).  Zur  Entscheidung  dieser  Frage 
ist  zunächst  festzustellen,  daß  die  Darstellung  in  formeller  und  inhalt- 
licher Beziehung  die  Annahme  zweier  Verfasser  fordert  und  der 
I.  Rhythmus  nicht  von  Paulus  verfaßt  sein  kann. 


Grammatische  Rhythmen. 


75 


Da  er  nichts  anderes  ist  als  eine  rhythmische  Bearbeitung  der 
Grammatik  des  Diomedes,  so  haUe  ich  es  für  sehr  wahrscheinlich, 
daß  er  erst  entstand,  als  Adam  die  Bibliothek  Karls  mit  einer  Ab- 
schrift der  Grammatik  des  Diomedes  bereicherte,  wofür  er  mit  der 
Abtei  Wasmünster  belohnt  wurde  (Poet.  I  93  c.VI),  also  nicht  vor  780. 
Weil  nun  Karl  im  nämlichen  Jahre  die  wissenschaftlichen  Studien  an 
seinem  Hofe  neu  belebte,  so  liegt  der  Gedanke  nahe,  daß  der  um  die 
gleiche  Zeit  von  ihm  berufene  Grammatiker  Petrus  von  Pisa,  sein 
Lehrer  in  der  Grammatik,  im  Jahre  781  den  Diomedes  rhythmisch 
behandelte  um  ihn  dadurch  leichter  zu  Lehrzwecken  verwenden  zu 
können.  Als  aber  Paulus  Diaconus  im  Jahre  782  an  den  karolingischen 
Hof  kam  und  seine  Lehrtätigkeit  begann  (vgl.  XII 7  cum  grammaticae 
Latinis  fecundare  rivalis  non  cesses),  verfaßte  er  den  II.  gramma- 
tischen Rhythmus,  das  Resultat  eigener  Studien,  zur  Ergänzung  des  I. 
Beide  bildeten  dann  als  ein  Ganzes  die  Grundlage  für  die  grammati- 
kalischen Unterweisungen  am  Hofe.  Als  Paulus  wieder  nach  Monte- 
cassino  zurückgekehrt  war,  also  nach  786,  wurde  die  Abschrift  ge- 
macht, die  wir  im  Parisinus  vor  uns  haben.  Verlegt  man  mit  P.  Lejay 
die  Entstehung  unserer  Rhythmen  in  das  Jahr  779,  in  dem  Paulus 
Diaconus  noch  als  Verbannter  in  Montecassino  lebte,  so  könnten  wir 
folgern,  daß  er  schon  hier  als  Lehrer  der  Grammatik  tätig  war. 
Die  vielen  Fehler,  die  sich  in  beiden  Rhythmen  und  besonders  im 
I.  finden,  lassen  es  aber  als  vollkommen  ausgeschlossen  erscheinen, 
daß  wir  im  Parisinus  eine  erste  Niederschrift  oder  etwa  das  Hand- 
exemplar des  Paulus  haben. 


L  Adsunt  quattuor  in  prima  iunctione  species: 
'a'  ex  eis  prima  habet  in  perfecto  tempore, 
una  syllaba  plus,  ut  est  famulavi  famulo. 


2.  Bino  loco  constituta  est  secunda  species, 
quae  'a'  vitat  et  in  solam  4'  vocalem  desinit 
sine  Ulla  consonante,  ut  est  sono  sonui. 


1  vgl.  Diomedisart.gramm.I  (Gramm, 
lat.  ed.  Keil  I  364,  15  (Coniugationis 
primae  temporis  perfecti  formae  sunt 
quattuor  .  .  .  prima  est,  in  qua  semper 
'a'   inest  et  una   abundat  syllaba  .  .  . 


famulo  famulavi. 

2  Diom.  p.  365,  25  Secunda  forma 
est,  quae  ...  'a'  libentius  vitat  et  in  'i' 
littcram  purum  desinit  milla  duce  con- 
sonante, ut  est  sono  sonui. 


76 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


3.  Continetur  isto  modo  tertia  iam  species, 
alebh  litteram  non  habet  atque  eius  syllabae 
iteratio  fit,  sicut  obsto  obstas  obstiti. 

4.  Dicam  <iam>  de  forma  quarta,  quae  sie  solet  fieri: 
in  'vi'  syllaba  finitur,  sed  transacto  tempore 
prima  brevis  prolongatur,  lavo  lavi  <sic>ut  est. 

5.  Ecce  quinque  formis  adest  secunda  coniunctio, 
cuius  prima  in  'i'  cadit  absque  consonantibus, 
cuius  tale  est  exemplum:  splendui  et  splendeo. 

6.  Forma  sequitur  secunda,  quam  si  cupis  discere, 
mox  dicemus:  est  correpta  instanti  in  tempore, 
sed  producitur  perfecto,  sedeo  ut  sedi  est. 

7.  Genus  tertiae  iam  modo  formulae  dicendum  est: 
terminatur  *i',  sed  prima  geminata  syllaba, 

ut  est  spondeo  spopondi,  quae  perit  conposita. 

8.  Hinc  iam  quartae  prosequamur  ordinem  speciei, 
cuius  terminum  'si'  tenet  ultima  conplexio, 
haereo  ut  est  et  haesi  et  arsi  et  ardeo. 

9.  Inde  quinta  in  'xi'  exit,  ceu  ruxi  luxi  est. 
Vidi  quoque  sive  prandi  aut  nullius  formulae 
verba  sunt  aut  sextam  sibi  vindicabunt  speciem. 


3,2  atque  eius]  et  eiusdem  Dümmler  \\  4,1  iam  fügte  Dümmler  ein  || 
4,3  brebis  Q  \  labo  Q  \  ut  (?,  sicut  Dümmler  \\  5,1  coniugatio  Q,  corr.  Dümmler  \\ 
6,1  qua  si  Q  \\  7,3  spopondiq  Q,  corr.  Dümmler   \\   8,3  et  hes.  Q  \\  9,1  exit]  exi  Q. 


3  atque  eius  syllabae:  nämlich  die- 
jenige Silbe,  die  'a'  nicht  hat.  Es  ist 
nicht  nötig  mit  Dümmler  et  eiusdem 
syllabae  zu  schreiben;  vgl.Diom.p.366,7 
Tertia  forma  est,  qua  'a  litter a  eximitur 
et  iteratio  syllabae  fit,  ut  .  .  .  obsto 
obstiti. 

4  Diom.  p.  366,  17  Quarta  species 
in  'vi'  quidem  syllabam  desinit,  sie  ta- 
men  ut  prior  syllaba,  quae  in  praesenti 
correpta  fuerat,  perfecto  tempore  pro- 
ducatur,  ut  lavo  lavas  lavi. 

5  Diom.  p.  366,  21  Secundae  con- 
iugationis  formae  sunt  quinque:  prima 
est,  quae  in  '/'  litteram  cadit  nulla  duce 
consonante,  splendeo,  splendui. 


6  Diom.  p.  366,  31  Secunda  forma 
est,  qua  prima  syllaba  ex  correpta  per- 
fecto producitur,  sedeo  sedi. 

7  Diom.  p.  366,  33  Tertia  forma 
est,  quae  desinit  quidem  in  '/'  litteram 
praepositis  consonantibus  variis,  sed 
inceptiva  verbi  littera  sive  syllaba  ge- 
minata, ut  .  .  .  spondeo  spopondi  .  .  .; 
adiecta  vero  praepositione  geminatio 
cessat  syllabae. 

8  Diom.  p.  367, 5  Quarta  forma  est, 
quae  desinit  in  'si'  syllabam,  ut  .  .  . 
ardeo  arsi,  haereo  haesi. 

9  ceu  ist  zweisilbig  zu  lesen,  vgl. 
oben  S.  65  (Anm.  zu  XIII);  es  ist  aber 
nicht  ausgeschlossen,  daß  ruxi  vel  luxi 


Grammatische  Rhythmen. 


77 


10.  Koniugationis  novem  tertiae  sunt  species, 
coniugationis  primae  quarum  prima  quidem  est: 
alfam  habet  in  'vi'  cadens,  pasco  pavi  quäle  est. 

11.  Lucide  dicamus  eia  de  secunda  specie: 
multiformis  haec  *i'  tenet  nulli  iunctam  grammati; 
colo  colui,  exemplum  si  requiras,  istud  est. 

12.  Modus  tertiae  iam  formae  a  nobis  dicendus  est, 
cuius  inceptiva  semper  syllaba  gemella  est, 

ut  est  pungo  et  pupugi,  nam  et  punxi  lectum  est. 

13.  Namque  quartae  normae  (modus)  non  praetereundus  <est>, 
cuius  clausulam  supremam  *es'  et  'iota'  retinent: 

ludo  lusi  hoc  utuntur  exemplo  grammatici. 

14.  Optat  si  quis  quintam  scire,  sensum  huc  accomodet: 
in  'xi'  longa  haec  desistit,  ut  cinxi  vel  coxi  est, 
sunt  et  alia,  quae  versus  non  valet  recipere. 


10,1  Koniugationis]  g  auf  Rasur  Q  \\  10,3  habens  in  ui  cadens  Q,  habens 
in  'vi'  cadit  Dümmler  \\  11,2  multiformem  Q  \\  12,1  est]  dicendus  eius  Q,  corr. 
Dümmler  \\  12,2  syllaba]  b  auf  Rasur  Q  \  gimella  Q  \\  13,1  modus  und  est 
von  Dümmler  hinzugefügt  \\  13,2  clausula  Q  \  iotam  Q  \\  13,3  lusi]  ludi  Q, 
corr.  Dümmler. 


est  die  richtige  Lesart  ist,  vgl.  14,  2  in 
'xV  longa  haec  desistit,  ut  cinxi  vel 
coxi  est;  Diom.  p.  367, 10  Quinta  forma 
est,  quae  extrema  syllaba  in  'xi'  litteras 
cadit  ut  .  .  .  rugeo  ruxi,  lugeo  luxi  .  .  . 
Duo  sane  verba  video  et  prandeo,  quae 
nullius  formae  regulam  servant,  aut 
rede  excipientur  aut  sextam  sibi  for- 
mam  vindicabunt,  ut  video  vidi,  prandeo, 
prandes  prandi. 

10  alfam  habet  in  vi  cadens:  diese 
Lesart  wurde  besonders  in  Rücksicht  auf 
3,2  und  auf  die  Stelle  bei  Diom.  p.  367, 18 
gewählt:  Coniugationis  tertiae  .  .  .  for- 
mae sunt  novem.  Prima  est,  quae  desinit 
quidem  in  'vi'  syllabam,  sed  ...  'a' 
habet  .  .  .  ut  pasco  pavi. 

11  multiformis  haec  sc.  species:  Wie 
vielgestaltig  diese  Art  ist,  ersieht  man 
aus  den  bei  Diom.  p. 367, 21  angegebenen 
Beispielen:  Secunda  forma  in  'i' purum 


litteram  desinit,  ut .  .  .  colo  colui .  .  .  in- 
cumbo  incubui,  consulo  consului,  pecto 
pexui,  pono  posui,  gigno  genui. 

12,3  nam  =  sed  (vgL  13,1;  20,2). 
Diom.  p.  367,  28  Tertia  forma  est,  quae 
desinit  in  '/'  quidem  litteram  appositis 
variis  consonantibus ,  sed  inceptiva 
verbi  litte ra  sive  syllaba  geminata  in 
hunc  finiuntur  modum  .  .  .  pungo  pu- 
pugi .  .  .  sed  et  punxi  dicimus. 

13,2  Diese  Lesart  findet  ihre  Be- 
stätigung in  8,2  cuius  terminum  'si'  tenet 
ultima  conplexio  und  in  22,2  eius  sigma 
atque  iota  retinent  f ine m;  iota  wird  nicht 
dekliniert  (22,2  u.  23,2);  Diom.  p.  369, 1 
Quarta  forma  est,  quae  desinit  in  'si' 
syllabam,  ut  .  .  .  ludo  lusi. 

14  Diom.  p.  369,  9    Quinta  forma 
est,  quae  desinit  in  'xi'  syllabam,  ut . 
CO  quo  coxi,  cingo  cinxi. 


78 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


15.  Post  haec  suo  sexta  loco  formula  concxa  est, 
quae  'vi'  syllaba  finitur  <in  perfecto  tempore, 
ut  est  cupio  cupivi  et  sapivi  sapio). 

16.  Quo  na<m>  ter<minetur  modo  septima  iam  praedico). 
<Cui>us  ter<minum  *i'  tenet),  'e'  sedet  in  limine, 

et  ex  agili  pigriscit,  capio  ut  cepi  est. 

17.  Rite  sequitur  octava,  quam  concludit  littera 
consonantibus  'i'  iuncta,  uti  verto  verti  est. 
Oritur  haec  <in>  instanti  a  persona  media. 

18.  Superest,  ut  nona  harum  scribatur  posterior, 
cuius  semper  bis  pulsatur  ultima  conplexio, 
ut  est  abdidi  <et  abdo>  sie  dictum  accipimus. 

19.  Transeamus  hinc  ad  quartam  quam  nonnulli  nominant 
coniugationem:  formis  haec  ex  quinque  prima  est, 
quae  ut  garrio  garrivi  in  <per>fecto  duplex  est. 

20.  Venit  iam  secunda  forma,  textus  tum  vicesima, 
'ui'  namque  terminatis  modus  litteris  sonet, 

ut  est  volo  voluique,  malo  atque  malui. 


15,2 — 3  und  16,1 — 2  diese  Zeilen  in  Q  fast  gänzlidi  zerstört  \\  16,2  in 
limine  resedet  (et.?)  Q  \\  16,3  coepi  Q  \\  17,1  sequuntur  Q  \\  17,2  consonantibus] 
b  ist  nur  undeutlich  zu  erkennen  Q  \  consonanti  iota  Dümmler  \\  17,3  in- 
stanti Q,  ab  instanti  Dümmler  \\  18,3  et  abdo  fügte  Traube  ein  \\  19,3  infecto  Q, 
corr.  Dümmler    \\    20,1  venit]  i  zwischen  n  und  t  darübergesdirieben  Q    \    forma 


15  Diom.  p.  369,  25  Sexta  forma 
est,  quae  desinit  in  'vi'  syllabam,  ut 
cupio  cupivi,  sapio  sapivi  et  sapui. 

16  in  limine  =  initio  vgl.  VII  3 
aetatis  ipso  limine. —  ex  agili  pigriscit  = 
4,3  brevis  prolongatur;  Diom.  p.  370,  2 
Septima  forma  est,  quae  desinit  in  'i' 
quidem  litteram,  ita  tamen  ut  instantis 
syllaba  prima  correpta  perfecto  tempore 
producatur,  ut  .  .  .  capio  cepi. 

17  in  instanti  vgl.  6,2  instanti  in 
tempore;  Diom.  p.  370, 10  Octava  forma 
est,  quae  desinit  in  '/'  quidem  litteram, 
ita  tamen  ut  a  secunda  persona  in- 
stantis temporis  venire  videatur,  ut  . . . 
verto  verti. 

18  Diom.  p.  370, 12  Nona  forma  est. 


quae  desinit  in  'di'  syllabam,  ita  tamen 
ut  iteratio  mediae  syllabae  fiat  .  .  .  ab- 
do abdidi. 

19  Diom.  p.  370,  24  Coniugationis 
tertiae  productae,  quam  quidam  quartam 
nominant,  formae  sunt  quinque.  Prima 
est .  .  .  ut  garrio  garrivi  garrii.  —  Dio- 
medes  teilt  wie  Donat  und  Probus  die 
3.  Konjugation  in  die  mit  kurzem  und 
langem  'is'  in  der  2.  Pers.  Sing.,  Priscian 
spricht  nur  von  vier  Koniugationen.  Diese 
werden  seit  Diomedes  an  amo  doceo 
lego  audio  gelernt  (vgl.  Baebler,  Beiträge 
zu  einer  Geschichte  der  latein.  Gram- 
matik im  Mittelalter  S.  60). 

20  'ui'  namque  terminatis  litteris 
vgl.  7,2  terminatur  '/';  II  2,1  'io'  termi- 


Grammatische  Rhythmen. 


79 


21.  X.  in  tertia  in  'eo'  vocalibus  desinit, 

quae  ut  prima  in  Vi'  exit  nee  tarnen  bifida  est: 
est  exemplum  eo  ivi  et  queo  similiter. 

22.  Ymnum  Christo  decantantes  quartae  textus  formulae 
scripti  tenus,  eins  sigma  atque  iota  retinent 
finem,  farcio  et  farsi  ut  solemus  dicere. 

23.  Zeta  tandem  adtingentes,  nunc  supremae  formulae, 
quae  'x'  habet  ante  iota,  depromendus  ordo  est, 
ut  est  sanxi:  Diomedessic  de  his  locutus  est. 


textus  tum  vicesima]  formam  tous  tu  uicesima  Q,  forma  totius  vicesima  Dümmler, 
in  textu  vicesima  Traube  \\  20,2  nonaque  terminaris  Htteris  modus  resonet  Q,  in 
'ui'  qui  terminatis  Htteris  modus  sonat  Dümmler,  in  'ui'  qui  terminatis  modus  sonat 
litteris  Meyer,  in  'ui'que  terminalis  htteris  quo  'u'  sonet  Traube  \\  20,3  uoluique  Q  \ 
atqu(^  Q  II  21,1  desinit  vocalibus  Dümmler  \\  22,1  textu  Q  \\  22,2  scriptotenus 
Dümmler    \    sima  Q    \\    22,3  farsio  Q    \\    23,1  adtengentes  Q. 


natas  formas,  3,1  'ui'  terminatur;  Diom. 
p.  371,  3  Secunda  forma  est,  quae  de- 
sinit in  'i'  litteram  puram,  ut  volo  volui, 
malo  malui. 

21  vocalibus  desinit:  Trotz  des  Wi- 
derstreites zwischen  Rhythmus  und  ge- 
wöhnlicher Betonung  ist  diese  über- 
lieferte Stellung  beizubehahen,  vgl.  12,3 
pungo  et  pupugi;  21,2  bifida  est.  Diom. 
p.  371,  4  Tertia  forma  est,  que  desinit 
in  'vi'  quidem  syllabam  ad  similitudinem 


primae  formae  ..  .ut  queo  quis  quivi, . . 
eo  ivi. 

22  decantantes:  Der  gleiche  Ge- 
brauch des  Part.  Rel.  wie  23,1  adtingentes. 
—  eius  sc.  formulae.  —  Diom.  p.  371, 13 
Quarta  forma  est,  quae  desinit  in  'si' 
syllabam,  ut  farcio  farsi. 

23  Diom.  p.  371,15  Quinta  forma  est, 
quae  desinit  in  'xi'  syllabam,  ut  sancio 
sanxi. 


IL 


1.  Post  has  nectit  subsequentes  in  secunda  species 
septimam  atque  octavam  sapientum  Studium, 
ut  est  deleo  delevi,  gaudeo  gavisus  sum. 


1,1  species  Q,  specie  Dümmler   \\    1,2  optavam  Q. 


1  in  secunda  sc.  iunctione  vgl.  2,1 
ad  correptam  tertiam;  verbinde  post  has 


species  nectit  subsequentes. 


80 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


2.  Addunt  etiam  <et>  istas  ad  correptam  tertiam 
'io'  terminatas  quinque  formas,  nam  est  decima 
supra  nonam  *o'  *vi'  mutans,  ut  cupivi  cupii. 

3.  'Ui'  terminatur  sequens,  ut  sapio  sapui. 
Sigma  litteram  bis  sena,  ut  percussi,  geminat. 
In  „xi",  ut  aspexi,  exit  tertia  et  decima. 

4.  Leniter  hinc  bis  septena,  ut  salio  salii, 
geminatur.     Sex  sunt  'io'  terminatae  formulae 
tertiae  correptae,  binas  bis  producta  retinet. 

5.  'Uo'  terminata  verba  duas  habent  species: 
quinta  decima  fit  ita:  induo  <et>  indui. 
Instruo  instruxi  datur  formae  sextae  decimae. 

6.  Septima,  ut  ago  egi,  'a'  *e'  mutat  decima, 

fitque  longa,  sed  non  crescit  subsequenti  formula. 
mutat  *a',  ut  frango  fregi,  *n'  et  perit  consonans. 


7.  Fit  hoc  species  tenore  nona  atque  decima, 
'i'  sine  vocalem  solam,  perimitur  consonans, 
scindo  ut  est  atque  scidi.    Addamus  vicesimam. 

8.  Exit  haec  in  „psi",  ut  carpsi.    Prima  et  vicesima 
's',  ut  messui,  habetur  geminata  littera. 

Hinc,  ut  fisus  sum,  secunda  ad  passivum  transmeat. 


2,1  et  fügte  Dümmler  ein  \\  2,3  'i'  'vi'  Dümmler,  'io'  'vi'  mutans  Traube  \ 
cupii  Q,  cupio  Vollmer  \\  3,1  sapio  sapii  Q,  sapui  sapio  Dümmler  \\  3,2  s.  litte- 
ram Q  II  3,3  in  cxi  Q  \\  4,1  salii]  sisili  Q  \\  5,2  et  fügte  Dümmler  ein  \\ 
7,2  'i'  (aus  n)  sine  uocali  sola  Q. 


2  decima  supra  nonam:  Er  fügt  zu 
den  im  vorhergehenden  Rhythmus  auf- 
gezählten neun  Arten  noch  eine  zehnte; 
vgl.  9,2  sexta  super  illas  quinque.  — 
'o'  'vi'  mutans:  Das  'o'  von  cupio  wird 
in  'vi'  verwandelt.  Es  ist  kein  Grund 
die  überlieferte  Lesart  zu  ändern. 

4  salio  salii  vgl.  Diom.  p.  374,  5 
Salio :  perfectum  suavius  enuntiare  vide- 
mur   salii,    quasi    munii;    sed  plerique 


veter  um  salui  dixerunt.  —  sex  sunt  'io' 
terminatae  formulae:  Paulus  zählt  hier 
nur  fünf  auf:  cupio  sapio percutio  aspicio 
salio,  rechnet  aber  capto  im  vorher- 
gehenden Rhythmus  dazu.  —  binas  bis 
producta  retinet:  er  meint  garrio  farcio 
sancio  in  1 19, 22  u.  23  und  aperio  in  II 9. 
7,2  Man  möchte  lieber  stellen:  sine 
'/'  vocalem  solam,  consonans  perimitur. 


Grammatische  Rhythmen. 


81 


9.  Coniugationi  quartae  una  tantum  iuncta  est, 

hoc  est  sexta  super  illas  quinque,  ut  praemissum  est: 
'io'  aperio,  mutat  quae  'ui'  aperui. 

10.  Istas  si  quis  quadraginta  <species  didicerit), 
.     .     .     quid     .     certe    .     .    tur.     . 
humiliter. 


9,3  quae  mutat  in  ui  (?  |j  10,1 — 3  in  Q  größtenteils  durch  Feuchtigkeit  zerstört. 
Nach  Istas  si  quis  quadraginta  beginnt  8"^.  Den  Schluß  bildet:  EXPLICIT  DE 
SPECIEBUS  PRETERITI  PERFECTI. 


9  ut  praemissum  est  im  vorher- 
gehenden Gedicht.  —  'io'  aperio:  die 
gleiche  Betonung  wie  3,1  sapio,  4,1  salio. 
—  'ui'  ist  wie  3,1  zweisilbig  zu  lesen.  — 
'io'  mutat  'ui'  vgl.  2,3;  6,1. 

10  quadraginta:  24  im  I.  und  16  im 
II.  Rhythmus.   —   Eine   Ergänzung   der 


lückenhaften  Strophe  versuchte  ich  ohne 
Erfolg.  Der  Sinn  scheint  zu  sein:  Wer 
diese  40  Perfektformen  kennt,  der  hat 
sichere  Kenntnisse.  SchließHch  fordert 
der  Dichter  den  Leser  auf  für  ihn  zu 
beten,  etwa  mit  den  Worten:  Pro  me 
tarnen  posce,  lector,  dominum  humiliter. 


Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    111,  4. 


XVI. 

Rätsel. 

^Etwas  Schöneres  als  ich  bin,  gibt  es  nie  in  einem  Pokale. 
Mir  gebührt  der  Vorrang.  Durch  meine  Kräfte  kann  ich  viele  täuschen. 
Gesetz  und  Recht  verlieren  ihre  Wirkung.  Wer  reichlich  mich  ge- 
nießt, wird  staunend  meine  Kraft  spüren  (1 — 6).' 

Die  Anfangsbuchstaben  dieses  Rätselgedichtes  geben  den  Namen 
Paulus.  Daß  der  Verfasser  unser  Paulus  ist,  dafür  sprechen  mehrere 
triftige  Gründe.  Abgesehen  davon,  daß  ihm  die  Form  des  Akro- 
stichons nicht  fremd  war  (oben  I  und  XV")  und  wir  ihn  auch  als 
Verfasser  von  Rätselgedichten  kennen  lernen  werden,  ist  es  besonders 
die  Oberlieferung  und  die  Form  des  Gedichtes,  die  zweifellos  auf 
Paulus  Diaconus  hinweisen. 

In  der  Leipziger  Handschrift  Rep.  I  74  saec.  IX  (L)  ist  fol.  15^ — 24 
eine  größere  Sammlung  von  Rätseln  unter  dem  Titel  Questiones  enig- 
matum  rhetoricae  aprtis  (^=  artis)  überliefert.  Sie  wurde  heraus- 
gegeben von  P.  Brandt  im  Tirocinium  philologicum  des  Bonner 
Seminars  S.  101 — 133  und  von  W.  Meyer  aus  Speyer,  Gesammelte 
Abhandlungen  zur  mittellateinischen  Rhythmik  II  161  ff. 

Für  die  Autorschaft  sprechen  folgende  Gründe.  Vor  allem,  daß 
unser  Gedicht  in  einer  Handschrift  steht,  die  zweifellos  paulinische 
Gedichte  enthält.  Dann  auch  seine  Eigenart.  Meyer  hat  durch  ge- 
naue Untersuchung  von  Form  und  Inhalt  nachgewiesen,  daß  jene 
Rätsel  in  der  Lombardei  entstanden  und  zwar  im  7.  oder  8.  Jahr- 
hundert. Sie  bestehen  aus  rhythmischen  Hexametern,  die  Meyer 
(a.  a.  O.  S.  16)  auch  langobardische  nennt,  weil  er  sie  nur  in  lom- 
bardischen Inschriften  fand  und  auch  der  Inhalt  für  diese  Herkunft 
spricht.  Unser  Rätsel,  ebenso  sechszeilig  wie  die  vorausgehenden, 
schließt  nun  die  Reihe  dieser  langobardischen  Rätselgedichte  ab  und 
weist  schon  dadurch  zweifellos  auf  unseren  Paulus  hin. 

Wenn  man  nun  erwägt,  daß  Karl  der  Große  seinem  gelehrten 
Kreise  nicht  bloß  ernste  Fragen  vorlegte,  sondern  eine  besondere 
Freude  daran  hatte,  wenn  Rätsel  aufgegeben  und  gelöst  wurden,   so 


Rätsel.  83 

erscheint  es  sehr  wahrscheinHch,  daß  Paulus  diese  langobardische 
Rätselsammlung  als  Beitrag  lieferte,  damit  man  ähnlich  wie  bei  den 
Epitaphiensammlungen  Muster  habe,  wie  derartige  Dichtungen  ge- 
macht werden  könnten.  Zugleich  aber  wollte  er  diese  Sammlung 
nicht  überreichen  ohne  selbst  eine  Probe  seines  Könnens  geliefert 
zu  haben  und  dabei  gleichsam  sein  Künstlersignat  zu  geben. 

Man  darf  aber  nicht  annehmen,  daß  die  ganze  Sammlung  der 
langobardischen  Rätsel,  die  in  mehreren  voneinander  stark  abweichen- 
den Handschriften  vorkommt,  Paulus  zum  Verfasser  hat.  Wahrscheinlich 
fand  er  sie  bereits  vor  und  stellte  sie  in  etwas  geglätteter  Form  an  die 
Seite  der  zahlreichen  ähnlichen  hauptsächlich  angelsächsischen  Samm- 
lungen, die  damals,  vielleicht  durch  Alcvin  verbreitet,  am  fränkischen 
Hof  behebt  waren,  wie  denen  des  Aldhelm,  Eusebius  und  Bonifatius. 
Gerne  las  man  damals  auch  den  sogen.  Symphosius  (Baehrens  IV  364). 

Unser  Rätselgedicht  ist  jedenfalls  in  der  ersten  Zeit  seines  Auf- 
enthalts am  Hofe  Karls  entstanden,  also  zwischen  782  und  786. 

Die  hier  gebrauchten  rhythmischen  Hexameter  sind  Nach- 
bildungen des  quantitierenden  Hexameters,  wobei  aber  der  Wort- 
akzent maßgebend  ist.  Jede  Zeile  schließt  wie  der  gewöhnliche 
Hexameter,  ohne  daß  auf  die  Quantität  der  Silben  Rücksicht  ge- 
nommen ist.  Beim  Lesen  der  Verse  betone  man,  wie  die  Prosa  es 
verlangt.  Sonst  verweise  ich  auf  die  oben  angeführten  eingehenden 
Untersuchungen  W.  Meyers  (S.  13 — 16).  Über  ähnlich  gebaute  Verse, 
die  im  6.  Jahrhundert  in  Montecassino  entstanden,  vgl.  Traube,  Text- 
geschichte der  Regula  S.  91. 

Pülchrior  me  nüllus  |  versätur  in  pöculis  ümquam, 
Ast  ego  primätum  |  in  Omnibus  teneo  sölus. 
Viribus  atque  meis  |  pössum  decipere  mültos, 
Leges  atque  iura  |  per  me  virtütes  amittunt. 
5    Värio  me  si  quis  |  haurire  volüerit  üsu, 
Stupebit  ingenti  |  mea  percüssus  virtüte. 


ITEM  DE  UINO  L  f.  24.     5  hauri  L    \    vor  usu  Rasur  L 


1  pülchrior  me  nullus:  Man  er- 
wartet das  Neutrum;  aber  aus  den  an- 
deren Gedichten  geht  hervor,  daß  das 
Masculinum  gesetzt  wurde,  auch  wenn 
die  Lösung  ein  Wort  im  Neutrum  ergab, 
vgl.  Meyer  a.a.O.  S.  164  de  ovo:  Nati 
mater  ego,  natus  ab  utere  mecum,  prior 
illo  non  sum,  und  S.  167  demelle:  Lucida 


de  domo  lapsus  diffundor  ubique. 

2  ast  reiht  einen  neuen  aus  dem 
Vorausgehenden  sich  ergebenden  Ge- 
danken an.  —  Dem  Sinne  nach  gehören 
immer  zwei  Verse  zusammen. 

3  vgl.  Bonif.  aenigm.  Poet.  1 14  v.  376 
Viribus  atque  meis  valeo  dep  eller  e 
sensus. 

6* 


XVII. 
Petrus  an  Paulus. 

'Im  Mittag  stand  die  Sonne,  der  Hirte  ruhte  im  Schatten  der 
Pappel,  Schlummer  umfing  Menschen  und  Tiere,  Stille  lag  über  Ge- 
birg und  Meer;  da  brachte  mir  ein  Jüngling,  ausgezeichnet  durch 
Vorzüge  des  Körpers  und  Geistes,  das  Rätsel:  „Der  Erzeuger  gibt 
dem  Erzeugten,  was  er  fühlt  selbst  nicht  zu  haben."  Mir  fällt  die 
Lösung  zu  schwer,  darum  versuche  es  Du,  dem  sie  keine  Schwierig- 
keit bereiten  wird  (1 — 28).  Laß  den  Bruder  in  Ruhe  und  löse  noch 
ein  Rätsel:  ein  Daktylus  kommt  heraus.  Gott  erhalte  König  Karl 
(29—45).' 

Petrus  überschickt  also  seinem  Freunde  zwei  Rätsel,  von  denen 
das  erste  jedenfalls  von  Karl,  das  zweite  von  ihm  selbst  gestellt  wurde. 
Damit  beginnt  die  Reihe  der  Gedichte,  die  uns  zeigen,  daß  sich  der 
gelehrte  Kreis  Karls  auch  mit  Fragen  weniger  ernsten  Inhalts  befaßte. 


Lumine  purpureo  dum  sol  perfunderet  arva, 
lam  radiis  medium  caeli  transcenderat  axem, 
Populea  et  fessus  pastor  recubabat  in  umbra 
Cingebatque  sopor  homines  fulvosque  leones 


ITEM  UERS.  PETRI  AD  PAULUM  P  f.  124,  PETRI  G  p.  15. 

1  aruam  G  \\  3  populea  aus  pupulea  corr.  P  \\  4  cingebatque]  cingebat  hi  P. 


1 — 4  lumine  purpureo:  vgl.  In  lau- 
dem  solis,  Riese,  Anth.  lat.i  389  v.36  (ein 
auch  in  der  Leipz.  Handschr.  stehendes 
und  damals  bekanntes  Gedicht)  Sol  qui 
purpureo  diffundit  lumine  terras;  vgl. 
auch  Culex  42, 107  f.  — populea  et  fessus 


pastor  vgl.  Verg.  Georg.  IV  511  populea 
sub  umbra:  Nemes.  (ed.  H.  Schenkl)  III 3 
fessus  ■  recubare  sub  ulmo:  Poet.  I  389 
V.  65  non  solitus  pastor  gelida  recubare 
sub  umbra.  —  fulvi  leones  Ov.  Her.  X  85; 
Verg.  Aen.  II  722. 


Petrus  an  Paulus. 


85 


5    Et  lapidum  solito  sat  iure  silentia  montes 
Stringebant  pelagique  gravis  cessaverat  ira: 
Extemplo  iuvenem  prospexi  corpore  pulchro, 
De  cuius  niveo  florebat  barbula  mento, 
Respectu  placitum,  sensu,  pietate,  loquella, 

10    Ingenio  cunctos  superantem  nomine  summo. 
Hac  me  subridens  voluit  palpare  sagitta: 
*Iam  nova  ventifero  surgunt  miracula  mundo, 
Quae  penitus  priscis  fuerant  abscondita  saeclis. 
E  quibus  est  unum,  quod  te  dicente,  poeta, 

15    In  nostris  missum  subito  pandatur  ocellis: 
Dat  genitor  genito,  quod  se  non  sentit  habere 
Nee  quaquam  in  genitore  potes  cognoscere,  lector, 
Quod  praebuit  firmo  nascenti  pectore  proli. 
Verborum  sapiens,  animo  scrutare  secretum, 

20    Ut  possit  dictis  media  resonare  caterva. 


5  solitos  at  G  \  silentio  P  11  6  pelagique  aus  pelagiquae  corr.  P,  pelaque  G  j 
graues  P  \  censauerat  G  |1  7  exemplo  P  G  \  respexi  P  \  pulchro]  palam  G  \\ 
8  niueae  florebant  barbula  guttae  G  H  9  placido  G  \  sensi  aus  sensu  corr.  P  \ 
loquilla  P  \\  10  cunctos]  cultus  P  \  superante  G  \  summum  G  \\  11  Ac  P  | 
me  subridens  zwischen  beiden  Wörtern  Rasur  G  \\  14  quod  te  Dümmler,  quo  te 
P  G  I  dicente  getilgt,  darüber  dicenda  G  \\  15  missum]  misit  (in  P  zwischen 
misit  und  subito  ein  Zwischenraum)  P  G,  visum  Haupt  \\  17  quaquam  Traube, 
quemquamPG  |  ingentore  G  1  potens  G  1|  ISpraebetG  ]  nascenti  Dö7z«,nascentePG. 


5  vgl.  Calpurn.  II  17  altaque  per 
totos  fecere  silentia  montes. 

6  pelagique  gravis  cessaverat  ira 
vgl.  zum  Gedanken:  In  laudem  solis  v.  17 
tunc  placidum  iacet  omne  mare. 

7 — 10  iuvenem  prospexi  (ich  sah  vor 
mir;  respexi  weniger  gut  wegen  respectu 
V.  9).  —  corpore  pulchro:  Es  ist  wohl  an 
Karl  selbst  zu  denken,  wie  die  Schilde- 
rung zeigt,  vgl.  besonders  v.  10  cunctos 
superantem:  Paulus  scheint  auch  an  ihn 
zu  denken  (vgl.  XIX  v.l5— 17).  Die  Be- 
zeichnung iuvenis  spricht  auch  nicht  da- 
gegen ;  denn  Karl  war  damals  (783)  41  Jahre 
alt  (Abel  II  535).  —  sensus,  ingenio  vgl. 
XXIX  V.  1. 

11  hac  me  voluit  palpare  sagitta: 
Es  ist  wohl  sagitta  =  die  bohrende  Spitze 


mit  Bezug  auf  die  schwierige  Rätselfrage 
gebraucht. 

12 — 15  Die  Erscheinung  sagt  zu 
Petrus:  „Der  stürmischen  Welt  erscheinen 
rätselhafte  Dinge,  die  von  jeher  ganz 
verborgen  waren.  Davon  ist  eines,  das 
sofort  gelöst  werden  soll,  wobei  Du  die 
metrische  Antwort  zu  finden  hast." 

16—18  Das  Rätsel  lautet:  „Der  Er- 
zeuger gibt  seinem  Sprossen,  was  er  fühlt 
selbst  nicht  zu  haben,  und  Du  kannst 
gar  nicht  am  Erzeuger  erkennen,  was  er 
seinem  zur  Welt  kommenden  Sprößling 
mit  starker  Brust  verlieh." 

20 — 22  ut  possit  dictis  media  resonare 
caterva:  Die  Lösung  soll  dann  in  unserem 
gelehrten  Kreise  verkündet  werden.  — 
quod  si  conspicua  fuerit  nee  luce  re- 


86 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


25 


30 


Quod  si  conspicua  fuerit  nee  luce  repertum, 
Poplite  curvato  tunc  disce  docente  magistro.' 

Mens  mea  mox  torpens  proprias  restrinxit  habenas 
Audituque  pavens  mansit  stupefacta  misella. 
Non  potuere  mei  quod  parvi  forte  lacerti, 
Tu  poteris,  magna  fulgens  in  monte  lucerna. 
Sit  tibi,  libripotens,  solvendi  maxima  cura, 
Fortia  qui  dudum  potuisti  solvere  vincla. 
Dentibus  egregium  tu  desine  rodere  fratrem, 
Iratus  regis  qui  numquam  cernitur  aula. 
Summa  salus  homini  est,  si  non  percusserit  ausu 
Conservum  inlicito  domini  sub  lege  manentem. 
lam  nivei  dentes  mentis  serventur  in  horto 
Atque  oculis  vestris  monstretur  dactilus  unus. 


22  poblite  P  \  tunc  Traube,  nunc  P  G  |  23  restrixit  P  \\  25  potueri  P, 
putuere  G  \\  26  aut  poteris  G  \\  27  zwischen  libri  und  potens  Rasur  G  \\  28  qui] 
queque  G  \\  29  tu  desine]  studes  me  G  \\  30  aulas  G  \\  32  manente  P  G  \\ 
33  borto  G    \\    34  daculus  (ß:,  d.  h.  require  am  Rand)  G. 


pertum  =  et  si  id  secretum  conspicua 
luce  repertum  non  fuerit,  d.  h.  Karl  will 
die  Lösung  schon  am  nächsten  Tag,  vgl. 
XVIII  14  crastina  conspicuo  cum  lux 
fulgebit  Eoo. 

23  mens  mea  mox  torpens:  Petrus 
gab  sich  alle  Mühe  das  Rätsel  zu  lösen. 

26 — 28  fulgens  in  monte  lucerna, 
libripotens:  Ist  nicht  als  bloße  Artigkeit 
aufzufassen;  vgl.  auch  Joh.  5,  35  Ille 
erat  lucerna  ardens  et  lucens.  —  fortia 
qui  dudum  potuisti  solvere  vincla:  Es 
ist  hier  nicht  an  die  Befreiung  des 
Bruders,  sondern  nur  an  früher  schon 
gelöste  Rätsel  zu  denken,  vgl.  zum  Bilde 
XX 1  nervosis  religata  problemata  vinclis. 

29 — 32  dentibus  egregium  tu  desine 
rodere  fratrem:  Diese  Anspielung  ist 
nicht  bestimmt  zu  erklären.  Ebert,  Allgem. 
Geschichte  der  Literatur  des  Mittelalters 
II 51,  meint,  daß  Petrus  bittet,  Paulus  möge 
ihn  nicht  deshalb  verspotten,  weil  er  das 
Rätsel  nicht  habe  lösen  können.  Hauck 
S.  161  sagt:  „Petrus  bezeichnet  sich  selbst 
als  den  Bruder,  den  man  am  Hof  niemals 


zornig  sehen  könne."  Es  scheint  mir  aber, 
daß  Petrus  hier  seinem  Freund  wegen 
seines  Benehmens  gegen  einen  andern 
Vorwürfe  macht,  der  in  seinem  Ärger 
sich  nie  bei  Hofe  sehen  läßt.  Für  diese 
Erklärung  spricht  die  Stellung  des  num- 
quam. Paulus  nimmt  diesen  Vorwurf 
sehr  ernst,  wie  er  XVIII  9  und  XX  zu 
verstehen  gibt.  Es  sind  in  Karls  Kreise 
die  Geister  oft  hart  aneinander  geraten; 
denn  sonst  könnte  Alcvin  nicht  Karl  bitten 
ihn  in  Schutz  zu  nehmen,  vgl.  Poet.  I  222 
v.  40  ff.  invida  ne  valeat  me  carpere 
lingua  nocendo  Paulini  .  .  .  vel  quicun- 
que  velit  mea  rodere  viscera  morsu;  an 
einer  anderen  Stelle  (I  276  v.  30)  sagt  er: 
non  tu,  quaeso,  iocis  laedas  nee  carmine 
quemquam.  Man  wäre  fast  versucht  in 
ihm  den  egregius  frater  zu  vermuten. 
33 — 34  iam  nivei  dentes  mentis  ser- 
ventur in  horto:  wiederholt  in  anderer 
Form  die  in  v.  29  ausgesprochene  For- 
derung; zu  mentis  in  horto  vgl.  XXXV  12. 
Mit  V.  34  stellt  er  ihm  ein  neues  Rätsel, 
dessen  Lösung  Paulus  im  Gedicht  XX  gibt. 


Petrus  an  Paulus. 


87 


35    Tange  supercilium,  poteris  cognoscere  verbum, 
Caelorum  regnum  devoto  pectore  serva 
Et  ternis  pinna  virgis  scribatur  imago. 
Omnipotens  Karolum  felicia  sceptra  regentem, 
Qui  caelum  astriferum,  terram  pontumque  creavit, 

40    Litora  spumiferi  pelagi  qui  terminat  undis, 
Angelicum  castis  quem  laudat  vocibus  agmen, 
Aeterna  miseros  qui  flamma  perdit  in  ignis 
Et  meritis  pietate  fovet  sine  fine  beatos, 
Intentis  precibus  sanctis  conservet  in  aevum, 

45    Qui  nostram  dapibus  nutrit  reficitque  senectam. 


35  uersum  P  \\  36  Signum  P  \  seruat  G  \\  37  aeternis  P  \  pinna  virgis  P, 
uirgis  pinna  G,  virgis  pinnae  Dümmler  \\  38  carolum  P  \\  40  litoras  pomiferi  G  \ 
pelagiquae  G  \  undos  G  \\  44  Intentus  praecibus  G  \\  45  finit  und  ää  von 
gleichzeitiger  Hand  am  Rand  G. 


35 — 37  tange  supercilium  vgl.  XX  7 : 
Petrus  will  nur  sagen:  „Lege  die  Hand 
an  die  Stirne  und  denke  darüber  nach." 
Paulus  deutet  es  anders.  —  ternis  virgis: 
virga  (uirgula)  ist  der  Zug,  den  die  Hand 
beim  Schreiben  macht. 

39 — 41  astrifer:  Petrus   liebt  diese 


Zusammensetzungen  ganz  besonders,  vgl. 
V.  12  ventifer;  v.  40  spumifer.  —  v.  41 
findet  sich  wenig  verändert  bei  Petrus 
(unten  XXXVIII  33)  wieder. 

42  in  ignis:  statt  ignibus  des  Me- 
trums wegen. 


XVIII. 

Paulus  an  den  König. 

'Kurz  vor  Einbruch  der  Nacht  erhielt  ich  die  feurigen  Pfeile, 
die  mir  bis  ins  Innerste  drangen.  Der  darauf  folgende  Tag  reichte 
mir  nicht  aus  entsprechend  zu  erwidern  und  so  wird  denn  erst  der 
nächste  die  Antwort  bringen  (1 — 19).  Ich  wundere  mich,  daß  mein 
Rätsel  nicht  gelöst  wurde  (20 — 24).' 


Dieses  schwer  zu  deutende  Gedicht  weist  nicht,  wie  Ebert  II  51 
meint,  auf  andere  poetische  Wettkämpfe  hin,  sondern  steht  mit  dem 
vorausgehenden  in  engster  Beziehung.  Paulus  entschuldigt  sich,  daß 
er  bei  der  Kürze  der  Zeit  noch  nicht  imstande  sei  gebührend  zu 
antworten  und  schickt  einstweilen  dieses  Gedicht  voraus  um  dann 
in  zwei  Gedichten  (XIX  und  XX)  die  Lösung  der  beiden  in  XVII 
gestellten  Rätsel  zu  behandeln.  Da  diese  poetische  Korrespondenz 
viele  Anspielungen  enthält,  die  nur  den  Beteiligten  bekannt  waren, 
so  ist  die  Erklärung  der  einzelnen  Gedichte  sehr  schwierig.  Bei 
Feststellung  der  Reihenfolge  ging  ich  vom  Inhalt  aus  und  setzte  die 
Gedichte,  aus  denen  wir  erkennen,  daß  Paulus  der  Erfüllung  seines 
Wunsches,  der  Befreiung  seines  Bruders,  noch  nicht  näher  gekommen 
ist  und  immer  noch  zwischen  Furcht  und  Hoffnung  schwankt,  als 
die  früheren,  diejenigen  aber,  die  eine  zufriedenere  Stimmung  und 
größere  Annäherung  an  Karl  verraten,  als  die  späteren.  Dabei  aber 
zog  ich  auch  die  handschriftliche  Oberlieferung  in  Betracht  und  fand, 
daß  die  Gedichte  besonders  in  der  Pariser  Handschrift  lat.  528,  die 
jene  Gedichte  wie  zu  einer  Sammlung  vereinigt  enthält,  fast  die 
gleiche  Anordnung  zeigen. 

Diese  Rätselgedichte  XVI — XXII  entstanden  jedenfalls  noch  im 
Jahre  783. 


Paulus  an  den  König. 


89 


10 


Cynthius  occiduas  rapidis  declivus  ad  oras 
lam  volitabat  equis,  iam  nox  se  caerula  pallam 
Rebus  et  humanis  metas  positura  labori 
Stelligero  varii  cultus  fulgore  micantem 
Rorantemque  simul  citius  vestire  parabat: 
Cum  subito  vestra  clarus  mihi  miles  ab  aula 
Detulit  ignitas  quasi  puri  muneris  instar 
Antiquo  et  caro  quondam  mittente  sodale 
Intima  iocineris  penetrantes  usque  sagittas. 
Mane  novo  ad  vestras  quoniam  properavimus  aedes 
Et  spatiis  paene  est  iam  lux  revoluta  diurnis, 
Non  sivit  brevitas  aut  digne  obponere  peltam 


Item  versus  pauli  missi  ad  regem  P/.  125v.  PAULI  DIACONI  am  Rand  G  p.  17. 

1  Cinthius  G    \\    2  cerula  und  so  öfter  e  statt  ae  P  G    \\    3  fehlt  in  P  \\ 
4  stilligero  P  \   vario  et  cultu  G   \   micantum  G  \\    6  subito  vestra]  et  vestra  G 
milis  P   II    8  quondam]  corda  P   1|    9  ioceneris  P  \   penetrante  P    1|    11  poenae  P, 
pene  G    \    est  iam]  etiä  G    \\     12  siluit  G    \     opponere  G    |    peltam  Dümmler, 
peltn  P,  peltum  G. 


1 — 5  vgl.  die  schöne  Schilderung 
der  hereinbrechenden  Nacht,  Gegenstück 
zu  der  Schilderung  der  Mittagszeit  im 
vorausgehenden  Gedicht  des  Petrus  nach 
dem  Vorbild  Vergils  Aen.  IV  522.  — 
Cynthius  occiduas  declivus  ad  oras  vgl. 
Calpurn.  (ed.  H.  Schenkl)  I  1  nondum 
Solls  equos  decllnis  (declivis  andere 
Überl.)  mitigat  aestas.  —  pallam  stelli- 
geram,  fulgore  varii  cultus  micantem :  Die 
Nacht  rüstete  sich  schnell  ihren  sternen- 
besetzten,  im  bunten  Schmuck  strahlen- 
den und  taufeuchten  Mantel  sich  um- 
zulegen; vgl.  Riese,  Anthol.  lat.  583  Nox 
abit  astrifero  velamine  cincta  micanti.  — 
rebus  humanis  et  labori  metas  positura 
=  die  Nacht  beendet  das  mühevolle  Tun 
und  Treiben  der  Menschen  vgl.  Verg. 
Aen.  I  278  hie  ego  nee  metas  rerum  nee 
tempora  pono. 

6 — 8  vestra  clarus  mihi  miles  ab 
aula:  Bei  einbrechender  Nacht  schickte 
ihm  der  König  das  Gedicht;  vgl.  Bem.  zu 
XIII  1  pusillus  detulit.  —  quasi  puri 
muneris  instar:  als  wäre  es  ein  Geschenk 
ohne  jegliche  unangenehme  Beigabe,  aber 
es  waren  glühende  Pfeile,   die  ihm  ins 


Herz  drangen;  damit  meint  er  das  zweite 
Rätsel  in  XVII;  daß  diese  Worte  nicht 
ganz  im  Scherz  gesprochen  sind,  beweist 
auch  die  Antwort  im  Gedicht  XX.  — 
antiquo  et  caro  quondam  sodale:  Aus 
dieser  Stelle  kann  man  entnehmen,  daß 
Petrus  von  jeher  des  Paulus  Freund  war, 
vgl.  auch  V.  19  qui  carum  ut  hostem 
iaculis  confixit  acutis. 

10 — 11  mane  novo  ad  vestras  quo- 
niam properavimus  aedes:  Weil  Paulus 
schon  in  der  Frühe  im  Palast  (jedenfalls 
in  der  schola  palatina)  erscheinen  mußte 
und  fast  den  ganzen  Tag  bei  Hof  zu  tun 
hatte,  so  war  es  ihm  nicht  möglich  das 
aufgegebene  Rätsel  in  der  gewünschten 
Zeit  zu  lösen. 

12 — 14  digne  obponere  peltam:  Er 
hatte  keine  Zeit  sich  entsprechend  gegen 
die  im  XVII.  Gedicht  gemachten  Angriffe 
zu  schützen  und  selbst  wieder  hinzu- 
schießen. —  spatiose  in  speciose  zu 
ändern  ist  nicht  nötig  (vgl.  M.  G.  Epp. 
IV  534,  6  spatiose  tractandi).  Paulus 
kündigt  hiemit  eine  umfangreiche  Ant- 
wort an,  wie  sie  auch  Gedicht  XIX 
brachte;    die  Kürze  der  Zeit   (brevitas) 


90 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Missilibus  contra  spatiose  aut  ludere  telis. 
Crastina  conspicuo  cum  lux  fulgebit  Eoo 

15    Tinxerit  et  tremulos  Titania  purpura  fluctus 
Errabitque  vagis  late  rubor  aureus  undis 
Cuncta  et  ridebunt  Phoebo  radiante  per  orbem, 
Excipiet  tenues  arcu  pellente  sagittas, 
Qui  carum  ut  hostem  iaculis  confixit  acutis. 

20    Miror,  qua  numeri  textum  non  contigit  arte, 
Extremo  nostrum  tenuit  quod  limine  Carmen. 
Ardua,  divino  nitido  quae  fulgis  in  horto, 
Cedre,  vale  et  celsos  pertinge  cacumine  nimbos, 
Tu  quoque  cum  fructu,  felix  cyparisse,  per  aevum. 


13  speciose  Traube  \\  14  cum  fehlt  in  G  \  eoo  aus  euo  corr.  P,  eo  G  || 
15  tremulus  P  \\  16  errauitque  P  G  \  robor  P  \\  17  ridebunt  aus  ribunt  corr.  G  \ 
phebo  P,  phoeno  G  \  radiante  aus  rahante  corr.  G  ||  18  expiet  P  \  arco  P  \\ 
19  carum]  carm  G  \\  20  emiror  G  \  arce  aus  arte  corr.  G  \\  22  nitidoque 
fulgis  P  nitido  falgis  am  Rand  Requ.  G  \\  23  pertingere  G  \  cacumina  am  Rand 
Requ.  G    II    24  confructu  G    \    ciparisse  P. 


hätte  ihm  dies  nicht  gestattet,  vgl.  IX  25 
plura  loqui  brevitas  vetat.  —  ludere 
telis:  ludere  ist  der  häufig  verwendete 
Ausdruck  für  das  Kurzweiltreiben  mit 
Gedichten  und  Rätseln. 

14 — 16  Paulus  kündigt  seine  Ant- 
wort für  den  nächsten  Tag  an,  also  einen 
Tag  später,  als  Karl  sie  von  Petrus  XVII 
V.  21  verlangt  hatte,  und  gibt  dabei 
eine  stimmungsvolle  Schilderung  des  er- 
wachenden Tages.  —  crastina  lux  vgl. 
Verg.  Aen.  III  588  postera  iamque  dies 
primo  surgebat  Eoo.  —  tremulos  fluctus 
vgl.  I  V.23;  in  laudem  solis,  Riese,  Anth. 
lat.  389  (Anm.  zum  Gedicht  des  Petrus 
XVII)  V.  18  per  tremulos  currit  lux  aurea 
fluctus;  Nemes.  II  75 — 76  Nondum  pur- 
pureos  Phoebus  cum  tolleret  ortus  Nee 
tremulum  liquidis  lumen  splenderet  in 
undis:  vgl.  Bonif.  I  20  v.  27;  Verg.  Aen. 
VII 9,  VIII 22;  Ovid.  Her.  XI 75.  —  vagis 
undis  vgl.  Ov.  Met.  VIII  595. 

17 — 19  cuncta  et  ridebunt  vgl.  Verg. 
Ecl.  VII  55  omnia  nunc  rident.  —  ex- 
cipiet sagittas:  Paulus  sagt  hier  deut- 
lich, daß  am  Beginn  des  nächsten  Tages 


Petrus  die  Antwort  bekommen  soll,  „der 
ihn,  seinen  Freund,  wie  wenn  er  sein 
Feind  wäre,  verwundete". 

20 — 21  numeri  textum  non  contigit: 
Paulus  spricht  seine  Verwunderung  aus, 
daß  Petrus  sein  den  Schluß  eines  Ge- 
dichtes bildendes  Rätsel  nicht  löste,  oder 
wie  er  satirisch  sagt,  mit  welcher  Kunst 
er  es  nicht  berührte.  Am  Schlüsse  des 
Gedichtes  XXII  v.  53  findet  sich  ein  sol- 
ches Rätsel  und  man  könnte  deshalb  ver- 
sucht sein  mit  Dümmler  dieses  Gedicht 
unserem  vorauszuschicken.  Dagegen 
sprechen  aber  die  in  den  Vorbemerkungen 
zu  XVIII  bezüglich  der  Reihenfolge  aus- 
gesprochenen Grundsätze.  Auch  ist  nicht 
ausgeschlossen,  das  Paulus  außer  diesem 
noch  ein  anderes  Zahlenrätsel  stellte. 

22 — 24  Das  überlieferte  nitido  ist 
beizubehalten  als  nähere  Bestimmung  zu 
divinus  hortus  =  Gottesgarten,  Welt.  — 
Mit  cedrus,  cyparissus,  fructus  sind  Karl, 
seine  Gemahlin  Hildegard  und  deren 
Kinder  gemeint.  Demnach  entstand  das 
Gedicht  noch  vor  dem  30.  April  783,  wo 
Hildegard  starb. 


XIX. 

Antwort  des  Paulus. 

^Glücklich  ist  und  singen  kann,  wem  reiche  Ernte  beschieden, 
unglückHch,  wessen  Fluren  Stürme  verwüsten.  Nicht  Lieder,  sondern 
nur  Seufzer  und  Klagen  hört  man  von  ihm  (1 — 14).  Hätte  doch 
mich  jener  Jüngling  mit  seinem  Zauberstab  berührt.  Von  ihm  hängt 
es  ab,  wie  ich  singe.  Auf  ihn  setze  ich  meine  Hoffnung,  ohne  die 
der  Mensch  nicht  sein  kann  (15 — 27).'  — 

Dann  löst  er  das  erste  der  zwei  im  XVII.  Gedicht  enthaltenen 
Rätsel  und  gibt  ein  neues  auf  (28 — 47). 


Der  Unglückliche,  von  dem  Paulus  hier  spricht,  ist  er  selbst 
und  in  den  Stürmen,  die  Haus  und  Flur  zerstören,  sehe  ich  eine 
Anspielung  auf  seine  persönlichen  Verhältnisse,  auf  die  Kriegsstürme, 
die  ihn  aus  dem  Vaterland  verjagten,  sein  Haus,  d.  h.  seine  Familie 
vernichteten.     Deshalb  freut  ihn  auch  das  Dichten  nicht. 

Er  erkennt  auch  hier  an,  daß  Karl  ihm  Zeichen  seiner  Huld  ge- 
geben (v.  23)  und  ihm  dadurch  Lust  zum  Dichten  gemacht  hat,  aber 
seinen  Wunsch  erfüllte  er  ihm  doch  nicht.  Wenn  er  die  Bedeutung 
der  Hoffnung  im  menschlichen  Leben  in  solcher  Weise  hervorhebt, 
so  ist's,  als  ob  er  sagen  wollte:  Sie  ist  das  einzige,  was  auch  mir 
gegenwärtig  noch  bleibt.  Karl  wird  mir  meinen  Wunsch  schon  noch 
erfüllen  (vgl.  auch  Dahn  S.  44). 

Die  Lösung  dieses  Rätsels  und  auch  der  folgenden  beweist,  daß 
Paulus  die  oft  schwierigen  Aufgaben  vielleicht  nicht  in  der  erwarteten 
Weise  löst,  seine  Deutung  aber  gewandt  und  geistreich  zu  begründen 
versteht. 


92 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


15 


Candidolum  bifido  proscissum  vomere  campum 
Visu  et  restrictas  adii  lustrante  per  occas. 
O  nimium  felix,  conscendens  igneus  axem 
Perfundit  radiis  cuius  florentia  rura 
Cynthius  et  nebulas  ardenti  vertice  frenat, 
Gliscere  dat  fructus  tempestatesque  serenat. 
Illum  delectat  dulci  resonare  camena 
Condere  et  altisonum  gracili  sub  arundine  Carmen. 
Infelix  ille  est,  taetris  cui  nubibus  aether 
Inminet  et  miseros  discursat  grando  per  agros 
Subruiturque  domus  gelida  perflante  procella. 
Non  libet  hunc  talem  calamos  inflare  labello, 
Sed  potius  pronum  male  singultantia  verba 
Edere  et  ubertim  perfundere  gramina  fletu. 
O  mihi  si  iuvenis,  quem  tecum  ludere  narras, 


VERSUS  PAULI  AD  PETRUM  P  f.  125.  ITEM  VERSUS  PAULI  DIACONI 
B  f.  58. 

1  candido  lumbifido  P,  candidüm  labifido  B  \  vomere  aus  vomre  corr.  B  \\ 
2  strictas  B  \\  3  oninium  P  \  conscenderis  B  \\  4  perfundit]  nadi  t  ein  nicht  zu 
erkennender  Buchstabe  B  \  rorantia  B  \\  b  Cinthius  B  \  frenä  P,  frenans 
Dümmler  \\  6  serenat  Traube,  serenäP,  serent  über  t  steht  .^  B,  serenans  Dümmler  \\ 
7  dulcis  B  II  8  arundini  B  \\  9  tetris  P,  fehlt  in  B  \  ether  B  \\  10  imminet  B  || 
12  calam'  P  B,  zwischen  talem  und  calam'  Rasur  P  ||  13  singultatia  P,  singultanti 
auerba  dazwischen  ober  der  Linie  —  B    \\    14  uberti  P  B. 


1  candidolum  campum :  vgl.  XIII  v.  1 
Anm.  —  restrictas  per  occas:  In  der 
Handschrift  P  f.  135  sind  Synonyma  auf- 
gezählt und  darunter  neben  gleba  auch 
occa  und  cispis. 

2—6  o  nimium  felix  Alcvin  Poet. 
1311  V.  7;  Verg.  Aen.  IV  657  heu  nimium 
felix.  —  conscendens  igneus  axem:  vgl. 
ähnliche  Ausdrucksweise  in  XVII  v.lu.2; 
wiederum  ein  Beweis  für  die  Zusammen- 
gehörigkeit beider  Gedichte.  —  florentia 
rura  ist  rorantia  vorzuziehen,  da  v.  6 
von  den  Früchten  die  Rede  ist.  —  caelum 
tempestatesque  serenat  Verg.  Aen.  I  255. 
—  gliscere  dat:  dare  c.  inf.  schon  vor 
Vergil  in  der  Konversationssprache  üblich 
(vgl.  Norden,  P.  Vergilius  Maro  Aen.  VI 
S.  141). 

7 — 14  gracili  sub  arundine  Carmen 


wörtlich  Nemes.  Ecl.  I  3  entlehnt.  —  Be- 
achte, wie  er  den  einzelnen  Punkten  der 
Schilderung  des  Lebens  eines  Glücklichen 
in  scharfem  Kontrast  das  eines  Unglück- 
lichen gegenüberstellt.  —  non  libet  hunc 
talem  calamos:  wörtlich  aus  Nemes.  Ecl. 
I  4,  vgl.  auch  Verg.  Ecl.  II  34,  V  2.  — 
male  singultantia  verba  Calp.  Ecl.  VI  24; 
Stat.  Silv.  5,  5,  26;  Propert.  I  5,  14.  — 
perfundere  gramina  fletu:  Die  hier  zum 
Ausdruck  gebrachte  traurige  Stimmung, 
die  darauf  schließen  läßt,  daß  sein  Wunsch 
noch  nicht  erfüllt  ist,  veranlaßte  mich 
dieses  Gedicht  vor  XXI  und  XXII  zu 
setzen,  wo  die  Trauer  der  Freude  wich 
(XXI  V.  3  in  quibus  sc.  versibus  exultans 
calamo  te  ludere  posse  dixisti). 

15  o  mihi  si  iuvenis:  Dieser  Über- 
gang beweist  deutlich,   daß  der  geschil- 


Antwort  des  Paulus. 


93 


Cuius  vix  palmas  et  odoras  pandere  lauros 
Minciades  poterat  seu  Zmyrnae  rure  creatus, 
längere  colla  pedo  dignatus  vellet  et  esset! 
Non  tarn  dissimilis  sed  ut  est  tua  causa  duöbus, 

20     Aspicies  tereti  me  pangere  carmina  versu 
Replere  et  densas  suavi  modulamine  Silvas. 
Huius  et  hoc  ipsum  est,  tenui  quod  canto  susurro. 
Postquam  me  proprii  perfudit  lumine  vultus, 
Elicuit  muti  quascumque  e  gutture  voces. 

25     Cuius  adhuc  fidens  de  spe  sustoUor  herili. 


16  odor  aspandere  B  j  laurus  B  ||  17  zmirne  B  \\  18  pedo  Traube,  peds 
P B  II  19  sed]  s»  P  II  20  aspicies  tereti]  aspiceret  sternet  B,  teriti  P  \\  21  re- 
plerem  B  \  et]  ^  auf  Rasur  B  \  suabi  B  \  modulamin^  B  \\  22  cuius  B  \  cant 
über  t  steht  •»  B  \  usurro  B  \\  23  perfundit  B  \\  25  cuius]  quis  Traube  \ 
sustollo  B. 


derte  Unglückliche  er  selbst  ist.  Auch 
zeigt  diese  Stelle,  daß  in  unserem  Ge- 
dicht die  Antwort  auf  Gedicht  XVII  vor- 
liegt und  Paulus  mit  iuvenis  Karl  meint, 
dessen  Taten  kaum  ein  Vergil  oder  Homer 
hätte  besingen  können. 

17 — 18  Minciades  =  Vergilius  in  der 
Nähe  des  Mincio  bei  Mantua  gebürtig.  — 
Zmyrnae  rure  creatus:  Homer;  Juvenci 
Hist.  euangel.  Praef.  v.  9  Smyrnae  de 
fönte  10  .  .  .  Minciadae  . . .  Maronis.  — 
tangere  colla  pedo:  pedum  ein  Stab,  mit 
dem  Vergil  (Ecl.  V  88)  und  Homer  II. 
XXIII  845  die  Hirten  ausrüsten.  Paulus 
spricht  den  Wunsch  aus:  wenn  doch  Karl 
geruht  hätte  mit  seinem  Stab  ihm  den 
Rücken  zu  berühren,  und  wenn  er  es 
doch  noch  tun  woUte,  wie  er  es  bei 
Petrus  getan  (XVII  v.  11  hac  me  sub- 
ridens  voluit  palpare  sagitta).  Darin  liegt 
leise  der  Wunsch  angedeutet,  Karl  möge 
ihm  noch  seine  Bitte  erfüllen. 

19 — 22  non  tam  dissimilis:  Aber 
wenn  auch  das  von  Dir  aufgegebene 
Rätsel  (iua  causa)  eine  für  Männer  wie 
Vergil  und  Homer  passende  Aufgabe  ist, 
so  wirst  Du  doch  sehen,  daß  auch  ich  das 
Dichten  verstehe.  —  tereti  me  pangere 
carmina  versu  vgl.  Calp.  Ecl.  IV 152  quae 


tereti  decurrent  carmina  versu. 

22 — 24  huius  et  hoc  ipsum:  huius 
bezieht  sich  auf  iuvenis.  Paulus  sagt: 
Es  ist  die  Schuld  Karls,  daß  er  nur  leise, 
nicht  mit  Begeisterung  singt.  Als  Karl 
ihm  aber  seinen  Wunsch  erfüllte,  da  sagte 
Petrus  von  ihm  (XXI  v.  6) :  iamque  cavo 
mollis  resonat  tua  lingua  palato.  — 
postquam  me  proprii  perfudit  lumine 
vultus:  Karl  gab  ihm  demnach  schon 
Zeichen  seiner  Gunst,  vielleicht  Ver- 
sprechungen wegen  seines  Bruders;  das 
hier  gebrauchte  Bild  erinnert  an  v.  4: 
Wie  die  Sonne  in  der  Natur  Blüten  zu 
Früchte  werden  läßt,  so  vermag  auch 
die  Sonne  der  Gnade  Karls  seinem 
stummen  Mund  Lieder  zu  entlocken. 
Diese  kunstvolle  Anlage  des  paulinischen 
Gedichtes  steht  in  großem  Gegensatz  zu 
dem  des  Petrus,  der  oft  ohne  jegliche 
Verbindung  einen  Gedanken  an  den 
anderen  anreiht. 

25  cuius  adhuc  fidens  de  spe:  cuius 
bezieht  sich  auf  v.  23  lumine  vultus 
und  ist  von  spe  abhängig.  Paulus  wird 
immer  noch  durch  die  Hoffnung  auf  Karls 
Gnade  aufrecht  erhalten,  vgl.  auch  Hist. 
Lang.  II  27  de  spe  iam  fidus. 


94 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


SpGS  Sacra  regna  poli  tribuit,  spes  omnia  confert. 

Mortuus  est,  quisquis  de  spe  titubando  tepescit. 

Ergo  age,  perplexos  forti  religamine  nodos 

Pandere  multimoda  nitar  ratione  per  auras. 
30         „Unus  non  genitor,  quod  se  non  sentit  habere, 
Dat  genito,  potius  multa  hoc  sed  turba  facessit." 

Nam  mas  femineum  dat  proHs  corpore  sexum, 

Proditur  androgeno  nonnumquam  sexus  uterque. 

Hie  sine  luminibus  lumen  dat,  naribus  ille, 
35    Seu  pedibus  manibusque  carens  seu  parte  resectus 

Qualibet  integrum  generat  sine  labe  puellum. 

Saepe  pecus  mutilum  bruto  dat  cornua  nato, 

Sic  patre  curtato  cauditus  gignitur  agnus. 

Praeterea  et  rerum  species  diversa  per  orbem 
40     Ex  se  nascenti  tribuit,  quod  non  habet  ipsa. 

Hoc  mare,  hoc  tellus,  concae  quoque  saepe  frequentant. 

Hactenus  incassum  certans  si  forte  cucurri, 

Cum  pietate  doce  flexum,  sum  scire  paratus. 


27  titubante  B  \  tepercit  B  \\  28  perplexos]  proplexor  B  \  nodis  B  \\ 
29  nitas  B  \\  31  fehlt  in  P  j  turba  Traube,  curba  B  \  facessit  it  auf  Rasur  B  \] 
32  da  P  1  sexus  B  \\  35  resecti  P  \\  36  laue  B  \  puellä  B  \\  37  sepe  e  =  ae 
öfter  B  I  cor  nuanato  B  \\  38  curtato]  r  auf  Rasur  P,  aus  cunctato  corr.  B  \ 
agno  B  II  40  lex  senascenti  (e?)  B  \\  41  conc<^  q  auf  Rasur  B  \  quoque]  ei 
quae  B  \  S(^pe  zwischen  e  und  p  eine  durch  Rasur  entstandene  Lücke  P  \\  42  actenus 
P  B    II    43  flexum  Dümmler,  flexim  P  B    \    sum]  suü  B. 


26 — 27  quisquis  de  spe  titubando 
tepescit  vgl.  Sedul.  carm.  pasch.  I  350 
quisquis  sperando  tepescit.  —  Bis  jetzt 
haben  wir  nichts  anderes  als  eine  erneute 
Bittschrift,  die  mit  einem  Lobpreis  der 
Hoffnung  abschließt.  Mit  ergo  age  (Verg. 
Georg.  I  63)  rafft  er  sich  gleichsam  auf 
um  von  seiner  Herzensangelegenheit  weg 
sich  der  gestellten  Aufgabe  zuzuwenden. 
—  pandere  per  auras  öffentlich  kundtun 
wie  Verg.  Aen.  II 158  ferre  sab  auras. 

30 — 31  Mit  diesen  von  Traube  (Neues 
Archiv  XVII  398)  verbesserten  Versen 
beginnt  die  Lösung  des  Rätsels:  „Nicht 
nur  ein  Erzeuger  gibt  seinem  Sprossen, 
was  er  fühlt  selbst  nicht  zu  haben,  son- 


dern eine  ganze  Menge  tut  dies."  Paulus 
bringt  nun  die  Beweise  dafür. 

32—38  prolis  Dat.  plur.  vgl.  XVII 
V.  42  in  ignis.  —  androgenus  =  andro- 
gynus  Hermaphrodit.  —  pecus  mutilum 
=  dem  ein  Hörn  fehlt  oder  beide,  vgl. 
Ov.  Ars  amat.  III  249. 

39—42  Paulus  bewies  den  Satz  zu- 
erst an  Menschen,  dann  an  Tieren  und 
an  verschiedenen  anderen  Dingen  auf 
der  Welt  und  fasst  das  Ganze  in  v.  41 
zusammen.  „Dies  beweisen  Meer,  Erde 
und  auch  conchae,  eine  unverständliche 
Zusammenstellung." 

43  cum  pietate  =  dementer;  doce 
flexum  vgl.  XVII  v.  22  poplite  curvato 


Antwort  des  Paulus. 


95 


45 


Vatibus  antiquis  parva  haec  dissolve  non  impar: 
*Dic,'  rogo,  *quis  genitor  cunctis  despectus  in  orbe 
Seu  virtute  carens  ingenti  robore  natum 
Procreat  egregium,  nullus  cui  sistere  contra 
Praevaleat  mundique  simul  quem  regna  paviscant.' 


44  dissoluere  B  \  inpar  P  \\  45  inspectus  B,  det  pectus  Dümmler  \\ 
46  ingerit  aus  ingenti  corr.  B  \\  47  pro  acreate  gregium  B  |i  48  prevaleat  P  \ 
pavescant  B. 


tunc  disce.  —  sum  scire  paratus  vgl.  XXII 
V.  50  discere  sum  promptus  rege  do- 
cente  pio. 

44 — 48  vatibus  antiquis  non  impar: 
wohl  eine  durch  die  Worte  des  Petrus 
XVII  V.  26—27   veranlaßte   Bemerkung. 


Mit  Vers  44  legt  Paulus  ein  neues  an 
das  von  Petrus  anklingendes  Rätsel  vor, 
für  welches  Traube  (Neues  Archiv  XVII 
398)  eine  sehr  einleuchtende  Lösung 
(Kiesel  —  Feuer)  gibt. 


XX. 
Paulus  an  Petrus. 

'Jetzt  habe  ich  die  Lösung  des  Rätsels.  'Desine'  ist  der  ver- 
langte Daktylus  und  Du  mahnst  mich  duldsam  und  nicht  stolz  zu 
sein.  Diese  Mahnung  paßt  aber  eher  für  Dich  (1 — 10).'  —  Dann  gibt 
Paulus  ein  neues  Rätsel  auf  (11 — 14). 

Dieses  Gedicht,  das  die  Antwort  auf  den  2.  Teil  von  XVII  bildet, 
enthält  Andeutungen,  welche  beweisen,  daß  Paulus  sich  am  Hofe  noch 
als  Fremdling  fühlt.  Wenn  er  v.  9  sich  gegen  den  Vorwurf  des  Hoch- 
muts mit  den  Worten  verteidigt:  ,Niedergeschlagenheit  und  Stolz  können 
doch  nicht  in  einem  Herzen  beisammen  wohnen',  so  enthält  dies  nach 
meiner  Anschauung  das  Geständnis,  daß  er  noch  keinen  Grund  zur 
Freude  hat,  daß  er  demnach  seinen  Wunsch  noch  nicht  erfüllt  sieht 
und  sich  mit  seinen  neuen  Verhältnissen  noch  nicht  befreundet  hat. 


lam  puto  nervosis  religata  problemata  vinclis 

Discussi  digiti  suspicione  mei. 
'Dentes  iam  nivei  mentis  condantur  in  horto': 

Doctrina  est  simplex,  quaestio  nulla  quidem. 


Ohne  Überschrift  D  p.  221.  PAULI  (Diaconi  von  jüngerer  Hand  dazu- 
gesetzt)  CONTRA  PETRUM  (Diaconum  von  j.  H.)  G  p.  7. 

1  vor  iam  auf  der  Zeile  und  am  Rand  f  D  \  nervosi  Q  \  proplemata  D, 
problemmata  G  ||  2  dicussi  G  \  mei]  e  auf  Rasur  G  \\  3  mentes  (das  zweite  e 
auf  Rasur)  iam  nivei  dentes  G,  mentis]  mentes  D    \    orto  G    \\    4  questio  D  G. 


1 — 2  'Jetzt  glaub'  ich  des  Rätsels 
Lösung  zu  haben,  d.  h.  des  zweiten  in 
XVII  V.  37  gegebenen.  —  problemata, 
aber  XXII  v.  49  problema.  —  discussi 
digiti  suspicione  mei:  Mit  dieser  eigen- 
tümhchen  bildlichen  Ausdrucksweise  will 
Paulus  sagen,  er  habe  die  festen  Knoten 
des  Rätsels  gelöst,  als  Finger  diente  ihm 
dazu  eine  gute  Idee. 


3  beweist,  daß  dieses  Gedicht  die 
Antwort  auf  XVII  bringt;  vgl.  dort  v.  33 
iam  nivei  dentes  mentis  serventur  in 
horto.  Es  ist  kein  Zweifel,  daß  Paulus  das 
im  Namen  des  Königs  zuerst  gegebene 
Rätsel  auch  zuerst  beantwortete  und  dann 
erst  diese  Antwort  Petrus  überschickte. 

4 — 6  doctrina  est  simplex:  Zur  Lö- 
sung dieses  Rätsels  braucht  es  keine  Ge- 


Paulus  an  Petrus. 


97 


10 


Mordaces,  mandas,  tegat  ut  patientia  sensus. 

'Desine'  si  dicam,  dactilus  unus  erit. 
'Tange  supercilium':  monitas  non  esse  superbum, 

Pestis  in  hospitio  non  manet  ista  meo. 
Visere  deiectam  non  vult  elatio  mentem. 

Inclytus  atque  potens,  quod  mones,  ipse  cave. 
Ponatur  tribrachis,  hinc  trocheus  unus  et  alter 

Nee  fugiat  mentem,  quae  sua  tecta  vehit. 
Tange  solum,  fumescat,  ut  hoc  sit  limpha  nivalis. 

Pandenti  abstrusum  cymbia  munus  erit. 


5  mandat  D  ||  8  ospitio  D  \\  9  deiectam  Dümmler,  deactam  aus  deractam 
corr.  D  \  vult  aus  vul  corr.  D  \\  10  inclitus  G  \\  12  qu(?  DG  \\  13  ut  hoc  sit 
scripsi,  uthossit  D,  athossis  G,  adussit  Dümmler,  adustis  Haupt  \  nympha  navalis  G, 
nympha  lavacris  Haupt. 


lehrsamkeit,  es  ist  keine  Streitfrage.  — 
mordaces  mandas:  Damit  gibt  er  die 
Erklärung  zu  den  Worten  des  Petrus  XVII 
V.  33.  Daraus  kann  man  wohl  entnehmen, 
daß  Paulus  durch  satirische  Bemerkungen 
(mordaces  sensus)  jemand  beleidigte  und 
sich  dessen  bewußt  war;  denn  er  führt  gar 
nichts  zur  Entschuldigung  an,  während  er 
sich  gegen  den  anderen  Vorwurf  energisch 
verteidigt.  —  dactilus  unus  erit  ent- 
spricht XVII  V.  34. 

7 — 10  lange  supercilium:  Paulus 
zitiert  auch  hier  wie  v.  3  zuerst  die  Worte 
des  Petrus  und  schließt  daran  die  Deu- 
tung; monitas  entspricht  dem  mandas 
in  V.  5;  vgl.  zum  Gedanken  Poet.  I  65 
V.  5  pone  supercilium:  Sedul.  prol.  in 
carm.  pasch,  v.  3.  —  pestis  ista  =  su- 
perbia:  manet  =  est.  —  visere  deiectam 
non  vult  elatio  mentem:  deiectus  Gegen- 
satz zu  inclytus  atque  potens :  'Übermut 
wohnt  nicht  im  Herzen  eines  gedemütigten, 
eher  in  dem  eines  berühmten  und  einfluß- 
reichen Menschen,  wie  Du,  Petrus,  es  bist.' 


1 1  Paulus  gibt  hier  ein  neues  Rätsel 
auf  und  zwar  ebenso  wie  am  Schluß 
von  XIX  ein  dem  vorausgehenden  ent- 
sprechendes. Er  mußte  einen  Daktylus 
ausfindig  machen,  jetzt  verlangt  er  einen 
Tribrachys  und  zwei  Trochäen,  Petrus 
rief  ihm  zu  tange  supercilium,  er  ihm 
lange  solum.  Es  liegt  der  Gedanke  nahe, 
daß  er  Petrus  im  Anschluß  an  v.  10  zur 
Demut  auffordert  und  ihm  die  am  Boden 
kriechende  Schnecke  (quae  sua  tecta 
vehit)  als  Vorbild  hinstellt,  vielleicht  will 
er  das  Wort  hümiliätiönem!  Bonifatius 
Poet.  17  V.  137  Humilitas:  Ima  solo 
quantum,  tantum  fio  proxima  caelo. 

13 — 14  fumescat,  ut  hoc  sit  limpha 
nivalis:  Der  Boden  dampfe,  wie  wenn 
er  eiskaltes  Wasser  wäre  =  der  Be- 
scheidene wird  erhöht  (?),  vgl.  Mart.  6, 
43,2  nympha  navalis.  —  cymbia:  Eine 
Schale  (sonst  cymbium)  soll  der  Preis 
sein  für  die  Lösung  des  Rätsels  (pan- 
denti abstrusum). 


Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4. 


XXI. 

Petrus  an  Paulus. 

'Habe  Dank  für  Dein  Gedicht,  in  dem  Du  Deine  Freude  äußerst, 
daß  Du  nun  zu  Ehren  angenommen  bist,  und  in  dem  Du  für  mich 
zu  Gott  Gebete  sendest  (1 — 12).  Aber  unsere  drei  Fragen  hast  Du 
nicht  beantwortet,  ob  es  Dir  Heber  ist  mit  Ketten  gefesselt  zu  sein 
oder  in  einem  Kerker  zu  liegen  oder  den  wilden  Sigfrid  zu  taufen. 
Löse  außerdem  noch  das  angegebene  Rätsel  (13 — 25).' 


Dieses  Gedicht  hieher  zu  stellen  dazu  veranlaßte  mich  außer  der 
handschriftlichen  Überlieferung  —  in  der  Pariser  Handschrift  lat.  528 
steht  es  als  letztes  und  in  der  St.  Galler  folgt  es  auch  auf  Jam  puto 
nervosis  (XX)  —  besonders  der  Inhalt.  Es  ist  die  Antwort  auf  ein 
nicht  mehr  erhaltenes  Gedicht  des  Paulus  und  hat  folgende  Vor- 
geschichte, die  sich  einzelnen  Andeutungen  entnehmen  läßt.  Karl 
entschloß  sich  endlich  die  Bitte  des  Paulus  zu  erfüllen  und  teilte 
diesem  seinen  Entschluß  mit.  Damit  er  aber  dabei  nicht  so  leicht 
wegkomme,  läßt  er  ihm  in  scherzhafter  Weise  gleichsam  zur  Sühne 
die  Wahl  zwischen  drei  Strafen  (vgl.  XXII  v.  5  sapplicii  mihi  poni- 
tar  Optio  trini). 

Daraufhin  schickt  Paulus  an  Karl  ein  Gedicht,  in  welchem  er 
ihm  erklärt,  jetzt  sei  der  düstere  Kummer  aus  seinem  Herzen  ver- 
schwunden und  er  sei  zu  Scherzen  bereit  (v.  3.  5.  12).  Er  preist  in 
diesem  Gedicht  Gott,  der  ihn  durch  Nacht  zum  Licht  geführt,  und 
bittet  ihn,  er  möge  Karl  in  seinen  Schutz  nehmen.  In  seiner  Freude 
und  seinem  Gefühl  des  Dankes  vergißt  er  ganz  auf  jenen  Scherz 
Karls  einzugehen  und  deshalb  erinnert  ihn  Petrus  in  diesem  uns  vor- 
liegenden Gedicht  daran. 


Petrus  an  Paulus. 


99 


10 


Paule,  sub  umbroso  misisti  tramite  versus, 
Quos  pietas  nostri  suscepit  culminis  apte, 
In  quibus  exultans  calamo  te  ludere  posse 
Dixisti,  quoniam  nostro  es  susceptus  honore. 
Triste  sub  ardenti  laetatur  pectore  viscus 
lamque  cavo  mollis  resonat  tua  lingua  palato 
Et  patris  egregiis  sublimas  cantibus  agnum 
Cum  genitore  pio,  qui  caeli  regnat  in  arce, 
Quod  te  post  tenebras  fecit  cognoscere  lumen. 
Nos  tibi  pro  tali  dicamus  carmine  grates. 
Quo  pro  me  summum  precibus  pulsare  tonantera 
Sat  tibi  cura  fuit  taetro  maerore  relicto. 
Sed  causas  mentis  clausisti  fronte  sepulchro 
Dimissa  tres,  de  quibus  haut  responsa  dedisti: 


ITEM  VERSUS  METRICI  P  f.  135 v.  PETRI  (von  jüngerer  Hand  Diaconi 
hinzugesetzt)  G  p.  8. 

5  ardenti  aus  ardente  corr.  P  \  l^tatur  P,  ^  =  ae  öfter  in  P  G  \\  7  canticu 
magnum  am  Rand  -r-  G  II  8  inarte  am  Rand  -^  G  ||  10  talia  G  ||  11  per  me  G  || 
12  relicta  G  ||  13  fronte  P  G,  forte  Haupt  \\  14  dimissa  P  G,  demissa  Beth- 
mann.  dimissas  Haupt. 


1 — 2  sub  umbroso  tramite:  Die  ge- 
schriebenen Verse  bilden  gleichsam  einen 
dunklen  Pfad,  vgl.  Petr.  XXXVII  v.  1  hoc 
opus  exiguo  quod  cernis  tramite;  Poet.  I 
281 V.  2  disrumpis  nomen  medio  de  tramite 
totum;  320  v.  6  tramite  quo  recto  penna 
volantis  eat.  —  pietas  nostri  suscepit 
culminis  apte  =  die  Gnade  unserer  Hoheit 
(Karl)  nahm  sie  huldvoll  entgegen. 

4 — 9  nostro  es  susceptus  honore 
und  V.  9  quod  te  post  tenebras  fecit 
cognoscere  lumen  deuten  an,  daß  der 
Wunsch  des  Paulus  erfüllt  ist,  ebenso 
V.  12  taetro  maerore  relicto.  Diese 
letzten  jedenfalls  dem  nicht  überlieferten 
Gedicht  des  Paulus  entnommenen  Worte 
(v.  9  u.  12)  erinnern  an  eine  Stelle  im 
Briefe  des  Paulus  an  Theudemar:  quam 
primum  noctem  maeroris  demiserit,  wo- 
bei ihm  besonders  das  Schicksal  seines 
Bruders  vorschwebt.  —  cavo  mollis  re- 


sonat tua  lingua  palato:  vgl.  XIX  v.  12ff., 
wo  er  noch  nicht  die  zu  Scherzgedichten 
nötige  Stimmung  hat. 

10 — 14  pro  tali  dicamus  carmine 
grates:  Dieses  Gedicht  ist  unbekannt.  — 
pro  me  precibus  pulsare  tonantem:  vgl. 
Bonif.  Poet.  I  4  v.  31  pulsabo  tonantem: 
77  V.  4  pro  te  pulsare  tonantem.  —  Stelle: 
tres  causas  clausisti  dimissa  fronte, 
sepulchro  mentis;  causa  bedeutet  ge- 
stellte Aufgabe  oder  Rätsel,  vgl.  XIX  v.  19; 
dimissa  fronte:  Die  in  beiden  Hand- 
schriften überlieferte  Lesart  kann  bei- 
behalten werden :  dimittere  (=  remitiere) 
froniem  bedeutet,  die  Stirne  nicht,  wie 
es  beim  Denken  geschieht,  in  Falten  legen. 
Petrus  sagt  demnach  zu  Paulus,  dieser 
habe  sich  über  das  gestellte  Rätsel  nicht 
besonnen  und  es  gleichsam  hinter  seiner 
Stirne  begraben;  sepulchro  mentis:  ähn- 
liche Bilder  vgl.  XXXV  v.  12. 

7* 


100 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


15 


20 


25 


Si  cupis  ingenti  ferri  tu  pondere  frangi 
Carceris  aut  saevo  fessus  recubare  sub  antro, 
Aut  si  pompiferi  Sigifrit  perpendere  vultum 
Impia  pestiferi  nunc  regni  sceptra  tenentis, 
Ut  valeas  illum  sacro  perfundere  fönte, 
Vis,  qui  te  cernens  vita  spoliabit  et  arte. 
De  his  responsum  ne  cesses  mittere  nobis. 
'Tange  caput,  suspecta  manus  percurrat  ad  aurem; 
Altera  iam  tenerum  festinet  tangere  ventrem, 
Necnon  per  ternos  consurgat  littera  ramos.' 
Hoc,  precor,  ut  solvas,  Christi  venerande  minister. 


16  aut  G,  ä  P  11  18  nunc]  nur  n  mit  darübergeschriebenem  c  P  \\   19  fönte  G 
20  spoliauit  G    \\    21  necesses  P  G    \\    22  suspecta  P  G,  suspensa  Haupt. 


15 — 16  ingenti  ferri  tu  pondere 
frangi  vgl.  Poet.  I  390  v.  90  manus  sine 
pondere  ferri;  Dahn  (S.  40)  sieht  in  dem 
beigesetzten  tu  den  Gegensatz  zu  dem 
gefangenen  Bruder  des  Paulus.  —  carceris 
sub  antro  vgl.  Poet.  I  563  v.  13  de  car- 
ceris antro. 

17  pompiferi  Sigifrit:  Die  sog.  Ein- 
hardschen  Annalen  erzählen,  im  Jahre  777 
habe  sich  Widukind  zu  diesem  Dänen- 
könig vor  Karl  geflüchtet  (Abel  I  272). 
Im  Jahre  782,  Mitte  Juli,  schickte  Sigfrid 
eine  Gesandtschaft  zu  Karl  nach  Lipp- 
springe,  aber  die  Verhandlungen  scheinen 
zu  keinem  Resultat  geführt  zu  haben, 
da  sie  789  erneuert  werden  (Abel  I  425, 
426).  Wenn  er  in  unserem  Gedicht  er- 
wähnt ist,  so  mag  die  im  Jahre  782  bei 
Karl  erschienene  Gesandtschaft  die  Ver- 
anlassung gegeben  haben  und  man  kann 
mit  Recht  folgern,  daß  die  Entstehung 
des  Gedichtes  zeitlich  diesem  Ereignis 
nahe  liegt  und  jedenfalls  ins  Jahr  783 
fällt.  —  pompifer  vgl.  XXXVIII  v.  2 
pompifero  gestu;  Poet.  I  432  v.  9  pom- 
piferi quod  vana  est  gloria  mundi. 

18 — 20  impia  pestiferi  regni  sceptra 


tenentis:  Sigfrid  war  wegen  seiner  Unter- 
stützung der  Sachsen  Karl  gefährlich.  Er 
blieb  auch  im  Jahre  789  noch  Heide, 
wie  aus  einem  Briefe  Alkvins  ersichtlich 
ist:  M.  G.  Epp.  IV  31,  15  mandate  mihi 
per  litteras  .  .  si  spes  ulla  sit  de  Dano- 
rum  conversione.  —  sacro  perfundere 
fönte  vgl.  XXXVIII V.  20  baptismate  per- 
fundis. 

21 — 25  de  his  bezieht  sich  auf  das 
Vorausgehende.  Petrus  wünscht  eine  Ant- 
wort auf  seine  drei  Fragen  (vgl.  v.  14). 
Mit  tange  caput  fügt  er  (vgl.  XVII  v.  29, 
XX  V.  11)  unvermittelt  ein  neues  Rätsel 
an;  vgl.  auch  XVII  v.  35  tange  super- 
cilium;  XX  v.  13  tange  so  tum.  —  Die 
Deutung  dieses  neuen  Rätsels  folgt  XXII 
V.  37  ff.  —  necnon  per  ternos  consurgat 
littera  ramos  vgl.  Persius  sat.  III  56 

Et  tibi  quae  Samios  deduxit  littera 

ramos 

Surgentem   dextro  monstravit  limite 

callem ; 
Isid.  Orig.  I,  3,  7  'y'  litteram  Pythagoras 
Samius   ad  exemplum   vitae   humanae 
primus  formavit. 


XXII. 
Antwort  des  Paulus. 

'Vor  der  Lösung  der  gestellten  Frage  ist  mir  bange,  aber  ich 
versuch's.  Des  Gefängnisses  und  der  Ketten  bedarf  es  bei  mir  nicht, 
da  ich  in  den  Banden  Deiner  Liebe  liege.  Sie  erfüllt  mein  Herz, 
seitdem  Du  Gnade  geübt  hast.  Wozu  soll  ich  zu  Sigfrid  gehen? 
Wir  können  uns  gar  nicht  verständlich  machen,  da  er  meine  Sprache 
nicht  versteht.  Auch  fürchtet  er  Deine  Macht  zu  sehr,  als  daß  er 
mich  anzurühren  wagte.  Er  wird  entweder  freiwillig  sich  von  Dir 
taufen  lassen  oder  gezwungen  als  Gefangener  vor  Dir  erscheinen 
(1—36).' 

Dann  gibt  Paulus  die  Lösung  des  im  vorausgegangenen  Gedicht 
(v.  22 — 25)  gestellten  Rätsels  und  schließt  mit  einer  rätselhaften  An- 
spielung (37—54). 


Aus  keinem  der  früheren  Gedichte  spricht  eine  solche  freudige 
Stimmung,  ein  so  von  Herzen  kommender  Humor  wie  aus  diesem, 
dem  längsten  der  am  Hofe  Karls  entstandenen.  Während  die  früheren 
nur  wenige  oder  gar  keine  Andeutung  enthalten,  daß  Paulus  von 
Liebe  und  Verehrung  für  den  König  erfüllt  ist,  so  nennt  er  ihn 
hier  in  seiner  Dankbarkeit  und  Freude  maxime  princeps  (v.  1),  pie- 
tatis  amator  (v.  15),  rex  venerande  (v.  38),  deliciae  populi,  summus 
et  orbis  amor  (v.  54)  und  er  kann  ihm,  da  er  Gewährung  seiner 
Bitte  erlangt,  nicht  genug  seine  Liebe  versichern  (v.  10.  16). 

Wenn  er  v.  33  sagt:  caelitus  et  qaoniam  est  vobis  conlata  po- 
testaSy  so  sehe  ich  darin  nicht  eine  Schmeichelei,  die  dem  geraden 
Charakter  des  Dichters  ferne  liegt,  sondern  den  Beweis,  daß  in  der 
Anschauung  des  Paulus  ein  großer  Umschwung  eingetreten  ist.  Er  sieht 
in  Karl  nicht  mehr  den  Feind  seines  Volkes,   sondern  den  von  Gott 


102 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


selbst  zum  Herrscher  der  Christenheit  bestimmten  König  und  widmet 
ihm  gerne  auch  jetzt  noch,  wo  er  seinen  Zweck  erreicht  hat,  seine 
Dienste.  Am  deuthchsten  bringt  Paulus  seine  Verehrung  für  Karl 
zum  Ausdruck  in  seiner  Geschichte  der  Metzer  Bischöfe,  wo  er  (Gest. 
epp.  Mett.  SS.  II  265)  sagt:  De  quo  viro  nescias  atrum  virtutem 
in  eo  bellicam  an  sapientiae  claritatem  omniumque  liberaUum  artlum 
magis  admireris  peritiam. 

Da  in  diesem  Gedicht  Paulus  seine  Sinnesänderung  zum  ersten- 
mal deutlich  merken  läßt,  sah  ich  mich  veranlaßt  es  erst  an  diese 
Stelle  zu  setzen  und  seine  Entstehungszeit  ins  Jahr  783  zu  verlegen. 


Sic  ego  suscepi  tua  carmina,  maxime  princeps, 

Ceu  paradiseo  culmine  missa  forent. 
Luminibus  tacitis  quae  postquam  cuncta  notavi, 

Terruerunt  animum  fortia  verba  meum. 
Eheu,  supplicii  mihi  ponitur  optio  trini 

Artat  et  incertum  quaestio  dura  satis. 
Dicam  equidem,  quod  mente  gero,  sed  vestra  potestas 

Efficiat  potius,  haurit  ut  arce  poli. 


UERSUS  PAULI  DIACONI  G  p.  13. 

3  qu^  (?  =  ae  öfter  G    1|    8  effitiat  Q 


arcet  am  Rana  Vjc  Q. 


1 — 4  tua  carmina:  Damit  ist  das 
vorausgehende  Gedicht  gemeint.  — para- 
diseo culmine:  Wie  eine  Botschaft  vom 
Himmel  {paradisus  =  Sitz  der  Seligen, 
Himmel)  mutete  ihn  das  Gedicht  Karls 
an,  vgl.  auch  zum  Gedanken  XV  26 
Brief  des  Paulus  an  Theudemar:  ad  instar 
mihi  paradisi  dilecta  sanctorum  limina. 
Dieser  Freude  beim  Empfang  des  Ge- 
dichtes folgte  nach  dem  Lesen  des  In- 
hahs  großer  Schrecken.  —  luminibus 
tacitis  Verg.  Aen.  IV364:  „sprachlos  vor 
Verwunderung".  —  terruerunt  animum 
ist  Ov.  Amor.  III  5,  2  entnommen. 

5 — 8  supplicii  optio  trini:  „Die  Wahl 
zwischen  drei  Todesarten  (vgl.  XXI  v.  15 
bis  20)."  —  artat  et  incertum:  Die  schwie- 


rige Frage  machte  ihm  zu  schaffen,  da 
er  seiner  Sache  nicht  sicher  ist.  — 
quaestio  dura  vgl.  XX  v.  4  doctrina  est 
Simplex,  quaestio  nulla  quidem.  —  dicam 
equidem  vgl.  Verg.  Aen.  VI  722.  —  haurit 
ut  arce  poli:  Paulus  meint,  er  werde 
sagen,  was  ihm  in  den  Sinn  kommt, 
aber  Karl  würde  wohl  Vorzüglicheres 
leisten,  da  ihn  als  König  himmlische 
Eingebung  unterstützt.  Er  vernimmt  alles 
gleichsam  vom  Himmel.  Diese  himm- 
lische Eingebung  findet  ihre  Begrün- 
dung in  V.  33;  vgl.  auch  Brief  des  Pau- 
lus an  Kad  M.  G.  Epp.  IV  5 14,  17  vestra 
tamen  sagax  providaque  subtilitas, 
sicut  caelitus  mente  hauserit,  ita  dis- 
ponat. 


Antwort  des  Paulus. 


103 


10 


15 


20 


Non  opus  est  claustris  nee  me  compescere  vinclis: 

Vinctus  sum  domini  regis  amore  mei. 
Nam  si  parva  licet  rebus  componere  magnis 

Et  valet  a  summis  hie  paradigma  trahi:' 
Ut  sacer  inmenso  Christi  Petrus  arsit  amore, 

Postquam  dimisit  crimina  Christus  ei, 
Sic,  ubi  donasti  facinus,  pietatis  amator, 

Inflammat  vaHdus  cor  mihi  vester  amor. 
Si  peragam  Sigifrid  truculentum  cernere  vultum, 

Vix  perpendo  ahquod  utilitatis  opus, 
nie  caret  Latus  indocto  corde  loquelhs, 

IlHus  est  minime  cognita  lingua  mihi: 
Sic  similisque  ferae  et  brutum  pecus  esse  putabor 

Deridetque  meum  stulta  caterva  caput. 
Sit  licet  hirsutus  hirtisque  simillimus  hircis 

luraque  det  haedis  imperitetque  capris, 


10  domni  G  \\  14  ei  Traube,  eius  G  \\  17  si  peragam  scripsi,  si  agä  G, 
si  satagam  Wattenbach  \  sigifrid  auf  Rasur  G  \\  21  sie  similisque  ferae  et  ^cr/jo^/, 
similes  equi  ferunt  nebrutü  G.  simia  setiferumve  brutum  Haupt   \\    24  hetis  G. 


9 — 10  nee  me  compescere  vinclis  vgl. 
Ov.  Epist.  XIX  85.  Paulus  beginnt  mit 
Humor  und  Witz  die  Beantwortung  der 
gestellten  Fragen  und  zeigt,  daß  er  ca- 
lamo  ludere  wirklich  versteht  (XXI  v.3). — 
vinctus  sum  domini  regis  amore:  Mit 
diesen  Worten  und  mit  v.  16  sagt  er,  daß 
er  Karl  im  Herzen  näher  getreten  sei. 

11 — 16  si  parva  licet  vgl.  Verg.  Ecl. 
I  23,  Georg.  IV  176;  Poet.  I  458  v.  267, 
I  536  V.  167.  Paulus  wählt  in  diesem 
Gedicht  mehrere  griechische  Wörter: 
V.  12  paradigma:  v.  46  grammata,  v.  49 
problema.  —  ubi  donasti  facinus:  Es 
fragt  sich,  welche  und  wessen  Frevel- 
tat Karl  jetzt  verziehen  hat.  Da  er  sich 
mit  dem  Jünger  Petrus  vergleicht,  der 
seinen  Herrn  verleugnete  (Matth.  14, 
68  ff.),  aber  Verzeihung  von  ihm  er- 
hielt und  deshalb  mit  unbegrenzter  Liebe 
ihm  zugetan  war,  so  ist  wohl  zuerst  an 
eine  Tat  des  Paulus  zu  denken.  Wenn 
man  auch  nicht  durch  die  märchen- 
haften Erzählungen  des  Salernitaners  ver- 


anlaßt annimmt,  daß  Paulus  einst  dem 
König  nach  dem  Leben  trachtete,  so  ist 
es  doch  wahrscheinlich,  daß  er  seinerzeit 
zu  den  gefährUchsten  Gegnern  am  lango- 
bardischen  Hofe  gehörte.  Man  kann  diese 
Stelle  aber  auch  so  erklären,  daß  Paulus 
die  Tat  seines  Bruders,  bei  welcher  er 
jedenfalls  nicht  unbeteiligt  war,  hier  auf 
sich  nimmt.  —  pietatis  amator  ein  auch 
sonst  beliebter  Versschluß  vgl.  XXXII  v.lO. 
21 — 24  sie  similisque  ferae:  Da 
Paulus  die  Sprache  des  Dänenkönigs 
nicht  versteht,  so  wäre  er  ihm  wie  ein 
Tier  erschienen;  zum  Sinn  vgl.  XIII  11 
mutis  similati  deridentur  statuis.  — 
deridetque  meum:  Ist  als  Futur  zu  fassen 
vgl.  XIII  1 1 ;  meum  caput  ist  wohl  nur 
Umschreibung  für  me,  vgl.  XIII  3,  und 
nicht  nach  Ebert  II 51  mit  „kahles  Haupt" 
zu  erklären,  wozu  jegliche  Berechtigung 
fehlt.  —  hirsutus  hirtis  hircis:  Beachte 
diese  Alliteration  zur  drastischen  Schil- 
derung des  struppigen  Dänenkönigs.  — 
iuraquedetvgl.VtTg.GQOTg.lV562  dat  iura. 


104 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


25 


30 


35 


40 


Sunt  illi  invalidae  pavitanti  in  pectore  vires, 

Nam  nimium  vestrum  nomen  et  arma  timet. 
Hie  scierit  vestris  si  me  de  civibus  unum, 

Audebit  minimo  tangere  nee  digito. 
Tunc  nee  iners  cupido  vitam  mihi  tollet  et  artem 

Illum  nee  palmis  abluet  unda  meis. 
Quin  potius  properet,  vestra  et  vestigia  lambat 

Cumque  suo  ponat  crimina  crine  simul. 
Caelitus  et  quoniam  est  vobis  conlata  potestas, 

Tinguatur  vestris  purificandus  aquis. 
Sin  minus,  adveniat  manibus  post  terga  revinctis 

Nee  illi  auxilio  Thonar  et  Waten  erunt. 
jTangere'  quid  ,caput'  est  aliut,  nisi  amare  tonantem 

Vel  te,  qui  populi  es,  rex  venerande,  caput? 
,Auris*  Sit,  domini  fuerit  qui  iussa  secutus, 

Seu  qui  consilium  servat,  opime,  tuum. 
Innumerum  vulgus  Signatur  nomine  ,ventris': 

Amplecti  hos  omnes  quaestio  vestra  docet. 


25  invalide  G  \\  27  hie  scripsi,  his  G,  is  Dümmler  \\  29  tollet  scripsi, 
tollit  G  II  35  sin  minus  adveniat  Wattenbach,  sin  munus  adveniä  G  \  post  terga 
Wattenbach,  pono  terga  G  \\  37  quid  aus  quod  corr.  G  \\  39  sit  scripsi,  fit  G  || 
41  ventris  Dümmler,  ufis  G    ||    42  amplecti  hos  Dümmler,  amplectib  '  hos  G. 


27 — 30  hie  scierit  =  „wenn  er  heraus- 
gebracht haben  wird  (sciscere)^  —  iners 
cupido:  „Der  Feigling  (v.  25)  wird  mir 
mein  Leben  nicht  rauben,  auch  wenn  ich 
es  aufs  Spiel  setze;"  iners  und  artem 
wohl  ebenso  absichtlich  nebeneinander 
wie  V.  32  crimina  crine.  —  vitam  mihi 
tollet:  Das  überlieferte  tollit  ist  inmitten 
der  anderen  Future  nicht  anzunehmen.  — 
illum  nee  palmis  abluet  unda  meis:  „Er 
wird  sich  von  mir  nicht  taufen  lassen. 
Diese  Aufgabe  fällt  Dir  zu  (v.  34)." 

33  caelitus  et  quoniam  est  vobis 
conlata  potestas:  Diese  Anschauung, 
daß  Karl  eine  göttliche  Mission  habe, 
bildet  sich  erst,  nachdem  Paulus  längere 
Zeit  in  seiner  Nähe  verweilte,  vgl.  auch 
V.  8.  In  XXXII  V.  3—4  und  am  An- 
fang des  Briefes  an  Karl  (XXX)  spricht 
Paulus  diesen  Gedanken  deutlicher  aus, 
vgl.  Gest.  epp.  Mett.  SS.  II  265;    auch 


Poet.  I  61  V.  59—60. 

35 — 36  manibus  post  terga  revinctis 
vgl.  Verg.  Aen.  II 57.  —  Thonar  et  Waten: 
Paulus  übertrug  jedenfalls  aus  Unkennt- 
nis der  nordischen  Götter  Thor  und 
Odhin  die  Namen  der  bei  den  Sachsen 
verehrten  und  ihm  bekannten  auf  die 
Dänen,  vgl.  auch  über  Wotan  Hist. 
Lang.  I  9. 

37 — 43  Mit  V.  37  beginnt  ohne  jeg- 
liche Überleitung  die  Lösung  des  XXI 
V.  22  gestellten  Rätsels.  —  auris  sit  ist 
die  richtige  Lesart,  da  auch  v.  37  quid 
Caput  est  steht.  —  amplecti  hos  omnes 
quaestio  vestra  docet:  Alle  diese  zu- 
sammenzufassen lehrt  das  gegebene  Rätsel, 
also  Caput  auris  venter.  —  littera,  quae 
ternis  consurgit  in  ardua  ramis:  Damit 
meint  Paulus  E,  vgl.  auch  Anm.  zu  XXI 
V.  24. 


Antwort  des  Paulus. 


105 


45 


50 


Littera,  quae  ternis  consurgit  in  ardua  ramis, 

Curam  animae  summam  semper  habere  monet. 
Est  fortasse  aliut  novitas  quod  repperit  apte, 

Nam  puto,  sie  fantur  grammata  vestra  *cave'. 
Ut  moneor,  faciam  nee  per  me  frena  regentur, 

lam  mea  sed  potius  cautio  Christus  erit. 
Problema  si  necdum  tetigit  resolutio  vestrum, 

Discere  sum  promptus,  rege  docente  pio. 
Nam  cupio  vester,  cunctos  ut  vincis  in  armis, 

Sic  mentis  superet  lumine  celsus  apex. 
Quingentos  centum  postremi  quinque  sequantur, 

DeHciae  populi,  summus  et  orbis  amor. 


si  G 


49  problemma  G   \ 
II    53  posttremi  G. 


vestrum  Dümmler,  ura  am  Rand  I    G  Ü  52  sie  Dämmler, 


47 — 49  nee  per  me  frena  regentur: 
Er  will  der  Mahnung  des  cave  folgen, 
fügt  aber  bei,  daß  er  nicht  alles  lenken 
kann,  sondern  seine  Sicherheit  (cavere 
—  cautio)  Christus  ist.  Es  ist  wahr- 
scheinlich, daß  das  von  Petrus  im  Auf- 
trage Karls  gegebene  Rätsel  (cave)  mit 
dem  vorausgehenden  (optio  trini  sup- 
plicii)  im  Zusammenhang  steht  und  viel- 
leicht in  scherzhafter  Weise  ihm  sagen 
soll:  „Tue  so  etwas  nicht  mehr." 

50 — 55  discere  sum  promptus,  rege 
docente  pio  vgl.  XIX  v.  42  cum  pietate 
doce  flexum,  sum  scire  paratus.  —  vester 
<:^/5«5fl/>^x=  „Euere Hoheit".  DerWunsch 
des  Paulus,  Karl  möge  nicht  bloß  mit 
den  Waffen,  sondern  auch  durch  das  Licht 


seines  Geistes  alle  übertreffen,  beweist 
auch  seine  veränderte  Gesinnung.  — 
quingentos  centum:  Paulus  schließt  mit 
einem  von  Traube  (Neues  Archiv  XVII 
399)  gedeuteten  Rätsel.  Die  beiden 
D  als  Bezeichnung  für  quingenti  geben 
die  gebräuchliche  Abkürzung  für  David 
(vgl.  XVII  V.  45  krit.  Apparat).  Wenn 
auch  vielleicht  Karl  damals  diesen  Bei- 
namen noch  nicht  hatte,  so  konnte  doch 
Paulus  auf  den  Gedanken  kommen  Karl 
mit  diesem  König  zu  vergleichen,  der, 
wie  er,  ein  Held  der  Waffen  und  des 
Geistes  war.  —  deliciae  populi,  summus 
et  orbis  amor  vgl.  Suet.  Tit.  c.  1  amor  ac 
deliciae  generis  humani;  vgl.  XXXV  v.  28 
deliciae,  tu  generalis  amor. 


XXIII. 

Karl  an  Paulus. 

'Was  Du  an  Jahren  mir  gewünscht,  wünsche  ich  Dir  an  Stunden 
(1 — 4).  Was  treibst  Du,  der  als  Soldat  meinen  Feinden  hätte  gefähr- 
lich werden  wollen,  jetzt  aber  als  alterschwacher  Greis  dem  Lager 
ferne  bleibt  (5—12)?' 


Dieses  Gedicht  gab  zuerst  Quercetanus  (Andre  du  Chesne) 
inmitten  der  Gedichte  Alkvins  im  Jahr  1617  heraus  und  zwar 
nach  einer  alten,  jetzt  verloren  gegangenen  Handschrift  der  Biblio- 
thek S.  Bertini  (Alchwini  opera  p.  1719).  Es  ist  schwer  zu  deuten 
und  hat  wahrscheinlich  folgenden  historischen  Hintergrund.  Da  die 
Sachsen  immer  den  Winter  zu  neuen  Rüstungen  benützten,  so  ent- 
schloß sich  Karl  einmal  diese  Jahreszeit  in  ihrem  Lande  zu  ver- 
bringen (Abel  I  475  ff.  u.  493  ff.).  Deshalb  brach  er  noch  vor  Ablauf 
des  Jahres  784  dorthin  auf,  feierte  das  Weihnachtsfest  im  Lande  der 
Engern  und  verlegte  dann  seinen  Hofhalt  nach  Eresburg,  wo  bis 
Juni  785  sein  Standquartier  war.  Dorthin  hatte  er  auch  Frau  und 
Kinder  nachkommen  lassen. 

Wahrscheinlich  erging  damals  auch  eine  Einladung  an  Paulus, 
da  Karl  seine  Gelehrten  stets  um  sich  haben  wollte  (vgl.  Anm.  zu 
V.  11 — 12).  Für  diese  dankte  er  in  einem  uns  nicht  bekannten,  aber 
aus  dieser  Antwort  Karls  leicht  inhaltlich  zu  erschließenden  prosaischen 
oder  poetischen  Schreiben. 

Dieses,  von  Paulus  jedenfalls  zu  Weihnachten  oder  Neujahr  an 
Karl  abgeschickt,  enthielt  am  Anfang  Glückwünsche  und  dann  eine 
Entschuldigung,  warum  er  seiner  Einladung  nicht  Folge  leisten  könne. 
Diese  hatte  er  in  humoristischer  Weise  mit  seinem  greisenhaften  Zu- 


Karl  an  Paulus. 


107 


stand  begründet  und   dadurch  Karl  veranlaßt  den  gleichen  Ton  an- 
zuschlagen. 

Aus  stilistischen  Erwägungen  glaube  ich,  daß  Karl  selbst  dieses 
Gedicht,  wie  XXXIII,  XXXIV  u.  XL,  verfaßt  hat  (vgl.  Vorbem.  zu  XXXIII), 
und  zweifle  nicht,  daß  es  an  unseren  Paulus  gerichtet  ist,  da  wir  von 
keinem  anderen  dieses  Namens  etwas  wissen,  dessen  Nähe  Karl  sogar 
auf  seinen  Kriegszügen  gewünscht  hätte. 


En  tibi,  Paule,  deus  ter  quinas  augeat  horas, 

Addidit  Ezechiae  qui  tria  lustra  pio, 
Ut  mihi  ter  quinos  optas  superaugeat  annos 

Post  metas  vitae  carmine  Pierio. 
Quid  modo  miles  agis,  cultro  qui  colla  secare 

Hostibus  a  nostris,  Paule,  paratus  eras? 
Nunc  tibi  dextra,  senex,  elanguit  effera  belli, 

Laeva  caput  supra  aut  scuta  levare  nequit. 


Ohne  Überschrift  CLXXXVII  Quere. 

5  quod  Quere.    H    7  effera  scripsi,  effeta  Quere.    \\    8  leua  Quere. 


1 — 4  Stelle  deus  (ita}  tibi  augeat 
horas,  ut  optas,  mihi  superaugeat  annos; 
vgl.  4  Reg.  20,  6 ;  Isai.  38, 5  ecce  ego  adi- 
ciam  super  dies  tuos  quindecim  annos; 
Sedul.  carm.  pasch.  1 189  ter  quinos  quon- 
dam  regi  Deus  addidit  annos;  Alcvin 
Poet.  1 233  V.  163  huic  quoque  ter  quinos 
Clemens  deus  addidit  annos;  M.  G.  Epp. 
IV  44,  18;  184,  25.  —  Karl  wünscht 
ihm  scherzhaft  statt  der  Jahre  nur  Stun- 
den. Da  Paulus  um  sein  Fernbleiben 
zu  entschuldigen  sich  so  alterschwach 
hinstellt,  als  stünde  er  schon  am  Ende 
seiner  Tage,  so  wagt  Karl  gar  nicht  ihm 
Jahre  zu  wünschen.  —  carmine  Pierio 
Alcvin  Poet.  I  274  v.  6;  ähnliche  Ver- 
bindungen bei  Alcvin  Poet.  1 198  v.  1318; 
240  V.  18  Pierio  plectro;  252  v.  11  Pierio 
versa. 

5 — 6  quid  modo  miles  agis:  quid 
ist  statt  des  überlieferten  quod  in  Rück- 
sicht auf  V.  9  zu  setzen.  Zu  dieser  humo- 
ristischen Frage  veranlaßte  jedenfalls  Karl 


eine  Stelle  in  dem  verlornen  Brief  des 
Paulus,  wo  er  in  scherzhaft  übertriebener 
Weise  die  Heldentaten  aufzählte,  die  er 
im  Krieg  gegen  die  Sachsen  ausführen 
würde,  wenn  er  noch  jünger  wäre.  — 
cultro  qui  colla  secare  hostibus  erinnert 
an  eine  Stelle  aus  dem  zum  Vorbild 
dienenden  Epitaph  des  Constans  (Poet. 
I  79  V.  12)  munera  principibus  colla  se- 
cuta dedit. 

7 — 10  effera  belli:  Das  überlieferte 
effeta  zu  setzen  verbietet  die  Quantität; 
vgl.  Alcvin  Poet.  I  197  v.  1261  efferus  in 
pravos;  Theodulf  Poet.  I  447  v.86  Phle- 
getonteis  effera  virginibus;  vgl.  zum 
Gedanken  Alcvin  Poet.  I  246  v.  24  ge- 
lida  est  cui  dextera  bello.  —  laeva 
Caput:  Stelle  aut  laeva  nequit  supra 
Caput  scuta  levare;  Paulus  ist  also  nach 
Karls  Darstellung  zum  Angriff  und  zur 
Verteidigung  zu  schwach.  —  quid  modo 
quod  facias:  Stelle  quid  modo  facias, 
quod  sis  proletarius  urbe.    Diese  unge- 


108 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Quid  modo  quod  facias  sis  proletarius  urbe, 
10  Laurea  qui  belli  castra  videre  times. 

Tardus  in  annoso  tabescit  corpore  sanguis, 
Cor  tibi  frigidius  laudis  amore  caret. 


12  frigidior  Quere. 


wohnlichen  Stellungen  (v.  8)  sind  Kenn- 
zeichen des  königlichen  Stils.  Diese  Stelle 
entspricht  genau  v.  5  und  Karl  fragt 
Paulus,  was  er  jetzt  als  proletarius 
(Gegens.  miles)  in  der  Stadt  treibt.  Die 
Konjunktive  lassen  sich  damit  erklären, 
daß  der  König  absichtlich  und  zum 
Scherz   sich   dieser  urbanen  Ausdrucks- 


weise bedient.  — 
meint,  ist  ungewiß, 
der  Hof  783  vor 
Sachsenland  seinen 


Welche    Stadt    Karl 

Wir  wissen  nur,  daß 

der    Verlegung    ins 

Winteraufenthalt   in 


Heristal  nahm  und  bis  Ostern  784  dort 
blieb  (Abel  I  460).  —  castra  timere 
vides  weist  auf  einen  Kriegszug  Karls 
hin,  zu  dem  er  Paulus  eingeladen  hatte. 
11 — 12  Diese  ohne  Verbindung  an- 
gereihten Verse  verraten  auch  den  un- 
gewandten Dichter.  Der  Zusammenhang 
ist:  'Dein  Fernbleiben  begreife  ich  wohl, 
wenn  ich  bedenke,  wie  alterschwach  Du 


bist.'  Dieses  wiederholte  Hervorheben 
des  greisenhaften  Zustandes  (v.  7),  das 
im  Ernst  gemeint  beleidigend  wäre,  läßt 
sich  nur  dadurch  erklären,  daß  Paulus 
in  seinem  Schreiben  in  scherzhaft  über- 
triebener Weise  sein  Alter  als  Entschuldi- 
gung anführt.  Eine  ähnliche  Entschuldi- 
gung finden  wir  auch  in  einem  Brief 
Alkvins  aus  dem  Jahre  789,  M.  G.  Epp. 
IV  234,  36  ff. :  Quid  valet  infirmitas  Flac- 
ci  inter  arma?  quid  inter  apros  lepus- 
culus?  quid  inter  leones  agniculus,  in 
pace  nutritus,  non  in  proeliis  versatus?. . . 
timidus  domi  remaneat,  ne  faciat  alios 
timere.  Diese  Stelle  beweist  zugleich, 
daß  Karl  seine  Gelehrten  auch  auf  seinen 
Kriegszügen  bei  sich  haben  wollte.  — 
Der  Wortlaut  der  Verse  11—12  erinnert 
an  Sedul,  carm.  pasch.  1 109  frigidus  an- 
noso moriens  in  corpore  sanguis. 


XXIV. 
Auf  das  Grab  der  Rotheid,  Tochter  Pippins. 

Die  Inschriften  für  Karls  Schwestern  Rotheid  und  Adelheid,  für 
seine  Gattin  Hildegard  und  deren  Töchter  Adelheid  und  Hildegard, 
die  in  Metz  in  der  Kapelle  des  heiligen  Arnulf,  des  Oberhauptes  des 
karolingischen  Geschlechtes,  begraben  lagen,  gab  zuerst  Caesar  Ba- 
ronius  heraus  'ex  minis  monasterii  S.  ArnulphV  (Ann.  eccles.  a.  786 
n.  7,  811  n.  48,  ed.  Col.  IX  415,  628).  Abschriften  jedenfalls  nach  den 
Grabsteinen,  aber  fehlerhaft  finden  sich  in  der  Brüsseler  Bibliothek 
6842  und  in  der  Stadtbibliothek  zu  Metz  64  (G  76)  saec.  XIV— XV 
H  m). 

Außer  dieser  selbständigen  Oberlieferung  sind  uns  diese  Grab- 
schriften auch  dadurch  erhalten,  daß  Paulus  sie  selbst  seiner  Geschichte 
der  Metzer  Bischöfe  einreihte.  Sie  sind  aber  nicht  in  allen  Hand- 
schriften mit  abgeschrieben  worden.  Zugrunde  gelegt  wurden  hier 
eine  aus  St.  Symphorian  zu  Metz  stammende  Handschrift  Paris  lat. 
5294  saec.  XI  {S),  nach  der  ich  die  Inschriften  noch  einmal  verglichen 
habe,  dann  die  Ausgabe  von  Du  Chesne,  im  Jahre  1636  nach  einer 
unbekannten  Handschrift  hergestellt  (SS.  rer.  Francic.  II  202 — 204), 
und  schließlich  die  von  Meurisse  aus  dem  Jahre  1634  (Histoire  des 
evesques  de  Metz  p.  28);  außerdem  vgl.  Neues  Archiv  IV  110  und 
Poet.  aev.  Karol.  I  p.  33. 

Im  Parisinus  lat.  5294  gehen  f.  1 1  v  folgende  Worte  des  Paulus 
voraus:  .  .  Hildegardis  apud  Mettensem  urbem  in  beati  Ar- 
nulfi  Oratorium  requiescit.  Pro  eo  denique,  quod  a  beato 
Arnulfo  iam  praefati  reges  originem  ducerent,  suorum  ibi 
carorum  Corpora  posuere.  Nam  ibi  humatae  sunt  duae  regis 
Pippini  filiae,  quarum  una  Rothaidis,  altera  Adheleidis  ap- 
pellata  est.  Ibi  quoque  et  iunioris  regis  Karoli  duae  nihilo- 
minus   tumulatae   sunt   natae,    scilicet   Adhelaida   et   Hilde- 


110  ^3rl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

garda;  quae  Hildegardis  matris  nomine  nuncupata  matrem 
morientem  citius  subsecuta  est.  Quarum  omnium  epitaphia 
iussu  gloriosi  regis  Karoli  composita  sunt. 

Hier  sagt  Paulus  selbst,  daß  alle  diese  oben  angeführten  In- 
schriften auf  Verlangen  Karls  abgefaßt  wurden.  Dieser  kannte  sicher 
die  stimmungsvollen  Grabgedichte  des  Paulus  für  seine  Königin  Ansa 
und  deren  Enkelin  Sophia,  und  als  Karls  Gemahlin  Hildegard  am 
30.  April  783  starb,  da  übertrug  er  Paulus,  der  ihm  gerade  in  jener 
Zeit  viele  Beweise  seiner  dichterischen  Begabung  gegeben  hatte,  die 
ehrenvolle  Aufgabe  für  sie  eine  Grabschrift  zu  verfassen.  Wenn  man 
bedenkt,  daß  damals  am  Hofe  Karls  auch  andere  Dichter  von  Namen 
sich  befanden,  so  erscheint  dieser  Auftrag,  dessen  würdige  Durch- 
führung für  ihn  in  diesem  Falle  Herzenssache  war,  als  der  glänzendste 
Beweis  der  Wertschätzung,  der  sich  Paulus  als  Mensch  und  Dichter 
beim  König  erfreute. 

Als  Paulus  die  Grabschrift  für  die  Königin  und  später  für  deren 
gleichnamiges  Töchterchen  (XXVI,  XXVIII)  verfaßt  hatte  (jedenfalls 
stand  sie  vor  Karls  Vermählung  mit  Fastrada  im  Oktober  oder  No- 
vember 783  schon  auf  dem  Stein),  wünschte  dieser,  daß  Paulus  auch 
die  Gräber  seiner  beiden  Schwestern  und  seines  Töchterchens  Adel- 
heid, die  schon  vor  längerer  Zeit  gestorben  waren,  nachträglich  mit 
Inschriften  versehe  (XXIV,  XXV,  XXVII),  und  wahrscheinlich  verfaßte 
Paulus  diese  in  rascher  Aufeinanderfolge  noch  im  gleichen  Jahre. 
Diese  unterscheiden  sich  von  den  anderen  dadurch,  daß  weder  die 
körperlichen  noch  geistigen  Vorzüge  erwähnt  sind.  Paulus  läßt  deutlich 
merken,  daß  es  sich  hier  um  Personen  handelt,  die  ihm  vollkommen 
ferne  stehen  und  von  denen  er  nichts  weiter  kennt  als  Namen  und 
Abstammung.  So  bietet  er  in  diesem  Epitaph  für  Rotheid  nichts  als 
ihren  Stammbaum  und  sagt  nicht  ein  Wort  des  Lobes  über  diese 
ihm  zwar  unbekannte,  aber  sicher  vorher  näher  geschilderte  Schwester 
Karls,  gewiß  auch  ein  Beweis  für  seine  ehrliche  Gesinnung. 

Galt  es  aber  eine  Persönlichkeit  zu  ehren,  wie  die  Königin,  der 
er  persönlich  näher  stand,  dann  fühlt  man  heraus,  daß  sein  Herz 
dabei  ist,  und  dann  schafft  er  auch  auf  diesem  Gebiet  Werke,  die  zu 
den  besten  seiner  Zeit  gehören. 

Auch  in  formeller  Hinsicht  sind  die  Epitaphien,  die  Paulus  am 
karolingischen  Hof  verfaßte,  von  Interesse.  Wir  haben  gesehen,  daß  er 
bei  der  Abfassung  der  Grabschriften  für  Ansa  und  Sophia  unter  dem 
Einfluß  einer  gewissen,  wohl  von  griechischen  Inschriften  herrührend-en 
Tradition  stand.    Eine  Vergleichung  dieser  früher  entstandenen  mit 


Auf  das  Grab  der  Rotheid,  Tochter  Pippins.  111 

den  karolingischen  aber  ergibt,  daß  er  die  am  Hofe  Karls  bekannten 
Vorbilder  studiert  und  immer  mehr  jene  typischen  Ausdrucksformen 
angewendet  hat,  die  ich  früher  zusammenstellte  (IX).  Diese  Um- 
gestaltung seiner  Darstellungsweise  zeigt  sich  beim  Epitaph  für  die 
Königin  Hildegard  (XXVI)  und  am  vollkommensten  bei  dem  für  Herzog 
Arichis  (XXXV). 


Hie  ego  quae  iaceo,  Rothaid  de  nomine  dicor, 
Quae  genus  excelso  nimium  de  germine  duco. 
Nam  mihi  germanus,  gentes  qui  subdidit  armis 
Ausonias,  Karolus  fretus  virtute  tonantis. 

5     Pippinus  pater  est,  Karolo  de  principe  cretus, 
Aggarenum  stravit  magna  qui  caede  tyrannum. 
Pippinus  proavus,  quo  non  audacior  ullus, 
Ast  abavus  Anschisa  potens,  qui  ducit  ab  illo 
Troiano  Anschisa  longo  post  tempore  nomen. 

10     Hunc  genuit  pater  iste  sacer  praesulque  beatus 
Arnulfus,  miris  gestis  qui  fulget  ubique, 
Hie  me  spe  cuius  freti  posuere  parentes. 


EPITHAPHIUM  ROHAIDIS  FILIE  PIPINI  REGIS  5  /.  llv.  Epitaphium 
Rothaidis  filie  Pipini  regis  gloriosi  que  in  isto  loco  iacet  m  =  Metz  64  (G.  76)  saec. 
XIV— XV;  ohne  Überschrift  Meurisse. 

1  haec  Meurisse  Chesnius  \  qu^  '^'  statt  'ae'  öfter  S  \  Rotaich  m,  Rothaidis 
nomine  ohne  de  Meur.  Baronius  \\  2  que  S,  qui  Bar.  \  ducor  m  \\  4  Karlus 
fretus  S,  Karlus  aus  Karolus  corr.  S,  fretus  Karolus  die  andern  \\  5  Pipinus  5 
Chesn.  \  Karlo  aus  Karolo  corr.  S  \  cretus  Chesn.  Bar.,  ortus  5  ||  6  Agarenum 
Chesn.  \  cede  S,  clade  Bar.  \\  7  Pipinus  S  Chesn.  \\  8  ast  S,  est  Meur.  \  anschisa 
qui  ducis,  potens  fehlt  S,  Asnchise  potens  qui  ducit  Chesn.,  Anchise  potens  qui  ducis 
Bar.    II    9  Anchisa  Chesn.    \\    10  presulque  5  ||   12  freti  naditräglidi  dazugesetzt  S. 


4  gentes  Ausonias  vgl.  II  9  Ausonia  j  Statthalter  Abderrahman  zwischen  Tours 

regio  (Anm.).  !  und  Poitiers  732. 

5 — 7    de  principe    cretus   vgl.   die  |  8 — 9  Ansdiisa  potens  vgl.  Gest.  epp. 

Verse   über   die   Metzer  Bischöfe  Poet,  i  Mett.  SS.  II  264   cuius  Ansdiisi  nomen 

I  60  V.  25;   Verg.  Aen.  III  608.  —  Agga-  \  ab  Ansdiise  patre  Aeneae  creditur  esse 

renum  tyrannum:  Bezieht  sich  auf  den  deductum. 

Sieg  Karl  Martells  über  den  maurischen  j 


XXV. 

Auf  das  Grab  der  Adelheid,  der  Tochter  Pippins. 

Bei  dieser  Grabschrift  für  Karls  Schwester  verwendet  Paulus  vier 
Verse  für  die  Einleitung;  von  den  noch  übrigen  sechs  beziehen  sich 
nur  zwei  auf  die  Verstorbene,  bringen  aber  auch  nichts  Persönliches, 
sondern  nur  ihren  Namen  und  den  Wunsch,  daß  Arnulf  sie  schützen 
möge. 

Perpetualis  amor  capiendae  et  causa  salutis, 

Pectore  quem  vigili  huc  properare  facit, 
Nosse  cupis,  cur  busta  sacer  numerosa  retentet 

Hie  locus,  astrigeri  qua  patet  aula  poli? 
5     Iste  sacer,  domini  qui  post  servavit  ovile, 

Legitimi  fuerat  germinis  ante  pater. 
Cuius  posteritas  atavo  confisa  patrono 

Hoc  cupit  in  sancto  ponere  membra  loco. 
Pippini  hie  proles  Adheleid  pia  virgo  quiescit, 
10  Quam  simul  et  reliquas,  sancte,  tuere,  pater. 


EPITAPHIUM  ADELEIDIS  FILIE  CUIUS  SUPRA  5  /.  12.  Item  epitaphium 
alterius  filie  Adeleidis  nomine  que  eciam  in  isto  loco  tumulata  est  m\  Item  epi- 
taphium alterius  filiae  Adheleidis  Chesn. 

6  legitimi  aus  legittimi  corr.  5    ||    8  menbra  5    ll    9  adeleid  5. 


1 — 2  Diese  Verse  erinnern  formell 
an  die  Einleitung  zu  den  Versen  über 
die  Metzer  Bischöfe  (Poet.  I  60). 

5  iste  sacer  vgl.  XXIV  v.  10. 


7 — 8  atavo  confisa  patrono:  Ähn- 
licher Gedanke  XXIV  v.  12  hie  me  spe 
cuius  freti  posuere. 


XXVI. 

Auf  das  Grab  der  Königin  Hildegard. 

*Hier  ruht  Hildegard,  einst  Karls  glückliche  Gattin,  die  durch 
ihren  Liebreiz,  noch  mehr  aber  durch  die  Vorzüge  ihres  Herzens  die 
anderen  Frauen  übertraf  (1 — 14).  Ihr  größter  Ruhm  aber  ist  das 
Wohlgefallen  eines  solchen  Mannes,  wie  Karl  ist,  erregt  zu  haben. 
Sie  allein  war  würdig  Königin  eines  so  mächtigen  Reiches  zu  sein. 
Jetzt  beklagen  ihren  Tod  alle  Nationen  und  selbst  trotzige  Krieger 
können  der  Tränen  sich  nicht  enthalten.  Schmerz  verzehrt  das  Herz 
des  Gatten.  Nur  der  eine  Trost  ist  allen  geblieben,  daß  sie  im 
Himmel  ihren  Lohn  finden  wird  (15 — 35).' 

Hildegard  starb  im  zwölften  Jahre  ihrer  Ehe  am  30.  April  783 
(vgl.  Abel  I  105  und  671).  Aus  dieser  jedenfalls  bald  nach  ihrem 
Tode  entstandenen  Grabschrift  fühlt  man  heraus,  daß  Paulus  die  Ge- 
mahlin Karls  wirklich  schätzen  gelernt  hat. 

Vergleicht  man  dieses  Epitaph  mit  dem  für  die  Königin  Ansa  (IX), 
so  erkennt  man  deutlich,  wie  Paulus  in  beiden  Gedichten  den  gleichen 
Stoff,  nämlich  Ehrung  einer  Königin,  in  ganz  veränderter  Weise  be- 
handelt. 

Aurea  quae  fulvis  rutilant  elementa  figuris. 

Quam  Clara  extiterint  membra  sepulta,  docent. 

Hie  regina  iacet  regi  praecelsa  potenti 
Hildegard  Karolo  quae  bene  nupta  fuit. 


EPITAPHIUM  HILDEGARDIS  REGINE  S  f.  12. 

1  fultis  5    II    2  menbra  5    ||    3  precelsa  5  (e  öfter  statt  ae)    |    potenti  'po' 
auf  Rasur  5    ||    4  Karlo  aus  Karolo  corr.  S. 


1  In  goldenen  Buchstaben  stand  die   |  esse  bei  Paulus  häufig  (vgl.  Neff  de  Paulo 
Grabschrift  auf  dem  Stein;   exsistere  =   \  Diacono  Festi  epitomatore  p.  31). 
Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4.  8 


114 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


15 


Quae  tantum  clarae  transcendit  stirpis  alumnos, 

Quantum,  quo  genita  est,  Indica  gemma  solum. 
Huic  tarn  clara  fuit  florentis  gratia  formae, 

Qua  nee  in  occiduo  pulchrior  ulla  foret. 
Cuius  haut  tenerum  possint  aequare  decorem 

Sardonix  Pario,  lilia  mixta  rosis. 
Attamen  hanc  speciem  superabant  lumina  cordis 

Simplicitasque  animae  interiorque  decor. 
Tu  mitis,  sapiens,  solers,  iucunda  fuisti, 

Dapsilis  et  cunctis  condecorata  bonis. 
Sed  quid  plura  feram,  cum  non  sit  grandior  ulla 

Laus  tibi,  quam  tanto  complacuisse  viro? 
Cumque  vir  armipotens  sceptris  iunxisset  avitis 

Cigniferumque  Padum  Romuleumque  Tibrim, 


8  qua  non  occiduo  m  Chesn.  \\  9  haud  Chesn.  \  possunt  Chesn.  ]! 
10  Pario]  patrio  5  ||  11  spetiem  5  ||  13  iucunda  5,  iocunda  m  Chesn.  \\  18  Civi- 
ferumque  m,  Liniferumque  Chesn.  Bar.  Meur.    \    tybrum  5. 


5 — 8  clarae  transcendit  stirpis 
alumnos:  Einh.  Vita  Car.  cap.  \^  de  gente 
Suaborumpraecipuaenobilitatisfeminam 
in  matrimonium  accepit.  — Indica  gemma 
vgl.  XIII  8  (Anm.)  gemmas  Indicosque 
lapides;  Epit.  Lothars  Anh.  I  v.  12  rutilat 
vario  Indus  honore  lapis.  —  florentis 
gratia  formae  vgl.  Stat.  Silv.  IV  66 
puldirae  gratia  formae.  —  qua  nee 
in  occiduo  puldirior  ulla  foret  vgl.  X 
v.  4. 

10  Sardonix  Pario  mixta:  Parischer 
Marmor  im  Verein  mit  Edelsteinen  ver- 
mag nicht  den  Liebreiz  der  Königin 
wiederzugeben.  —  lilia  mixta  rosis:  Eine 
beHebte  Zusammenstellung  der  zartweisen 
Lilie  und  der  roten  Rose  zur  Bezeichnung 
weiblicher  Schönheit;  vgl.  Verg.  Aen. 
XII  68  mixta  rubent  ubi  lilia  multa  alba 
rosa;  Fortun  VI  1,  108,  IX  2,  122;  Pau- 
linus  Poet.  I  128  v.  60;  148  v.  14;  Alcvin 
Poet.  I  243  V.  10,  310  v.  3. 

11  Der  Gedanke,  daß  die  geistigen 
Vorzüge  der  Verstorbenen  ihre  körper- 


lichen noch  übertrafen,  kehrt  in  den 
gleichzeitigen  Epitaphien  häufig  wieder; 
vgl.  auch  Angilbert  Poet.  1 361  v.  54  Prae- 
pulchram  speciem  vitae  iam  vicit  ho- 
nestas. 

13  Diese  Häufung  der  Adjektiva 
durch  mehrere  Verse  hindurch  ist  in  den 
Epitaphien  oft  zu  finden. 

15 — 16  sed  quid  plura  feram?  be- 
liebter Abschluß  in  Epitaphien  vgl.  Poet. 
I  430  V.  27.  —  laus  tibi,  quam  tanto 
complacuisse  viro  vgl.  Ovid.  Trist.  II  139 
Nulla  quidem  .  .  .  gravior  poena  est 
quam  tanto  displicuisse  viro;  vgl.  Con- 
sol.  ad.  Liv.  41  (Li er  p.  462)  Quid  tibi 
nunc  mores  prosunt  et  puriter  actum 
omne  aevum  et  tanto  tam  placuisse 
viro. 

17 — 18  cignifer  Padus:  Padusa,  eine 
der  sieben  Mündungen  des  Po,  war  ein 
Lieblingsaufenthalt  der  Schwäne  vgl.  Verg. 
Aen.  XI 456 — 457.  —  Romuleusque  Tibris 
vgl.  IVi  V.  1  Anm. 


Auf  das  Grab  der  Königin  Hildegard. 


115 


Tu  sola  inventa  es,  fueris  quae  digna  tenere 
20  Multiplicis  regni  aurea  sceptra  manu. 

Alter  ab  undecimo  iam  te  susceperat  annus, 

Cum  vos  mellifluus  consociavit  amor. 
Alter  ab  undecimo  rursum  te  sustulit  annus, 

Heu  genitrix  regum,  heu  decus  atque  dolor! 
25     Te  Francus,  Suevus,  Germanus  teque  Britannus, 

Cumque  Getis  duris  plangit  Hibera  cohors. 
Accola  te  Ligeris,  te  deflet  et  Itala  tellus 

Ipsaque  morte  tua  anxia  Roma  gemit. 


21  fehlt  Chesn.  Meur.  \  te  nachträglich  hinzugesetzt  S  \\  22  fehlt  Chesn. 
Meur.  II  25  Suevus]  suauis  (?)  S  \  teque  S  m,  atque  Meur.  \\  26  gentis  5  |  duris 
fehlt  S. 


19 — 23  alter  ab  undecimo  iam  te 
susceperat  annus  vgl.  Verg.  Ecl.  VIII  39 
alter  ab  undecimo  tum  me  iam  acceperat 
annus;  Buecheler,  Carm.  lat.  epigr.  1560  B 
octavus  decimus  vix  te  susceperat  annus; 
Fort.  IV  26  V.  35—36 

Tertius    a    decimo    ut   hanc  primum 
*  acceperat  annus, 

Traditur  optato  consociata  viro ; 
Fort.  VI  1  a  V.  42  Quam  tibi  divinus  con- 
sociavit amor.  —  alter  ab  undecimo  be- 
deutet das  12.  Jahr,  nicht  wie  Servius  in 
seiner  Erklärung  der  angegebenen  Vergil- 
stelle  will,  das  13.  Demnach  war  Hilde- 
gard 12  Jahre  alt,  als  sie  sich  mit  Karl 
vermählte,  und  war  ebensolange  seine 
Gattin.  Da  sie  nun,  wie  feststeht,  am 
30.  April  783  starb,  so  erfolgte  die 
Vermählung  im  Jahre  771.  Abel  glaubt 
nun  im  Hinblick  auf  v.  17 — 20,  daß  Pau- 
lus von  der  irrigen  Ansicht  ausgeht,  Karl 
habe  Hildegard  erst  nach  der  Eroberung 
des  Langobardenreichs  (774)  geheiratet. 
In  diesem  Sinn  sind  aber  diese  Verse 
nicht  zu  deuten,  sondern  Paulus  will 
sagen:  „Als  Karl  nach  der  Eroberung  des 
Langobardenreichs  an  der  Spitze  eines 
so  großen  Reiches  stand,  da  erwies  sie 
sich  als  die  allein  seiner  würdige  Königin." 
Es  liegt  nicht  der  geringste  Grund  vor 
an  den  Angaben  des  Paulus  zu  zweifeln; 


denn  er  kannte  die  Familiengeschichte 
Karls  sehr  genau  und  bekam  von  ihm 
selbst  Aufschlüsse,  vgl.  Gest.  epp.  Mett. 
SS.  II  p.  264:  Haec  ego  non  a  qualibet 
mediocri persona  didici,  sed  ipso  totius 
verit  atis  assertore  praecelso  rege 
Karolo  referente  cognovi.  Wie  sollte 
er  dann  über  ein  Hauptereignis  im  Leben 
der  Königin  Hildegard  in  ihrer  unter  den 
Augen  Karls  entstandenen  Grabschrift 
unrichtige  Angaben  machen? 

24  heu  genitrix  regum:  Sie  hatte 
Karl  vier  Knaben  und  fünf  Mädchen  ge- 
boren; Pippin  und  Ludwig  erhielten  schon 
781  den  Königstitel;  vgl  auch  Epit.  Lo- 
thars (Anh.  I  V.  17).  —  heu  decus  atque 
dolor  vgl.  XXXV  v.  4. 

25 — 28  Es  liegt  die  auch  sonst  bei 
den  karolingischen  Epitaphien  übliche 
Anordnung  der  Gedanken  vor:  Nach  An- 
gabe des  Namens  und  der  Herkunft  und 
Schilderung  der  körperlichen  und  geisti- 
gen Vorzüge  erwähnt  der  Dichter,  wel- 
chen Eindruck  ihr  Tod  auf  die  Ferne- 
und  Nahestehenden  ausübte.  —  te  Fran- 
cus, Suevus  vgl.  auch  XXXV  v.  35 — 38. 
—  accola  Ligeris  vgl.  Verg.  Aen.  VII  729 
accola  Volturni.  —  te  deflet  et  Itala 
tellus  (Ov.  Fast.  IV  64)  vgl.  Poet.  1 1 10  v.  13 
hunc  deflet  Italus. 


115  K^rl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Movisti  ad  fletus  et  fortia  corda  virorum 
30  Et  lacrimae  clipeos  inter  et  arma  cadunt. 

Heu,  quantis  sapiens  et  firmum  robore  semper 

Ussisti  flammis  pectus  herile  viri. 
Solatur  cunctos  spes  haec  sed  certa  dolentes, 
Pro  dignis  factis  quod  sacra  regna  tenes. 
35     lesum  nunc  precibus,  Arnulfe,  exores  eorum 
Participem  fieri  hanc,  pater  alme,  tuis. 


30  En  Chesn.  \\  31  quantum  Meur.  \\  33  Celatur  S  |  creta  5  11  34  Pro] 
zwischen  P  und  ro  eine  Rasur,  es  stand  hier  Ihm  von  der  nädisten  Zeile  S  \ 
quod]  quo  S  ||  35  fehlt  m  Chesn.  Meur.,  nur  Jesum  hat  S,  ergänzt  von  Pertz  || 
36  fehlt  Meur. 


31  firmum  robore  vgl.  Poet.  I  61 
V.  29  firmum  robore  pectus.  —  ussisti 
flammis  pectus  vgl.  Poet.  1 112  v.  8  cuius 


flamma  meum  pectus  ubique  cremat. 

33 — 34  Diese  Verse  finden  sich  fast 
wörtlich  in  XXXV  v.  49—50. 


XXVII. 
Auf  das  Grab  der  Adelheid. 

Diese  Tochter  Karls  und  seiner  Gemahlin  Hildegard  wurde  im 
Lager  vor  Pavia  774  geboren  (Abel  I  149  u.  193),  dann  noch  vor 
der  Einnahme  der  Stadt  ins  Frankenreich  vorausgeschickt  und  starb 
fern  von  ihren  Eltern  auf  der  Reise  nach  der  Rhone. 

Gewiß  keine  leichte  und  angenehme  Aufgabe  für  ein  neugeborenes 
Kind  eine  Grabschrift  zu  verfassen,  und  Paulus  hilft  sich  damit,  daß 
er  mit  ein  paar  Worten  die  Schicksale  des  Kindes  erzählt. 

Dabei  aber  benützt  er  die  Gelegenheit  Karls  Macht  und  Tugenden 
zu  preisen  und  spricht  sogar  von  der  Eroberung  des  langobardischen 
Reiches,  gerade  als  ob  er  damit  zu  verstehen  geben  wollte,  daß  jetzt 
jeglicher  Groll  aus  seinem  Herzen  geschwunden  sei  und  er  ruhig  über 
jene  politischen  Verhältnisse  sprechen  könne,  die  einst  trennend  zwischen 
Karl  und  ihm  getreten  waren.  Da  nun  dieses  Epitaph  jedenfalls  noch 
im  Jahre  783  entstand  (vgl.  Vorbem.  zu  XXIV),  so  nehme  ich  an,  daß 
die  Annäherung  des  Paulus  an  Karl,  die  wir  schon  aus  Gedicht  XXII 
herausgelesen  haben,  in  diesem  Jahre  zur  Tatsache  geworden  war, 
nachdem  er  vorher  die  Befreiung  seines  Bruders  endlich  erlangt  hatte. 

Hoc  tumulata  iacet  pusilla  puellula  busto, 
Adeleid  amne  sacro  quae  vocitata  fuit. 

Huic  sator  est  Karolus,  gemino  diademate  pollens, 
Nobilis  ingenio,  fortis  ad  arma  satis. 


EPITAPHIUM  ADELEIDIS  FILIE  KAROLI  REGIS  QUE  IN  ITALIA  NATA 
EST  QUANDO  SIBI  EAM  IPSE  SUBEGIT  S/.  13;  Epitaphium  filiae  Karoli  Magni 
Adheleidis  quae  nata  de  thalamo  eius  quando  isdem  Italiam  subegit  Chesn. 

1  busto  aus  busta  corr.  5  ||  3  Karlus  aus  Karolus  corr.  S  \  pollens  aus 
polles  corr.  S. 

1—4  pusilla  puellula  busto:  Beachte  1  pollens  vgl.  die  Verse  über  die  Metzer  Bi- 
die   Alliteration.  —  gemino   diademate  \  schöfe  Poet.  I  60  v.  20  caelesti  dogmate 


118 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


5    Sumpserat  haec  ortum  prope  moenia  celsa  Papiae, 
Cum  caperet  genitor  Itala  regna  potens. 
Sed  Rhodanum  properans  rapta  est  de  limine  vitae 

Ictaque  sunt  matris  corda  dolore  procul. 
Excessit  patrios  non  conspectura  triumphos, 
10  Nunc  patris  aeterni  regna  beata  tenet. 


5  menia  5    ||    6  petens  S    \\    7  rodanum  S    |    limine  5. 


pollens;  Karl  ist  Herrscher  über  das 
Frankenreich  und  Italien.  —  nobilis  in- 
genio  erinnert  an  das  zum  Vorbild  die- 
nende Epitaph  des  Constans  (Poet.  I  79 
V.  8) :  primus  in  ingenio,  primus  in  arma 
fuit;  Poet.  II  661  v.  22  fortis  ad  arma 
simul. 

5  prope  moenia  Papiae:  Karl  ließ 
seine  Frau  und  Kinder  ins  Lager  kommen, 
als  er  Pavia  vom  Ende  September  773 
bis  Mitte  Juni  774  belagerte;  vgl.  Vita 
Hadriani  S.  496:  Dil  igensque  continuo 


Franciam  ibidem  apud  se  Papiam  ad- 
duci  fecit  suam  coniugem  excellen- 
tissimam  Hildegardis  reginam  et  nobi- 
lissimos  filios  (Abel  I  148). 

8 — 10  ictaque  sunt  matris  corda 
vgl.  XXVIII  V.  6  regia  corda  patris.  — 
patrios  non  conspectura  triumphos:  Sie 
sollte  nicht  mehr  den  Fall  Pavias  erleben; 
patrios  triumphos,  patris  aeterni:  Ähn- 
liche Wortspiele  finden  sich  bei  Paulus 
häufig. 


XXVIII. 
Auf  das  Grab  der  kleinen  Hildegard. 

'Wie  der  Nord  die  Blüten  des  Frühlings  wegreißt,  so  plötzlich 
raffte  der  Tod  Dich  hinweg  (1 — 4).  Nicht  klein  ist  die  Trauer,  die 
Du,  Kleine,  besonders  im  Herzen  Deines  Vaters  zurückließt.  Wir  weinen 
und  Du  eilst  zur  ewigen  Seligkeit  (5 — 10).' 

Wiederum  eine  Grabschrift  für  ein  kleines  Kind,  für  die  Tochter 
Hildegards,  die  am  9.  Mai  783  starb.  Paulus  zeigt  aber  hier,  wie  er 
auch  einem  so  undankbaren  Stoff  einen  poetischen  Reiz  zu  verleihen 
vermag. 


Hildegard,  rapuit  subito  te  funus  acerbum, 
Ceu  raptat  Boreas  vere  ligustra  novo. 

Explevit  necdum  vitae  tibi  circulus  annum 
Annua  nee  venit  lux  geminata  tibi. 


EPITAPHIUM    HILDEGARDIS    FILIE   CUJUS    SUPRA  5 /.  13;  Item   epita- 
phium  Hildegardis  filiae  eiusdem  Karoli  Chesn. 

1  rapuit  aus  rapuid  corr.  S    \\    A  genuina  S. 


1 — 4  rapuit  te  funus  acerbum  =  im- 
maturum  (acogog  ^dvarog  in  griech.  Epit.): 
„Ein  zu  früher  Tod  raffte  Dich  weg;"  vgl. 
Verg.  Aen.  VI  429,  XI 28 ;  Poet.  1 65  v.  4  mors 
acerba;  112  v.  27  post  nati  funus  acer- 
bum: Buecheler,  Carm.  epigr.  93  verum 
me  mors  acerba  senibus  his  prius  aetate 


mmaturia  abstulit  fato  invido.  —  ceu 
raptat  boreas:  Ähnlicher  Vergleich  X  v.l8. 
Wie  der  Nord  die  Blüten  des  Frühlings 
wegrafft,  so  der  Tod  die  eben  erst  ins 
Leben  getretene,  kaum  40  Tage  alte  (v.  8) 
Hildegard. 


120 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


5    Parvula,  non  parvum  linquis,  virguncula,  luctum 
Confodiens  iaculo  regia  corda  patris. 
Matris  Habens  nomen  renovas  de  matre  dolorem, 

Postquam  vixisti  vix  quadraginta  dies. 
Pectore  nos  maesto  lacrimarum  fundimus  amnes, 
10  Tu  nimium  felix  gaudia  longa  petis. 


7  renovans  »S    |    morte  m  Chesn.    \\   9  nadi  pectore  eine  durch  Rasur  ent- 
standene Lüdie  S    I    mesto  S    \    10  longa  aus  loga  corr,  S. 


5  parvula,  non  parvum  linquis  luc- 
tum: Ein  Wortspiel,  ähnlich  dem  in 
V.  7.  Hier  gebraucht  Paulus  den  auch 
schon  in  älteren  Epitaphien  sich  häufig 
findenden  Gedanken,  daß  der  Verstor- 
bene den  Hinterbliebenen  nur  Schmerz 
und  Klagen  zurückläßt:  Buecheler  55, 16 
reliqui  fletum  natu  genitori  meo;  563, 3 
matrique  dolore (m)  reliquit;  1292  tu 
secura  iaces,  nohis  reliquisti  querelas; 
vgl.  auch  Bonif.  Poet.  I  20  v.  13  occidit 


et  nobis  fletus  gemitusque  reliquit. 

6 — 10  confodiens  iaculo:  Ähnlicher 
Vergleich  XXXV  v.  41,  regia  corda  patris 
vgl.  XXVII  V.  8;  Poet.  1 72  v.  16  vulnifico 
fodiit  corda  mucrone  patris.  Dies  Bild 
geht  jedenfalls  auf  Lucas  II,  35  zurück: 
et  tuam  ipsius  (—  Mariae)  animam 
pertransibit  gladius.  —  lacrimarum  fun- 
dimus amnes  vgl.  Fortun.  VI  5, 123;  VIII 
3,  255  u.  a.  —  tu  nimium  felix  XIX  v.  3 ; 
Fort.  VIII  3,  299. 


XXIX. 

Auf  das  Grab  des  Dichters  Fortunat. 

'Hier  ruht  der  geistreiche  und  liebliche  Sänger  Fortunat,  aus 
dessen  Munde  wir  die  Taten  der  Heiligen  kennen  lernen  (1 — 6). 
Heil  Dir,  Gallien,  daß  Du  solche  Männer  besitzt.  Ich  habe  diese 
kunstlosen  Verse  nur  um  Deinen  Ruhm  zu  verkünden  gedichtet. 
Bitte  für  mich  (7—12)!' 


Dieses  Epitaph  für  den  bedeutendsten  Dichter  des  6.  Jahrhunderts 
(M.  G.  Auct.  ant.  IV,  1  ed.  Leo)  ist  uns  in  der  Pariser  Handschrift  lat. 
2832  saec.  IX  med.  (=  F),  die  ich  noch  einmal  verglichen  habe,  in- 
mitten einer  Sammlung  von  Epitaphien  (Neues  Archiv  IV  297 — 299) 
überhefert  und  dann  auch  in  den  Abschriften  der  Hist.  Lang.,  in 
welches  Werk  es  Paulus  später  aufnahm.  Hier  (II  13)  gibt  er  eine 
kleine  Biographie  dieses  Dichters  und  schließt  sie  mit  den  Worten: 
Ad  cüius  ego  tamulam,  cum  Ulm  orationis  gratia  adventassem,  hoc 
epltaphiam  rogatus  ab  Apro,  eiusdem  loci  abbaie,  scribendum 
contexai. 

Aper,  der  um  das  Jahr  780  Abt  des  Hilariusklosters  in  Poitiers 
war,  veranlaßte  demnach  Paulus,  als  er  während  seines  Aufenthalts 
im  Frankenreich  einmal  in  diese  Gegend  kam  und  das  Grab  Fortunats 
besuchte,  diese  Grabschrift  zu  verfassen.  Die  Werke  dieses  Dichters 
waren  Paulus  bekannt,  auch  Theodulf  nennt  ihn  unter  den  von  ihm 
gelesenen  (Poet.  I  543  v.  14)  und  Alkvin  verfaßte  auf  ihn  auch  eine 
kleine  Grabschrift  (I  326  XVII). 

Über  die  Entstehungszeit  des  Epitaphs  läßt  sich  nur  sagen,  daß 
es  jedenfalls  in  den  Jahren  782 — 786  vor  den  Metzer  Grab- 
schriften abgefaßt  wurde,  da  er  in  der  Darstellung  noch  seine  eigenen 
Bahnen  geht. 


122 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


Ingenio  clarus,  sensu  celer,  ore  suavis, 

Cuius  dulce  melos  pagina  multa  canit, 
Fortunatus,  apex  vatum,  venerabilis  actu, 

Ausonia  genitus  hac  tumulatur  humo. 
Cuius  ab  ore  sacro  sanctorum  gesta  priorum 

Discimus.    Haec  monstrant  carpere  lucis  iter. 
Felix,  quae  tantis  decoraris,  Gallia,  gemmis, 

Lumine  de  quarum  nox  tibi  tetra  fugit. 
Hos  modicus  prompsi  plebeio  carmine  versus, 

Ne  tuus  in  populis,  sancte,  lateret  honor. 
Redde  vicem  misero.    Ne  iudice  spernar  ab  aequo, 

Eximiis  meritis  posce,  beate,  precor. 


Lang.  =  t. 


EPITAPHIUM  FORTUN  ATI  EPISCOPI  F/.  118;  die  Handschriften  der  HisL 

9  modicus  F  t,  modicos 


1   oreque  t    \\    4  tumulatus  ^    H    5  piorum  t 
Waitz    II    12  eximiis  aus  eximis  corr.  F,  eximius  t. 


1  ingenio  clarus,  sensu  celer:  „von 
klarem  Geist  und  rasch  im  Denken."  — 
ore  suavis  (dreisilbig)  vgl.  Hist.  Lang.  II 13 
versiculos  suavi  et  diserto  sermone  com- 
posuit.  Alcvin  schreibt  in  seinem  Epi- 
taph für  Fortunat  I  326, 5 

Qui   sermone  fuit   nitidus   sensuque 

fidelis, 
Ingenio  calidus,promptus  et  ore  suo. 

3 — 5  apex  vatum  vgl.  Hist.  Lang. 
II  13  nulli  poetarum  secundus.  —  ^4«- 
sonia  genitus:  Er  stammt  aus  Oberitalien. 
—  sanctorum  gesta:  Hist.  Lang.  II  13 
sanctorum  gesta  partim  prosa  partim 
metrali  ratione  conscripsit ;  Alcvin  326 
v.  3  plurima  qui  fecit  sanctorum  car- 
mina  metro;  gemeint  ist  besonders  vita 
S.  Martini;  Poet.  I  96  v.  10  sanctorum 
renovans  patrum  conscripta  priorum; 
vgl.  auch  Poet.  I  19  v.  1  (Epit.  Dom- 
berchti). 


7 — 9  tantis  decoraris  gemmis:  Pau- 
lus liebt  diesen  Vergleich,  vgl.  VI  v.  56; 
X  V.  2.  —  modicus:  Paulus  nennt  sich 
im  Vergleich  zu  dem  berühmten  Dichter 
„unbedeutend".  Es  ist  kein  Grund  diese 
überlieferte  Lesart  zu  ändern.  —  plebeio 
carmine  versus  Eugen.  Toi.  p.  268, 3. 

10 — 12  ne  tuus  in  populis  lateret 
honor:  Den  gleichen  Grund,  warum  er 
die  Grabschrift  verfaßte,  gibt  er  in  seiner 
Hist.  Lang.  II  13  an  ne  eius  vitam 
sui  cives  funditus  ignorarent.  —  redde 
vicem  misero  (Ovid.  Am.  I  6,  23  redde 
vicem  meritis):  Fortunat  möge  für  ihn 
Fürbitte  einlegen,  als  Gegenleistung  für 
diese  Grabschrift.  Dies  ist  eine  in  den 
Epitaphien  der  karolingischen  Zeit  be- 
liebte Wendung,  vgl.  Epitaph  AlcvinsPoet. 

I  350  V.  17;   Bernow.  Poet.  I  420  v.  23; 

II  656  V.  13. 


XXX. 

Paulus  an  Karl. 

*Ich  möchte  gerne  zu  Deiner  Bibliothek  einen  Beitrag  liefern 
und  habe  mir  notgedrungen  Fremdes  entlehnt,  da  ich  Eigenes  nicht 
bieten  kann.  In  dem  Auszug,  den  ich  Dir  aus  den  20  Büchern  des 
Sextus  Pompeius  machte,  wirst  Du  vieles  finden,  was  Dich  inter- 
essiert: Grammatisches,  Etymologisches,  Angaben  über  die  Stadt  Rom 
und  über  heidnische  Gebräuche,  auch  die  Erwähnung  von  Ausdrücken, 
die  bei  Dichtern  und  Geschichtschreibern  beliebt  sind.  Die  gnädige 
Aufnahme  dieses  kleinen  Geschenkes  wird  mir  zu  größeren  Arbeiten 
Mut  machen.' 

Dieses  Karl  gewidmete  Werk  des  Paulus,  dessen  Autorschaft 
ich  nachgewiesen  habe  {De  Paulo  Diacono  Festt  epitomatore  Erlangen 
1891),  entstand  erst  in  der  Zeit,  wo  er  in  Karl  nicht  mehr  den  Unter- 
drücker seines  Volkes,  sondern  den  von  Gott  mit  einer  besonderen 
Mission  betrauten  König  sah,  und  zwar  erst  nach  seiner  Rückkehr 
ins  Kloster  Montecassino,  nach  dem  Jahre  786.  Das  unruhige  Leben 
am  Hofe  Karls,  dieses  Wandern  von  einem  Hoflager  zum  andern  und 
dabei  die  Erledigung  vieler  ihm  übertragener  anderer  Aufgaben  lassen 
es  als  unmöglich  erscheinen,  daß  Paulus  noch  zwischen  782 — 786 
diese  umfangreiche  Arbeit  erledigte.  In  Montecassino  dagegen  fand 
er  eher  Muße  dazu. 

Wenn  ich  zeigte  (a.  a.  O.  p.  36),  daß  in  dem  Kommentar  zur 
Regula  S.  Benedikti  sich  Stellen  mit  den  Exzerpten  des  Festus  be- 
rühren, so  beweist  dies  nicht  etwa,  daß  der  Kommentar  nicht  der  lango- 
bardischen  Zeit  angehört,  sondern  nur,  daß  sich  Paulus  schon  damals 
mit  Studien  über  Festus  beschäftigte,  die  er  erst  später  in  Monte- 
cassino, angeregt  durch  die  dort  befindlichen  Handschriften,  zum 
Abschluß  brachte  (vgl.  auch  Traube,  Textgesch.  zur  Regula  S.  Bene- 
dicti  110). 


124 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Von  den  drei  Handschriften,  in  denen  das  Widmungsschreiben 
überHefert  ist,  habe  ich  die  Münchner  noch  einmal  vergHchen,  sonst 
schloß  ich  mich   der  Ausgabe  Dümmlers  an  (M.  G.  Epp.  IV  p.  508). 


DIVINAE  LARGITATIS  MUNERE,  SAPIENTIA  POTENTIA- 

QUE  PRAEFULGIDO  DOMINO  REGI  CAROLO  REGUM 

SUBLIMISSIMO  PAULUS  ULTIMUS  SERVULUS. 

Cupiens   aliquid  vestris    bibliothecis    addere,   quia   ex    proprio 

5  perparum  valeo,  necessario  ex  alieno  mutuavi.    Sextus  denique  Pom- 

peius  Romanis  studiis  affatim  eruditus,  tam  sermonum  abditorum  quam 

etiam  quarundam  causarum  origines  aperiens  opus  suum  ad  viginti 

usque  prolixa  volumina  extendit. 

Ex  qua  ego  prolixitate  superflua   quaeque  et  minus   necessaria 

10  praetergrediens  et  quaedam  abstrusa  penitus  stilo  proprio  enucleans, 

nonnulla  ita,  ut  erant  posita,  relinquens,  hoc  vestrae  celsitudini  legendum 

conpendium  obtuli.    In  cuius  serie,  si  tamen  lectum  ire  non  dedigna- 

bimini,  quaedam  secundum  artem,  quaedam  iuxta  ethimologiam  posita 


München  14734  saec.  X  =  /,  Wolfenbüttel  10.  3  qu.  August,  s.  X  f.  4  =  /, 
Wien  142  saec.  X  f.  \  =  n. 

2  domino  regi  fehlt  i,  domno  n  \  Caralo  i  \\  4  bibliotecis  /z  ||  5  Sextus] 
am  Rand  verbessert  von  anderer  Hand  Festus  /,  Festus  n    \\    10  enuclens  n. 


1 — 3  diviniae  largitatis  munere: 
Vgl.  Vorbem.  und  Hist.  Lang.  VI  7  inter 
reliqua  suae  largitatis  munera.  —  re- 
gum  sublimissimo :  In  ähnlicher  Weise 
sprach  er  von  seinem  König  auch  in  dem 
Dedikationsgedicht  zur  Homiliensamm- 
lung,  das  auch  in  Montecassino  entstand 
(vgl.  XXXII V.  2.U.3).  —  ultimus  servulus: 
in  einer  Homilie  (Migne  XCV  p.  1577) 
extremus  b.  Benedicti  servulus:  vgl.  Eug. 
Toi.  p.  27. 

4 — 5  vestris  bibliothecis:  Wir  sehen, 
daß  Karl  bemüht  war  Bibliotheken  anzu- 
legen und  daß  er  die  Gelehrten  aufforderte 
Beiträge  zu  liefern  und  ihre  eigenen  Werke 
ihm  zu  übergeben.  Dadurch  machte  er  sich 
um  die  Erhaltung  klassischer  Werke  ver- 


dient und  regte  auch  die  Gelehrten  seiner 
Zeit  zu  schriftstellerischer  Tätigkeit  an; 
vgl.  Einh.  Vita  Car.  cap.  33  de  libris, 
quorum  magnam  in  bibliotheca  sua 
copiam  congregavit:  vgl.  auch  Traube, 
Textgesch.  S.  75  und  127.  —  Sextus 
denique:  Paulus  verwendet  denique  statt 
enim,  aber  erst  in  der  Hist.  Lang.,  was 
mich  noch  in  der  Anschauung  bestärkt, 
daß  die  Entstehung  des  Festusexzerptes 
in  die  letzte  Zeit  seines  Aufenthalts  in 
Montecassino  zu  verlegen  ist. 

11 — 14  legendum  conpendium  ob- 
tuli vgl.  Brief  an  Adelperga  III  9  Adel- 
perga  legendam  historiam  optuli.  — 
secundum  artem:  Da  Paulus  weiterfährt 
iuxta  ethimologiam  posita,  so  ist  jeden- 


Paulus  an  Karl. 


125 


15 


non  inconvenienter  invenietis,  et  praecipue  civitatis  vestrae  Romuleae, 
portarum,  viarum,  montium,  locorum  tribuumque  vocabula  diserta 
reperietis,  ritus  praeterea  gentilium  et  consuetudines  varias,  dictiones 
quoque  poetis  et  historiographis  familiäres,  quas  in  suis  opusculis 
frequentius  posuere. 

Quod  exiguitatis  meae  munusculum  si   sagax  et  subtilissimum 
vestrum  ingenium  non  usquequaque  reppulerit,  tenuitatem  meam  vita  20 
comite  ad  potiora  excitabit. 


14  Romule^  n  \\  15  moncium  n  \\  16  repperietis  /  ||  17  pO(^tis  n,  poematis  /  !| 
18  frequencius  n  \\  19  sagax]  ga  auf  Rasur  i  \  subtilismum  /  ||  20  usquequaque] 
usque  quare  /  ]  repulerit  n  \\  2\  pociora  n.  In  nomine  domini  incipiunt  excerpta 
ex  libris  Pompei  Festi  de  significatione  verborum  folgt  in  l  n. 


falls  ars  grammatica  gemeint.  —  civi- 
tatis vestrae  Romuleae  vgl.  Gedicht  des 
Paulus  IVi  V.  1  Anm. 

17 — 20  historiographi  verwendete 
Paulus  auch  in  seiner  Hist.  Lang.  I  cap.  15, 
II  cap.  23.  —  exiguitas:  Ist  wie  exiguus 
in  der  Einleitung  zum  Brief  an  Adelperga 
Höflichkeitsformel  =  meine  Wenigkeit. 
—  tenuitatem  meam  ist  im  gleichen 
Sinn  wie  in  Hist.  Lang.  III  24  zu  fassen: 
iuxta  tenuitatis  nostrae  vires  universa 
descripsimus :  Gest.  epp.  Mett.  SS.  II  262 
meae  tenuitatis  non  immemor.  —  vita 
comite  auch  sonst  von  ihm  gerne  ge- 
braucht, vgl.  Schluß  der  Briefe  an  Adel- 


perga und  Theudemar;  betreffs  der  son- 
stigen stilistischen  Eigentümlichkeiten 
unseres  Briefes  vgl.  p.  37  ff.  in  meiner 
in  den  Vorbem.  angeführten  Arbeit.  Die 
Unechtheit  der  Verse 
Malta  legit  paucis,   qui  librum  prae- 

dicat  istum; 
Hoc  servus  fecit,  Karolo  rege,  tuus. 
Sic  una  ex  multis  nunc  fiat  ecclesia 

templis; 
Det  David  vires  scilicet  ipse  deus. 
hat  Traube  (Neues  Archiv  XV  199)  nach- 
gewiesen und  die  genaue  Untersuchung 
der  Schreibweise  des  Paulus  ergab  nur 
eine  Bestätigung  seiner  Behauptung. 


XXXI. 

Brief  an  Adalhard. 

'Leider  war  es  mir  nicht  möglich  Dich  im  vergangenen  Sommer 
zu  sehen,  wo  ich  mich  in  jenen  Gegenden  aufhielt.  Die  gewünschten 
Briefe  konnte  ich  Dir  deshalb  nicht  früher  schicken,  weil  ich  keine 
Abschreiber  hatte  und  auch  vom  September  bis  Weihnachten  krank 
darniederlag  (1 — 11). 

Aber  auch  jetzt  kann  ich  Dir  nur  34  überschicken,  die  ich  durch- 
korrigierte. Die  lückenhaften  Stellen  wagte  ich  nicht  zu  ergänzen, 
sondern  machte  am  Rande  ein  Zeta  (12 — 17).  Verbessere  Du  gelegent- 
lich die  übrigen  Briefe  nach  einer  Handschrift  mit  reinerem  Text  und 
ergänze  auch  die  Lücken.  Zugleich  rate  ich  Dir  einzelne  Stellen 
nicht  allen  zugänglich  zu  machen  (18 — 22).' 


Die  Schlußverse  enthalten  die  Versicherung  seiner  treuen  Liebe 
und  die  Bitte,  Adalhard  möge  seiner  eingedenk  sein. 

Da  die  Handschrift  (Petersburg  cod.  S.  Germani  169,  858  saec. 
VIII),  in  der  dieser  Brief  überliefert  ist,  sich  ursprünglich  in  der  Abtei 
Corbie  an  der  Somme  in  der  Picardie  sich  befand,  so  weist  schon 
die  Überlieferung  auf  Adalhard,  den  Vetter  Karls,  der  ca.  780 — 826 
dort  Abt  war  (vgl.  Abel  I  361). 

Ob  aber  Paulus  mit  unserem  Paulus  identisch  ist,  darüber  ist 
bis  jetzt  keine  endgültige  Entscheidung  getroffen  worden.  Mabillon, 
Goussainville  und  die  Mauriner  zweifeln  nicht  daran,  Bethmann  meint 
(Archiv  X  297)  ohne  Beweise  anzugeben:  „alles  paßt  recht  gut  auf 
ihn",  Dahn  (S.  37)  hält  die  von  Mabillon  angeführten  Gründe  nicht 
für  überzeugend,  wenn  auch   nach   seiner   Anschauung  hohe  Wahr- 


Brief  an  Adalhard.  127 

scheinlichkeit  dafür  besteht.  Paul  Ewald,  der  in  seinen  „Studien  zur 
Ausgabe  des  Registers  Gregors  I"  (Neues  Archiv  III  440,  474)  diese 
Frage  eingehend  untersucht,  kommt  zu  der  Anschauung,  daß  die 
Gründe  für  und  wider  nicht  zwingend  sind. 

Um  nun  eine  Grundlage  für  die  Entscheidung  dieser  Frage  zu 
schaffen  möchte  ich  hier  einen  Oberblick  über  die  philologisch- 
grammatische Tätigkeit  des  Paulus  Diaconus  geben,  da  auch  der 
Inhalt  des  Briefes  auf  diese  hinweist. 

Nach  den  Untersuchungen  Traubes  (Textgeschichte  S.  41)  ist 
der  Kommentar  zur  Regula  S.  Benedicti  noch  in  der  langobardischen 
Zeit  entstanden  und  also  die  erste  derartige  uns  bekannte  Arbeit.  Dann 
ist  Paulus  der  Verfasser  des  grammatischen  Rhythmus  (XV),  der  mög- 
licherweise die  Grundlage  bildete  bei  seiner  Lehrtätigkeit  in  der 
lateinischen  Grammatik  am  Hofe  Karls  (vgl.  XII  7). 

In  dem  Katalog  der  Bibliothek  des  Benediktinerklosters  Lorsch, 
einer  wichtigen  Bildungsstätte  der  karolingischen  Zeit  (vgl.  Rhein. 
Mus.  N.  F.  XXIII  1868  S.  385  ff.),  steht  f.  30  \-  Item  minores  et  mai- 
ores  partes  donati  et  priscianl  minores  partes  et  asperi  grammatici 
in  ano  cod.  Ars  grammatici  sancti  augustini  adbreviata.  Item 
eiüsdem.  Item  pauli  diaconi  ad  Karolum  regem  item  sancti 
isidori  episcopi.  Das  zitierte  Werk  ist  das  nämliche,  das  im  Palatinus 
1746  saec.  IX,  der  aus  Lorsch  stammt,  angeführt  ist.  Hier  steht  f.  27 
Incipit  ars  donati  quam  pauLus  diac,  exposuit  und  voraus- 
gehen, wie  im  Lorscher  Katalog,  grammatische  Werke  Augustini  epis- 
copi und  nachher  heißt  es  f.  40^  Incipit  sancti  isidori  episcopi  de 
grammatica  et  partibas  eins.  Der  Beisatz  ad  Karolum  regem  in 
dem  Lorscher  Katalog  weist  nur  auf  unseren  Paulus  hin,  da  nur  er 
für  Karl  in  dieser  Hinsicht  tätig  war. 

In  dem  gleichen  Katalog  heißt  es  f.  32^:  Liber  grandis  glosarum 
ex  dictis  diuersorum  coadunatus  in  uno  cod.  Item  lib.  glosarum 
et  cronica  isidori  et  sententia  senice  in  uno  cod.  Glose  pauli 
diac.  Item  glose  in  quaternionibus.  Jedenfalls  ist  damit  sein 
Festusexzerpt  gemeint.  Wichtig  ist  auch  eine  Notiz  im  ältesten 
Katalog  von  Montecassino,  den  Traube  aus  dem  Cavensis  f.  69  zum 
erstenmal  herausgab  und  der  ihm  wie  ein  Verzeichnis  der  aus  dem 
Nachlaß  des  Paulus  zugeflossenen  Bücher  erscheint  (Textgeschichte 
zur  Reg.  S.  Ben.  S.  113):  brebe  (^^^  Gaetani,  Ib  Reifferscheid)  facimus 
de  ipsi  codici:  inprimis  regum  I,  salomon,  storiale,  prophetarum, 
homelie  bede,  homelie  de  dibersis  doctores  (das  Werk  des  Paulus), 
colectariu   (colectaru  Gaetani,   colecta  III  Reifferscheid)   de  dibersis 


128  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

doctores,  scintillu  (das  Werk  des  Defensor),  danihel,  eptaticu,  codice 
betere  (d.  h.  veterem)  I,  collectariu  (collectaru  Gaetani^  minores  I, 
cronica  I,  psalteria  I,  etthiomoligiaru  (etthimollglaru  Gaetani,  etthio- 
moligiarum  Reifferscheid^  /,  istoria  (storia  Reifferscheid^  longo- 
bardoru  I,  lectionara  I.  insimul  totidem  sunt  cotdici  XVII. 

Wenn  man  ferner  bedenkt,  daß  Karl  ihm  auch  die  Herstellung 
der  Homiliensammlung  (vgl.  Gedicht  XXXII)  übertrug,  eine  Tätigkeit, 
die  sich  mit  der  in  dem  Brief  an  Adalhard  besprochenen  ganz  nahe 
berührt,  und  daß  es  in  den  Jahren  782 — 786,  wo  Paulus  am  Hofe 
Karls  weilte,  und  auch  mehrere  Jahre  nachher,  keinen  anderen  Paulus 
gab,  der  für  Karl  derartige  Arbeiten  erledigte,  dann  kann  niemand 
als  unser  Paulus  jener  Paulas  grammaticus  gewesen  sein,  der  zwischen 
784  und  791  im  Auftrage  Karls  den  Papst  Hadrian  I.  um  Zusendung 
des  über  sacramentorum  Gregors  I.  bat  (Jaffe,  Bibliotheca  Rerum 
Germanicarum  IV  27  ff.  Epp.  III  626). 

Ein  weiterer  Beweis  für  die  Identität  liegt  auch  darin,  daß  unser 
Paulus  eine  Biographie  Gregors  geschrieben  hat  (Hist.  Lang.  III  24 
de  beato  Qregorio  plura  dicere  obmittimus,  quia  iam  ante  aliquot 
annos  eius  vitam  Deo  auxiliante  texuimus)  und  daß  er  in  seiner 
Hist.  Lang.,  wie  Ewald  a.  a.  O.  nachwies,  eine  Kenntnis  der  Briefe 
Gregors  verrät. 

Zu  allen  diesen  Beweispunkten  kommt  noch  hinzu,  daß  zwischen 
unserem  Paulus  und  Adalhard  Beziehungen  bestanden.  Nach  Angabe 
des  Biographen  Adalhards,  des  Paschasius  Radbertus  (Vita  Adalh. 
cap.  12  SS.  II  525  und  Hauck,  Kirchengesch.  Deutschi.  S.  172),  hielt 
sich  dieser  vor  780  als  Mönch  in  Montecassino  auf,  also  in  jener 
Zeit,  wo  Paulus  Diaconus  dort  als  Verbannter  lebte.  Sicherlich 
sind  sie  dort  einander  näher  getreten.  Daher  der  freundschaftliche 
Ton,  in  dem  der  Brief  gehalten  ist  und  den  er  dem  einstigen  Frater 
gegenüber  anschlagen  konnte  (vgl.  carissimo  fratrl ;  dtlecte  mi;  frater 
amabilis). 

Damit  wäre  eigentlich  die  Frage  schon  entschieden,  die  Er- 
klärung des  Briefes  selbst  aber  bringt  in  stilistischer  und  inhaltlicher 
Beziehung  noch  manchen  Punkt  zur  Bestätigung  und  beweist  auch, 
daß  seine  Abfassung  in  die  Zeit  seines  Aufenthalts  am  Hofe  Karls 
(782  bis  786)  fällt. 


Brief  an  Adalhard. 


129 


CARISSIMO  FRATRI  ET  DOMINO  ADALARDO,  VIRO 
DEI,  PAULUS  SUPPLEX. 

Cupieram,  dilecte  mi,  aestate  praeterita  videre  faciem  tuam,  quando 
illis  in  partibus  fui,  sed  praepeditus  lassitudine  sonipedum  ad  te  venire 
non  potui.  Interioribus  tarnen  oculis,  quibus  solis  valeo,  tuae  frater-  5 
nitatis  dulcedinem  frequenter  aspicio.  Volueram  equidem  tuis  imperiis 
iam  ante  parere,  sed,  utpote  pauper  et  cui  desunt  librarii,  prius  hoc 
facere  nequivi,  maxime  cum  me  tarn  prolixa  valitudo  contriverit,  ut  a 
mense  Septembrio  paene  usque  ad  diem  nativitatis  Domini  lectulo 
detentus  sim  nee  licuerit  clericulo  illi,  qui  haec  eadem  utcumque  10 
scripsit,  manum  ad  atramentarium  mittere. 

Suscipe  tamen,  quamvis  sero,  epistolas,  quas  desiderasti,  et  quia 
mihi  eas  ante  relegere  prae  occupatione  totas  non  Hcuit,  34  ex  eis 
scito  relectas  et,  prout  potui,  emendatas  esse  praeter  pauca  loca,  in 
quibus  minus  inveni,  et  tamen  meo  ea  sensu  supplere  nolui,  ne  viderer  15 
tanti  doctoris  verba  inmutare.  Quibus  in  locis  et  forinsecus  ad  oram 
zetam,  quod  est  vitii  Signum,  apposui. 


0  =  Petersburg,  einst  S.  Germani  Prat.  169.  858  f.  1. 
Überschrift  Selectae  epistolae  sancti  Gregorii  papae  o 
praepedibus  corr.  0    \\    10  uticumque  o. 


4  praepeditus  aus 


1 — 5  carissimo  fratri  et  domino: 
Diese  Anrede  hat  ihre  Begründung  darin, 
daß  Adalhard  (vgl.  Vorbem.)  einstens  in 
Montecassino  mit  Paulus  gleichzeitig 
Mönch  war  und  nun  Abt  in  Corbie  an 
der  Somme  ist.  —  Paulus  supplex  vgl. 
die  Anm.  zu  III.  —  interioribus  tamen 
oculis,  quibus  solis  valeo  vgl.  Brief  an 
Theudemar  XIV  21  tota,  qua  solum  valeo, 
mente. 

7  utpote  pauper  et  cui  desunt  li- 
brarii: Es  ist  natürlich,  daß  die  Ge- 
lehrten, die  der  König  immer  bei  sich 
haben  wollte  (vgl.  Vorbem.  zu  XXIII),  bei 
dem  oft  raschen  Wechsel  der  Hoflager 
in  literarischen  Hilfsmitteln  recht  arm- 
selig daran  waren  und  nicht  die  nö- 
tigen Bücher  und  Abschreiber  zur  Hand 
hatten.  Diese  Stelle  beweist  zugleich, 
daß  dieser  Brief  unmöglich  in  Monte- 
cassino   entstand,    wie   Mabillon    meint 


(Annal.  ord.  S.  Bened.  II  p.  284);  denn 
hier  fehlte  es  gewiß  nicht  an  Hilfsmitteln 
zu  wissenschaftlichen  Arbeiten.  Auch 
konnte  er,  wie  uns  ein  Überblick  über 
seine  damaligen  literarischen  Leistungen 
zeigt,  nur  in  der  Zeit,  wo  er  am  Hofe 
Karls  weilte,  seine  große  Beschäftigung 
als  Grund  anführen:  quia  mihi  eas  ante 
relegere  prae  occupatione  totas  non 
licuit. 

16 — 21  forinsecus  ad  oram  zetam, 
quod  est  vitii  Signum,  apposui:  Die  Ver- 
wendung kritischer  Zeichen  findet  sich 
auch  in  der  St.  Galler  Handschrift  899 
aus  dem  X.  Jahrhundert  (G).  Hier  steht 
am  Rand  neben  den  Versen  7  und  8  des 
Gedichtes  XXI  und  neben  v.  49  von  XXII 
(vgl.  krit.  Apparat)  das  Zeichen  !-  (Lim- 
niscus  id  est  virgula  inter  geminos 
punctos  iacens  Isid.  Orig.  I  21,  5)  und 
zwar,   wie   in   unserem   Brief,    als   vitii 


Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4. 


130 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Tua  itaque  fraternitas,  si  se   facultas  dederit,   reliquas  epistolas 

ad  emendatiorem   relegere  studeat   codicem,  sed  et  loca,   in   quibus 

20  minus  habetur,  nihilominus  supplere.    Hoc  tarnen  sanctitati  tuae  suadeo, 

ne  passim   propter  aliqua,  quae  in  eis   minus  idoneos   latere  magis 

quam  scire  convenit,  publicentur. 

Vale,  f rater  amabilis,  semper  in  bonis  gliscens;  et  cum  mentem 
ad  superna  tetenderis,  memento  mei. 
25  Ante  suos  refluus  Rhenus  repedabit  ad  ortus, 

Ante  petet  fontem  clara  Mosella  suum, 
Quam  tuus  e  nostro,  carum  ac  memorabile  semper 

Dulce,  Adalard,  nomen,  pectore  cedat  amor. 
Tu  quoque,  si  felix  vigeas  de  munere  Christi, 
30  Esto  memor  Pauli  tempus  in  omne  tui. 


Signum;  denn  an  jenen  Stellen  ist  der 
Text  fehlerhaft.  Paulus  macht,  wie  wir 
hier  sehen,  an  lückenhaften  Stellen,  die 
er  aus  Ehrfurcht  vor  Gregor  nicht  er- 
gänzen will,  ein  C  (=  ^rrjfxa).  Über 
die  Verwendung  solcher  kritischer  Zeichen 
vgl.  Traube,  Textgeschichte  S.  68  und 
auch  A.  Reifferscheid,  Mitteilungen  aus 
Handschriften  (Cavensis  3.  foliorum  399 
saec.  XI — XII  f.  255  de  notis  antiquorum) 
Rhein.  Mus.  N.  F.  XXIII  1868  S.  127.  — 
ad  emendatiorem  codicem:  Paulus  will, 
daß  Adalhard  zur  Verbesserung  der  übri- 
gen Briefe  eine  Handschrift  mit  reinerem 
Text  verwende  und  mit  Hilfe  dieser  die 


Lücken  (loca,  in  quibus  minus  habetur 
—  est)  ergänze.  Er  selbst  benützte  dem- 
nach eine  nach  seiner  Anschauung 
schlechtere  Handschrift.  —  ne  passim 
publicentur:  Eine  weitere  Verbreitung 
dieser  Briefe  wünscht  Paulus  wegen 
einiger  Stellen  nicht,  die  man  Unbefugten 
{minus  idoneos)  besser  verschweigt. 

25  Die  Erwähnung  von  Rhein  und 
Mosel  deutet  auch  aufs  Frankenland  hin 
und  zwar  Rhenus  auf  Adalhard  und 
Moseila  auf  Paulus.  —  ante  suos  re- 
fluus nach  Verg.  Ecl.  I  59—63;  vgl.  VIII 
V.  15—20;  XL  v.  9—12;  Eugen.  Toi. 
p.  268  V.  13—18. 


XXXII. 

Paulus  an  Karl. 

*Gerne  gehorchte  ich  Deinem  Befehl,  mächtigster  König,  den  Gott 
zum  Hort  der  Christenheit  gemacht  hat.  Wenn  auch  die  Kräfte  fehlten, 
der  gute  Wille  war  da  (1 — 6).  So  nimm  denn  gnädig  das  Werk  auf, 
verbessere  in  Deiner  Weisheit,  was  Dir  fehlerhaft  erscheint,  und  er- 
teile ihm  Deine  Genehmigung,  damit  es  in  den  Kirchen  seine  Ver- 
wendung finde  (7 — 12).' 


Die  sich  anschließenden  Verse  enthalten  einen  Segenswunsch 
für  Karl,  den  mächtigen  Herrscher. 

Paulus  hatte  von  ihm  den  Auftrag  erhalten  eine  Predigten- 
sammlung zum  Gebrauch  in  den  Kirchen  herzustellen  und  übergab 
sie  seinem  König  mit  diesem  poetischen  Begleitschreiben.  Dieser 
erteilte  seine  Genehmigung  und  empfahl  die  Sammlung  den  Geistlichen 
durch  ein  Rundschreiben  (Pertz,  Mon.  Germ.  Legg.  I  p.  44),  dessen 
Schlußworte  hier  angeführt  werden,  da  auf  sie  Bezug  genommen 
werden  muß. 

'Idqae  opus  Paulo  diacono,  familiari  clientulo  nostro, 
ellminandum  iniunximus,  scilicet  ut  studiose  catholicorum  patrum 
dicta  percurrens  veluti  e  latissimis  eorum  pratls  certos  quosque 
flosculos  legeret  et  in  unum  quaeque  (quemque  M)  essent  utilia 
quasi  sertum  aptaret. 

Qui  nostrae  celsitudini  devote  parere  desiderans  trac- 
tatus  atque  sermones  diversorum  catholicorum  patrum  perlegens  et 
optima  quaeque  decerpens  in  duobus  voluminibus  per  totius  anni 
circulum  congruentes  cuique  festivitati  distincte  et  absque  vitiis 
nobis  obtulit  lectiones.  Quarum  omnium  textum  nostra  sagacitate 
perpendentes  nostra  eadem  volumina  auctoritate  constabilimus 
vestraeque  religioni  in  Christi  ecclesiis  tradimus  ad  legendum'. 

9* 


132  ^3rl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Es  ist  kein  Zweifel,  daß  mit  Paulus  Diaconus  nur  unser  Paulus 
gemeint  sein  kann,  da  er  für  die  Lösung  einer  solchen  Aufgabe  be- 
sonders geeignet  war.  Außerdem  wissen  wir,  daß  kein  anderer  Paulus 
Karl  so  nahe  stand,  daß  er  von  ihm  die  Worte  familiaris  clientulas 
noster  gebrauchen  konnte. 

Da  nun  die  Widmungsverse  'Summo  apicC  auch  in  den  drei 
maßgebenden  Handschriften  (vgl.  krit.  App.)  zugleich  mit  dem  Rund- 
schreiben überliefert  sind,  so  ist  an  der  Autorschaft  des  Paulus  nicht 
zu  zweifeln,  zumal  sie  auch  durch  stilistische  Beziehungen  zu  anderen 
Werken  bestätigt  wird. 

Die  Schlußverse  'Utere'  finden  sich  nur  in  der  Münchner  Hand- 
schrift 4533,  stammen  aber  jedenfalls  auch  von  Paulus,  da  dieser 
seine  Widmung  des  Eutrop  mit  einem  inhaltlich  ähnlichen  Wunsch 
abschließt  und  auch  stilistische  Gründe  für  ihn  sprechen.  Die  Be- 
hauptung Wiegands  aber  (Das  Homiliarium  Karls  des  Großen  S.  3), 
daß  diese  Handschrift  das  echte  von  Karl  dem  Kloster  Benedikt- 
beuern  geschenkte  Homiliar  sei,  kann  nicht  als  Beweis  angeführt 
werden,  da  Gründe  dagegen  sprechen  (vgl.  Traube,  Textgesch.  S.  101). 

Mit  dem  vorliegenden  Gedicht,  das,  wie  die  Erklärung  der  ein- 
zelnen Verse  ergibt,  in  Montecassino  und  zwar  zwischen  786 — 797 
entstand,  kommen  wir  zum  letzten  Lebensabschnitt  des  Paulus 
Diaconus. 

Wenn  unsere  Annahme  richtig  ist  (vgl.  Anm.  zu  XIII  12),  so 
steht  er  mindestens  im  60.  Lebensjahr.  Er  hat  ein  stürmisches  Leben 
hinter  sich,  reich  an  Sorgen  und  Arbeit.  Besonders  die  Zeit  am  Hofe 
Karls  war  für  ihn  die  unruhigste  seines  Lebens:  Stets  neue  anstrengende 
Aufgaben  und  dazu  eigentlich  keine  Heimat,  kein  Plätzchen,  wo  er 
ständig  bleiben  konnte.  Da  versteht  man,  daß  jene  Gefühle,  die  er 
einst  in  seinem  Brief  an  Theudemar  (XIV)  zum  Ausdruck  brachte,  in 
seinem  Herzen  immer  mächtiger  wurden.  Und  so  erfüllte  denn  Karl 
endlich  seinen  sehnlichen  Wunsch  und  ließ  ihn  wieder  in  die  Stille 
des  Klosters  zurückkehren.  Da  dieser  im  Winter  786  nach  Italien 
zog  (Abel  I  560),  so  dürfen  wir  wohl  annehmen,  daß  Paulus  damals 
wieder  nach  Montecassino  zurückkehrte. 

Er  scheidet  von  seinem  königlichen  Herrn  als  ein  treu  ergebener 
Freund,  der  ihn  auch  jetzt  noch  bei  der  Durchführung  seiner  Organi- 
sationen, soweit  sie  auf  wissenschaftlichem  Gebiete  liegen,  unterstützt, 
von  der  Überzeugung  durchdrungen,  daß  Karl  von  Gott  zum  Schirm- 
herrn (vgl.  V.  3 — 5)  der  Christenheit  bestimmt  ist.  Dieser  aber  tut  in 
seinem   Rundschreiben    nicht    bloß   der  Geistlichkeit   seines   großen 


Paulus  an  Karl. 


133 


Reiches,  sondern  damit  aller  Welt  kund,  wie  hoch  er  Paulus  schätzt, 
indem  er  ihn  famillans  cllentulas  noster  nennt,  und  auch  der  nun 
folgende  poetische  Briefwechsel  beweist,  daß  beide  Männer  auch 
später  noch  innige  Freundschaft  verband. 


SUMMO  APICI  RERUM  REGI  DOMINOQUE  POTENTI 

DAT  FAMULUS  SUPPLEX  VERBA  LEGENDA  SUUS. 

Ampla  mihi  vestro  est  humili  devotio  servo 
Praeceptis  parere  tuis,  celeberrime  regum. 
Quem  dedit  omnicreans  rector  miseratus  ab  altis 
Christicolum  populis  defensoremque  patremque. 

5    Sit  licet  effectus  modicis  pro  viribus  impar, 
Ingens  ardenti  tamen  est  sub  corde  voluntas. 
En  iutus  patris  Benedicti  mira  patrantis 
Auxilio  meritisque  piis,  vestrique  fidelis 
Abbatis  dominique  mei,  etsi  iussa  nequivi 

10    Explere,  ut  dignum  est,  tamen,  o  pietatis  amator 
Excipe  gratanter,  decus  et  mirabile  mundi, 
Qualemcumque  tui  famuH,  rex  magne,  laborem; 


Summo — SUUS  mit  roten  Unzialen  geschrieben.  Karlsruhe  früher  Augiensis 
173  saec.  IX  =  p.    Lugdun.  Voss.  4  saec.  X  =  ^.    Monac.  4533  saec.  XI  =  r. 

SUUS  aus  siuis  corr.  q  \\  2  C(^leberrime  ^  ||  3  alto  p  \\  7  patranti  r  \\ 
8  uxilio  r  \  fidelis  aus  fideles  corr.  r  ||  9  dominique  aus  dominoque  corr.  q  | 
uisa  ^11    11  decus  er   ||    12  ualemcumque  r    \    magnae  r. 


summo  apici  vgl.  Paul.  XXII  v.  52 
vester  celsus  apex;  Paul.  XXIX  v.  3  apex 
vatum.  —  famulus  supplex:  Eine  nur 
von  Paulus  am  Anfang  seiner  Briefe 
gerne  gebrauchte  Wendung,  vgl.  Anm. 
zum  Brief  an  Adelperga  (III). 

2 — 6  celeberrime  regum,  vgl.  auch 
V.  11  decus  et  mirabile  mundi:  Man 
vergleiche  damit  die  Anreden  in  den 
früheren  Gedichten  und  man  kann  aus 
ihnen  erkennen,  wie  nur  allmählich  ein 
Umschwung  in  der  Stimmung  des  Paulus 
eintritt.  —  quem  dedit  omnicreans  vgl. 
Anm.  zu  XXII  v.  33.  —  sit  licet  effectus: 
Veränderte  Wiedergabe  von  Ovid.  ex 
Pont.  III  4, 79  ut  desint  vires,  tamen  est 


laudanda  voluntas;  einen  ähnlichen  Ge- 
danken spricht  er  in  seinem  Brief  an 
Adelperga  aus  (III  17)  utinam  tam  effi- 
caciter  imperata  facturus  quam  libenter 
arripui.  —  ardenti  sub  corde  XXI  v.  5 
sub  ardenti  pectore. 

7 — 10  iutus  patris  Benedicti  auxilio: 
Diese  Worte  lassen  die  Schlußfolgerung 
zu,  daß  die  Homiliensammlung  in  Monte- 
cassino  entstand;  mit  abbatis  domini 
w.ei  ist  Theudemar  gemeint,  der  778 
bis  797  dort  Abt  war.  —  ut  dignum  est 
XXXV  V.  6,  dafür  setzt  er  auch  bloß 
digne  XVIII  v.  12.  —  pietatis  amator 
XXII  V.  15;  Fortun.  III  22,  5;  Alcvin  Poet. 
I  172  V.  138,  238  v.  5. 


134 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


15 


20 


Quodque  sacro  nuper  mandasti  famine  condi, 
Nunc  opus  acceptans  rutilo  comitare  favore. 
In  quo  si  quid  erit  labis  vitiique  nocentis, 
Illud  vestra  sagax  nimium  sapientia  purget. 
Utque  legi  per  sacra  queat  domicilia  Christi, 
Nullius  titubante  fide,  si  sensibus  altis, 
Enixe  ut  cupio,  vestris  utcumque  placebit, 
Firmum  oro  capiat  vestra  sanctione  vigorem. 


Utere  felix  munere  Christi 
Pluribus  annis,  luxque  decusque 
Magne  tuorum,  Carole  princeps, 
Atque  togate  arbiter  orbis, 
Dardanidaeque  gloria  gentis. 


13  quodque  aus  quoque  corr.  r  \\  15  labis  erit  /?,  labiis  q 
Handschriften  folgt  das  Rundsdireiben  Karls,  an  das  sidi  Utere 
f.  4v  ansdiließt. 

4  togatae  r   \\    S  Dardanideque  r. 


20  In  den 
gentis  in  r 


13 — 16  quodque  sacro  famine  man- 
dasti: Da  Karl  gleichsam  eine  göttliche 
Mission  zu  erfüllen  hat,  so  ist  der  Befehl, 
der  an  Paulus  erging,  auch  sacer;  vgl.  im 
Rundschreiben  Karls:  idque  opus  Paulo 
diacono  eliminandum  iniunximus.  Eine 
Vergleichung  des  oben  abgedruckten 
Teiles  des  Rundschreibens  mit  unserem 
Widmungsgedicht  zeigt  in  der  Anordnung 
der  Gedanken  und  in  den  einzelnen 
Ausdrücken  eine  auffallende  Ähnlichkeit, 
die  es  als  nicht  unmöglich  erscheinen 
läßt,  daß  jenes  im  Anschluß  an  die 
paulinischen  Widmungsverse  abgefaßt 
wurde,  Paulus  selbst  den  Entwurf  zu 
dem  Rundschreiben  anfertigte  und  Karl 
Zusätze  machte  oder  überhaupt  Ände- 
rungen vornahm.  Die  Versicherung  seiner 
tiefen  Ergebenheit,  mit  der  Paulus  sein 
Widmungsgedicht  einleitet,  findet  ihre 
Antwort  in  familiari  clientulo  nostro, 
eine  gleichsam  für  famulus  und  servus 
eingesetzte  Wendung;  v.  1—2  ampla  de- 
votio  mihi  est  praeceptis purere  erscheint 
wieder  in  devote  purere  desiderans;  v.  15 


si  quid  erit  labis  vitiique  sehe  ich  gleich- 
sam beantwortet  in  distincte  et  absque 
vitiis  nobis  obtulit;  v.  16  vestra  sagax 
sapientia  purget  vgl.  nostra  sagacitate 
perpendentes:  ist  eine  im  Munde  des 
Königs  auffallende  Wendung,  die  jedenfalls 
im  Entwurf  stand.  Ebenso  berührt  sich 
der  Schluß  beider  Schriftstücke:  v.  17 
legi  per  sacra  domicilia  vgl.  in  Christi 
ecclesiis  tradimus  ad  legendum,  v.  20 
firmum  capiat  vestra  sanctione  vigorem 
vgl.  nostra  auctoritate  constabilimus. 

1 — 5  Utere  felix  vgl.  Schluß  des 
Briefes  an  Adelperga.  —  luxque  decus- 
que vgl.  Anm..  zu  IVi  v.  20.  —  togate 
arbiter  orbis:  Als  Herr  von  Italien  ist 
er  im  Besitz  der  römischen  Weltherr- 
schaft. Aus  Einhard  (Vita  Gar.  23)  er- 
fahren wir,  daß  Karl  nur  zweimal  und 
zwar  nur  auf  Bitten  der  Päpste  Hadrian 
und  Leo  seine  fränkische  Tracht  mit  der 
römischen  vertauschte;  arbiter  orbis 
Fortun..IV26,91;  Bonif.  Poet.  1 11  v.249. 
—  Dardanidaeque  gloria  gentis  vgl. 
IVi  v.  17  Latiae  dicatur  gloria  gentis. 


XXXIII. 
Karl  an  Paulus. 

Karl  schickt  diesen  poetischen  Gruß  nach  Montecassino  an  den 
hochbetagten  Paulus.  Er  teilt  ihm  mit,  daß  er  sich  wohl  befinde  und 
bittet  ihn,  er  und  die  Brüder  möchten  ihn  in  ihr  Gebet  einschließen. 
Mit  einem  Gruß  an  alle  und  mit  dem  Wunsch,  Christus  möge  sie 
schirmen,  schließt  das  Gedicht. 


Es  beweist,  ebenso  wie  XXXIV,  XL  und  XLI,  daß  Karl  seinen 
gelehrten  Freunden,  die  ihm  mehrere  Jahre  lang  bei  der  Verwirk- 
lichung seiner  wissenschaftlichen  Ideen  treu  zur  Seite  standen,  auch 
jetzt,  wo  sie  nicht  mehr  an  seinem  Hofe  leben,  eine  liebevolle  An- 
hänglichkeit bewahrt  hat  (vgl.  v.  2;  5;  15). 

Ober  die  Abfassungszeit  dieses  Gedichtes  läßt  sich  nur  sagen, 
daß  es  nach  787  entstand  und  in  die  letzten  Lebensjahre  unseres 
bereits  hochbetagten  Dichters  (vgl.  v.  1  und  11)  fällt. 

Was  den  Verfasser  des  Gedichtes  anlangt,  so  wissen  wir,  daß 
der  erste  Herausgeber  Andre  du  Chesne  (Alchwini  opp.  p.  1720  vgl. 
Ged.  XXIII)  es  unter  den  Gedichten  Alkvins  anführt  und  daß  man  bis 
jetzt  allgemein  der  Anschauung  war,  daß  es  von  ihm  im  Namen  Karls 
an  Paulus  gerichtet  wurde.  Man  führte  die  Alkvinischen  Anklänge 
als  Beweis  an  (Archiv  X  248,  Neues  Archiv  XVII  400). 

Es  ist  richtig,  wie  wir  früher  gesehen  haben,  daß  auch  Petrus 
von  Pisa  im  Namen  Karls  Gedichte  an  Paulus  richtete  und  zwar  so, 
daß  Petrus  sich  ganz  an  die  Stelle  seines  Auftraggebers  setzte,  sogar 
in  der  ersten  Person  redete  und  z.  B.  von  der  Prinzessin  Rothrud  als 
nostra  filia  sprach  (XII  11).  Karl  hatte  dabei  jedenfalls  vorher  gesprächs- 
weise den  Inhalt  angedeutet,  die  dichterische  Darstellungsform  aber 
war  Eigentum  des  Petrus. 


136  ^3rl  Ncff,  Gediclite  des  Paulus  Diaconus. 

Unser  vorliegendes  Gedicht  und  auch  das  folgende  können  nicht 
auf  diese  Weise  entstanden  sein.  Es  ist  doch  klar,  daß  ein  Dichter, 
dem  sein  König  einen  solchen  Auftrag  gab,  das  Beste  bot,  was  seine 
Muse  leisten  konnte,  besonders  wenn  es  galt  Personen  zu  ehren,  die 
dem  Herzen  des  Königs  so  nahe  standen.  Betrachtet  man  aber  beide 
Gedichte,  so  sind  sie  nichts  anderes  als  eine  Zusammenstellung  von 
Worten,  Versschlüssen,  ganzen  Versen,  wie  sie  Alkvin  früher  gebrauchte. 
Das  Gedicht  (Poet.  aev.  Carol.  I  220),  das,  wie  die  Besprechung  der 
einzelnen  Verse  zeigen  wird,  die  Fundgrube  für  beide  Gedichte 
bildete,  ist  sicher  vor  unseren  Gedichten  entstanden  (vgl.  a.  a.  O.  die 
Anm.)  und  Alkvin  hätte  sich  also  seines  Auftrages  dadurch  entledigt, 
daß  er  seinem  König  aus  einem  früheren  größeren  Gedicht  zwei 
kleinere  neue  zusammenflickte,  was  auch  bei  geringer  Einschätzung 
der  Alkvinischen  Poesie  und  der  Annahme,  daß  der  Adressat  dem 
Herzen  des  Dichters  ganz  ferne  stand,  ihm  doch  nicht  zugemutet 
werden  kann. 

Es  erscheint  vielmehr  zweifellos,  daß  Karl  sich  anfangs  zwar, 
wie  wir  in  Gedicht  XII  sehen,  von  anderen  seine  Gedichte  machen 
ließ,  später  aber  sich  selbst  im  Dichten  versuchte,  hatte  er  ja  doch 
das  Sprachstudium  eifrig  betrieben  und  sich  nach  dem  Bericht 
seines  Biographen  sehr  gewandt  der  lateinischen  Sprache  bedient 
(Einh.  Vita  Car.  25  Latinam  ita  didicit,  ut  aeque  lila  ac  patria 
lingua  orare  sit  solitus).  Demnach  ist  der  Schluß  erlaubt,  daß 
Karl,  angeregt  durch  die  in  seiner  Nähe  sich  entfaltende  lebhafte 
dichterische  Tätigkeit,  diese  poetischen  Grüße  an  die  zwei  befreundeten 
Gelehrten  verfaßte  und  dabei  besonders  jenes  Gedicht  Alkvins,  das 
ja  auch  poetische  Grüße  an  Freunde  enthielt,  als  Muster  nahm,  und 
wir  werden  später  sehen  (vgl.  XL),  daß  auch  Gedichte,  die  nicht 
seinem  Kreis  ihre  Entstehung  dankten,  aber  dorthin  gebracht  wurden, 
ihm  als  Vorbilder  dienten.  In  dieser  Weise  entstanden  aber  nur  diese 
kleinen  Gelegenheitsgedichte,  die  oft  nichts  enthielten  als  Grüße  und 
Beglückwünschungen;  poetische  Schreiben  wichtigeren  Inhalts  aber 
überließ  er  einer  gewandteren  Feder.  Indem  wir  Karl  selbst  bei  diesen 
Gedichten  als  Verfasser  annehmen,  werden  wir  mit  mancher  über- 
lieferten Lesart,  die  wir  verbessern  möchten,  uns  eher  befreunden 
können. 

Durch  die  Behauptung,  daß  Alkvin  im  Namen  Karls  dieses  Ge- 
dicht an  Paulus  gerichtet  habe,  wird  man  unwillkürlich  zu  der  Frage 
angeregt,  in  welchem  Verhältnis  beide  zu  einander  standen.  Bei  ihrer 
wissenschaftlichen  Tätigkeit   am  Hofe  Karls  und   ihren   Beziehungen 


Karl  an  Paulus. 


137 


ZU  ihm  ist  es  zweifellos,  daß  sie  sich  persönlich  kannten,  wenn  auch 
darüber  nichts  überliefert  ist.  Jedenfalls  aber  sind  sie  einander  nicht 
näher  getreten,  da  im  Gegensatz  zu  dem  sonstigen  regen  poetischen 
Verkehr  zwischen  den  einzelnen  Freunden  nichts  auf  ein  freundschaft- 
liches Verhältnis  zwischen  Alcvin  und  Paulus  hinweist.  Der  Grund 
mag  in  dem  großen  Kontrast  der  Charaktere  liegen.  Alkvin  war  der 
orthodoxe  Eiferer,  dem  die  Wissenschaft  nur  als  Dienerin  der  Kirche 
wertvoll  erscheint,  Paulus  der  freier  denkende  Gelehrte,  der  erst  in 
zweiter  Linie  Theologe  war.  Bei  Disputationen  mögen  wohl  oft  diese 
Geister  auf  einander  geplatzt  sein  und  keinen  Ausgleich  mehr  gefunden 
haben,  besonders  wenn  man  sich  erinnert,  daß  Paulus  oft  etwas  zu 
temperamentvoll  vorging,  so  daß  man  ihm  zurufen  mußte:  desine 
r  ödere  f rat  rem  (XVII  v.  29).  Daß  Alkvin  aber  vielen  Angriffen  aus- 
gesetzt war,  beweist  die  Stelle  eines  Gedichtes  (Poet.  I  222  v.  40  ff.), 
selbst  wenn  die  Worte  mehr  im  Scherz  gesagt  sein  sollten.  Er  bittet 
hier  nämlich  Karl,  er  möge  ihn  vor  allen  denen  schützen,  die  ihn 
angreifen.  Bezeichnend  für  Alkvin  ist  jedenfalls  auch,  daß  sein  Ver- 
hältnis zu  Angilbert,  einer  Paulus  verwandten  Natur,  und  zu  anderen 
(vgl.  Epp.  IV  p.  101;  Poet.  I.  243  n.  XXII;  Abel  II  209)  zeitweise  ge- 
trübt wurde. 


Parvula  rex  Karolus  seniori  carmina  Paulo, 
Dilecto  fratri,  mittit  honore  pio, 

Quae  rapuit  calamus  subito  dictantis  amore 
Demandans  cartae:  Per  mea  verba  cito 


Ohne  Überschrift  CLXXXVI  Quere. 
4  caestae  Quere.,  chartae  Mabillon. 


1 — 3  quae  rapuit  calamus:  Dieser 
Vers  ist  Alcvin  entnommen  vgl.  Epp.  IV 
p.  284,  28  quae  subito  casu  ex  ore  dic- 
tantis evolant;  Epp.  IV  p.  73, 15  Caritas 
dictantis  ab  ore  rapuit  verba;  Rhabanus 
verwendet  (Poet.  II  187  v.3)  fast  wörtlich 
unseren  Vers,  nur  hat  er  auch  ab  ore 
statt  amore.  Es  ist  zwar  sehr  verlockend 
deshalb'  die  überlieferte  Lesart  zu  ändern, 
vielleicht  wollte  aber  Karl  hervorheben, 
daß  die  Liebe  seine  Worte  diktierte;  ist 
ja  auch  Epp.  IV  p.  73, 15  von  der  Caritas 
dictantis  die  Rede  und  Epp.  IV  p.  112,  28 
drückt   sich   auch   Alcvin    ähnlich    aus: 


quas  (litterulas)  licet  atramento  stiloque 
perscriptas,  tarnen  caritate  intelligite 
esse  dictatas.  Dictare  bedeutet  hier, 
wie  an  vielen  anderen  Stellen  in  den 
Briefen  Alcvins  nicht  bloß  „vorsagen 
zum  Zweck  des  Nachschreibens",  sondern 
„verfassen,  ausarbeiten". 

4 — 6  fer  mea  verba  cito:  Wiederum 
die  auch  sonst  beliebte  Anrede  an  die 
Karte,  vgl.  Alcvin  Poet.  I  220  v.  1 ;  259 
V.  1 ;  260  V.  1 ;  Angilb.  Poet.  I  362  v.  72.  — 
perge  per  urbes  vgl.  XXXIV  v.  18;  Alc- 
vin Poet.  1265  V.  21;  267  III  v.3. 


138 


Karl  Nclf,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


5    Ad  faciem  Pauli  venerandam,  perge  per  urbes, 

Per  montes,  Silvas,  flumina,  lustra,  pete 

Casinum  montem,  Benedicti  nomine  darum, 

Pastoris  magni  praecipuique  patris. 
Illic  quaere  meum  mox  per  sacra  culmina  Paulum, 
10         nie  habitat  medio  sub  grege,  credo,  dei. 
Inventumque  senem  devota  voce  saluta 

Et  die:  Rex  Karolus  mandat  'aveto'  tibi. 
Gaudia  dicque,  precor,  nostrae  sibi  magna  salutis 
Gratificam  Christi  per  miserantis  opem. 
15    Atque  pium  patrem  rogita  tunc  semper  ubique, 
Pro  nobis  sacras  ut  ferat  ille  preces, 
Necnon  nos  fratrum  precibus  commendet  honestis, 

Sum  votis  quorum  certus  adesse  deum. 
Quapropterque  dei  per  me  mandare  salutem 
20         Perpetuae  pacis  omnibus  his  placuit. 

Ecce  valete  simul  cuncti,  iuvenesque  senesque, 
Gratia  vos  Christi  protegat  atque  regat! 


6  sylvas  Quere.  1|  11  voce  Quere.,  mente  Mabillon  \\  13  precor  Mabillon. 
reor  Quere.  \\  15  rogita  Dümmler,  rogito  Quere.  \\  16  preces  ut  ferat  ille  sacras 
Quere.,  eorr.  Dümmler  \\  19  quapropterque  dei  scripsi,  quapropter  ei  Quere. y  qua- 
propter  sociis  Frobenius. 


9 — 13  illie  quaere  meum  vgl.  Alcvin 
I  260  V.  1  mea  eartula,  quaere.  —  per 
Sacra  eulmina  vgl.  IX  v.  20  venerandi 
culmina  Petri.  —  inventumque  senem 
devota  voce  saluta:  vgl.  Ale.  261  v.  3; 
221  V.  18. 

15 — 20  semper  ubique  eine  besonders 
bei  Alcvin  beliebte  Zusammenstellung.  — 
dei  mandare  salutem  perpetuae  pacis 
vgl.  Ale.  240  V.  5  cui  deus  aeternum  tri- 
buat  per  saecula  salve;    Angilb.  Poet.  I 


362  V.  83  pacificam  utque  feras  (sc. 
eartula)  cunetis  in  ore  salutem;  Ale.  238 
V.  16  tibi  perpetuam  Musis  mandare 
salutem. 

21 — 22  iuvenesque  senesque  ein  be- 
liebter Versschluß,  vgl.  Ale.  179  v.  439; 
181  V.  528;  Angilb.  Poet.  I  362  v.  85.  — 
gratia  vos  Christi  vgl.  Ale.  251  v.  11 
protegat  atque  regat  (sehr  häufig  bei 
Alcvin)  Christi  de  gratia  semper. 


XXXIV. 

Karl  an  Petrus  und  Paulus. 

*Hilf  mir,  Christus,  wenn  ich  Deine  Gaben  preise  und  an  Petrus 
und  Paulus  Grüße  schicke.  Du,  Flöte,  sende  Dank  und  Gruß  den 
Brüdern,  die  durch  ihre  Gelehrsamkeit  und  ihre  Dichtung  unser  Herz 
erfreuen  (1 — 9).  Eile,  mein  Brief,  hin  zu  Petrus  und  danke  ihm  für 
sein  herzerfreuendes  Gedicht,  dann  nach  Rom  zu  Hadrian  und  schließ- 
lich nach  Montecassino,  den  Ort  des  Friedens  und  der  Frömmigkeit, 
zu  Paulus  und  grüße  ihn  (10 — 26)!' 


Aus  diesem  Gedicht  erfahren  wir  nur,  daß  beide  Freunde  Karls, 
wenn  auch  räumlich  getrennt,  für  ihren  König  immer  noch  wissen- 
schaftlich und  dichterisch  tätig  sind.  Es  beweisen  dies  die  Verse  8, 
9  und  besonders  v.  12,  aus  dem  hervorgeht,  daß  Petrus  sich  durch 
ein  heiteres  Gedicht  den  Dank  Karls  verdiente.  Dadurch  daß  der 
gleiche  Brief  seine  Grüße  an  beide  überbringen  soll,  gibt  er  zu  ver- 
stehen, daß  sie  seinem  Herzen  gleich  nahe  stehen. 

Die  Erwähnung  des  Papstes  Hadrian  (v.  15),  der  772 — 795  re- 
gierte, läßt  die  Abfassungszeit  zwischen  787  und  795  verlegen. 

Das  Gedicht  stammt  aus  der  Feder  Karls  und  ist  nicht  in  seinem 
Namen  von  Alkvin  verfaßt  (vgl.  Bem.  zu  Gedicht  XXXIII  und  zu 
XXXIV  V.  24—26). 

Überliefert  ist  es  in  einer  Handschrift  in  Montecassino  257 
saec.  XII  p.  34  (Y),  die  zur  Zeit  des  Petrus  Diaconus  geschrieben  und 
von  ihm  korrigiert  wurde.  Hier  fehlen  die  zwei  letzten  Verse:  Colla 
mei  Pauli  etc.  Leo  von  Ostia  (Chron.  Casin.  I  c.  15,  SS  VII  592) 
aber  zitiert  auch  dieses  Gedicht  und  überliefert  die  Verse  17 — 26  von 
Hinc  celer-optime  salve  vollständig.  Er  spricht  auch  von  einer  Ant- 
wort des  Paulus.     Ob   diese  Verse,  wie  Bethmann   (Archiv  X   248, 


140 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


249,  296;  XII  502)  behauptet,  echt  sind,  läßt  sich  nicht  nachweisen,  da 
sie,  wie  die  meisten  anderen,  den  Gedichten  Alkvins  entnommen  sind 
und  von  einem  Kenner  Alkvinischer  Poesie  hinzugesetzt  sein  können. 
Die  erste  Ausgabe  des  Gedichtes  auf  Grund  obiger  Handschrift  be- 
sorgte Charles  de  Montrond  (Bibl.  de  l'ecole  des  chartes  I  306),  dann 
Tosti  storia  di  Montecassino  I  105,  aus  diesem  Giesebrecht  De  lite- 
rarum  studiis  apud  Italos  1845  p.  26). 


10 


Christe,  pater  mundi,  saecli  radiantis  origo, 
Annue  nunc  voto,  ut  tua  mistica  dona  queamus 
Dicere,  quae  nobis  solita  dementia  praestat, 
Atque  salutiferam  patribus  perferre  salutem. 
Surge  iocosa,  veni  mecum,  fac,  fistula,  versus. 
Incipe  quam  primum  meritas  persolvere  grates 
Et  cordis  plectro  tu  die  *Vale'  fratribus  almis, 
Dulcia  qui  nobis  doctrinae  mella  ministrant 
Carminibusque  suis  permulcent  pectora  nostra. 
Curre  per  Ausoniae,  non  segnis  epistola,  campos 


Ohne  Überschrift  am  Rand  von  Angelas  de  Nuce  Versus  Caroli  magni  ad 
Paulum  diaconum  Casinensem  monachum  Y  f.  17,  codd.  des  Leo  v.  Ostia  =  s, 
2  qu^am  K,  queamus  Bethmann    \\    4  salutifera  Y,  salutiferam  Montrond. 


1 — 4  saecli  radiantis  origo:  saeclum 
bedeutet  hier  caelum,  vgl.  Poet.  I  72  v.  34 
aurea  saecla  tenet.  —  ut  mistica  dona 
queamus  dicere:  Eine  ähnliche  Einleitung 
findet  sich  Alcvin  Poet.  I  169  v.  6  ut 
mea  lingua  queat  de  te  tua  dicere  dona; 
258  V.  44  mystica  dona.  —  salutiferam 
patribus  perferre  salutem:  vgl.  Ale.  221 
V.  29  ähnlicher  Schluß  dulcem  patri 
perferre  salutem;  aber  salutifera  salus 
stammt  wohl  von  Karl,  vgl.  auch  Poet.  I 
76  V.  1 — 2  dicite  patri  verba  salutifera. 

5 — 7  surge  iocosa  vgl.  Angilb.  Poet.  I 
360  V.  1  surge,  meo  domno  dulces  fac, 
fistula,  versus;  vgl.  auch  Verg.  Ecl.  VIII 
21  incipe  Maenalios  mecum,  mea  tibia, 
versus.  —  incipe  quam  primum  meritas 
persolvere  grates  steht  fast  wörtlich  bei 
Eugen.  Toi.  p.  27  hex.  praef.  metr.  6;  vgl. 
auch  Poet,  I  95  v.  8,  wo  Wigbod  in  der 


Vorrede  zu  einem  Karl  gewidmeten  Werk 
auch  Eugen.  Toi.  sich  zum  Vorbild  nimmt. 
—  cordis  plectro  vgl.  Micon.  Poet.  III 367 
V.  24  et  cordis  plectro  tum  die:  Pater 
alme,  valeto;  vgl.  auch  Anm.  zu  VI  v.  136. 
8 — 10  Petrus  und  Paulus  waren  als 
Lehrer  und  als  Dichter  für  Karl  tätig; 
doctrinae  mella  ministrant  vgl.  Ale. 
Poet.  I  221  V.  9,  271  v.  28.  —  curre  per 
Ausoniae:  Stat.  silv.  IV  4,  1  curre  per 
Euboicos  non  segnis  epistola  campos; 
Otto  Müller,  der  auf  die  Verwendung 
dieses  Verses  aus  den  Silvae  des  Statius 
hinwies,  folgert  daraus,  daß  auch  dieses 
Gedicht  durch  Karls  Fürsorge  vom  Unter- 
gang gerettet  wurde  (vgl.  Rhein.  Mus.  18 
p.  190).  Andere  auffallende  Entlehnungen 
konnte  ich  nicht  finden;  vgl.  auch  Voll- 
mer, Einleit.  zu  Statius  S.  34  Anm.  2. 


Karl  an  Petrus  und  Paulus. 


141 


15 


20 


Atque  meo  Petro  certam,  dilecta,  salutem 
Gratificas  laudes  die  et  pro  carmine  laeto, 
Quod  mihi  iamdudum  placidum  direxerat  ille. 
Inde  per  egregiam  transibis  praesulis  aedem 
Adriani,  tantum  Petri  loca  sancta  rogando 
Pro  me  proque  meis  visitata  relinque  silenter. 
Hinc  celer  egrediens  facili,  mea  carta,  volatu 
Per  Silvas,  colles,  valles  quoque  praepete  cursu 
Alma  deo  cari  Benedicti  tecta  require. 
Est  nam  certa  quies  fessis  venientibus  illuc, 
Hie  olus  hospitibus,  piscis  hie,  panis  abundans, 
Pax  pia,  mens  humilis,  pulehra  et  coneordia  fratrum, 
Laus,  amor  et  eultus  Christi  simul  omnibus  horis. 


11  dilecta  scripsi,  de  leto  K,  dilecto  Montrond,  debeto  Giesebredit,  deferto 
Vollmer  \\  16  silentes  Y,  silenter  Montrond  \\  17 — 26  bei  Leo  v.  Ostia:  Ad  hunc 
praefatus  Karolus  .  .  .  satis  affabiles  et  iocundas  litteras  metrice  compositas  misit, 
de  quibus  aliquot  hie  versus  inserere  libuit.  Ait  enim  post  aliquanta  cartulam  suam 
alloquens  ita:  Hinc  celer  etc.  \\  18  prepete  Y,  perpete  s  \\  21  holus  5  ]  piscis 
hie  Dümmler,  hie  pisces  Y   \\    22  pulcra  Y   \\    23  amor  Y  s. 


11 — 15  certam,  dilecta,  salutem:  Er 
redet  den  Brief  außer  mit  non  segnis 
epistola,  auch  mit  mea  carta  an.  Deshalb 
erschien  diese  Lesart  als  passend;  vgl. 
auch  Ale.  Poet.  I  310  V.  4  sit  tibi  certa 
Salus.  —  placidum  direxerat:  Karl  hatte 
von  Petrus  ein  lustiges  Gedicht  (pro 
carmine  laeto)  erhalten,  dazu  paßt  placi- 
dum —  „sanft,  friedlich"  nicht,  wohl  aber 
placitum,  wodurch  gesagt  wird,  daß  es 
das  Wohlgefallen  Karls  erregte.  —  ro- 
gando visitata:  Die  Verwendung  des 
ablat.  gerund,  statt  part.  praes.  oder  eines 
Finalsatzes  ist  eine  häufige  Erscheinung. 

17—19  Die  Anrede  an  die  Karte  ist 
nicht  bloß  von  Alcvin  gebraucht,  sondern 
auch  von  Theodulf  (Poet.  I  483  v.  11 ;  520 
v.  1);  vgl.  auch  Theod.  Poet.  I  563  v.  3 
celeri  transcurre  volatu;  Ovid.  Met.  IV 
718  celer .  .  .  volatu.  —  celer  egrediens 
vgl.  Theod.  527  v.  1  perge,  libelle,  celer; 


483  V.  12  quem  celer  videbo;  vgl.  auch 
XL  V.  17  praepes  concurrat.  — per  Silvas, 
colles  vgl.  Ale.  Poet.  I  265  v.  21.  —  Bene- 
dicti tecta  require  vgl.  Ale.  221  v.  25 
Samuhelis  tecta  require. 

20 — 22  Diese  beiden  Verse  finden 
sich  bei  Alcvin  Poet.  I  221  v.  15—16, 
nur  steht  bei  Karl  abundans,  wozu  est 
zu  denken  ist  (wie  bei  Ale.  211  v.  9 
potus  cibus  esset  habundans);  zu  v.  20 
vgl.  Nasonis  ecl.  386  v.  42  hie  requies 
fessis  demum  venientibus  extat,  Eug. 
Tolet.  p.  242  v.  7  hie  fessis  requies. 

23  laus,  amor  et  eultus  Christi  simul 
Omnibus  horis:  Karl  setzte  amor  statt 
honor,  das  immer  in  Verbindung  mit 
laus  vorkommt,  z.  B.  Ale.  Poet.  I  257 
V.  26;  258  v.  60;  honor  et  eultus  267 
V.  6.  —  Omnibus  horis  beliebter  Schluß, 
vgl.  Ale.  265  V.  15;  266  v.  15. 


142 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Die  patri  et  sociis  sanctis  'Salvete,  valete'. 
25    Colla  mei  Pauli  gaudendo  amplecte  benigne, 
Dicito  multotiens:  'Salve,  pater  optime,  salve'! 


24  mit  diesem  Vers  endet  Y  \\  25  gaudendo]  persaepe  mit  dieser  Verände- 
rung nadi  V.  19  an  den  Rand  gesdirieben  von  Angelas  de  Nuce  V  \\  26  Leo 
V.  Ostia  fügt  bei:  Et  reliqua.  Cui  similiter  idem  Paulus  versifice  rescribere  et 
gratias  pro  visitatione  et  salutatione  sua  cunctorumque  fratrum  referre  maximas  studuit. 


24 — 26  sociis  sanctis  salvete:  Be- 
achte die  Alliteration;  vgl.  auch  Ale.  222 
V.  51.  —  colla  mei  Pauli  gaudendo  am- 
plecte benigne  vgl.  Ale.  222  v.  47 
Paulini  gaudens  conplectere  colla 
magistri.  Diese  Stelle  beweist  deutlich, 
daß  unmöglich  Alcvin  der  Verfasser  des 
Gedichtes  ist.  Er  hätte  niemals  eine 
solche  Verschlechterung  seiner  eigenen 


Verse  vorgenommen  um  daraus  für  sei- 
nen König  ein  neues  Gedicht  zusammen- 
zustellen. —  V.  26  findet  sich  fast  wört- 
lich wieder  bei  Ale.  222  v.  39.  Das  Ge- 
dieht setzt  sieh  demnach  aus  lauter  ent- 
lehnten Stellen  zusammen,  die  aber  nicht 
bloß  bei  Alcvin,  sondern  auch  bei  anderen 
am  Hofe  bekannten  Dichtern  stehen. 


XXXV. 

Auf  das  Grab  des  Arichis. 

'Hier  ruht  Arichis,  den  körperliche  Vorzüge,  hohe  wissenschaft- 
liche Bildung  und  alle  Herrschertugenden  zierten  (1 — 28).  Mit  ihm 
schwindet  Friede  und  Freude  in  Benevent  und  nicht  bloß  die  Völker 
seines  Reiches,  sondern  auch  auswärtige  beklagen  ihn  (29 — 38).  Es 
weint  um  ihn  seine  nunmehr  unglückliche  Gattin,  die  kürzlich  einen 
Sohn  verlor  und  einen  im  fernen  Gallien  hat.  Zwei  Töchter  im 
blühenden  Alter  und  auch  der  Gedanke,  daß  ihr  Gatte  jetzt  im 
Himmel  weilt,  sind  ihr  Trost  im  Unglück.  Möge  Maria  ihm  gnädig 
sein  (39—52).' 


Arichis,  der  Gemahl  der  Adelperga,  starb  am  26.  August  787  im 
Alter  von  53  Jahren  in  Salerno,  wo  er  auch  begraben  wurde  (Abel  I 
363  ff.  und  603).  Er  hatte  in  Unteritalien  ein  mächtiges  langobardisches 
Reich  begründet.  Karl  hatte  nach  dem  Fall  von  Pavia  seine  Selb- 
ständigkeit nicht  eingeschränkt,  erst  im  Jahre  787  kam  es  zu  ernsteren 
Verwicklungen  (Abel  I  557  ff.).  Karl  stand  schon  mit  seinem  Heere 
kampfbereit  bei  Kapua,  da  vermied  Arichis  den  Kampf,  indem  er 
Verhandlungen  einleitete,  sich  Karls  Forderungen  fügte  und  seine 
beiden  Söhne  als  Geiseln  anbot,  von  denen  Karl  schließlich  den 
jüngeren,  namens  Grimoald,  mitnahm.  Da  der  ältere  Bruder  Romuald 
kurze  Zeit  vor  seinem  Vater,  am  21.  Juli  787,  gestorben  war,  so  war 
Grimoald  der  zukünftige  Herrscher  von  Benevent,  allein  Karl  ließ  ihn 
trotz  der  Bitten  der  Beneventaner  erst  im  Mai  788  zurückkehren  (Abel 
I  630).  Auf  Grund  dieser  historischen  Verhältnisse  läßt  sich  die 
Abfassungszeit  des  Epitaphs  bestimmen.  Aus  v.  44  ast  aliiim  ex- 
torrem,  Qallia  dura,  tenes  ist  zu  schließen,  daß  der  Mai  788  noch 
nicht  da  war  und  daß  das  Gedicht  also   vor  dieser  Zeit,   jedenfalls 


144  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

noch  im  Todesjahr  des  Arichis  entstand,  als  Paulus  bereits  wieder 
nach  Montecassino  zurückgekehrt  war.  Überliefert  ist  es  Rom  Vat. 
tat.  5001  saec.  XIII— XIV  (C),  in  einer  Handschrift,  die  das  Chroni- 
con  Salernitanum  enthält  (vgl.  Archiv  V  131,  X  371,  XII  247;  SS.  rer. 
Lang.  p.  232).  Die  Autorschaft  des  Paulus  ist  durch  die  stilistischen 
Beziehungen  zu  paulinischen  Gedichten  zweifellos.  Über  die  Dar- 
stellungsweise vgl.  den  Schluß  der  Vorbem.  zu  XXIV. 

Wenn  uns  auch  die  Überlieferung  keinen  Anhaltspunkt  zur  An- 
nahme bietet,  daß  Paulus  nach  seiner  Rückkehr  ins  Kloster  von  Monte- 
cassino an  den  Hof  von  Benevent  kam,  so  ist  dies  außer  Zweifel, 
wenn  man  sich  an  das  Verhältnis  des  Paulus  zur  herzoglichen  Familie 
in  früheren  Jahren  erinnert.  Wenn  er,  wie  ich  (vgl.  Vorbem.  zu  VI) 
annahm,  im  Jahre  769  sich  wieder  an  den  Hof  des  Desiderius  begab, 
so  waren  bis  zu  seiner  Rückkehr  nach  Montecassino  im  Jahre  786 
siebzehn  Jahre  vergangen,  seitdem  er  Arichis  und  Adelperga  nicht 
mehr  wiedersah.  Es  ist  demnach  nichts  natürHcher  und  es  braucht 
nicht  erst  urkundlich  festgelegt  zu  sein,  daß  er,  aus  dem  Frankenland 
zurückgekehrt,  von  Montecassino  aus  seine  ersten  Schritte  zu  denen 
lenkte,  denen  er  vorher  nahe  stand.  Ob  Paulus  in  politischen  Dingen 
seine  Hand  noch  im  Spiele  hatte,  läßt  sich  nicht  sagen;  wenn  er 
aber  eingriff,  so  geschah  es  jetzt,  wo  er  Karls  Freund  war,  sicherlich 
nur  in  begütigender  Weise.  Demnach  mag  Paulus  wohl  mitgewirkt 
haben,  daß  Arichis  im  Jahre  787  sich  zur  Annahme  der  Forderungen 
Karls  statt  zum  Kampfe  entschloß  (Abel  I  564). 

Sicher  erscheint  mir  auch,  daß  Paulus  auf  die  Nachricht  vom 
Tode  des  Arichis  nach  Benevent  eilte  um  die  Herzogin  in  ihrem 
Schmerze  zu  trösten.  Ihrer  gedenkt  er  in  dem  Epitaph  in  ganz  be- 
sonderer Weise.  — 

Damit  wird  die  Reihe  der  Gedichte  abgeschlossen,  die  Paulus 
zum  Verfasser  haben.  In  ihnen  erscheint  er  als  ein  Gelehrter  von 
vielseitiger,  wissenschaftlicher  Bildung,  dem  es  dabei  nicht  an  Witz 
und  Humor  fehlt  und  der  auch  die  irdischen  Gaben  Gottes  gerne  ge- 
nießt. Dies  und  sein  Bestreben,  auf  literarischem  Gebiet  immer  Neues 
zu  lernen  und  zu  schaffen,  lassen  ihn  als  den  Typus  eines  Menschen 
der  karolingischen  Renaissance  erscheinen,  ganz  nach  dem  Sinne  Karls. 

Als  genauer  Kenner  antiker  Literatur  zeigt  er  in  seiner  dichte- 
rischen Sprache  deutlich  das  Bemühen  sich  von  der  Sprache  seiner 
Vorbilder,  besonders  Vergils,  nicht  zuweit  zu  entfernen,  nicht  etwa 
dadurch,  daß  er  sie  bloß  ausschreibt,  sondern  indem  er  die  bei 
seinen  Zeitgenossen  sich  findende  Überladung    und    Künstelei  ver- 


Auf  das  Grab  des  Arichis. 


145 


meidet  und  sich  möglichst  von  Ausdrucksformen  fernhält,  die  wir 
Barbarismen  nennen.  Klarheit  in  der  Anordnung  und  im  Ausdruck 
seiner  Gedanken,  sowie  einfache,  dabei  aber  wirkungsvolle  Darstellung 
sichern  ihm  einen  hervorragenden  Platz  unter  den  karolingischen 
Dichtern. 

Diese  bestimmte  und  einfache  Ausdrucksweise  ist  ein  Spiegel- 
bild seines  bescheidenen,  ehrlichen,  aber  bestimmten  Charakters,  der 
nicht  schmeicheln  und  seine  Anschauung  nicht  von  heut  auf  morgen 
ändern  kann.  Lange  dauerte  es,  bis  er  in  die  Loblieder  einstimmte, 
welche  die  andern  Dichter  am  Hofe  auf  Karl  sangen,  und  auch  dann 
noch,  als  auch  er  diese  Persönlichkeit  bewunderte  und  verehrte,  blieb 
er  stets  erfüllt  von  der  Liebe  zu  seinem  Vaterland.  In  der  Grab- 
schrift für  Arichis  kommt  nicht  bloß  der  Freund,  sondern  auch  der 
Langobarde  zum  Wort  und  mit  Begeisterung  entwirft  er  ein  Lebens- 
bild von  dem  Mann,  mit  dem  die  große  Zeit  der  Langobarden  zu 
Grabe  ging.  Und  wenn  wir  sehen,  wie  Paulus  den  Rest  seines  Lebens 
dazu  verwendet  um  die  Geschichte  seines  Volkes  zu  schreiben,  und 
uns  dabei  an  die  Zeit  zurückerinnern,  wo  er  am  Hof  in  Pavia  tätig 
war,  so  ist  es,  als  ob  er  mit  dieser  letzten  Arbeit,  an  deren  Voll- 
endung ihn  der  Tod  hinderte,  uns  sagen  wollte:  'Mein  Leben  gehörte 
meinem  Vaterland.'  Er  wurde,  wie  Hildrich  mit  Recht  in  seiner  Grab- 
schrift XXXVI  V.  15  sagt,  ob  decus  et  lumen  patriae  zum  Ruhm  seines 
Volkes  einst  am  Hof  in  Pavia  erzogen. 


Lugentum  lacrimis  populorum  roscida  tellus 
Principis  haec  magni  nobile  corpus  habet. 

Hie  namque  in  cunctis  recubat  celeberrimus  heros, 
Praepollens  Arichis,  o  decus  atque  dolor! 

Tullius  ore  potens  cuius  vix  pangere  laudes, 
Ut  dignum  est,  posset  vel  tua  lingua,  Maro. 


Voraus  geht:  Nunc  que  a  diacono  Paulo,  elegant!  viro,  prolata  sunt,  minima 
omittamus,  sed  huic  ystorie  enucleatim  inserere  faciam  C. 
1  lugenti  C    |1    3  recubans  C    \\    4  o]  ho  C. 


1 — 4  lacrimis  populorum  roscida 
tellus  vgl.  X  V.  1 .  —  celeberrimus  heros 
vgl.  Verg.  Aen.  VI  169, 192;  Poet.  178  v.  1 ; 
94  V.  1 ;  353  v.  5;  367  v.  63.  —  o  decus 
atque  dolor  vgl.  XXVI  v.  24. 

5 — 7  erinnert  an  XIX  v.  16  und  17: 


cuius  vix  palmas  et  odoras  pandere 
lauros  Minciades  poterat  seu  Zmyrnae 
rure  creatus.  —  ut  dignum  est  XXXII 
V.  10.  —  stirpe  ducum  regumque  satus 
vgl.  Poet.  II  649  V.3  stirpe  satus  regum. 


Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4. 


10 


146 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


15 


Stirpe  ducum  regumque  satus  ascenderat  ipse 

Nobilior  generis  culmina  celsa  sui. 
Formosus,  validus,  suavis,  moderatus  et  acer, 

Facundus,  sapiens,  luxque  decorque  fuit. 
Quod  logos  et  phisis,  moderansque  quod  ethica  pangit, 

Omnia  condiderat  mentis  in  arce  suae, 
Strenuus  eloquii,  divini  cultor  et  index, 

Pervigil  in  lacrimis  tempora  noctis  agens. 
Anteibat  iuvenes  venatu,  viribus,  armis; 

Flaminibusque  ipsis  famina  sancta  dabat. 


7   satis   C    I    asenderat   C    |i    8  suis   C 
15  iuvenis  C    \\    16  flamina  aus  famina  corr.  C. 


9  suabis  C    \\    13  eloqui  C 


10 — 11  facundus  sapiens  vgl.  Poet.  II 
661  V.  20.  —  luxque  decorque  vgl.  IV^ 
V.  20.  —  quod  logos  et  phisis,  mode- 
ransque quod  ethica  pangit:  Arichis, 
den  Paulus  für  einen  der  gebildetsten 
Fürsten  seiner  Zeit  hält  (vgl.  III  5,  IV^ 
V.  16),  besitzt  demnach  auch  Kenntnisse 
in  der  Philosophie,  die  Alcvin  (de  dia- 
lectica  I  p.  952  bei  Migne  Patrol.  lat. 
tom.  CI.  2)  in  Physik,  Ethik  und  Logik 
gliedert.  In  dem  karolingischen  Lehr- 
plan gehört  sie  zum  Trivium  und  zwar 
zur  Dialektik. 

12 — 14  mentis  in  arce  vgl.  Theo- 
dulf  Poet.  1  485  v.  90  ingenuasque  artes 
mentis  in  arce  locat;  ähnliche  Bilder 
finden  sich  Poet.  I  458  v.  263  corporis 
arx  Caput  est,  animae  mens;  446  v.  70, 
463  v.  8,  508  v.  592;  Ale.  Poet.  I  302  v.  6; 
303  v.  10;  Theodulf  spricht  auch  465 
V.  12,  487  v.  152  von  arx  cordis  und 
488  V.  182  von  arx  frontis;  vgl.  auch 
Petrus  XVII  v.  33  mentis  in  horto;  XXI 
v.  13  mentis  sepuldirum  (frons).  — 
strenuus  eloquii:  ein  gewandter  Redner; 
vgL  Hibern.  ex.  Poet.  I  408  v.  10—12;  hier 
wird  als  Folge  des  Studiums  der  Gram- 
matik angegeben: 
Diceris  doctor,  recti  sermonis  amator, 
Eloquiiquepotens,  rusticitate  carens.  — 
divini  cultor  et  index  vgl.  IV^  v.  IS  pie- 
tatis  cultor  et  index. 


15 — 16  anteibat  iuvenes  venatu 
viribus  armis:  Das  überlieferte  iuvenis 
(Singular)  ist  nicht  annehmbar;  denn 
es  wäre  unpassend  zu  sagen,  als  jun- 
ger Mann  nur  habe  er  etwas  leisten 
können;  dann  erwartet  man  ein  Objekt, 
vgl.  Poet.  II 650  V.  27  anteibat  cunctos.  Ari- 
chis übertraf  die  jungen  Leute  durch  seine 
Tüchtigkeit  als  Jäger,  durch  seine  Stärke 
und  durch  seine  Kriegstaten,  vgl.  XXXVI 
V.  10;  Poet.  II 660  v.  1 1  hie  aemulos  omnes 
superabat  viribus,  armis.  Ein  Vergleich 
unseres  Epitaphs  mit  späteren,  besonders 
auf  Langobarden  bezüglichen  zeigt  deut- 
lich, daß  es  als  Vorbild  benützt  wurde, 
z.  B.  Poet.  II  660  Epitaphium  Ursi.  — 
flaminibusque  ipsis  famina  sancta  da- 
bat: Er  traf  auch  Anordnungen,  die  sich 
auf  gottesdienstliche  Verhältnissebezogen; 
beachte  auch  das  Wortspiel,  ähnlich  wie 
V.  22  promtus  amore  mori.  Paulus  mag 
wohl  durch  das  von  ihm  in  seiner  Hist. 
Lang.  III  19  überlieferte  Epitaph  des 
Drokton  zu  solchen  Wortspielen  ver- 
anlaßt worden  sein,  vgl.  v.  3  u.  4:  nam 
gente  Suavus;  Omnibus  et  populis  inde 
suavis  erat;  vgl.  XXXII  v.  13  quodque 
sacro  nuper  mandasti  famine  condi,  wo 
es  sich  auch  um  eine  gottesdienstliche 
Anordnung  Karls  handelt;  Poet.  I  61  v.43 
Petrus  dat  famina  plebi. 


Auf  das  Grab  des  Arichis. 


147 


Ter  binis  lustris  patriae  sie  rexit  habenas, 

Fluctibus  ut  untrem  navita  doctus  agit. 
Solliciteque  gravem  pacis  servavit  amator, 
20         Consilio  cautus,  providus  atque  sagax. 

Cum  natis  proprium  nil  ducens  tradere  censum, 

Insuper  et  patriae  promtus  amore  mori. 
Maestorum  solamen  erat,  solamen  egentum, 

Hos  satagens  verbis,  hos  relevare  manu. 
25    Ornasti  patriam  doctrinis,  moenibus,  aulis. 

Hinc  in  perpetuum  laus  tua  semper  erit. 


17  luxtris  C  II  19  gravem  scripsi,  solliciteq;  gue  C,  sollicite  gratiam  Dümm- 
ler,  ratem  Traube  \\  23  mestorum  aus  mestrorum  corr.  C  \\  25  aulis  Pertz,  altis 
Muratorius,  oculis  aus  culis  corr.  C    ||    26  imperpetuum  C. 


17 — 20  ter  binis  lustris  patriae  sie 
rexit  habenas:  Arichis  regierte  758  bis 
787;  vgl.  Fort.  IV  4  v.  19  ita  rexit  ha- 
benas, gleicher  Versschluß  Poet.  1  180 
V.500,  182  V.566.  —  Die  Lesart  Dümmlers 
sollicite  gratiam  ist  aus  metrischen  Grün- 
den nicht  anzunehmen,  gegen  die  von 
Traube  (Neues  Archiv  XVII  400)  vor- 
geschlagene spricht  nur  die  unmittel- 
bare Aufeinanderfolge  der  gleichbe- 
deutenden Begriffe  ratem  Untrem;  gra- 
vem (sc.  Untrem  oder  patriam):  Ari- 
chis hatte  viele  politische  Schwierig- 
keiten zu  überwinden.  Eine  Umstel- 
lung der  Verse  (17,  20,  19,  18)  vorzu- 
nehmen dafür  gibt  es  keine  zwingen- 
den Gründe:  „6  Lustren  regierte  er  sein 
Reich,  wie  der  kundige  Steuermann  sein 
Schiff  lenkt.  Ängstlich  besorgt  bewahrte 
er,  der  friedliebende  Fürst,  das  schwer- 
belastete Staatsschiff,  vorsichtig  in  seinen 
Entschlüssen,  behutsam  und  schlau."  — 
pacis  amator  vgl.  Hist.  Lang.  VI  cap.  58; 
das  Epitaph  des  Constans  Poet.  I  79  v.  3. 
Die  in  diesem  zum  Vorbild  dienenden 
Epitaph  vorkommenden  Wortspiele  er- 
innern auch  an  Stellen  (v.  16,  22,  46)  im 
vorliegenden: 

4  Invictus  bello,   non  fictae  pacis 

amator, 
Co  nf  ix  US  plagis ,    victor   ubique 

tamen.  — 


21  cum  natis  proprium  censum: 
Mit  diesem  Vers  gibt  Paulus  den  Be- 
weis, daß  Arichis  für  das  Wohl  seines 
Landes  besorgt  war  und  den  Frieden 
erhalten  woHte.  Als  Karl  im  Jahre  787 
nach  Italien  zog  um  Arichis  zur  An- 
erkennung seiner  Oberhoheit  zu  zwingen, 
da  erbot  er  sich  seine  Söhne  Romuald 
und  Grimoald  als  Geiseln  zu  stellen, 
auch  soll  er  Geschenke,  Geld,  sogar 
seinen  eigenen  Schatz  überschickt  haben 
(Abel  I  563,  565  Anm.).  Hier  will  der 
Dichter  sagen:  „Um  seinem  Lande  das 
Unheil  abzuwehren  opfert  er  selbst  Kin- 
der und  Vermögen." 

23 — 25  maestorum  solamen  erat 
vgl.  Vorbem.  zu  IX;  Poet.  II  657  v.  9 
affUctis  solamen  erat,  tutamen  egen- 
tum. —  ornasti  patriam:  Arichis  und 
seine  Gemahlin  Adelperga  waren  hoch- 
gebildet und  sorgten  auch  in  ihrem 
Reich  für  Ausbreitung  der  Bildung.  Sa- 
lerno  und  Benevent  erhielten  Paläste 
und  Kirchen.  Salerno  hatte  Arichis 
besonders  gut  befestigen  lassen  (Abel 
I  561). 

26 — 28  in  perpetuum  semper  ein 
beliebter  Pleonasmus.  —  tu  requiesque 
tuis  vgl.  IVi  V.  27;  Poet.  1 422  v.  3;  II  660 
V.  13—14;  Stat.  Silv.  II  1,  70  requies 
portusque.  —  deliciae,  tu  generalis  amor 
vgl.  Suet.  Tit.  1  amor  ac  deliciae  generis 

10* 


148 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Tu  requiesque  tuis  portusque  salusque  fuisti, 

Gloria,  deliciae,  tu  generalis  amor! 
Heu  mihi,  quam  subito  perierunt  omnia  tecum 
30         Gaudia,  prosperitas  paxque  quiesque  simul. 
Planctus  ubique  sonat,  te  luget  sexus  et  aetas 

Omnis  et  ante  omnes  tu,  Benevente,  doles. 
Nee  minus  excelsis  nuper  quae  condita  muris, 

Structorem,  orba,  tuum,  clara  Salerne,  gemis. 
35    Apulus  et  Calaber,  Vulgär,  Campanus  et  Umber, 

Quosque  Siler  potat  Romuleusque  Tibris, 
Quique  bibunt  Ararim  te  flent  Histrumque  Padumque, 

Exter  et  adfinis  seu  peregrina  falanx. 
Tam  felix  olim,  nunc  namque  miserrima  coniux, 
40         Regali  in  thalamo  quam  tibi  iunxit  amor, 
Eheu,  perpetuo  pectus  transfixa  mucrone, 

Languida  membra  trahens,  te  moribunda  dolet. 


27  iure  quiesq;  nach  iure  eine  durch  Rasur  entstandene  Lücke  C  \\  29  he 
C  II  31  subitoque  C  \\  34  orbe  C  \\  35  Umber]  daneben  von  anderer  Hand 
vel  afer  C  i|  36  quo  usque  C  \\  37  histruque  C  \\  38  exter  scripsi,  extim;  C, 
extimus  Dümmler    \    falans  C    \\    42  temp.oribunda  C    |    dolore  C. 


humani;    XXII  v.  54    deliciae    populi, 
summus  et  orbis  amor. 

29 — 31  heu  mihi  vgl.  X  v.  13  hei 
mihi.  —  quam  subito  perierunt  vgl.  Poet. 
I  112  V.  15 — 16  vae  cui  cum  genito  tot 
periere  bona.  —  planctus  ubique  sonat 
X  V.  16.  —  sexus  et  aetas  omnis  vgl. 
Nason.  Poet.  I  386  v.  41 ;  Theod.  Poet.  I 
498  V.  164. 

34 — 38  structorem  tuum  gemis  vgl. 
IVI  V.  12.  —  Vulgär:  Hist.  Lang.  V  29 
spricht  Paulus  von  der  Einwanderung  der 
Bulgaren  in  Italien:  qui  usque  hodie  in 
his  locis  habitantes.  —  Romuleusque 
Tibris  vgl.  IV^  v.  1  Anm.  —  quique  bi- 
bunt Ararim  =  die  Anwohner  der  Sa- 
one,  vgl.  Verg.  Ecl.  I  v.  62  aut  Ararim 
Parthus  bibet;  Aen.  VII  715  qui  Tiberim 
.  .  .  bibunt;  Poet.  I  103  v.  8  quique  bi- 
bunt Renum.  —   exter  et  adfinis  seu 


peregrina  falanx:  Ferne  und  nahe  Woh- 
nende betrauern  ihn  und  auch  solche, 
die  als  Pilger  vorüberziehn,  vgl.  Poet. 
I  104  V.  15  hanc  flevit  civis,  luxit  pere- 
grinus  et  exter;  falanx:  VI  v.  147,  Poet. 
I  83  V.  1  sancta  phalanx;  XIV  27  Sa- 
cra et  venerabilis  phalanx;  dafür  auch 
cohors:  XXVI  v.  26  plangit  Hibera  co- 
hors;  Poet.  I  428  v.  69  sancta  cohors 
fratrum. 

39 — 42  nunc  namque  miserrima 
coniux:  namque  steht  hier  adversativ, 
vgl.  Bern,  zu  IV^  v.  12.  —  regali  in  tha- 
lamo quam  tibi  iunxit  vgl.  IX  v.  12  tha- 
lamis  sibi  pectora  vinxit.  —  pectus 
transfixa  mucrone  vgl.  Anm.  zu  XXVIII 
V.  6.  —  languida  membra  Ov.  Ep.  XX 
156;  Eugen.  Tolet.  p.  242  v.  2  languida 
membra  traho. 


Auf  das  Grab  des  Arichis. 


149 


45 


50 


Viderat  unius  haec  nuper  funera  nati, 

Ast  alium  extorrem,  Gallia  dura,  tenes. 
Huic  geminae  natae  vernanti  flore  supersunt, 

Solamenque  mali  sollicitusque  timor. 
Has  cernens  reddi  vultus  sibi  credit  amatos; 

Hae  ne  praeda  fiant,  fluctuabunda  pavet. 
Solatur  tantos  spes  haec  utcumque  dolores, 

Quod  te  pro  meritis  nunc  paradysus  habet. 
O  regina  potens,  virgo  genitrixque  creantis, 

Prosit  ei  huc  sacro  membra  dedisse  lari. 


43  haec  scripsl,  henuper  C,  heu  nuper  Dümmler  \\  47  amatus  C  ||  48  hen 
epda  C  il  50  pro]  p  C  ||  52  darauf  folgt  in  C:  Vixit  autem  quinquaginta  tres 
annos;  obiit  VII  Kai.  Septembris  anno  ab  incarnatione  domini  DCCLXXXVII  in- 
dictione  Villi.  Ex  domina  Adelperga  principissa  filios  Romoald  Grimoald  et  Gisifum, 
Theoderadam  et  Adelchisam. 


43 — 45  viderat  unius  haec  nuper 
funera  nati  vgl.  das  Epitaph  des  Romuald 
(Poet.  I  111)  und  die  Vorbem.  zu  XXXV. 
—  Für  das  handschriftliche  he  nicht  heu, 
sondern  haec  zu  setzen  veranlaßte  mich 
das  kurz  vorher  stehende  eheu.  —  ast 
alium  extorrem,  Gallia  dura,  tenes:  Über 
Grimoald  vgl.  Vorbem.  und  das  Epitaph 
Poet.  I  430.  —  Gallia  dura,  weil  er  dort 
bleiben  mußte  trotz  der  eindringlichsten 
Bitten  der  Beneventaner.  —  geminae 
natae:  Theoderada  und  Adeichisa. 

46 — 50  solamenque  mali  Verg.  Aen. 
III  661,    beachte    auch    die   Alliteration. 


Die  Töchter  sind  ihr  in  ihrem  Jammer 
ein  Trost;  denn  bei  ihrem  Anblick  glaubt 
sie  die  Züge  ihres  Gatten  wieder  zu  er- 
kennen, sie  sind  ihr  aber  zugleich  eine  be- 
ängstigende Sorge;  denn  sie  fürchtet  sie 
auch  verlieren  zu  müssen.  —  solatur 
tantos  spes  haec  vgl.  den  Schluß  von 
XXVI.  —  quod  te  paradysus  habet  vgl. 
Fort.  II  16  V.  16,  IV  17  v.  12;  Poet.  I  432 
V.  14;  II  661  V.  31  u.  v.  2.  —  o  regina 
potens  ein  häufiger  Versanfang  Fort.  VIII 
8  V.  1 ;  Theodulf  Poet.  I  522  v.  1 ;  Hra- 
banu5  Poet.  II  168  v.  1. 


XXXVI. 

Auf  das  Grab  des  Paulus  Diaconus. 

Dieses  Epitaph  bildet  als  Akrostichon  den  Hexameter  Paulas 
laevita  doctor  praeclaras  et  insons.  In  der  Einleitung  gibt  der  Dichter 
den  Zweck  der  Grabschrift  an  (1 — 8),  spricht  dann  von  der  Herkunft 
des  Paulus  (9 — 13),  von  seiner  Erziehung  am  könighchen  Hof  (14 — 19), 
von  seinem  segensreichen  Wirken  im  Frankenland  (20 — 22)  und  von 
seinem  Aufenthalt  in  Montecassino  (23 — 31).  Eine  Aufzählung  seiner 
Tugenden  und  der  Wunsch,  Paulus  möge  dieses  Gedicht  gütig  auf- 
nehmen und  Fürbitte  für  ihn  einlegen,  bilden  den  Abschluß  (32 — 41). 

Nach  V.  39  ist  ein  Hildrich  der  Verfasser;  der  Beisatz  taas  und 
die  Anrede  amande  pater  deuten  auf  ein  näheres  Verhältnis  zu  Paulus 
hin,  das  durch  die  Worte  doctor  praeclaras  des  Akrostichons  als  noch 
weiter  bestimmt  erscheinen  könnte. 

Eine  weitere  Überlieferung  fehlt.  Wenn  Petrus  Diaconus  in 
seinem  Werke  de  viris  illastribas  Casinensibas  cap.  IX  zu  berichten 
weiß:  Hildericas  elasdem.  Pauli  diaconi  auditor  de  origine  praecep- 
torls  sui,  vita,  institutione,  doctrina,  religione,  habitu  lacidissimos 
versus  composuit,  so  kann  das  nur  aus  dem  Epitaph  selbst  heraus- 
gelesen sein  und  ist  nicht  mehr  und  nichts  anderes,  als  wir  ihm  selbst 
entnehmen  dürfen.  Unannehmbar  erscheint  mir  die  Andeutung  Blochs 
(Neues  Archiv  XXV  833),  Petrus  Diakonus  könne  die  Verse,  auf  die 
er  sich  bezieht,  auch  erfunden  haben. 

Die  einzige  Handschrift  (M),  die  sie  überliefert,  ist  der  bekannte 
Cassinensis  175,  der  zu  Kapua  geschrieben  wurde  (vgl.  Traube,  Text- 
geschichte der  Regula  S.  B.  S.  39  und  108).  Hier  ist  das  Gedicht 
zwar  p.  579  ff.  erst  nachträglich  eingeschaltet  worden,  aber  von  einer 
Hand  des  beginnenden  11.  Jahrhunderts,  also  lange  vor  der  Zeit  des 
Petrus.  Damit  schwindet  jeder  Grund  die  Echtheit  anzuzweifeln. 
Auch  dem  Chronisten  von  Salerno  gebührt  Glaube,  wenn  er  cap.  37 


Auf  das  Grab  des  Paulus  Diaconus.  151 

sagt:  in  praedicto  monasterio  .  .  ,  ,abi  ipse  beatus  Benedict us  de- 
cubuit,  (Paulus  diac.)  digno  tumulo  est  humatus;  atque  saper  eins 
tiimulum  partim  qaae  in  hoc  mundo  gessit,  partim  de  eius  pruden- 
tiis,  quove  temporibas  (sie)  perdarasset,  sacris  litteris  exaratum 
invenimus.  Der  Chronist  und  der  Schreiber  des  Cassinensis  haben 
den  Grabstein  vor  Augen  gehabt. 

Nun  steckt  in  der  Handschrift  Montecassino  299  saec.  IX  unter 
dem  Titel  Ars  Hilderici  magistri  eraditissimi  viri  eine  noch  nicht 
herausgegebene  lateinische  Grammatik.  Man  hat  mit  einiger  Wahr- 
scheinlichkeit angenommen,  daß  der  Grammatiker  Hildrich  und  der 
Epitaphist  identisch  sind.  Die  Zeit  ist  passend,  auch  können  wir  uns 
einen  der  Schüler  des  Paulus  gut  als  Grammatiker  vorstellen.  Ob 
aber  der  Hildrich,  der  im  Jahre  834  siebzehn  Tage  Abt  war  (SS. 
Langob.  489,  18)  dem  Dichter  und  Grammatiker  (oder  wem  von 
beiden)  gleich  zu  setzen  ist,  kann  nicht  entschieden  werden,  obgleich 
auch  hier  wieder  die  Chronologie  nicht  dagegen  ist.  Sicherlich  gehört 
der  Hildrich,  von  dem  der  Anonymus  Salernitanus  (SS.  III  534)  sagt, 
er  habe  in  Benevent  inter  triginta  philosophos  gelebt  non  solum 
liberalibus  disciplinis  apprime  imbatas,  sed  etiam  proba  virtate  deditas 
nicht  hieher.  Die  Untersuchung  seiner  Verse,  die  der  Anonymus 
überliefert,  weist  in  keiner  Hinsicht  auf  den  Verfasser  der  Grabschrift. 
Auch  zeitlich  liegt  er  ferner  (876). 

In  dem  Nekrologium  von  Montecassino,  das  die  dortige  Hand- 
schrift 47  enthält  und  das,  wie  Bethmann  (Archiv  X  249)  annimmt, 
zwischen  1159  und  1181  aus  einer  älteren  Vorlage  abgeschrieben  wurde, 
heißt  es:  Eidus  Aprilis  obiit  venerande  memoriae  domnus  Paulus 
diaconus  et  monachus  . . .  Giso  sacerdos  et  abbas.  Da  die  rot  ge- 
schriebenen Worte  venerande  memoriae  in  der  Cassineser  Handschrift, 
wie  Bethmann  S.  250  bemerkt,  öfter  von  unserem  Paulus  gebraucht 
werden,  so  erfahren  wir  hier,  daß  er  vor  Giso  starb,  dessen  Todes- 
jahr 816  ist.  Die  Vermutung  Mabillons,  daß  Paulus  Diaconus  im 
Jahre  799  gestorben  sei,  läßt  sich  ebensowenig  beweisen,  wie  die 
Bethmanns,  der  797  annimmt. 

Ober  den  historischen  Wert  dieser  Grabschrift  sind  die  Meinungen 
sehr  geteilt.  Dahn  (S.  9)  und  Hauck  (Kirchengeschichte  Deutschlands 
2.  Aufl.  I  159)  sprechen  ihr  alle  Bedeutung  ab.  Waitz,  Dümm- 
1er,  E.  Calligaris  (Arch.  stör.  lomb.  Ser.  3  XII,  54  ff.)  und  Traube, 
(Textgeschichte  S.  111)  sehen  in  ihr  eine  zuverlässige  Quelle  und 
meine  Untersuchungen  bestätigten  ihre  Anschauung.  Wenn  man  als 
Hauptbeweis  für  ihre  Wertlosigkeit  anführt,  daß  sie  sogar   über  die 


152  ^^^^  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

spätesten  und  für  das  Kloster  wichtigsten  Ereignisse  aus  dem  Leben 
des  Paulus  Diaconus  falsch  oder  gar  nicht  unterrichtet  ist,  so  hat  man 
nicht  in  Betracht  gezogen,  daß  Hildrichs  Absicht  gar  nicht  war  ein 
vollständiges  Lebensbild  seines  Lehrers  zu  entwerfen,  sondern  daß  er 
V.  7.  deutlich  sagt,  er  wolle  seine  Ruhmestaten  nur  in  ganz  großen 
Zügen  zur  Darstellung  bringen  (summatim  almlficos  actus  laudis 
reserare  canendo).  Dazu  kommt  noch  die  Gebundenheit  durch 
das  Akrostichon.  Demnach  erscheint  es  nicht  auffallend,  wenn  der 
Aufenthalt  in  Benevent  nicht  erwähnt  wird,  noch  weniger  aber,  wenn 
er  der  Zeit  nicht  gedenkt,  wo  Paulus  zum  ersten  Male  sich  in  Monte- 
cassino  aufhielt.  Wissen  wir  ja  doch  aus  des  Paulus  eigenen  Gedichten, 
daß  er  sich  damals  mit  seinem  Leben  in  der  Abgeschiedenheit  des 
Klosters  gar  nicht  befreunden  konnte  (vgl.  Gedicht  VIII). 

Es  kann  aber  auch  nicht  behauptet  werden,  daß  die  Grabschrift 
falsche  Angaben  enthielte.  Meine  Bemerkungen  über  die  Lebens- 
verhältnisse des  Paulus  stellte  ich  zusammen,  nur  auf  die  Andeutungen 
in  den  Gedichten  gestützt,  und  als  ich  mir,  soweit  dies  auf  einer 
solchen  Grundlage  möglich  war,  ein  Bild  von  seinem  Leben  gemacht 
hatte,  erst  dann  untersuchte  ich  diese  Grabschrift  und  fand  darin 
nicht  den  geringsten  Widerspruch. 

Haben  wir  also  hier  ein  wichtiges  historisches  Dokument,  das  um 
so  mehr  Bedeutung  hat,  da  über  das  Leben  des  Paulus  so  wenig 
überliefert  ist,  so  enthält  die  Vita  von  Petrus  Diaconus  (de  viris  illu- 
stribus  Casinensibus  cap.  IX),  manche  Mißverständnisse  und  Unrichtig- 
keiten. Wenn  ich  sie  hier  anfügte,  so  wollte  ich  zeigen,  welches  Bild 
man  sich  drei  Jahrhunderte  später  von  Paulus  Diaconus  entwarf,  und 
dabei  auch  zu  einem  Vergleich  mit  den  Bemerkungen  anregen,  die 
ich  bei  der  Behandlung  seiner  Gedichte  machte.  Die  in  Klammern 
beigesetzten  römischen  Zahlen  beziehen  sich  auf  meine  Ausgabe: 
Paulas  Aquileiensis  patriarchii  diaconus  regisque  DesiderU  notarius 
sab  Theodemario  abbate  (XIV)  ad  Casinum  perveniens  monasticum- 
que  Schema  susciplens  sanctitate,  gravitate  suo  tempore  singularis, 
philosophia  quoque  a  pueritia  eruditus  composuit  in  laudem  bea- 
tissimi  Benedict i  versus  elegiaco  metro  digestos  (VI),  hymnos  quo- 
que sancti  Johannis  baptiste  (kann  Paulus  nicht  zugeschrieben  wer- 
den) sanctique  Benedicti  (VII):  versus  ad  Carolum  imperatorem 
(XI;  XIII;  XVIII;  XXII;  XXXII),  ad  Arichis  Beneventanum  princi- 
pem  (IV)  sanctique  Fortunati  episcopi  vitam  eleganter  descrlpsit 
{XXIX);  homilias  quoque  quinquaginta,  sancti  pontificis  Gregorii 
vitam;  in  Regulam  sancti  Benedicti  exposltionem;  ac  de  ingressu  Lango- 


Auf  das  Grab  des  Paulus  Diaconus. 


153 


bardomm  in  Italiam,  origine  regnoqae  eorum  historiam  valde  lu- 
culentam  edidit.  In  historia  autem  Eutropil  quam  plurima  adiunxit. 
Universas  etiam  lectiuncalas  a  principlo  mundi  usque  ad  suam  ae- 
tatem  cum  annali  computo  rhythmlce  (II)  composait.  Fuit  autem 
temporibus  Caroll  imperatoris.  Sepultus  est  in  eodem  coenobio 
iuxta  ecclesiam  sancti  Benedicti  ante  capitulum. 


10 


Perspicua  darum  nimium  cum  fama  per  aevum, 

Astra  simul  iunctum  pangant  te  coetibus  almis, 

Veridicos,  laevita,  tuos  quis,  summe,  triumphos 

Lucifluis,  Paule,  poterit  depromere  dictis? 

Ut  tua  sed  lector  properans  huc  noscat  et  hospes 

Sacrata  tumulo  requiescere  membra  sub  isto, 

Laudis,  amande,  tuae  summatim  carmine  digno 

Almificos  actus  dignum  est  reserare  canendo. 

Eximio  dudum  Bardorum  stemmate  gentis, 

Viribus  atque  armis  quae  tunc  opibusque  per  orbem 

Insignis  fuerat,  sumpsisti  generis  ortum. 

Tam  digna  et  postquam,  nitidos  ubi  saepe  Timavus 

Amnis  habet  cursus,  genitus  tu  prole  fuisti, 


Epytaphyum  pauli  diaconi  M  p.  579. 

2  c^tibus  (audi  sonst  ^  für  oe)  M  \\  7  amande  aus  amade  corr.  M  \\ 
12  digna  est  M,  est  von  Dümmler  weggelassen,  ast  Traube,  et  scripsi  \  sepe  M 
(manchmal  e  für  q)    \   timabus  M. 


1 — 2>  perspicua  (ä)  fama  . .  per  aevum 
bezieht  sich  auf  den  irdischen  Ruhm,  astra 
simul  etc.  auf  die  himmHschen  Ehren.  — 
laevita  =  diaconus:  So  nennt  ihn  auch 
Johannes  von  Neapel  c.  872.  —  trium- 
phos nach  dem  Gedicht  des  Paulus  auf 
den  heiligen  Benedikt  (VI  1). 

5  vgl.  Poet.  II  659  v.  1  quisquis  ad 
hunctumulumproperasconcivis  et  hospes. 

9 — 11  „Du  leitest  Deine  Herkunft  aus 
einem  schon  vor  Zeiten  hervorragenden 
Geschlechte  des  Volkes  der  Barden  ab." 
Der  Dichter  will  also  nicht  bloß  die 
Nationalität  des  Paulus  angeben,  wie 
Dahn    (S.  5)    meint,    sondern    sein   Ge- 


schlecht. Der  Relativsatz  quae  —  fuerat 
rühmt  erst  das  langobardische  Volk  und 
eximio  bezieht  sich  nur  auf  das  Ge- 
schlecht, was  auch  v.  12  tam  digna  prole 
=  „aus  einem  so  edlen  Geschlechte,  wie 
ich  sagte"  beweist.  —  generis  ortum: 
Gewöhnlich  tritt  germinis  dafür  ein. 

12  ubi  saepe  Timavus  amnis  habet 
cursus:  Der  Timavus  (j.  Timavo)  fließt 
zwischen  Aquileja  und  Triest  in  Istrien 
und  ergießt  sich  in  neun  Mündungen 
ins  Meer,  vgl.  Paulin.  Poet.  I  131  v.  1 
Timavi  novem  flumina :  Verg.  Aen.  1 244  ff. 
fontem  Timavi,  unde  per  ora  novem  . . . 
it  mare. 


154 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


15 


Divino  instinctu  regalis  protinus  aula 
Ob  decus  et  lumen  patriae  te  sumpsit  alendum. 
Cum  tua  post  ibidem  populis  et  regibus  altis 
Tunc  placida  cunctis  vita  studiumque  maneret, 


16  ibidem  Bethmann,  tibidem  M,   cum  quae  turbida  post  Traube,  cum  tibi 
post  trepida  De  Santi,  cum  cita  post  ibidem  Winterfeld. 


14  divino  instinctu  regalis  protinus 
aula  te  sumpsit  alendum:  protinus  weist 
darauf  hin,  daß  Paulus  in  seiner  frühesten 
Jugend  an  den  langobardischen  Hof  kam. 
Das  geschah  aber  nicht,  wie  allgemein 
angenommen  wird,  unter  der  kurzen  Re- 
gierungszeit des  Königs  Ratchis  (744  bis 
749).  Unter  ihm  war  er  bereits  in  einem 
Alter,  daß  er  an  Hoffestlichkeiten  teil- 
nehmen durfte,  wie  Paulus  in  seiner  Hist. 
Lang.  II  cap.  28  selbst  erzählt:  ego  hoc 
poculum  vidi  in  quodam  die  festo  Rat- 
chis principem,  ut  illud  convivis  osten- 
taret,  manu  tenentem  (vgl.  Bem.  zu  XIII, 
12).  Daß  Hildrich  unter  aula  regalis 
nicht  den  Hof  des  Ratchis  meint,  ent- 
nehme ich  auch  daraus,  daß  dieser  erst 
V.  19  genannt  wird,  nachdem  der  Dichter 
mit  V.  16  einen  neuen  Lebensabschnitt, 
den  er  durch  cum  andeutet,  vgl.  v.  20  u.  23, 
begonnen  hatte.  —  oh  decus  et  lumen 
patriae:  oh  hat  hier,  wie  v.  25,  finalen 
Sinn,  vgl.  Angilb.  Poet.  I  361  v.  20  ad 
decus  ad  laudem,  Poet.  II  660  v.  4  quem 
palatina  domus  nutrit  ad  omne  decus. 
Vgl.  auch  die  Anmerkung  zu  XIII  6. 
Am  Hofe  war  Flavianus  sein  Lehrer, 
dessen  Onkel  Felix  vom  langobar- 
dischen König  Kunipert  als  Anerken- 
nung für  seine  Lehrtätigkeit  einen  mit 
Gold  und  Silber  verzierten  —  Stock 
unter  anderem  zum  Geschenk  erhieh 
(Hist.  Lang.  VI  7).  Diese  von  Paulus 
selbst  gemachte  Bemerkung  ist  abgesehen 
von  der  eigentümlichen  Art  des  Ge- 
schenkes auch  insofern  interessant,  als 
sie    beweist,    daß    die   langobardischen 


Könige  dem  Unterrichtswesen  besondere 
Aufmerksamkeit  schenkten. 

16 — 17  Das  von  Bethmann  vorge- 
schlagene ihidem  findet  sich  in  dieser 
Quantität  Poet.  I  95  v.  22:  annua  tunc 
ihidem  celebrans  solemnia  paschae.  — 
Traube  faßte  post  und  tunc  als  Gegen- 
sätze: „Damals  war  das  Lehen  ruhig, 
später  stürmisch."  Dieser  Auffassung 
schlössen  sich  dann  De  Santi  (Civiltä 
Cattolica  quad.  16  die.  1899  p.  662—663) 
und  Winterfeld  (Gott.  gel.  Anz.  1899  S.  894) 
bei  ihren  Konjekturen  an.  Der  Vorschlag 
Winterfelds  verdient  den  Vorzug,  da  er 
den  Gedanken  Traubes  wiedergibt  ohne 
dabei  von  der  sonst  guten  Überlieferung 
stark  abzuweichen.  In  dem  Bestreben 
diese  noch  weniger  zu  ändern  fasse  ich 
cum  post  als  ähnliche  Fortführung  der 
Darstellung  wie  v.  12  postquam  (vgl.  auch 
Anh.  VI  V.  63  cum  post  viderat),  das  fol- 
gende tunc  bedeutet  „in  jener  Zeit"  und 
ist  trotz  des  vorausgehenden  post  nicht 
auffällig,  wenn  man  v.  23  betrachtet:  cum 
exin  iam  und  v.  30,  wo  auf  mox  noch 
tum  folgt.  Demnach  erkläre  ich  die  Stelle: 
Als  später  (nach  Deiner  Erziehung)  dort- 
seihst (am  Hofe)  Dein  Lehen  und  Strehen 
damals  im  Dienste  aller,  des  Volkes  und 
der  erhabenen  Könige,  friedlidien  Din- 
gen, niditJagd  und  Krieg,  wie  hei  den  an- 
dern, gewidmet  war,  da  begannst  Du  Didi 
der  Theologie  zu  widmen.  —  populis 
ist  nicht  im  politischen  Sinn  zu  fassen  und 
bedeutet  soviel  wie  cives  vgl.  Ale.  Poet. 
I  184  V.  667  populis  et  rege  coactus. 


Auf  das  Grab  des  Paulus  Diaconus. 


155 


20 


25 


Omnia  sophiae  coepisti  culmina  sacrae 
Rege  monente  pio  Ratchis  penetrare  decenter. 
Plurima  captasses  digne  cum  dogmata  cuius, 
Resplendens  cunctos  superis  ut  Foebus  ab  astris 
Arctoas  rutilo  decorasti  lumine  gentes. 
Exin  iam  nimium  fluidi  cum  gloria  saecli 
Condignis  ditaret  ovans  te,  sedule,  gazis, 
Lucis  ob  aeternae  vitam  sine  fine  beatam 
Audacter  sprevisti  huius  devotus  honores 
Regis  et  inmensi  fretus  pietate  polorum 
Vernanti  huc  domino  properasti  pectore  Christo 
Subdita  colla  dare  Benedicti  ad  saepta  beati. 


23  exin  Traube,  hcc  sin  M. 


18 — 19  omnia  sophiae  sacrae  cul- 
mina penetrare :  Damit  will  Hildrich  nur 
sagen,  daß  Paulus  sich  mit  den  wichtig- 
sten theologischen  Fragen  befaßte,  nicht, 
daß  er  es  zu  hohem  Stande  brachte; 
Sophia  tritt  in  jener  Zeit  in  verschie- 
dener Quantität  auf,  vgl.  Ale.  250  v.  5  So- 
phia sancta  patrum  und  gleich  v.  8  in 
sophiae  cultu;  348  v.  6  sophia  nota  tuae 
Sit  et  mens  nota  sophiae  (vgl.  auch  die 
dort  stehende  Anm.).  —  Von  einem  wirk- 
lichen Eintritt  ins  Kloster  ist  in  diesen 
Worten  nichts  enthalten,  das  würde  der 
Dichter  deutlicher  zum  Ausdruck  gebracht 
haben,  wie  er  es  v.  29  tut  und  wie  es 
andere  taten,  vgl.  Ale.  198  v.  1293  arcta 
monasterii  claustra  subire,  200  v.  1416 
atque  monasterio  puerilibus  inditur  an- 
nis,  219  v.  36  ^^  se  caenobio  tradidit  ipse 
sacro.  Mönch  im  strengen  Sinn  wird  Pau- 
lus erst  in  der  Verbannung,  vgl.  Bem.  zu 
VIII. 

20 — 22  Mit  cum  deutet  wiederum  der 
Dichter  an,  daß  hiemit  ein  neuer  Lebens- 
abschnitt beginnt  (vgl.  v.  12  postquam. 
V.  16  cum,  v.  23  cum),  nämlich  seine  Tätig- 
keit am  Hof  Karls  des  Großen.  Die  für 
Paulus  traurigen  Zeiten  (vgl.  Vorbem.)  ver- 
schweigt der  Dichter  absichtlich.  Ich  sehe 
dies  auch  in  der  eigentümlichen  Gestaltung 


des  Übergangs.  —  resplendens  cunctos: 
An  dieser  Stelle  braucht  keine  Änderung 
vorgenommen  werden,  da  die  Verwendung 
intransitiver  Verba  als  transitive  nichts 
Außergewöhnliches  ist;  vgl.  auch  Poet. 
I  8  V.  168:  igneus  ut  Phoebus  splendentes 
sidera  super.  —  arctoas  gentes  =  Völker 
des  Frankenlandes,  vgl.  zu  Form  und  In- 
halt XXIX  V.  7  u.  8  felix,  quae  decoraris, 
Gallia,  gemmis,  lumine  de  quarum  nox 
tibi  taetra  fugit. 

23 — 26  Diese  Bemerkungen  beziehen 
sich  auf  die  ebenso  anstrengende  (sedule) 
wie  ruhmvolle  Tätigkeit  am  Hof  Karls 
und  beweisen  in  Verbindung  mit  andern 
Äußerungen  des  Paulus,  daß  Karl  ihn  reich 
machen  wollte  (ditaret)  und  zu  bewegen 
suchte  dem  Mönchtum  wieder  Lebewohl 
zu  sagen  und  in  angesehener  Stellung  an 
seinem  Hof  zu  bleiben,  vgl.  XIII  9  non 
de  litteris  captamus  vanae  laudem  glo- 
riae;  Brief  an  Theudemar  XIV  35  nullae 
me,  credite,  divitiae,  nulla  praedia,  nulla 
flaventis  metalli  copia  .  .  a  vestro  pote- 
runt  separare  collegio. 

29  colla  dare  vgl.  die  Verse  des  Sim- 
plicius  (Traube,  Textgesch.  S.  92)  qui 
leni  iugo  Christi  colla  submittere  cupis, 
die  sich  auf  den  Eintritt  ins  Kloster  be- 
ziehen. 


156 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


30 


35 


Exemplis  mox  comta  tuis  ubi  contio  sacra 
Tum  iubar  ut  fulgens  coepit  radiäre  coruscis. 
In  te  nam  pietas  iugiter,  dilectio  dulcis, 
Nectareus  et  pacis  amor,  patientia  victrix, 
Simplicitas  sollers  nimium,  concordia  summa, 
Omne  simulque  bonum  semper,  venerande,  manebat. 
Nunc  ideo  caeli  te  gemmea  regna  retentant, 
Sideream  retines  pariter  per  saecla  coronam. 


Hoc  tibi,  posco,  sacer,  gratum  sit  Carmen  honoris, 
Hilderic  en  cecini  quod  lacrimando  tuus. 
40    Quem  requiem  captare  tuis  fac,  quaeso,  perennem 
Sacratis  precibus,  semper  amande  pater. 


30  tuis]  unleserlich  in  M  \\   31  fulgens]  ns  später  übersdimiert  M  \\  37  coro- 
nam] nam  von  späterer  Hand  nachgezogen  M  ||  38  gralum]  a  später  nachgezogen  M. 


30 — 32  bezieht  sich  auf  seine  Tätig- 
keit in  Montecassino. 

32 — 34  iugiter  wird  bei  den  Späteren 
meist  in  dieser  Quantität  gebraucht.  — 
nectareus  amor  vgl.  XIII 9  anchora  amo- 
ris  .  .,  nectar  omne  quod  praecellit.  — 


patientia  victrix  vgl.  Fort.  IV  6,  9. 

35 — 37  manebat  =  erat  wie  v.  17.  — 
caeli  te  gemmea  regna  retentant  Poet.  II 
661  V.  31  quem  caelica  regna  retentant. 

39  cecini  lacrimando  vgl.  Poet.  1 112 
V.  27  hoc  lacrimans  cecini. 


XXXVII. 

Widmungsgedicht  des  Petrus  von  Pisa. 

Dieses  Gedicht  ist  in  der  Berner  Handschrift  522  saec.  IX — X 
(Z)  überliefert,  die  aus  St.  Remi  in  Reims  stammt  (Neues  Archiv  IV 113). 

Sie  enthält  (vgl.  Keil,  Gramm.  Lat.  Suppl.  Anecdota  Helvetica 
p. XXXVIII ff.)  f.  1^ — 67^  ein  grammatisches  Werk,  an  welches  sich 
f.  68^  unser  Widmungsgedicht  Hoc  opus  exiguo  anschließt;  von 
f.  69 — 96^  folgen  meist  Erläuterungen  zu  Donat.  Dieses  grammatische 
Werk,  das  sich  auch  noch  in  einem  cod.  Bern.  207  saec.  IX — X  f.  148 
bis  168  findet,  gab  H.Hagen  in  den  Anecd. Helvet.  p.  159 — 171  heraus, 
vorausschickte  er  die  Widmungsverse.  Diese  überliefert  noch  eine  Mai- 
länder Handschrift  Ambros.  O  95  sup.  f.  34  saec.  XI.  Der  in  v.  2  und  6 
genannte  Verfasser  Petrus  ist  zweifellos  kein  anderer  als  Petrus  von 
Pisa,  der  Karl  in  der  Grammatik  unterrichtete  und,  wie  es  in  v.  2  heißt, 
aus  Liebe  zu  seinem  Herrn  dieses  Werk  verfaßte.  Es  ist  der  Gedanke 
sehr  naheliegend,  daß  Karl  in  seinem  Bestreben  nicht  bloß  sich  selbst, 
sondern  auch  andere  sprachlich  zu  bilden,  von  Petrus  die  Abfassung 
eines  solchen  Werkes  wünschte,  und  so  mag  es  wohl  in  den  ersten 
Zeiten  seiner  Lehrtätigkeit  entstanden  sein.  Mit  Hagen  und  Dümmler 
bin  auch  ich  der  Anschauung,  daß  die  ersten  acht  Verse  das  Nachwort 
zu  der  Grammatik  bildeten,  die  Verse  9 — 20  aber  sich  mehr  zum  Vor- 
wort eignen.   Die  Oberlieferung  fügte  sämtliche  Verse  als  Nachwort  an. 

Hoc  opus,  exiguo  quod  cernis  tramite,  lector, 

lam  Petrus  domini  fecit  amore  sui. 
Plurima,  quae  procerum  tribuit  purganda  cilindro, 

Ordine  sunt  forsan  non  bene  dicta  suo. 


Ohne  Überschrift  Z  f.  ^^^. 

3  quod  Hagen,  quo  Z    |    procerum  aus  procerim  corr.  Z. 


1 — 5  exiguo  tramite  vgl.  auch  Petr. 
XXI V.  1  sub  umbroso  misisti  tramite  ver- 


sus. —  domini  amore  sui:   Die  Veran- 
lassung war  Karl.  —  quae  procerum  tri- 


158 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


5    Te  flagito,  precibus,  lector,  si  flecteris  ullis, 
Ut  dicas  clarus:  'Petre  miselle  vale'! 
Omnipotens  dominus  caeli  terraeque  creator 

Lectorem  foveat  nocte  dieque  pium! 
Hie  sunt  prata  meis,  si  credis,  plena  rosetis: 
10         Sume  rosas  manibus,  carpe  refectus  iter! 
Qui  cupit,  ecce  bibat  nostro  de  gurgite  limphas 

Vescaturque  cibis  me  tribuente  libri! 
Desinat  infandas  mentis  servare  tenebras, 
Desinat  et  verbis  bella  eiere  suis! 
15    Pacificus  servet,  quae  textus  littera  monstrat, 
Rex  quoniam  Christus  pacifer  ipse  fuit. 
Sumere  nam  flores  si  torva  fronte  superbus 

De  his  exspectet,  fessus  ad  ima  ruat! 
lam  Sit  vera  salus,  iam  sit  concordia  sancta, 
20         Iam  resonent  casus  verba  beata  modis! 


17  superbus  Z,  superbos  Hagen  Dümmler. 


buit  purganda  cilindro  vgl.  Verg.  Georg. 
1 178  aequanda  cylindro.  Wir  haben  also 
wiederum  ein  der  Landwirtschaft  entnom- 
menes Bild,  vgl.  Anm.  zu  XIII  v.  1.  Dieser 
Vers  erinnert  an  einen  ähnlich  gebauten 
des  Petrus  XXXVIII  v.  15  quas  Uli  domi- 
nus tribuit  pietate  regendas.  —  precibus 
si  flecteris  ullis  ist  Verg.  Aen.  II  689  ent- 
nommen; vgl.  auch  Hibern.  Exul  Poet.  I 
408  v.u. 

6 — 7  ut  dicas  clarus:  Adjekt.  statt 
Adv.  ist  keine  seltene  Erscheinung,  vgl. 
Anm.  zu  XXXIV  v.  17.  —  omnipotens  do- 
minus caeli  terraeque  creator  vgl.  Petr. 


XXXVIII  V.  5  altipotens  caeli  terraeque 
creator. 

9 — 14  hie  sunt  prata  meis  plena 
rosetis:  Ein  ähnliches  Bild  gebraucht  Karl 
in  einem  Brief  an  Alcvin  Epp.  IV  230,  29 
in  pratis  vernantibus,  varietate  florum 
scripturarum  iocundantes  delectemur.  — 
bibat  de  gurgite  lymphas  vgl.  Verg.  Aen. 
IX  23.  —  bella  eiere  vgl.  Verg.  Aen.  1 541. 

15 — 20  torva  fronte  Verg.  Aen.  III 
636.  —  superbus  ist  die  richtige  Lesart: 
„Stolz,  mit  finsterer  Miene  tritt  einer 
an  das  Werk  heran  und  will  nur  be- 
mängeln." —  ad  ima  ruit  Fort.  III 9,  74. 


XXXVIII. 

Zum  Lob  des  Königs. 

Warum  sollen  die  großen  Taten  Karls  verborgen  bleiben,  während 
man  schon  Könige  besungen  hat,  die  ein  Lob  nicht  verdienen  (1 — 8)? 
Er  unterwarf  das  langobardische  Reich,  entthronte  Könige  und  ist  jetzt 
ein  mächtiger  Herrscher  (9 — 14).  Er  erbaut  Tempel,  hilft  den  Armen, 
bekehrt  die  Heiden,  richtet  die  Bedrückten  wieder  auf  und  hält  alle 
vom  Bösen  ab  (15 — 23).  Möge  er,  der  Herr  eines  irdischen 
Reiches,  einst  des  himmlischen  teilhaftig  werden,  wo  ewige  Seligkeit 
herrscht  (24 — 35).  Gott  hilft,  wie  die  Bibel  an  vielen  Beispielen  zeigt, 
seinen  Getreuen.  Auch  Karl  hat  er  zum  König  eines  großen  Reiches 
gemacht  (36 — 55).  Möge  mit  Hilfe  Christi  sein  Ruhm  noch  recht 
lange  bestehen  (56 — 61).* 


Es  ist  kein  Zweifel,  daß  Petrus  von  Pisa  der  Verfasser  ist.  Dies 
geht  aus  der  stilistischen  Untersuchung  und  besonders  aus  der  hand- 
schriftlichen Überlieferung  hervor.  Der  Parisinus  lat.  528  enthält  noch 
andere  Gedichte  des  Petrus  und  nennt  ihn  bei  dem  ersten  zum  Brief- 
wechsel zwischen  Petrus  und  Paulus  gehörigen  f.  123  Petrus  gram- 
maticus  (XII). 

Ober  die  Entstehungszeit  läßt  sich  nur  sagen,  daß  es  zwischen 
788  und  799  verfaßt  wurde,  vorausgesetzt,  daß  v.  12  sich  auf 
Tassilo  III  und  seine  Verbündeten  bezieht  (Abel  I  620  ff.). 

Culmina  si  regum  dudum  cecinere  poetae 
Falsaque  pompifero  dixerunt  carmina  gestu, 
Ut  quid  famosis  splendentia  facta  triumphis 
Torporis  lateant  Karoli  sub  tegmine  regis. 


VERSUS  PETRI  IN  LAUDE  REGIS  P  f.  133. 
4  Karoli]  zwischen  a  und  r  Rasur  P. 


1 — 5  culmina  regum  vgl.  Petr.  XXI 
V.  2  pietas  nostri  culminis.  —  pompifer 


von  Petrus  auch  XXI  v.  17  gebraucht.  — 
ut  quid  =  cur  findet   sich  in  der  karo- 


160  Ksrl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

5    Quem  rex  altipotens,  caeli  terraeque  creator, 
Totus  ubique  deus  docuit,  nutrivit,  amavit, 
Cui  dedit  ipse  pius  merito  pollentia  regna, 
Quae  genitor  tenuit  multa  pietate  gubernans? 
Sed  postquam  ipse  pater  rediit  per  funus  in  arvum, 

10    Hie  domuit  Lango  -  properans  ad  proelia       bardos 
Atque  suis  animo  pedibus  submisit  herili. 
Viribus  insignis  quaerentes  iurgia  reges 
Stravit  et  infaustos  misera  de  sede  potentes 
Expulit  et  iusto  nutrit  moderamine  gentes, 

15    Quas  illi  dominus  tribuit  pietate  regendas. 
O  rex  bellipotens,  Clemens  et  mente  benigne, 
Qui  pontum,  qui  rura  regis,  qui  regna  gubernas, 
Templorum  domini  magnus  fabricator,  et  apte 
Pauperibus  largo  dispensas  plurima  dono, 

20    Qui  rigidas  errore  diu  baptismate  gentes 
Perfundis,  placidi  mittis  ad  gaudia  regni, 
Subiectos  reficis  dulci  qui  lumine  vultus 
Cunctorumque  sacro  restringis  crimina  freno, 
Cuncta  gubernanti  semper  sis  firmus  amicus, 

25    Ut,  qui  terreni  laetaris  culmine  regni, 
Aeterno  valeas  cum  sanctis  vivere  regno, 


6  ubiqui  P  \   amavit  P,  ornavit  Dümmler  \\  8  quae]  q  P  öfter  \\    10  proelia] 

plia  P    \\    11  herili  aus  helili  corr.  P   \\    16  o  rex  Lebeuf,  oret  P   \\  17  qui  rura] 

q  aus  r  corr.,  davor  Rasur  P    \\    21   mittis  Dümmler,   mitis  P    \\  22  dulci  qui 
Traube,  dulciq:  P   \\    23  restringts  P. 


lingischen  Zeit  häufig.  —  caeli  terraeque 
creator:  Der  gleiche  Schluß  Petr.  XXXVII 
V.  7. 

6 — 8  totus  ubique  deus  vgl.  Alcvin 
Poet.  I  257  V.  24;  302  v.  33.  —  docuit  nu- 
trivit amavit  vgl.  Epitaph  des  Dom- 
bercht  Anhang  III  v.  25.  —  pollentia 
regna  vgl.  Hist.  Lang.  VI  cap.  15. 

10  Über  solche  versus  divisi  vgl. 
Vollmer,  Anm.  zu  Eugen.  Tolet.  carm.  70,10 
und  Neues  Archiv  XXVI,  394. 

12  quaerentes  iurgia  reges:  Damit 
sind  nicht  Desiderius   und  Adelchis  ge- 
meint, da  er  von  den  Langobarden  schon 
in  v.  10  u.  11  spricht,  sondern  jedenfalls   j  wurde. 
Tassilo  III  und  seine  Verbündeten.  I 


19—23  vgl.  Anhang  III  v.  21.  —  bap- 
tismate gentes  perfundis  =  Christiani- 
sierung der  Sachsen,  deren  kirchliche 
Verhältnisse  besonders  vom  Jahre  777 
an  geregeh  wurden;  vgl.  Petr.  XXI  v.  19 
sacro  perfundere  fönte.  —  mittis  ad 
gaudia  regni  vgl.  die  Verse  über  die 
Metzer  Bischöfe  Anhang  V  v.  12  ad 
vitae  gaudia  mittit.  —  sacro  restringis 
crimina  freno:  Durch  Anordnungen,  die 
sich  auf  den  Gottesdienst  beziehen,  be- 
wahrte er  sein  Volk  vor  Sünden ;  sacrum 
frenum  könnte  aber  auch  bedeuten,  daß 
ihm  von  Gott  die  Herrschaft  übertragen 


Zum  Lob  des  Königs. 


161 


In  quo  nulla  famis  lacerans  nee  pestis  habetur 

Nullaque  maeroris  servantur  vincula  cordis. 

Non  dolor  aut  gemitus  fragilis  nee  iurgia  linguae, 

30    Nulla  senectutis  metuendae  toxica  saeva 

Mortifero  poterunt  iaculo  disperdere  quemquam, 
Sed  sine  fine  manens  celebratur  vita  beata 
Angelicumque  canit  productis  vocibus  agmen 
Et  numquam  fessi  spoliantur  cantibus  aptis. 

35    Sed  tarnen  ut  vestrum  succendat  lampade  pectus 
Verus  amor,  procerum  paucis  certamina  verbis 
Dicam,  qui  regis  tenuerunt  iussa  superni. 
Noe,  quam  Moyses  descripsit,  conditor  arcae, 
Permansit  meritis  liquidis  tunc  salvus  in  undis. 

40    Samson  iratum  decoratus  crine  leonem 

Intrepidus  pergens  manibus  discerpsit  inermis. 
Cum  paucis  Gedeon  currens  ad  bella  triumphans 
Extitit  et  somni  pigram  de  pondere  gentem 
Inlaesis  sociis  gladio  percussit  acuto. 

45    David  punicei  promtus  certamine  belli 
Extinxit  pavidum  percussa  fronte  Golian. 
Omnia  nee  possum  tardus  miracula  Christi 
Dieere,  quae  mundo  per  sanctos  fecit  amicos. 
Sollicito  regnans  poteris  perpendere  sensu, 

50    Quae  tibi  laudanda  fecit  virtute  ereator. 


28  meroris  P  \\  29  lingU(^  P  \\  30  metuend(^  P  j  toxica  saeva  Dümmler, 
toxia  saevae  P  \\  35  sed  Dümmler,  sit  P  \\  40  leonum  P  \\  41  discerpsit  Traube, 
discerpit  P   \\    44  inlesis  P. 


27 — 34  habetur  =  est.  —  metuendae 
toxica  saeva  vgl.  Mart.  epigr.  1 18,  6  und 
Anhang  III  v.  20.  —  sine  fine  manens  cele- 
bratur vita  beata  vgl.  Sedul.  carm.  pasch. 
II  66.  —  V.  33  vgl.  Petr.  XVII  v.  41  an- 
gelicum  castis  quem  laudat  vocibus 
agmen. 

37  regis  tenuerunt  iussa  superni  vgl. 
Poet.  II 673  v.  17.  —  umbriferis:  Die  Wahl 
dieses  Wortes  an  Stelle  des  gewöhnlichen 
umbrosus  beweist  die  auch  sonst  zu  be- 
merkende Vorliebe  des  Petrus  für  die  früher 
schon  üblichen  Zusammensetzungen  mit 


'fer'  vgl.  V.  2  (XXI  v.  17)  pompifer.  v.  31 
mortifer,  v.  53  florifer;  XVII  v.  12  ven- 
tifer,  V.  39  astrifer,  v.  40  spumifer;  XXXVII 
V.  16  pacifer.  Beliebt  sind  bei  ihm  auch 
Zusammensetzungen  mit  potens,  vgl.  in 
diesem  Gedicht  v.  5  altipotens,  v.  16 
bellipotens:  XVII  v.  27  libripotens.  Eine 
Eigentümlichkeit  seines  Stils  ist  auch  die 
Häufung  der  Relativsätze,  vgl.  v.  5  ff., 
besonders  v.  57  ff.,  XVII  v.  39  ff. 

45  punicei  belli  =  „blutrot,  blutig" 
vgl.  Ov.  2  Met.  607  Candida  puniceo  per- 
fudit  membra  cruore;  Poet,  II  682  v.  17. 


Quellen  u.  Untersuch,  z,  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4. 


11 


162 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


55 


60 


Italiae  quas  terra  tenet,  quas  Gallia  gignit, 
Montibus  umbriferis  nutrit  quas  Tracia  felix, 
India  floriferis  pascit  quas  inclyta  campis, 
Undisonus  perfusus  aquis  quas  parturit  orbis, 
Vobis  dona  ferunt  subiecto  pectore  gentes. 
Vester  honor  maneat  multos  tribuente  per  annos 
Christo,  qui  miserum  passae  sub  tempore  carnis 
Pendentem  in  ligno  latronem  duxit  ad  astra, 
Qui  populi  duros  descendit  pellere  morbos, 
Frigida  qui  pedibus  calcavit  pectora  ponti. 
Vos  regnare  polo  faciat  sine  fine  superno. 


57  passe  P   \\    60  calcavit  Dümmler,  cacauit  P. 


60  pedibus  calcavit  pectora  ponti: 
aequora  ponti  mit  Rücksicht  auf  Verg. 
Georg.  I  469  und  Alcvin  Poet.  1 180  v.  456 
zu  setzen  verbietet  das  Metrum.  Petrus 
vergleicht  die  wogende  Meeresoberfläche 


mit  der  sich  hebenden  und  senkenden 
Brust  oder  er  deutet  an,  daß  der  Sieger 
über  das  besiegte  Meer  dahinschreitet. 
Poet.  I  97  V.  8  steht  marmora  ponti. 


XXXIX. 

Angilbert  an  Petrus. 

Dieses  Gedicht  enthält  nur  Grüße  und  Segenswünsche  für  Petrus 
und  die  Bitte,  er  möge  für  Karl  und  die  Seinen  beten  und  auch  des 
Angilram  und  Rigulf  nicht  vergessen. 

Der  Verfasser  ist  Angilbert,  der  vertraute  Freund  Karls,  der  als 
Mitglied  seines  gelehrten  Kreises  den  Namen  Homer  trug  und  dichte- 
risch tätig  war  (Poet.  aev.  Carol.  I  p.  355  ff.,  Wattenbach  I^  S.  191  ff). 
Er  war  Schüler  des  Paulinus  von  Aquileja,  Alkvins  und  auch  des  Petrus 
von  Pisa.  Aus  den  Schlußversen  des  Gedichtes  kann  man,  voraus- 
gesetzt, daß  primas  homo  Karl  bedeutet  (vgl.  Anm.  zu  v.  15),  ent- 
nehmen, daß  Angilbert  seinen  königlichen  Freund  bat  auch  ein  Gedicht 
an  ihren  gemeinsamen  Lehrer  zu  senden.  Demnach  wäre  das  Ge- 
dicht XL,  das  sich  auch  in  der  Handschrift  anschließt,  dasjenige,  auf 
welches  Angilbert  mit  den  Schlußworten  seinen  früheren  Lehrer  auf- 
merksam macht,  das  vorliegende  gleichsam  das  Begleitschreiben  dazu. 
Da  Angilram  erwähnt  wird,  der  788  Erzkaplan  am  Hofe  Karls  war 
und  bereits  791  starb  (Abel  I  38,  487  ff.,  II  541),  so  entstand  dieses 
Gedicht  und  das  folgende  zwischen  diesen  Jahren.  Sie  mögen  wohl 
die  ersten  Gedichte  sein,  die  Petrus  in  seine  Heimat  nachgeschickt 
wurden. 

Carmina  mitto  Petro,  dulci  doctoque  magistro, 

Angelbertus  ego  carmina  mitto  Petro. 
Petre  magister  have,  Christus  te  salvet  ubique, 

Saecula  per  longa,  Petre  magister  have. 


Ohne  Überschrift  D  p.  220. 

1  vor  carmina  steht  ein  Zeichen  ähnlich  einem  f  D. 


1 — 7  dulci  doctoque  magistro  XL 
V.  1.  —  Petre  magister  have  XL  v.  20.  — 
cunctum  qui  continet  orbem  vgl.  Versus 


in  laudem   solis    (Riese,  Anth.  lat.  389) 
V.  14  totum  qui  continet  orbem. 


11 


164 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


5     Rector  ab  axe  tibi  tribuat  solatia  semper 
Augeat  et  vitam  rector  ab  axe  tibi. 
Te  regat  omnipotens,  cunctum  qui  continet  orbem; 

Tegmine  perpetuo  te  regat  omnipotens. 
Fundito,  quaeso,  preces  Carulo  pro  rege  benignas 
10        Proque  suis  cunctis  fundito,  quaeso,  preces. 
Sis  memor  atque  pii  patris,  precor,  Angelramni, 

Necnon  Rigulfi  sis  rriemor  atque  pii. 
Tu  quoque,  Petre,  vale  nati  memor  esto  tuique; 
Semper  in  aeternum  tu  quoque,  Petre,  vale. 
15    Quod  tibi  primus  homo  flagitatus  murmure  nati 
Dixerit,  adtende,  quod  tibi  primus  homo. 

Super  cartam. 
Fer,  mea  carta,  meo  patri  praecincta  salutem. 


7  cunctum   aus  cumtum  corr.  D    ||    14  Petre  Dümmler,   patre  D 
tente  D  —  super  cartam  von  der  gleidien  Hand  nadi  salutem  D. 


16  ad- 


12 — 16  Rigulfi  sis  memor:  Es  ist 
damit  jedenfalls  der  Erzbischof  von  Mainz 
(787 — 813)  gemeint,  der  vorher  dem 
Gelehrtenkreise  Karls  angehörte  und  da- 
bei den  Namen  Flavius  Damoetas  führte 
(vgl.  Abel  I  538).  —  nati  memor  esto 
tuique:  Damit  bezeichnet  Angilbert  (vgl. 
V.  15)  sich  selbst.  —  semper  in  aeternum 
XLI  V.  16.  —  primus  homo  flagitatus 
murmure  nati  vgl.  Vorbem. ;  bei  primus 
homo  möchte  man  aber  auch  an  Adam 
denken.      Da    es    nun    dieses    Namens 


einen  Schreiber  am  karolingischen  Hof 
gab,  der  im  Jahr  780  das  Werk  des 
Grammatikers  Diomedes  de  oratione  et 
partibus  orationis  abschrieb  und  Karl 
widmete  (Poet.  I  93  Ged.  VI),  so  könnte 
auch  dieser  gemeint  sein.  Demnach  bittet 
Angilbert,  Petrus  möge  diese  Zeilen  auf- 
merksam lesen,  die  Adam  auf  Angilberts 
Verlangen  ihm  niederschrieb. 

17  Dieser  Vers  stand  gleichsam  als 
Adresse  auf  der  Umhüllung  des  zuge- 
schnürten (praecincta)  Briefes. 


XL. 

Karl  an  Petrus. 

'Mein  Herz  drängt  mich  Dir  in  einem  Gedicht  zu  versichern, 
wie  sehr  ich  mich  freue,  wenn  es  Dir  gut  geht.  Bist  Du  auch  von 
mir  getrennt,  so  weilt  doch  mein  Herz  bei  Dir,  erfüllt  von  unwandel- 
barer Liebe  (1 — 12).  Dein  Wohl  ist  stets  Gegenstand  meiner  Sorge. 
Schreibe  nur  sofort  an  mich,  wenn  Du  etwas  brauchst.  Lebe  wohl! 
Gott  schütze  Dich!  Gedenke  mein  (13 — 21)!' 


In  schmucklosen  Worten  kommt  hier  die  große  Dankbarkeit  zum 
Ausdruck,  die  Karl  für  seinen  nunmehr  in  seiner  Heimat  lebenden 
geliebten  Lehrer  im  Herzen  hegt.  In  rührender  Weise  versichert  er 
ihm,  daß  er  ihm  alles  Unangenehme  aus  dem  Weg  schaffen  und  ihm 
in  seinen  letzten  Lebensjahren  stets  hilfreich  zur  Seite  stehen  wolle. 
Solche  zu  Herzen  gehenden  Worte  können  nur  von  Herzen  kommen, 
können  nur  von  dem  gewählt  sein,  der  dies  alles  wirklich  gefühlt, 
von  Karl  selbst. 

Diesmal  aber  bilden  nicht  nur,  wie  früher,  Gedichte  Alkvins  seine 
Vorlage,  sondern  besonders  der  am  karolingischen  Hof  bekannte  Eu- 
genius  von  Toledo   (vgl.  Vorbem.  zu  Paul.  I   und  Vollmer  p.  XLIII). 

Da  unser  Gedicht  sich  in  der  Berliner  Handschrift  unmittelbar 
an  ein  von  Angilbert  verfaßtes  anschließt,  so  möchte  man  auf  den 
ersten  Blick  glauben,  daß  er  der  Verfasser  sei.  Dagegen  spricht  aber 
die  ganze  Art  der  Darstellung,  die  keinen  gewandten  Dichter  verrät. 
Angilbert  hätte  dann  sehr  wenig  von  dem  Seinigen  geboten.  Form 
und  Inhalt  beweisen,  daß  wir  wiederum  einen  dichterischen  Versuch 
Karls  vor  uns  haben,  der  damit  seinem  alten  Lehrer  eine  besondere 
Freude  machen  wollte. 


166 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


15 


Rex  Carulus  Petro,  dulci  doctoque  magistro, 

Cordis  ab  affectu  carmina  mitto  libens. 
Gaudia  sunt  nobis,  si  sunt  tibi  dona  salutis, 

Et  tua  prosperitas  dulcis  et  apta  mihi  est. 
Quamquam  te  Latii  teneant  natalia  rura 

Nosque  favente  deo  Gallia  nostra  gerat, 
Est  tarnen  almus  amor,  quem  Christus  tradidit  orbi, 

Qui  te  saepe  affert  cordis  ad  antra  mei. 
Crede,  prius  Renus  cursum  convertet  ad  Alpes 

Et  Liger  et  Rodanus  ibit  uterque  simul, 
Ante  latex  spumis  aut  tellus  fruge  carebit, 

Quam  mea  discedat  mens  ab  amore  tuo. 
Nam  si  cuncta  tuam  circumdent  prospera  vitam, 

Sic  volo  sicque  decet,  sie  mihi  rite  placet. 
Si  tamen  adversum  quiddam  contingat  et  atrum, 

DispUcet  hoc  nobis,  inde  paremus  opem. 
Pagina  vestra  meas  praepes  concurrat  ad  arces 

Quodque  opus  est  vobis,  nuntiet  illa  mihi. 


Alius  versus  D  p.  220. 

5  Lacii  D  \\   14  rite  Traube,  rete  D,  recte  Dümmler 
contigat  D  11   17  mea  D   1    concurrat  aus  currat  corr.  D. 


15  contingat  Dümmler, 


2 — 4  cordis  ab  affectu  Eug.  Tolet. 
carm.  4, 2.  —  libens:  Karl  sagt,  daß  er  gerne 
der  Anregung  Angilberts  (vgl.  XXXIX  v.  15 
flagitatus  murmure  nati)  Folge  leistet.  — 
gaudia  sunt  nobis,  si  sunt  tibi  dona  sa- 
lutis vg\.  Eug.Tolet.  carm.  100,1  multa  salus 
nobis,  si  sunt  tibi  dona  salutis;  ein  auch 
sonst  beliebter  Versschluß  vgl.  Alcvin  Poet. 
I  250  V.  5;  Theodulf  Poet.  I  522  v.  71,  523 
v.  21.  —  apta  =  accepta  vgl.  VI  v.  109, 
133  u.  134. 

5 — 8  Latii  natalia  rura:  Petrus  be- 
fand sich  in  seiner  Heimat  Italien,  nicht 
mehr  am  Hofe  Karls,  vgl.  Hist.  Lang.  II  24 
dicitur  quoque  etiam  Latium  Italia;  Ov. 
Fast.  IV  685  natalia  rura  petebam.  — 
favente  deo  Epp.  IV  p.  532,6;  Theodulf 
Poet.  I  541  V.  1;  526  v.  2.  —  est  tamen 
almus  amor:  Die  Dichter  wechseln  zwi- 
schen altus  und  almus  amor,  vgl.  Poet. 


I  72  V.  15;  Angilbert  Poet.  I  359  v.  36; 
360  V.  59;  Theod.  Poet.  I  446  v.  60;  466 
V.  22.  —  cordis  ad  antra  vgl.  Alcvin  Poet. 
I  261  V.  10  cordis  in  antra;  es  findet  sich 
auch  dafür  pectoris  antra  Ale.  298  v.  4; 
Theod.  487  V.  158;  488  V.  196. 

9 — 12  Eine  sehr  beliebte,  jedenfalls 
Vergil  Ecl.  I  59 — 63  nachgebildete  Dar- 
stellungsweise um  die  unwandelbare  Liebe 
zum  Ausdruck  zu  bringen,  vgl.  die  Anm. 
zu  den  Schlußversen  des  Briefes  an  Adal- 
hard  (XXXI  25).  —  uterque  simul  Theod. 
453  V.  54;  499  v.  206;  505  v.  440. 

13 — 20  sie  volo  sicque  decet,  sie 
mihi  tite  placet:  Davon  eine  genaue 
Nachbildung  Micon  Poet.  III  303  v.  6  hoc 
volo  hocque  iuvat,  quoniam  sie  rite  vi- 
detur;  rite  placet  vgl.  Theodulf  Poet.  I 
530  V.  6;  541  v.  20;  558  v.  32;  Poet.  II  673 
V.  42.  —  sis  memor  et  nostri  ebenso  als 


Karl  an  Petrus. 


167 


Sit  tibi  protector  centri  regnator  et  orbis, 

20         Sis  memor  et  nostri,  Petre  magister  have. 

At  tu  sospis  have,  tu  sine  fine  vale. 


19  protector  aus  pretector  corr.  D    \\    20  magister  aus  magistera  corr.  D 
21  vor  diesem  Vers  steht  ein  Zeichen  ähnlich  einem  nicht  ausgeführten  f. 


Anfang  beliebt  (vgl.  Alcvin  Poet.  I  239 
V.  2;  249  v.  3;  270  v.  52),  wie  tu  sine 
fine  vale  als  Schluß  (vgl.  Ale.  298  v.  4).  — 
Petre  magister  have  XXXIX  v.  3  u.  4.  — 
v.  21  ist  Eug.  Tolet.  carm.  100  entlehnt. 
Es  ist  möglich,  daß  dieser  allein  stehende 
Pentameter  zu   dem  Hexameter  mit  der 


Überschrift:  Super  cartam  (XXXIX)  ge- 
hört, so  daß  dann  ein  Distichon  entsteht, 
wie  bei  Alcvin  Poet.  I  248 
Fer  festina  patri  Paulino,  carta,  sa- 

lutem, 
Die   'Pauline  pater,    dulcis   amice 

vale'! 


XU. 

Karl  an  Petrus.     . 

'Mit  wenigen  Versen  grüße  ich  Dich,  den  ich  liebe.  Sie  sollen 
Dir  in  Deinem  Alter  ein  Trost  sein  (1 — 5).  Uns  und  unseren  Getreuen 
geht  es  gut.  Möge  sich  in  Deinem  gottgeweihten  Leben  alles  zum 
Besseren  wenden,  bis  du  im  Himmel  bei  Christus  und  seinen  Heiligen 
bist.     Bete  für  mich,  daß  ich  auch  dorthin  komme  (6 — 16).' 

Dieses  von  Quercetanus  (vgl.  XXIII)  zuerst  veröffentlichte 
Gedicht,  dessen  erster  Vers  in  verstümmeltem  Zustand  erhalten  ist, 
sagt  nicht,  an  wen  es  gerichtet  ist.  Mabillon  (Acta  SS.  saec.  IV 
1,  179)  denkt  an  Alkvin;  Dümmler  glaubt,  daß  es  von  diesem  im 
Namen  Karls  verfaßt  und  entweder  an  Petrus  oder  Paulus  nach  Italien 
geschickt  worden  sei.  Es  läßt  sich  aber  aus  den  Anreden  doctor 
amate  (v.  4)  und  magister  (v.  13)  entnehmen,  daß  Karl  hier  wiederum 
an  seinen  Lehrer  Petrus  schreibt,  der,  wie  aus  dem  Gedichte  (v.  8 — 11) 
hervorgeht,  bereits  an  der  Grenze  seines  Lebens  angekommen  sein 
mag,  war  er  ja  doch  schon  ein  alter  Mann,  als  er  Karls  Lehrer  wurde 
(Einh.  Vita  Car.  cap.  25).  Wie  Karl  damals  dessen  Leben  in  leiblicher 
Beziehung  sorglos  gestaltete  (vgl.  XVII  v.  45  qai  nostram  dapibas 
natrit  reficitque  senectam),  so  will  er  auch  jetzt  in  der  Ferne  der 
Trost  seines  Alters  sein.  Wir  haben  hier  wiederum  ein  Gedicht,  das 
Karl  selbst  verfaßte,  vgl.  Vorbem.  zu  XXXIII. 

Rex  Karolus  gaudens  <ad>  te,  <Petre,  docte)  magister, 
Versibus  his  paucis  aeternam  inscribo  salutem. 


Ohne  Überschrift  CLXXXV  Quere. 

1  ad  te,  Petre,  docte  magister  scripsi,  te  pater  *  Magister  ....  Quere.,  mittit 
pater  atque  magister  Dümmler,  temptat,  venerande  magister  Traube  \\  2  inscribo 
scripsi,  in  Christi  Quere,,  posco  salutem  Frobenius,  in  Christo  Dümmler,  scripse  Traube. 


1 — 3  Da  bei  den  meisten  Gedichten 
der  Name  des  Adressaten  im  ersten  Vers 


genannt    ist   (vgl.  XXXIX  und  XL),    so 
wurde  diese  Lesart  gewählt;  nimmt  man 


Karl  an  Petrus. 


169 


10 


15 


Mens  mea  mellifluo,  fateor,  congaudet  amore, 
Doctor  amate,  tui.    Volui  quapropter  in  odis, 
O  venerande,  tuam  Musis  solare  senectam, 
Te  quoque  te  cupiens  imperante  agnoscere  Christo 
Nos  nostrosque  simul  sanos  nunc  esse  fideles 
Perpetuis  optans  et  te  gaudere  triumphis; 
Inque  dei  cultu  vigeas  virtutibus  almis 
lam  meliora  tenens  sanctae  vestigia  vitae, 
Donec  et  aetherei  venias  ad  culmina  regni, 
Congaudens  sanctis  Christo  sociatus  in  aevum. 
Meque  tuis  precibus  tecum  rape,  quaeso,  magister, 
Ad  pia,  qua  tendis,  miserantis  culmina  regis. 
Qua  laus  atque  decus,  species,  pax,  gloria,  lumen 
Semper  in  aeternum  sanctis  sine  fine  manebit. 


4  amate  Frobenius,  amator  Quere.  ||  5  veneranda  Quere.  \\  6  Christum 
Quere.  \\  8  optans  Frobenius,  optas  Quere.  \\  10  iam  Quere,  in  Dümmler  \\ 
11  donec  et  Frobenius,  et  fehlt  Quere. 


darauf  keine  Rücksicht,  schlage  ich 
<flrf>  te  pater,  (alme^  magister  vor.  — 
gaudens  entspricht  libens  in  XL  v.  2.  — 
aeternam  inseribo  salutem:  in  Christo 
ist  aus  metrischen  Gründen  nicht  an- 
zunehmen; Alcvin  Poet.  I  239  v.  8:  op- 
tatae  inseripta  salutis  (pagina):  176 
V.  288  cartis  inseripta  leguntur;  vgl.  auch 
Ale.  240  V.  5  tribuat  aeternum  salve; 
251  V.  15  perpetuum  salve.  —  mellifluo 
amore  vgl.  XXVI  v.  22;  Ale.  309  v.  15. 

4 — 5  in  odis  Musis  solare  seneetam: 
solare  statt  solari  kommt  zuerst  bei 
Vergil  und  Horaz  in  der  Bedeutung 
'mildern,  erträglich  machen'  vor;  Musis 
bei  vorausgehendem  in  odis  erscheint 
eigentümlich,  mag  aber  wohl  von  Karl 
geschrieben  worden  sein,  vgl.  Ale.  226 
v.  23  landet  in  odis;  240  v.  19  me  Maro 
vineit  in  odis;  253  v.  12  Musarum  odis. 

6 — 8  Karl  will  sagen:  „Ich  wollte  Dir 
durch  mein  Gedicht  eine  Freude  machen, 


dabei  sollst  Du  auch  erfahren,  daß  es 
uns  und  unseren  Getreuen  auf  Christi 
Geheiß  gut  geht,  und  zugleich  wünsche 
ich  Dir  einst  die  ewige  Seligkeit.  „Stelle 
cupiens  te  quoque  te  (vgl.  Ale.  273  v.  18 
tu  quoque  tu)  agnoseere  nos  .  .  .  impe- 
rante Christo  sanos  nune  esse  et  op- 
tans te  gaudere  triumphis;  agnoseere 
=  audire  im  Briefstil  vgl.  Epp.  IV p.  245,31 
de  prosperitate  domni  apostoliei  agnos- 
eere. —  nos  nostrosque  fideles:  Epp. 
IV  p.  146, 15  pro  nobis  nostrisque  fideli- 
bus.  —  perpetuis  triumphis  vgl.  Ale.  245 
V.  5  perpetuis  valeas  Christo  donante 
(an  unserer  Stelle  imperante  Christo) 
triumphis. 

9 — 16  inque  dei  cultu  vigeas  vgl. 
Ale.  250  V.  8  in  sophiae  cultu  tu  valeas, 
vigeas.  —  meque  tuis  precibus  tecum  rape 
vgl.  Ale.  236  v.  19  precibus  rape  me, 
rogo,  tecum;  321  v.  20.  —  semper  in 
aeternum  XXXIX  v.  14. 


Anhang. 

I. 

Auf  das  Grab  Lothars. 

'Hier  ruht  die  schöne  Blume  bis  zum  jüngsten  Tag  (1 — 14). 
Du,  Vielgeliebter,  hast  durch  Deinen  Tod  das  Herz  von  Vater  und 
Mutter  verwundet  und  nur  der  Gedanke,  daß  Du  im  Himmel  bist, 
tröstet  sie  (15 — 20).  Fern  dem  Kriegsdienst  und  dem  Streben  nach 
irdischen  Schätzen  wohnst  Du  ewig  als  Krieger  und  reichbelohnt  im 
Himmel  (21 — 26).  Aus  königlichem  Stamme  und  als  Zwillingskind 
geboren,  erhieltst  Du  den  Namen  Lothar  (27 — 34).  Karl,  Dein  Vater, 
widmete  Dir  dies  Gedicht  und  ich.  Deine  Mutter  Hildegard,  schicke 
Küsse  Dir,  den  der  Tod  schon  so  bald  entriß  (35 — 40).'  — 

Nachdem  der  Dichter  ihn  noch  der  Gnade  Marias  und  dem 
Gebete  der  Andächtigen  empfohlen,  folgt  die  Angabe  des  Tages  und 
Jahres  seines  Todes. 


Lothar  war  als  Zwillingsbruder  Ludwigs  (später  „der  Fromme" 
genannt)  im  Jahre  778,  als  Karl  den  spanischen  Feldzug  unternahm, 
geboren  (vgl.  Abel  I  293,  308;  II  19  Anm.  3)  und  zwar  in  der  Pfalz 
Cassinogilus  (Chasseneuil  am  Ciain,  in  Poitou),  wo  Karl  seine  Frau 
Hildegard  zurückgelassen  hatte;  vgl.  Astron.  Vita  Hludowici  c.  2,  SS.  II 
607:  reliquit  Hildegardam  .  .  .  in  villa  regia,  cuius  vocabalum  est 
Cassinogilus  gemina  gravidam  prole;  c.  3  Nati  sunt  autem  anno 
incarnationis  domini  nostri  Jesu  Christi  septingentesimo  septua- 
gesimo  octavo. 

Die  Nachrichten  über  den  Monat  seiner  Geburt  bezeichnen  April 
als  den  frühesten  und  September  als  den  spätesten  Termin.  Über 
die  Zeit  seines  Todes  und  über  das  Alter,  das  er  erreichte,  berichten 


Anhang.    Auf  das  Grab  Lothars.  171 

drei  Quellen  in  einer  Weise,  daß  man  bis  jetzt  darin  nur  Widersprüche 
sah  (vgl.  Abel  II  19  Anm.  3).  So  sagt  der  Astronomus  in  seiner  Vita 
Hludow.  cap.  3  SS.  II  608:  qaorum  unus  (^Lothar)  immatura  morte 
praereptas,  ante  paene  mori  quam  sab  liice  vivere  coeplt;  Paulus 
Diaconus  in  seiner  Geschichte  der  Metzer  Bischöfe  SS.  II  265:  Na- 
torum  sane  eius,  quos  et  Hildegard  peperlt,  ista  sunt  nomina  .  .  . 
tertius  Lodobich,  qui  cum  H Lothar io,  qul  blennis  occubult,  uno 
partu  est  genitus.  Dazu  kommt  nun  noch  eine  Stelle  in  unserem 
Gedicht,  v.  39: 

Bissenosque  prius  menses  quam  volveret  annus, 
Qemmula  de  flore  morte  repulsa  fluit. 

Abel  (a.  a.  O.)  erklärt  die  beiden  ersten  Berichte  für  falsch.  Aber  die 
Worte  des  Paulus  Diaconus  können  nicht  bezweifelt  werden,  da  er  in 
einem  Werke,  das  am  Hofe  Karls  entstand,  schwerlich  unrichtige  An- 
gaben über  dessen  Söhne  machte.  Seine  Behauptung  steht  mit  der 
des  Astronomus  nicht  im  Widerspruch.  Dieser  spricht  von  einem 
frühzeitigen  Tod,  Paulus  Diaconus  läßt  Lothar  zwei  Jahre  alt  werden. 
Nach  der  genannten  Stelle  in  unserem  Gedicht  aber  starb  Lothar, 
noch  nicht  ein  volles  Jahr  alt.  Abgesehen  von  dem  Widerspruch 
mit  dem  glaubwürdigen  Paulus  erregt  diese  Quelle  schon  deshalb 
große  Zweifel,  weil  die  Verse  39  und  40  an  falscher  Stelle  stehen. 
Sie  schließen  sich  passend  an  34,  nicht  aber  an  38  an.  Betrachtet 
man  dazu  noch  den  Schluß :  obiit  aatem  die  VI  Idus  Februar,  anno  X 
regnante  patre  ipsius  Carolo,  so  liegt  hier  zweifellos  wieder  eine 
falsche  Angabe  vor;  denn  es  ist  nach  den  Annalen  unrichtig,  daß 
Lothar  am  8.  Februar  778  starb,  da  er  nicht  vor  April  dieses  Jahres 
geboren  wurde.  Nehmen  wir  an,  daß  Lothar  im  Mai  778  zur  Welt  kam 
und  daß  er,  wie  Paulus,  der  genaue  Kenner  der  Familiengeschichte 
Karls  (vgl.  XXVI  v.  19 — 23  Anm.),  berichtet,  mit  zwei  Jahren  starb, 
so  könnte  nur  der  8.  Februar  780  der  richtige  Zeitpunkt  sein,  das 
wäre  aber  anno  XII  regnante  patre.  Diese  falsche  Angabe  fehlt  in 
den  Handschriften  G  und  H. 

Die  Autorschaft  des  Paulus  Diaconus  ist  aus  historischen,  noch 
mehr  aber  aus  stilistischen  Gründen  ausgeschlossen.  Aus  den  gleichen 
Gründen  möchte  ich  auch  nicht  mit  Dümmler  (Poet.  I  29  Anm.  8) 
Petrus  von  Pisa  als  Verfasser  annehmen. 

Das  Gedicht  gibt  uns  ein  Bild,  wie  vor  der  Gründung  der 
Akademie  am  Hofe  Karls  gedichtet  wurde.  Wer  es  verfaßte,  weiß 
man  nicht,  wahrscheinlich  aber  ist  es  derselbe,  von  dem  das  zeitlich 


172 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


nahe  liegende  Epitaph  für  den  Senischalk  Eggihard  (Epit.  Egg.) 
stammt  (Poet.  I  109  VI  =  Anh.  II).  Selbst  wenn  man  in  Erwägung 
zieht,  daß  in  den  Epitaphien  bestimmte  Darstellungsformen  üblich 
sind,  so  ist  doch  die  Übereinstimmung  beider  Gedichte  in  stilistischer 
Form  so  auffallend,  daß  man  den  gleichen  Verfasser  annehmen  muß. 


10 


Hoc  satus  in  viridi  servatur  flosculus  arvo, 

Pulchrior  en  lacte  candidiorque  nive, 
Donec  altipotens  veniat  per  saecula  iudex, 

Qui  metet  ostrifluas  falce  perenne  rosas. 
Hunc  tua,  lordanis,  sacrata  protulit  unda, 

Pampinus  Engadi  rore  beavit  eum. 
Livida  purpureis  vaccinia  cincta  rosetis 

Vernat  ut  et  rosola  gliscit  in  omne  decus, 
Pallida  ceu  sandix  inter  viburna  refulgit 

Et  nitit  imbrifluus  Cynthius  altus  aquis, 


Epitaphium  Chlodarii  pueri  regis  P  f.  135  v;  ohne  Ühersdirift  Q  (v.  1 — 4: 
St.  Gallen  899  p.  18,  Sdiluß  in  Rom  Reg.  lat.  421  /.  27)  und  //  /.  2v. 

1  saltus  G  1  seruatis  G  \  fosculus  (am  Rand  R^  G  \\  2  lactae  (ae  und  e, 
audi  ae  und  oe  öfter  vertausdit)  H  \\  4  rodas  G  \\  6  Pampiniis  H  \  engaddi  H  \\ 
7  Uuida  P,  Viuida  G  \  baccinia  G  \\  8  rosula  H  \\  9  inte  H  \  uiuurna  G  \ 
uiburna  H  \  le  fulta  H  y  10  nitet  H  \  imbrifluus  P  G,  imbrifluis  Traube  \ 
cythius  P,  cinthius  G  H    \    equis  H. 


2  pulchrior  en  lacte  vgl.  Gen.  49, 12 
dentes  eius  lacte  candidiores ;  Ihren.  4,  7 
nitidiores  lacte.  —  candidiorque  nive 
Theod.  I  536  v.  148;  Smar.  I  612  v.  20. 

4  perenne  Adv.  =  in  perpetuum  (vgl. 
Anh.  IV II  V.  9). 

5  hunc  tua,  Jordanis,  sacrata  unda: 
'Die  heilige  Welle  des  Jordan  ließ  die 
Blume  gedeihn.'  Damit  will  der  Dichter 
sagen,  daß  das  Kind  mit  außergewöhn- 
licher Sorgfalt  erzogen  wurde.  Auch  kann 
die  Taufe  mit  Jordanwasser  gemeint  sein. 

6 — 7  pampinus  Engadi:  Die  Wein- 
berge Engeddis,  das  am  Toten  Meer  liegt, 
werden  im  Hohenlied  Salomos  I  13  er- 
wähnt: in  vineis  Engaddi.  —  vaccinia 
livida:  vaccinium  =  hyacinthus,  hier 
als  Femin.  gebraucht.  —  cincta  rosetis 
Vgl.  Paulin.  Aquil.  I  128  v.58  ad  campos, 


Jordane,  tuos  cinctosque  rosetis. 

8  gliscit  in  omne  decus  vgl.  Epit. 
Egg.  V.  4  milis  in  omne  decus. 

9 — 10  pallida  ceu  sandix  inter  vi- 
burna: Die  Sandyxstaude  mit  scharlach- 
roten Blumen  inmitten  weißer  Mehlbeer- 
bäume; vgl.  Verg.  Ecl.  I  25;  Nemes.  II  86 
inter  viburna  cupressi.  —  refulgit,  nitit, 
rubit  (v.  11)  vgl.  Anm.  zu  V^  v.  1  u.  4.  — 
imbrifluus  Cynthius  altus  aquis  vgl. 
Verg.  Aen.  VI  9,  X  875  altus  Apollo;  im- 
brifluus aquis:  'benetzt  von  den  Fluten 
des  Meeres'.  Die  Lesart  equis  (H)  ließe 
sich  auch  erklären:  'Wie  der  hohe  Cyn- 
thier  erglänzt,  wenn  er  mit  seinen  Rossen 
aus  dem  Meere  aufsteigt',  vgl.  XVIII  v.  1 
Cynthius  iam  volitabat  equis.  Der  Dichter 
meint  die  Morgenröte  (Riese,  Anth.  lat. 
580  Sol  ab  aequo  reis  Tethyos  ortus  aquis). 


Anhang.    Auf  das  Grab  Lothars. 


173 


15 


20 


Ut  rubit  obriza  flagranti  cocta  Camino 

Et  rutilat  vario  Indus  honore  lapis: 
Haud  secus  emicuit  gracilis  infantia  nati, 

Quem  pater  omnipotens  misit  ad  astra  poli. 
Hie  erat  altus  amor:  perlita  in  melle  sagitta 

Vulnifico  fodiit  corda  mucrone  patris. 
Heu,  genetrici  huius  violavit  gaudia  lucis 

Decoxitque  satis  pectus  adusta  face. 
Sola  sed  inde  manet  felix  fiducia  spei, 

Quod  talis  caeli  Spiritus  astra  petit. 
Hunc  galeata  falanx  non  traxit  ad  arma  duelli, 

Perpetuus  milis  regnat  in  aula  dei. 


11  Et  P  I  rubet  H  \  obriga  G,  obri  und  darnach  eine  Lücke  H  \\ 
13  glatihs  G  \\  14  astro  H  \\  15  sagita  H  \\  17  Hiic  G  \  genetrici  scripsi,  gene- 
tricis  P,  genitricis  G,  genitrix  H,  en  genitrix,  cuius  Traube  \  huius  über  violavit 
von  der  gleichen  Hand  G  \  uiolavit  aus  uolavit  corr.  G  11  22  miles  H  \  aula 
P  G,  arce  H. 


12  Indus  honore  lapis  vgl.  XIII  v.  8 
gemmas  fndicosque  lapides;  Indicagemma 
XXVI  V.  6. 

15 — 20  perlita  in  melle  sagitta:  Die 
falsche  Quantität  von  perlita  schreibe  ich 
dem  Dichter  zu.  Er  will  sagen:  'Wen  Gott 
lieb  hat,  den  züchtigt  er';  mit  dem  Honig 
meint  er  wohl  die  Freude  über  die  Ge- 
burt. —  sagitta  vulnifico  fodiit  corda 
mucrone  patris  vgl.  Paul.  XXVIII  v.  6 
confodiens  iaculo  regia  corda  patris; 
XXXV  V.  41  perpetuo  pectus  Irans fixa 
mucrone:  XXVII  v.  8  ictaque  sunt  matris 
corda  dolore  procul.  —  heu,  genetrici: 
Durch  seinen  Tod  verbitterte  er  der  Mutter 
die  Freuden  dieses  Lebens;  genetricis 
(PG)  mag  wohl  durch  huius  veranlaßt 
sein ;  vgl.  auch  XXVI  v.  24  heu  genitrix.  — 
decoxitque  satis  pectus  vgl.  XXVI  v.  32 
ussisti  flammis  pectus.  Ebenso  wie  sich 
im  Gedicht  XXVI  der  Gedanke  anschließt: 
solatur  cunctos  spes,  quod  sacra  regna 
tenes,  so  auch  in  unserem  Gedicht  v.  19 
sola  sed  inde  manet  felix  fiducia  spei, 
quod  .  .  astra  petit.  Diese  Ähnlichkeiten 
sprechen  aber  nicht  etwa  für  die  Autor- 


schaft unseres  Paulus,  sondern  beweisen, 
daß  er  am  Hofe  dieses  Epitaph  kennen 
lernte  und  ihm  bei  der  Abfassung  seiner 
Epitaphien  seine  Darstellungsform  ent- 
nahm. —  fiducia  spei:  Die  Zusammen- 
stellung synonymer  Begriffe  ist  häufig, 
vgl.  V.  23  gazarum  opes;  Paulin.  Poet. 
I  148  V.  18  spes  in  me  nulla  remanet 
fiduciae.  —  caeli  Spiritus  astra  petit: 
Epit.  Egg.  V.  2;  Ale.  I  184  v.  679;  186 
V.  739  etc. 

21 — 24  regnat  in  aula  dei:  Statt 
aula  nach  H  arce  einzusetzen  scheint 
aus  metrischen  Gründen  und  in  Rücksicht 
auf  das  vom  Dichter  gebrauchte  Bild  (ga- 
leata falanx,  milis)  sehr  nahe  liegend 
und  auch  Alcvin  drückt  sich  ähnlich  aus 
Poet.  I  235  V.  226  proelia  post  terrae 
regnat  in  arce  poli.  Aber  auch  das 
Epitaph  für  Eggihard  hat  v.  8  u.  18  in 
aula  dei  und  v.  3  inclita  stirpe  satus. 
Die  Verkürzung  des  a  im  Ablat.  der 
1.  Deklination  ist  eine  Eigentümlichkeit 
des  Verfassers  dieser  Grabschrift.  Da 
nun,  wie  aus  der  Darstellung  zweifellos 
hervorgeht,   die  Verfasser  beider   Grab- 


174 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Gazarum  non  hausit  opes,  non  praedia  rerum 
Nee  rapuit  mundi  captus  amore  dapes. 
25    Contentus  cunulis  Christi  gratissimus  heres 
Divitias  meruit  lactis  ab  amne  poli. 
Stemmate  clarigero,  regali  sanguine  cretus, 

Aurea  non  valuit  sceptra  videre  patris. 
Priscorum  nimium  regum  devictus  amore 
30         Hlutharium  genitor  nomen  habere  dedit. 
Ut  gemini  surgunt  uno  de  germine  flores, 
Sic  pariles  genetrix  fudit  utrosque  sinu. 
Alter  inante  manens  vernali  cespite  pollet, 
Alter  ad  aethra  volans  aurea  saecla  tenet. 
35    Hoc  tibi,  care  decus,  Carolus  lacrimabile  Carmen 
Edidit  ensipotens  rex  genitorque  tuus. 
Ast  ego,  nate,  tibi  genetrix  regina  remitto 

Hildegarda,  meus,  basia,  dulcis  amor. 
Bissenosque  prius  menses  quam  volveret  annus, 
40         Gemmula  de  flore  morte  repulsa  fluit. 


23  hausit  H,  ausit  P,  auxit  G  \\  25  cumulis  H  \\  26  diuitiis  G,  diuicias  H  || 
27  scemmate  H  \  crarigero  H  \\  29  regnum  G  \\  30  Hlytarium  G  \  nomen  hie 
habere  H  \\  32  genitrix  GH  \\  33  manet  G  \\  34  altera  detrahere  uolat  (am 
Rand  Rj  G  \  secla  P  \\  35  Karolus  G  \\  36  rex  fehlt  (am  Rand  R;  G  \\ 
37  genitrix  G  H  \  regina  aus  regna  corr.  G  ||  38  Hildigalda  meus  basia  G,  Hilde- 
cardam  cur  basia  H  \\  39  annos  G,  et  annus  H  \\  40  repulsa  aus  depulsa  corr.  G, 
repula  H. 


Schriften  identisch  sind,  so  bieten  PG 
die  richtige  Lesart.  —  non  hausit  opes: 
haurire  drückt  wie  rapere  im  nächsten 
Vers  das  gierige  Verlangen  aus.  —  dapes 
=  Genüsse  überhaupt,  vgl.  Bonif.  I  10 
V.  219  nequicquam  dapibus  saecli  satu- 
ratur  opimis;  II  681  v.  9  spernite,  posco, 
dapes;  es  steht  auch  für  opes,  vgl.  Index 
zu  Poet.  II. 

25 — 30  cunulis  bildet  den  Gegensatz 
zu  V.  23.  —  divitias  meruit:  Er  ver- 
diente sich  Schätze  des  Himmels  =  Selig- 
keit, indem  er  in  der  Wiege  lag  und  nur 
von  Milch  sich  nährte;  lactis  ah  amne 
bildet  den  Gegensatz  zu  dapes.  —  regali 
sanguine  cretus  vgl.  Epit.  Egg.  v.  3  Fran- 
corum  sanguine  cretus;  vgl.  Verg.  Aen. 
III  608  quo  sanguine  cretus;  ein  auch 


sonstbeliebterVersschlußAnh.Vv.  25,50; 
Angilbert  Poet.  I  380  v.  28.  —  aurea  non 
valuit  sceptra  videre  patris:  Einen  ähn- 
lichen Gedanken  verwendet  Paulus  bei 
der  Grabschrift  der  kleinen  Adelheid 
XXVII  V.  9  patrios  non  conspectura 
triumphos. 

33 — 36  alter  inante  manens:  Der 
andere  (Ludwig  der  Fromme)  lebte  noch 
weiter.  —  vernali  cespite  pollet:  Von  der 
Natur  auf  den  Menschen  übertragen;  es 
stecken  in  ihm  kräftige  Keime  zum  Ge- 
deihen, vgl.  Paulus  I  V.  7  viridi  dum 
cespite  polles. 

35—40  Mit  V.  35  beginnt  der  Ab- 
schluß des  Gedichtes.  Nachdem  der  Eltern 
gedacht  ist,  wendet  er  sich  an  Maria  und 
die  Besucher  der  Kirche,  vgl.  Vorbem.  zu 


Anhang.    Auf  das  Grab  Lothars. 


175 


45 


Hoc  niveum  sacra  praeliba  munus  in  ara 
ludicis  altithroni,  virgo  Maria,  precor. 

O  vos  christicolae,  qui  fertis  munera  templi, 
Nobiscum  matrem  corde  rogate  lesu, 

Ut  puerum  solio  dignetur  nominis  alti 
Adsociare  suis  vocibus  illa  sacris. 


Obiit  autem  die  VI  Id.  Feb.  anno  X  regnante  patre  ipsius 

Carolo  glorioso  rege. 


41  niueo  G  \  praeliua  G,  prehua  fi  \  in  ara  PG,  marcii  H  ||  42  praecor  G  || 
43  christicole  P  \\  44  corda  G  \  lesu  Dämmler,  ihn  P,  ihm  G  \\  46  Finit  am 
Rand  G    \    obiit— rege  fehlt  G  H. 


V.  39  u.  40.  —  gemmula  de  flore  morte 
repulsa  fluit:  Man  erwartet  I^ein  Präsens 
und  möchte  fuit  schreiben,  fluit  geht 
aber  ebenso  wie  die  falsche  Angabe  über 
das  Aher  des  Lothar  auf  Rechnung  des 
Interpolators. 


43 — 46  0  vos  christicolae  Poet.  II  658 
V.  27.  Eine  Vergleichung  dieser  Verse  mit 
Epit.  Egg.  V.  19  u.  20  läßt  deutlich  die  Zu- 
sammengehörigkeit beider  Gedichte  er- 
kennen. —  vocibus  =  angelicis  cantibus. 


II. 

Grabschrift  für  Eggihard. 

jEggihard  entstammte  einem  berühmten  fränkischen  Geschlechte 
und  starb  vielbetrauert  in  der  Blüte  seiner  Jahre  in  dem  Feldzug 
Karls  gegen  Spanien  (1 — 14).  Der  Märtyrer  Vincentius  und  die  Be- 
sucher der  Kirche  mögen  für  ihn  Fürbitte  einlegen  (15 — 22).' 

Eggihard  war  Senischalk  Karls  (Abel  I  305;  II  549)  und  fiel  im 
Kampf  gegen  die  Basken  im  Tale  von  Roncevalles  zugleich  mit  dem 
von  der  Sage  gefeierten  Roland  und  zwar,  wie  es  am  Schlüsse  des 
Epitaphs  heißt,  am  15.  August  778. 

Das  Gedicht  ist  jedenfalls  um  diese  Zeit  entstanden  und  steht 
demnach  dem  vorausgehenden  auch  zeitlich  ganz  nahe.  Die  vielen 
stilistischen  Beziehungen  veranlaßten  mich  zur  Annahme  des  näm- 
lichen Verfassers  (vgl.  Vorbem.  zu  Anh.  I). 

Die  Handschrift  Paris  lat.  4841  :=E,  die  das  Gedicht  überliefert, 
stammt  aus  dem  neunten  Jahrhundert  (vgl.  Neues  Archiv  IV 149).  Ihren 
Hauptinhalt  bilden  Grabschriften,  so  f.  32  Versus  super  tumulum 
sancti  Augustini  episcopi,  quos  ipse  didavit:  Vivere  post  obitum 
(Riese,  Anth.  lat.  721,  722);  f.  33  Ephitafium:  Hie  rogo  pauxillum, 
Grabschrift  Alcvins  (Poet.  I  350).  Auf  diese  folgt  die  für  Eggihard, 
der  sich  andere  anschließen. 


Pallida  sub  parvo  clauduntur  membra  sepulcro, 
Ardua  sed  caeli  Spiritus  astra  petit. 

Inclita  stirpe  satus,  Francorum  sanguine  cretus. 
Hie  fuerat  dudum  milis  in  omne  decus. 


Ephytaphium  E  f.  33  v. 

2  s^d  £"   I    celi  E  \   astra  petit  Dümmler,  petiit  astra  E  ü  3  Franquorum  E 
4  milis  scripsi,  mittis  E,  mitis  Wölfflin    \    omnem  E. 


4 — 8  milis  in  omne  decus  (vgl.  v.  22 
im  Epitaph  Lothars  perpetuus  milis  regnat 
in  aula  dei):  Eggihard  war  früher  ein 
tüchtiger  Soldat.  —  patrio  nomen  de  no- 


mine dictus:  Ein  auch  sonst  beliebter 
Versschlüß  Angilb.  Poet.  1 371  v.  200;  Alc- 
vin  Poet.  I  200  v.  1396;  vielleicht  ist  diese 
eigentümliche  Ausdrucksweise  eine  Re- 


Anhang.    Grabschrift  für  Eggihard.  177 

5     Roseida  purpureas  lente  lanugo  genellas 

Cingebat.    Heu  me,  pulchra  iuventus  obit. 
Aggiardus  patrio  nomen  de  nomine  dictus 

Hie  erat  et  regis  summus  in  aula  fuit. 
Hunc  rapuit  ferro  mors  insatiabilis  umbris, 
10         Sed  lux  perpetua  vexit  ad  alta  poli. 

Tempore  quo  Spaniae  Carolus  calcavit  arenas, 

Mortuus  est  mundo,  vivit  ubique  deo. 
Hunc  deflet  Italus,  contrito  pectore  Francus, 
Plorat  Aquitania  Germaniaque  simul. 
15    Tu  modo  quocirca,  Vincenti  maxime  martyr, 
Hunc  propter  summum  posce,  beate,  deum. 
Hoc  iacet  in  tumulo,  tantum  sed  carne  sepultus 

Carpsit  iter  rutilum,  vivit  in  aula  dei. 
At  vos  christicolae,  qui  sacri  limina  templi 
20         Lustratis,  genitum  corde  rogate  patris: 
'Tu  pietate  deus  probrosa',  dicite  cuncti, 
'Aggiardi  famuli  crimina  tolle  tui'. 

Qui  obiit  die  XVIII  Kalendas  Septembrias  in  pace  feliciter. 


5  purporeas  E  \\  6  pulcra  E  \  obiit  E  \\  7  aggiardus  aus  aggiadus  corr.  E, 
am  Rand  von  jüngerer  Hand  Aggiardus  £"  ll  8  regis  scripsi,  regi  sumus  E  \\  10  poli 
aus  poHt  corr.  E  \\  11  tempori  E  \  in  ispania  darunter  ein  Strich  und  am  Rand 
von  jüngerer  Hand  Quo  Hispanus  (as?)  Karlus  E,  Spaniae  Dümmler  \\  13  contrito 
aus  contricto  corr.  E  \\  14  equitani*^  E  \\  15  cocirco  E  \\  16  dö  E  \\  18  carpsis  E  \\ 
19  at]  ad  E  \  christicole  E  \\  20  patris  corde  rogate  E,  corr.  Dümmler  \\ 
21  cumcti  £"    II    22  aggiar  di  £"    ||    23  die  E. 

miniszenz  an  Verg.  Aen.  III  18   meo  no-      pore  quo  Spaniae  (ä),  auch  in  Aquitania 
men  de  nomine  fingo.  —  et  regis  summus      und   Germania  (v.  14)   ist   die  Quantität 


in  aula  fuit:  regis  zu  setzen  veranlaßte 
mich  auch  v.  18  vivit  in  aula  dei:  Einst 
im  Palast  des  Königs,  jetzt  im  himmlischen. 
Eggihard  war  sehr  angesehen  am  Hofe, 
vgl.  Einh.  Vita  Car.  c.  9  Eggihardus  regiae 
mensae  praepositus ;  Einh.  ann.  778:  in 
hoc  certamine  plerique  aulicorum,  quos 
rex  copiis  praefecerat.  interfecti  sunt. 
Er  war  Truchseß  (dapifer)  und  hatte  die 
Aufsicht  über  Küche  und  Hofhaltung. 

9 — 14  mors  insatiabilis  umbris:  Der 
Tod  kann  nicht  durch  Schatten  =  Tote 
gesättigt  werden;  vgl.  Alcvin  Poet.  I  170 
V.  13  M^  vos  salvaret  ab  umbris.  —  ^um- 


geändert. —  Karl  feierte  am  19.  April  778 
Ostern  in  Aquitanien,  in  der  Pfalz  Cassino- 
gilus  und  zog  jedenfalls  noch  im  FrühHng 
nach  Spanien  (Abel  I  293,  vgl.  Vorbem. 
zu  Anh.  I). 

15 — 22  Vincenti  maxime  martyr: 
Eggihards  Grab  befand  sich  demnach  in 
einer  dem  heiligen  Vincentius  geweihten 
Kirche.  —  Zu  v.  17  vgl.  aus  dem  Epit.  des 
Doktron  (Hist.  Lang.  III  cap.  19)  v.  1  clau- 
ditur  hoc  tumulo,  tantum  sed  corpore, 
Doctron;  vgl.  auch  Bickel,  Rhein.  Mus. 
63,  1908,  p.  404  ff. 


Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4.  12 


III. 

Auf  das  Grab  des  Dombercht. 

Dieses  zuerst  von  A.  Wilmanns  herausgegebene  Gedicht  (Rhein. 
Mus.  für  Philol.  N.  F.  XXIII  404)  hat  Dümmler  (Poet.  I  19)  als  Appendix 
zu  den  Gedichten  des  Bonifatius  veröffentHcht.  Von  dem  in  der  Grab- 
schrift Gefeierten  ist  sonst  nichts  bekannt,  dem  Gedicht  kann  man 
aber  entnehmen,  daß  er  ein  Angelsachse  und  Schüler  des  Bonifatius 
war  und  diesem  nach  Deutschland  folgte.  Er  scheint  auch  (vgl.  die 
Verse  11  und  17)  wissenschaftliche  Bildung  besessen  zu  haben.  Wenn 
es  V.  19  heißt  dominl  servavit  ovile  und  v.  29  praesul  oves  domini 
maltos  per  annos  rexit,  so  darf  man  annehmen,  daß  er  ein  höheres 
geistHches  Amt  bekleidete. 

Die  stilistische  Untersuchung  ergab  als  neues  Resultat,  daß  das 
Epitaph  von  einem  Schüler  des  Petrus  von  Pisa  verfaßt  ist,  dessen 
Ausdrucksformen  in  ganz  auffallender  Weise  verwendet  werden.  Daß 
wir  es  mit  einer  Schülerarbeit  zu  tun  haben,  beweist  schon  die  am 
Schlüsse  angefügte  Bitte  Rogo  te,  domine  pater,  ut  emendes  et 
corrlgas.  Auch  steht  das  Gedicht  in  Rom  Palat.  lat.  1753  (R) 
inmitten  von  Stücken  grammatischen  und  besonders  metrischen  Inhalts 
(vgl.  Wilmanns  a.  a.  O.  und  Reifferscheid,  Bibliotheca  patrum  Latinorum 
Italica  I  p.  307).  Zugleich  kann  man  sehen,  wie  dieser  Anfänger  in 
der  Dichtkunst  bei  der  Abfassung  dieses  Epitaphs  mit  den  typischen 
Formen  der  karolingischen  Zeit  arbeitet.  De  Rossi  (Inscriptiones 
Christianae  urbis  Romae  II,  1  p.  LIV)  sagt:  elogium  inscribendum 
tumulo  eias  (Domberchti)  compositum  est  ab  anonymo  studioso 
carminam  veterum  epigraphicomm,  qaorum  plura  hemistichia  in  hoc 
epitaphio  agnoscuntur. 


Anhang.    Auf  das  Grab  des  Dombercht. 


179 


10 


15 


20 


Funereo  textu  scribuntur  facta  priorum, 

Ut  discat  vanas  linquere  quisque  vias. 
Sed  non  est  flendus,  studuit  qui  vivere  Christo 

Et  mundi  toto  temnere  corde  mala. 
Et  si  forte  cupis  nomen  meritumque  sepulti 

Discere,  tu  poteris  magna  viator  amans.' 
Hac  iacet  egregius  nivea  sub  mole  sacerdos, 

Qui  meritis  caeli  vivit  in  arce  suis, 
Eloquio  fulgens,  sacro  cognomine  dictus 

Dombercht,  qui  mundi  clara  lucerna  fuit. 
Grammaticae  studio,  metrorum  legibus  aptus, 

Plurima  percutiens  funere  corda  suo 
Occidit  et  nobis  fletus  gemitusque  reliquit, 

Quos  hie  culparum  poena  dolorque  tenent. 
Hie  rabiem  mortis  calcavit  morte  minantis 

Pergens  luciflui  laetus  ad  astra  poli. 
Lumen  erat  patriae,  sapientia  maxima  gentis, 

Perfundens  sancta  turbida  corda  fide, 
Inlaesum  vigilans  domini  servavit  ovile, 

Pestiferi  extinguens  toxica  saeva  lupi. 
Pauperibus  largo  praebebat  munera  dono 

Ostendens  gregibus  pabula  pulchra  dei. 
Artibus  et  meritis  fulgens  Bonifatius  almus, 

Pro  Christo  gladiis  qui  sua  membra  dedit, 


Ohne  Überschrift  f.  116v. 
2  quisque  aus  quinque  corr.  R 
falce  Wilmanns. 


6  magna  Wilmanns,  magne  R  \\  15  morte  R, 


1 — 3  Das  Vorbild  für  diese  fast  wört- 
lich nachgebildeten  Verse  findet  sich  in 
einem  Epitaph  in  Pavia  Poet.  1102  v.  1 — 3. 

5 — 8  et  si  forte  cupis:  Beliebte 
Formel  bei  den  Epitaphien.  —  tu  poteris 
magna  vgl.  dieselben  Worte  bei  Petrus 
von  Pisa  XVII  v.  26.  —  caeli  vivit  in 
arce  vgl.  Petr.  XXI  v.  8  caeli  regnat  in 
arce;  zu  v.  8  vgl.  Epitaph  des  Doktron 
V.  1  u.  2  (Hist.  Lang.  III  cap.  19)  nam  me- 
ritis toto  vivit  in  orbe  suis. 

10  mundi  clara  lucerna  fuit  vgl. 
Petr.  XVII  V.  26  fulgens  in  monte  lucerna; 
nimmt  man   aus   v.  6   noch    tu  poteris 


magna  hinzu,  so  sieht  man,  wie  der 
Schüler  einen  Vers  seines  Lehrers  ver- 
wendet hat. 

13  und  17  enthalten  typische  Aus- 
drucksformen. 

20 — 21  toxica  saeva  lupi:  Diese  aus 
Martial  epigr.  118,6  stammende  Ausdrucks- 
weise findet  sich  auch  bei  Petr.  XXXVIII 
V.  30.  —  pauperibus  largo  praebebat  mu- 
nera dono:  Petrus  schreibt  XXXVIII  v.  19 
pauperibus  largo  dispensas plurima  dono. 
Hier  ist  deutlich  zu  sehen,  wie  der  Schüler 
die  ihm  vorliegenden  Worte  umändert. 

12* 


180 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


25 


30 


35 


Hunc  magno  studio  docuit,  nutrivit,  amavit 

Complens,  quod  sonuit  vatis  in  ore  pium. 
Francorum  ad  patriam  tremulas  venere  per  undas 

Anglorum  pelagi  germine  de  nitido. 
Praesul  oves  domini  multos  sine  sorde  per  annos 

Rexit  et  aeternae  carpsit  iter  patriae. 
Hac  venerandus  humo  voluit  requiescere  poscens, 

Ut  nullus  violet,  quod  tenet  ipse  solum. 
Hie,  populi,  sanctum  precibus  pulsate  iacentem, 

Ut  precibus  solvat  vincula  vestra  suis 
Et  foveat  semper,  quos  vivens  semper  amavit, 

Et  quos  hie  docuit,  clarus  ad  astra  levet. 

Rogo  te,  domine  pater,  ut  emendes  et  corrigas. 


37  emendas  R. 


25  docuit,  nutrivit,  amavit  wörtlich 
Petr.  XXXVIII  v.  6  entnommen. 

32 — 34  ut  nullus  violet:  Eine  dem 
als  Vorbild  am  Hof  dienenden  Epitaph 
des  Constans  entnommene  (Poet.  I  79 
V.  21)  typische  Form  (vgl.  Vorbem.  zu  IX 
S.  45).  —  precibus  pulsate  iacentem  vgl. 
Petr.  XXI  V.  11  precibus  pulsare  tonan- 


tem.  —  ut  solvat  vincula  vestra:  Ein 
auch  von  Petrus  verwendetes  Bild  vgl. 
XVII  V.  28;  XXXVIII  v.  28.  Die  Art,  wie 
hier  der  Schüler  sich  der  Werke  seines 
Lehrers  zur  Abfassung  eines  Gedichtes 
bedient,  haben  wir  schon  bei  Karl  kennen 
gelernt  (S.  136). 


IV. 
Fiducia  an  Angilram. 


'An  Angilram  schicke  ich  Grüße  von  meinem  gegenwärtigen 
Aufenthaltsort  am  Ufer  eines  Flusses,  wo  Weiden,  Binsen  und  dichtes 
Gebüsch  wachsen  und  Sümpfe,  von  Fröschen  bewohnt,  sich  ausdehnen 
(1 — 6).  Ohne  Tätigkeit  sitze  ich  in  dieser  traurigen  Gegend,  fern 
von  besserer  Gesellschaft  und  allen  Freuden  des  Lebens.  Du  aber 
bist  berühmt  als  Dichter  und  steigst  zu  Macht  und  Ansehen  empor. 
Nimm  Dich  mit  Wort  und  Tat  Deines  armen  Freundes  an  (7 — 14). 
Auch  die  berühmten  Dichter  Theodulf  und  Angilbert  mögen  beim 
König  sich  für  mich  verwenden  (15 — 20).' 


Von  dem  Verfasser  dieses  Gedichtes,  Fiducia,  wissen  wir  sonst 
nichts.  Den  Versen  kann  man  entnehmen,  daß  ihn  sein  gegen- 
wärtiger Aufenthaltsort  und  sein  untätiges  Leben  traurig  stimmt. 
Er  ist  mit  den  literarischen  Größen  am  Hofe  Karls  befreundet  und 
hofft  mit  ihrer  Hilfe  zu  erreichen,  daß  der  König  seiner  wieder  in 
Gnaden  gedenkt. 

Die  Verse  21 — 22  deuten  an,  daß  ihm  Karl  wegen  einer  fehler- 
haften schriftlichen  Arbeit  eine  Rüge  aussprach.  Demnach  möchte 
man  an  einen  Klosterschüler  oder,  wie  Traube  sagt  (Wochenschr.  f. 
klass.  Philol.  1891,  S.  688),  an  die  Skription  eines  karolingischen 
Quartaners  denken,  und  wir  sehen  dadurch  bestätigt,  daß  Karl  die 
wissenschaftliche  Heranbildung  und  Leistungen  der  jungen  Leute  per- 
sönlich überwachte. 

Das  Gedicht  entstand  zwischen  784  oder  788  und  791  (vgl.  Anm.). 


182 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


Carmina  ferte  mea  Anghelramo,  dicite  patri 
Verba  salutifera,  propriis  quae  misit  ab  arvis 
Nomine  non  meritis  Fiducia.     Cernite,  praesul! 
Qui  in  ripis  fluvii  morat,  at  ubi  multa  salecta 
Nascitur  et  iuncus,  pariter  tegumenta  corymbi, 
Qui  ranulas  gignit  squalidas,  carecta  paludis. 
Sat  lentus  sedeo,  qui  carmina  nulla  camaenae, 
Non  sceptrum  regis  fero  nee  mantilia  lini. 
Non  manibus  laticem  mitto  libamina  sancta 
Nee  regum  cerno  proles  nee  pocula  Bacchi. 
Sola  mihi  tales  casus  Cassandra  canebat. 
Tu  pius,  alme  pater,  clarescis  in  ordine  vatum, 
Tu  florem  meriti  sequeris,  vos  ardua  regna. 


Versus  Fiducie  ad  Angelramnum  praesulem  D  p.  221. 

1  vor  Carmina  f  D  \\  2  que  D  (^  =  ae  öfter)  ||  3  cernite  D,  cernue  G. 
Paris  (Romania  1874  p.  430^  ||  4  fluvii  Dümmler,  fluviis  D  H  6  padulis  D,  corr. 
Dümmler  \\  7  sedeo  D,  redeo  Dümmler  \  camen^  D  \\  ^  mitto  nee  D,  ohne  nee 
scripsi   11    13  vos  ardua  D,  ad  ardua  Dümmler. 


3 — 6  nomine  non  meritis:  Eine  auch 
sonst  gebrauchte  Wendung  vgl.  Paul.VI  v.3 ; 
Alcvin  Poet.  1247  v.6,  260  v.2;  Theodulf 
Poet.  1 520  V.  26,  521  v.  66;  Hincmar  Poet. 
III 420  V.  1  nomine,  non  merito  praesul. — 
cernite  kann  wohl  beibehalten  werden 
und  bedeutet  soviel  wie  ecce:  „Seht,  da 
habt  Ihr  meine  Grüße."  —  morat  statt 
moratur.  —  at  ubi  vgl.  Bonnet,  Gregor 
von  Tours  p.  485.  —  salecta  statt  sa- 
licta  als  Fem.  verwendet.  —  ranulas  und 
squalidas  sind  hier  mit  verkürztem  'a' 
gebraucht. 

7 — 11  lentus  sedeo  vgl.  Verg.  Aen. 
XII  237  qui  nunc  lenti  consedimus  arvis. 
In  den  folgenden  Versen  weist  er  nach, 
warum  er  so  untätig  dasitzt.  —  non 
sceptrum  regis  fero:  Er  hat  keinen  Dienst 
bei  Hof;  beachte  die  eigentümliche  Ver- 
wendung von  fero,  vgl.  auch  Theodulf 
Poet.  I  453  V.  39  fundere  aquam  palmis, 
mantilia  ferre  studemus.  —  non  mani- 
bus laticem:  Er  hat  keine  priesterlichen 
Funktionen  und  reicht  mit  seinen  Händen 
nicht  das  geweihte  Wasser  als  heilige 
Spende.    Das    gegen    das   Metrum  ver- 


stoßende nee  ist  wohl  durch  das  voraus- 
gehende und  die  zwei  nachfolgenden  nee 
aus  Versehen  vom  Schreiber  eingesetzt 
worden.  —  nee  regum  cerno  proles:  Er 
spielt  damit  auf  das  Leben  Angilrams 
an,  der  als  Berater  des  Königs  und  als 
sein  oberster  Kaplan  mit  Erlaubnis  des 
Papstes  Hadrian  I  sich  am  königlichen 
Hof  aufhielt  (Abel  1 488).  — pocula  Bacchi 
ein  Verg.  Aen.  III  354  entnommener,  auch 
von  Alkvin  (Poet.  I  271  v.  24)  und  Angilbert 
(Poet.  I  379  V.  531)  verwendeter  Vers- 
schluß. —  V.  11  ist  wörtlich  Vergil  (Aen. 
III  183)  entnommen. 

12 — 14  Das  zweimal  den  Vers  be- 
ginnende tu  veranschaulicht  den  Gegen- 
satz zwischen  seinem  und  Angilrams 
Leben  und  stellt  einander  gegenüber 
V.  7  carmina  nulla  fero  und  tu  clarescis 
in  ordine  vatum  (vgl.  Vorbem.  zu  den 
Versen  über  die  Metzer  Bischöfe  S.  187). 
—  tu  florem  meriti  sequeris,  vos  ardua 
regna:  Mit  diesen  Worten  bringt  Fiducia 
wiederum  einen  Gegensatz  zu  seinem 
tatenlosen  Leben,  wie  er  es  v.  8 — 10 
schildert.     Angilram    war    vom    Bischof 


Anhang.    Fiducia  an  Angilram. 


183 


Me  vestrum  foveas  dictis  factisque  misellum. 

15     Portio  Sit  tibi  cum  iusto  Simeone  beato! 
Teudulfus  rutilat  mire  de  arte  luvenci 
Atque  Angelpertus,  divini  ambo  poetae, 
Quos  Flaccus,  Varro,  Lucanus  Nasoque  honorant. 
At  genua  flectant  regi  perstringere  plantas, 

20    Sit  memor  ipse  mei,  qui  sancta  fasce  nitiscet. 
Me  tetigit  Carulus  dominus  de  cuspide  pinnae: 
Errore  confectus  scriptio  nostra  fuit. 


15  portio  Sit  aus  porsit  corr.  D  \  tibi]  bi  auf  Rasur,  cum  stand  vorher 
dort  D  li  18  flaccus  aus  flacco  corr.  D  \\  20  sit  scripsi,  ut  D  \  nitiscet  D, 
nitescit  Dümmler. 


zum  Erzl^aplan  und  Erzbischof  (c.  788 
bis  791)  emporgestiegen  (vgl.  Abel  I  38, 
,487  ff.,  II 541).  —  Das  Umspringen  von  tu 
in  vos  hat  nichts  Auffälliges  und  kann 
durch  das  Bestreben  den  Hiatus  zu  ver- 
meiden veranlaßt  sein ;  weitergeführt  wird 
vos  durch  vestrum  misellum.  In  v.  14 
ist  der  Zweck  des  ganzen  Gedichtes  ent- 
halten, nämlich  die  Bitte,  Angilram  möge 
sich  bei  Karl  für  ihn  verwenden. 

15  portio  sit  tibi  cum  Simeone  vgl. 
Luc. 2, 25:  Der  Dichter  will  sagen:  „Hilfst 
Du  mir  Armen,  dann  möge  Dir  einst  wie 
Simeon  als  Lohn  ein  seliges  Ende  zuteil 
werden." 

16 — 20  Teudulfus  rutilat:  luvencus 
gehört  nach  der  eigenen  Aussage  des 
Theodulf  zu  den  Dichtern,  die  er  gerne 
las  (vgl.  Poet.  I  543  v.  14;  Alcvin  Poet. 
I  204  V.  1550).  —  de  arte  vgl.  v.  21  tetigit 
de  cuspide.  Die  Verwendung  von  de 
statt    des    Ablativs    ist   eine    stilistische 


Eigentümlichkeit  des  Verfassers,  vgl.  auch 
im  nächsten  Gedicht  v.  1  cecini  de  fauce. 
—  In  V.  16  u.  17  Hiatus;  beachte  auch 
ambo  poetae.  —  quos  Flaccus:  Er 
rühmt  Theodulfs  und  Angilberts  litera- 
rische Kenntnisse;  vgl.  aber  P.v. Winter- 
feld, Rh.  Mus.  60,  33.  —  sit  memor  ipse 
mei:  Das  überHeferte  ut  hat  kein  Verbum, 
deshalb  wurde  diese  am  Schluß  poetischer 
Briefe  übliche  Wendung  eingesetzt.  — 
sancta  fasce:  Die  von  Gott  übertragene 
Würde  und  Bürde.  —  nitiscet  vgl.  Paul. 
XV  16,  3  pigriscit. 

22  Er  will  sagen,  daß  er  in  dem 
Gedicht,  durch  welches  er  sich  den  Tadel 
Karls  zuzog,  die  einfachsten  Regeln  der 
Prosodie  und  Grammatik  verfehlte.  So 
ungeschickt  sich  der  Verfasser  auch  zeigte, 
so  darf  man  doch  wohl  annehmen,  daß 
er  diesen  fehlerhaften  Pentameter  nur 
scherzweise  anfügte. 


II. 


'Psalmen  sang  ich  Tag  und  Nacht  und  betete  für  Euch  zu  Gott. 
Kommt  und  verscheucht  mir  meine  Traurigkeit  (1 — 10)!' 


Dieses  Gedicht  schreibe  ich  auch  dem  Fiducia  zu.    Es  folgt  in 
der  Berliner  Handschrift  (D)  unmittelbar  auf  das  Gedicht  des  Fiducia 


184 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


an  Angilram.  Es  schließt  eine  Sammlung  von  Gedichten  ab,  die  mit 
dem  Hofe  Karls  und  auch  unter  einander  in  Beziehung  stehen.  So 
ist  auch  im  Gedicht  XXXIX  Carmina  mltto  Petro,  das  diese  Samm- 
lung eröffnet,  auf  Angilram  Bezug  genommen  und  das  Gedicht  hat 
Angilbert  zum  Verfasser,  der  im  vorausgehenden  Gedicht  (IVi  v.  17) 
genannt  ist  und  Fiducia  näher  stand. 

In  unserem  finden  sich  Eigentümlichkeiten  der  Darstellung,  die 
wir  auch  in  IVi  bemerkten,  wie  Hiatus,  prosodische  Verstöße,  un- 
gewöhnliche Konstruktionen,  unbeholfene  Ausdrucksweise. 

Auch  der  Inhalt  spricht  dafür,  daß  diese  beiden  Gedichte  nicht 
nur  den  gleichen  Verfasser  haben,  sondern  auch  in  einem  inneren 
Zusammenhang  stehen:  Fiducia  beklagt  sich  im  vorausgehenden 
Gedicht  über  sein  ödes,  tatenloses  Dasein  (IVi  v.  7  sat  lentus  sedeö). 
Darauf  erwidert  ihm  Angilram  in  einem  nicht  bekannten  Schreiben, 
Fiducia  möge  dann  um  so  fleißiger  im  Gebet  sein.  Die  Antwort 
darauf  liegt  in  unserem  Gedicht  vor:  „Glaub'  mir  doch,  mehr,  als  ich 
tue,  kann  kein  Mensch  tun.  Ganze  Bücher  von  Psalmen  sang  ich. 
Kein  Schlaf  kam  über  meine  Augen.  Meine  Stimmung  blieb  aber 
die  gleiche  (vgl.  IVi  v.  14  me  vestram  foveas  dictis  factisque  misellam). 
Kommst  Du,  dann  schwindet  meine  Trauer  (IVii  v.  10  trlstia  corda).'' 


Credere  si  vellis,  cecini  de  fauce  libellos 
Psalmorum,  numeros  inpar  noviesque  decenos, 
Quorum  virtus  erat,  nocturna  fauce  canebam. 
Noctibus  ac  diebus  pro  te  pulsare  tonantem 
Carmine  Davitico,  afuerunt  mea  lumina  somno 
Flectere  colla  deo,  palmas  utrasque  levare, 
Ut  huius  pia  gratia  vos  non  deserat  umquam. 


Alius  versus  D  p.  222. 

1  vor  credere  f  D  \  vellis  D,  velles  Dümmler  \  fauce  aus  fasce  corr.  D  \\ 
5  afuerunt  scripsi,  fuerun  nach  n  Überreste  eines  Budistabens  D,  fuerunt  Dümmler, 
careant  Traube. 


2 — 7  inpar  vgl.  Calp.  II 3  nee  impar 
voce  sonans.  —  noviesque  decenos:  Er 
will  sagen :  „Ich  sollte  eigentlich  nur  sieben 
Horengebete  sprechen,  ich  betete  aber 
neunmal  und  zwar  jedesmal  zehn  Psalmen " ; 
vgl.  Ps.  118,  164  Septies  in  die  laudem 
dixi.  —  quorum  virtus  erat:  Psalmen 
mit  wirkungsvollem  Inhalt.  —  cecini  de 
fauce,  bald  darauf  canebam  fauce,  nocti- 


bus ac  diebus  nach  dem  vorausgehenden 
nocturna,  die  Quantität  von  diebus  und 
afuerunt,  die  Infinitive  pulsare,  flectere, 
levare  wie  im  vorausgehenden  Gedicht 
V.  19  statt  eines  Finalsatzes  („Ich  schlief 
nicht,  um  beten  zu  können"),  all  das  be- 
weist, daß  auch  hier  eine  Schülerarbeit 
vorliegt.  —  pro  te  pulsare  tonantem  vgl. 
XXI  V.  11;  Poet.  189  v.  3. 


Anhang.    Fiducia  an  Angilram. 


185 


10 


Vos  regat  omnipotens,  solus  qui  imperat  orbem; 
Prosperitas,  laus,  sinceritas  tibi,  sancte,  perenne. 
Adventus  vester  depellat  tristia  corda. 


9  perenne  scripsi,  perennem  D. 


8 — 10  qui  imperat  orbem:  Beachte 
den  Hiatus  und  die  Konstrul<tion  von 
imperare.  Dieser  Vers  erscheint  als  Nach- 
bildung von  XXXIX  V.  7  te  regat  omni- 
potens. cunctum  qui  continet  orbem.  — 
Man   möchte  sinceritas  {=  Gesundheit) 


in  Sit  Caritas  {cäritas  Alcvin  Poet.  I  240 
V.  5;  242  v.  19)  aus  prosodischen  und 
stilistischen  Gründen  ändern,  vgl.  aber 
die  Anm.  zu  v.  2 — 7.  —  perenne  =  in 
perpetuum  vgl.  Anh.  I  v.  4. 


V. 
Verse  über  die  Metzer  Bischöfe. 

Dieses  Gedicht  ist  in  dem  Parisinus  lat.  9428  (N)  aus  dem  Anfang 
des  IX.  Jahrhunderts  überliefert,  einem  Sakramentarium  der  Metzer 
Kirche.  Nach  dieser  Handschrift  gab  es  zuerst  Meurisse  heraus 
{Histoire  des  evesqaes  de  l'egUse  de  Metz  p.  685 — 686).  Es  enthält 
eine  Aufzählung  der  Metzer  Bischöfe  mit  Klemens  beginnend  bis 
Angilram,  wobei  mit  wenigen,  meist  auf  die  Herkunft  des  Namens 
bezüglichen  Worten  ein  Urteil  über  ihre  Tätigkeit  ausgesprochen  wird. 

Paulus  Diaconus  hatte  (vgl.  Hist.  Lang.  VI  16)  auf  Bitten  des 
Bischofs  von  Metz  Angilram  (vgl.  Anm.  zu  Anh.  IVi  v.  13)  die  Ge- 
schichte der  Bischöfe  dieser  Stadt  in  Prosa  geschrieben.  Der  Ver- 
fasser dieser  Verse  ist  er  aber  nicht. 

Außer  Mabillon  haben  sich  Bethmann  (Archiv  X  294),  Dahn 
(S.  51)  und  Dümmler  (Neues  Archiv  IV  111  und  Poet.  I  60)  für  die 
Autorschaft  des  Paulus  entschieden,  während  Ebert  (Allgem.  Gesch. 
der  Lit.  des  Mittelalters  im  Abendlande  II  56,  Anm.)  und  Holder- 
Egger  (SS.  XIII  1881  303—305)  diese  Verse  ihm  absprechen. 

Bethmann  und  Dahn  führen  als  Beweis  für  ihre  Anschauung 
an,  daß  das  Gedicht  mit  einer  an  Angilram  gerichteten  Beglück- 
wünschung schließe.  In  Wirklichkeit  ist  dies  gar  nicht  der  Fall, 
sondern  der  Verfasser  fügt  schließlich  nur  für  seine  Untergebenen, 
nicht  aber  für  ihn  selbst  einen  Wunsch  an.  Dies  erscheint  auffallend, 
wenn  man  sieht,  wie  allen  früheren  Bischöfen,  wenn  auch  oft  nur  mit 
einem  Wort,  wegen  ihrer  Tätigkeit  ein  Lob  ausgesprochen  wird. 
Nimmt  man  an,  daß  Paulus  nach  Abfassung  des  Prosawerkes  auch 
dieses  Gedicht  verfasste,   so   hätte  er  es  sicherlich  in  ein  Lob  dieses 


Anhang,    Verse  über  die  Metzer  Bischöfe.  187 

allgemein  am  Hofe  hochgeschätzten  Mannes  ausklingen  lassen  oder 
wenigstens  einen  Wunsch  angefügt,  der  sich  auf  die  Persönlich- 
keit des  Angilram  und  nicht  bloß,  wie  hier,  auf  seine  Untergebenen 
bezogen  hätte.  Deshalb  kam  ich  auf  den  Gedanken,  daß  Angilram, 
der  dem  literarischen  Kreise  Karls  sehr  nahe  stand,  selbst  der  Ver- 
fasser sei.  In  seinen  Mund  passen  eher  die  Worte  v.  57  herili 
auxilio  fuLtus  trahit  ad  pia  pascua  vltae  oves  und  der  sich 
anschließende  Segenswunsch  für  dessen  Umgebung,  ebenso  wie 
die  Verse  58 — 60,  wo  von  dem  Untergang  des  langobardischen 
Reiches  die  Rede  ist.  Außerdem  spricht  besonders  der  Stil  der 
einleitenden  Verse  gegen  die  Autorschaft  des  Paulus.  Holder-Egger 
(a.  a.  O.)  liest  aus  ihnen  heraus,  daß  der  Verfasser  sich  nicht  bloß 
in  Metz  aufhielt,  sondern  ein  Metzer  Dichter  war,  und  glaubt 
durch  die  Worte  haec  urbs  und  has  ad  oras  zu  dieser  Behaup- 
tung berechtigt  zu  sein.  Die  Vermutung,  daß  Angilram  selbst  der 
Verfasser  sei,  gewinnt  dadurch  noch  an  Wahrscheinlichkeit,  daß  er 
dichterisch  tätig  war.  Dies  beweist  Anhang  IVi  v.  12  Tii  pias,  atme 
pater,  clarescis  in  ordine  vatum.  Die  stilistischen  Beziehungen 
zwischen  den  Versen  über  die  Metzer  Bischöfe  und  dem  Prosawerk 
(MG.  Gest.  epp.  Mett.  SS.  II  260—270)  lassen  sich  dadurch  erklären, 
daß  Angilram  dieses  als  Grundlage  für  seine  poetische  Aufzählung 
der  Metzer  Bischöfe  verwandte.  Dabei  bediente  er  sich  (vgl.  Anm.) 
der  Ausdrucksformen,  die  bei  Behandlung  derartiger  Stoffe  im  karo- 
lingischen  Kreis  üblich  waren.  Diesem  gehörte  ja  Angilram  an;  denn 
er  war  mit  Petrus  von  Pisa  befreundet,  vielleicht  einer  seiner  Schüler 
(vgl.  XXXIX  V.  11).  Er  scheint  auch  Paulus  nahe  gestanden  zu  sein, 
da  er  von  ihm  die  Geschichte  seines  Klosters  geschrieben  haben 
wollte,  und  hat  sicherlich  auch,  wie  manche  Anklänge  zeigen,  die 
meisten  seiner  Gedichte,  nicht  bloß  die  in  Metz  befindlichen  Grab- 
schriften, genau  gekannt  (vgl.  Anm.). 

Die  Entstehungszeit  fällt  wahrscheinlich  ins  Jahr  784.  In  diesem 
Jahre  starb  der  Erzkaplan  Fuldrad  und  Angilram  wurde  sein  Nach- 
folger (Abel  II  541).  Es  liegt  der  Gedanke  sehr  nahe,  daß  er  diese 
poetische  Aufzählung  seiner  Vorgänger  gleichsam  als  Abschluß  seiner 
Tätigkeit  als  Bischof  in  Metz  verfaßte,  nachdem  er  vorher  Paulus 
zur  Abfassung  einer  Geschichte  der  Metzer  Bischöfe  veranlaßt  hatte. 


188 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


15 


20 


Qui  Sacra  vivaci  studio  domicilia  lustras, 
Noscendi  tua  tangit  amor  si  pectora,  quorum 
Haec  fuerit  procerum  Christo  adquisita  labore 
Urbs  praeclara  viris,  seu  quis  has  primus  ad  oras 
Advexit  lumen  sublato  errore  vetusto 
Almifluae  sollers  de  vero  Oriente  fidei: 
Perlege  subiectum,  breviterque  docebere,  Carmen. 
Cum  Petrus  aeterni  dux  summus  Romula  regis, 
Quae  Caput  orbis  erat,  ad  moenia  finibus  omni 
Schemate  virtutum  plenus  venisset  eois, 
Claros  quosque  viros,  summas  caelestibus  armis 
Qui  caperent  arces,  ad  vitae  gaudia  mittit. 
E  quorum  numero  Clemens  vocitatus,  ut  ille 
Qui  Romae  Petro  successerat,  intulit  urbi 
Huic,  quam  olim  Mettis  veteres  dixere  coloni, 
Aegregius  praesul  divina  voce  salutem 
Primusque  hie  domini  digne  fundavit  ovile 
Aurea  transmittens  populis  exempla  futuris. 
Isti  successit,  merito  cui  vita  vocamen 
Caelestis  tribuit,  caelesti  dogmate  pollens. 
Tertius  ecclesiam  Felix  feliciter  auxit. 
Quartus  adest  Patiens,  bene  quem  patientia  compsit. 


Incipiunt  versus  de  episcopis  Mettensis  civitatis  quomodo  sibi  ex  ordine  suc- 
cesserunt  A''  /.  126. 

4  preclara  (öfter  e  für  aej  A''  I|   19  isti  scripsi,  iusti  N. 


1 — 2  Diese  Verse  haben  Ähnlichkeit 
mit  der  Einleitung  zum  Metzer  Epitaph 
Paul.  XXV  V.  1—4. 

4  quis  has  primus  ad  oras  vgl. 
Verg.  Aen.  1 1  qui  primus  ab  oris. 

7 — 9  docebere:  Diese  Formen  finden 
sich  bei  Paulus  ebensowenig  als  Romula 
moenia  vgl.  Anm.  zu  IVi  v.  1.  —  Petrus 
aeterni  dux  vgl.  Gest.  epp.  Mett.  p.  261 
Petrus  quasi  dux  fortissimus  .  .  .  ad 
eam,  quae  totius  mundi  caput  erat,  hoc 
est  urbem  Romuleam. 

12  ad  vitae  gaudia  mittit  vgl.  Petr. 
V.  Pisa  XXXVIII  V.  21  mittis  ad  gaudia 
regni. 

15  veteres  dixere  coloni  vgl.  Verg. 
Ecl.  IX  4  veteres  migrate  coloni. 


17 — 19  domini  digne  fundavit  ovile 
vgl.  in  dem  Metzer  Epitaph  XXV  v.  5 
domini  qui  post  servavit  ovile.  — 
isti  successit,  merito  cui  vita  vocamen 
Caelestis  vgl.  Gest.  epp.  Mett.  p.  262 
Successit  huic  .  .  coelestem  vitam  .  . 
ducens. 

20 — 22  caelesti  dogmate  pollens  vgl. 
im  Metzer  Epitaph  XXVII  v.  3  gemino 
diademate  pollens;  Poet.  II  682  v.  21  dog- 
mate pollens.  —  ecclesiam  Felix  feliciter 
auxit  vgl.  V.  53  und  Gest.  epp.  Mett. 
p.  267  Felix  gregi  feliciter  dominico  pa- 
stores  etc.  und  p.  262  suscepit  eccle- 
siam Felix.  —  quem  patientia  compsit 
vgl.  IVi  V.  15  quem  sie  sapientia  compsit. 


Anhang.    Verse  über  die  Metzer  Bischöfe. 


189 


Hinc  fulsit  Victor,  cui  dat  victoria  nomen. 

Hunc  sequitur  sextus  simili  cognomine  praesul. 
25    Septimus  Hebraeo  est  Simeon  de  sanguine  cretus. 

Sambatus  octavus  bene  mystica  sabbata  servat.- 

Post  hos,  Ruffe,  venis  flammis  rubicundus  amoris. 

Adelphus  decimus  fratrum  dilector  opimus. 

Hinc  Firminus  erat,  cui  firmum  robore  pectus. 
30    Hos  tu  subsequeris  duodecimus,  alme  Legonti. 

Floruit  hinc  Auetor  donis  caelestibus  auctus. 

Epletus  hanc  decimus  tenuit  quartusque  cathedram. 

Claruit  hac  decimus  quintusque  Urbicius  urbe. 

Post  Bonulus  bonitatis  opus  de  more  peregit. 
35    Trivisti  assidue  post  Hmina  sancta,  Terenti. 

Octavus  decimus  iam  Gunsolinus  habetur. 

Inde  capis,  Romane,  decus  venerabiHs  aulae. 

Post  Fronimus  sanctum  sapienter  rexit  ovile. 

Grammatus  instruxit  large  de  grammate  plebem. 
40    Emicat  ecclesiae  Danaus  Agatimber  in  aede. 

Post  hos  Sperus  erat,  quem  spes  fulcibat  ab  altis. 

ViHcus  internas  servat  moderamine  villas. 

Vicenus  quintusque  Petrus  dat  famina  plebi. 

Et  genus  et  fulgens  Agiulfum  vita  decorat. 
45    Hinc  fuit  Arnoaldus  manans  a  stirpe  Sycambra. 

Christicolum  servanda  capis  post,  Papule,  saepta. 

Splenduit  Arnulfus  dehinc  ampla  luce  beatus. 

Inde  Goericus  praeest,  vocitatus  et  Abbo. 

Post  Godo  terdenus  servat  pia  culmina  primus. 


36  Gunsolonis  A^  11  46  Christiculum  A^  11  47  dehinc  aus  dehic  corr.  N. 


25  de  sanguine  cretus  vgl.  v.  50 
und  im  Metzer  Epitaph  XXIV  v.  5. 

28 — 29  Adelphus  fratrum  dilector: 
Hier,  in  v.  38  Fronimus  sapienter  rexit 
und  V.  44  fulgens  Agiulfum  zeigt  der 
Verfasser  griechische  Kenntnisse.  —  fir- 
mum robore  pectus  vgl.  Metzer  Epitaph 
XXVI  V.  31  firmum  robore  semper  .  .  . 
pectus. 

34 — 35  opus  peregit  vgl.  Ov.  Ars 
am.  II  480  dulce  peregit  opus.  —  trivisti 
limina  sancta  vgl.  Alcvin  Poet.  I  326  v.  7 


sacri  tere  limina  templi. 

40 — 41  Danaus  Agatimber  vgl.  Gest. 
epp.  Mett.  p.264.  — fulcibat:  Auch  Vergil 
behält,  durchs  Metrum  veranlaßt,  ge- 
legentlich in  seiner  Aneide  die  älteren 
Formen  nutribat,  lenibat,  vestibat  bei.  — 
ab  altis  vgl.  XXXII  v.  3  miseratus  ab 
altis. 

43  dat  famina  plebi  vgl.  XXXV  v.  16 
famina  sancta  dabat. 

48  vocitatus  et  Abbo  vgl.  Gest.  epp. 
Mett.  p.  267  qui  et  Abbo  vocitatus  est. 


190  ^'^^^  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

50    Subsequitur  sancto  Chlodulfus  germine  cretus. 
Alter  adest  rursus  praesul  venerabilis  Abbo. 
Aptis  Aptatus  clerum  moderatur  habenis. 
Ostendit  Felix  populis  felicia  regna. 
Eximius  claret  factis  Sigibaldus  opimis. 

55    Nobilis  in  cunctis  papa  Chrodegangus  habetur, 
lam  nunc  tricenus  pastorque  octavus  herili 
Auxilio  fultus  trahit  ad  pia  pascua  vitae 
Angelramnus  oves:  quo  tempore  maximus  armis 
Rex  Carolus  sensu  formaque  animoque  decorus 

60    Italiae  accepit  Christi  de  munere  sceptrum. 
Quos  simul  excelsi,  Stephano  poscente  beato, 
Protegat  atque  regat  felices  dextra  per  aevum. 


54  opimis  aus  opimus  corr.  N  \\  62  Es  folgt  die  Aufzählung  der  Bisdiöfe 
mit  Angabe  ihrer  Todestage:  Subter  adnexi  kalendarum  dies  pandunt,  qualiter 
praescripti  pontifices  Ciiristi  migraverunt  ad  Christum.  Clemens  VIII  kal.  decemb. 
bis  Drogo  archiepiscopus  VI  id.  decembris  (litteris  aureis).  Nadi  diesem  folgen 
von  einer  späteren  Hand: 

Adventius  decessit  prid.  Kai.  Septembr. 

Wala  decessit  III  Id.  April. 

Ruotpertus  ordinatus  est  episcopus  X  Kai.  Mai. 


50  sancto  germine  cretus  vgl.  Gest.  Inscript.  urb.  Rom.  II 1  242.   —  maximus 

epp.  Mett.  p.  267  Chlodulfus  .  .  .  beati  armis  Verg.  Aen.  II 339.  —  formaque  ani- 

patris  Arnulfi  genitalis  filius.  moque  decorus  vgl.  IX  v.  10  formaque 

55  nobilis  vgl.  Gest.  epp.  Mett.  p.  267  animoque  potentem.  —  Christi  de  mu- 

Francorum  ex  genere  primae  nobilitatis  nere  sceptrum:  Zum  Inhalt  vgl.  Gest.  epp. 

progenitus.  Mett.  p.  265,  Paul.  XXII  v.  33.  —  protegat 

58 — 62  Angelramnus :  \n  alten  Hand-  atque  regat  vgl.  XXXIII  v.  22 
Schriften  steht  Angilrannus  vgl.  De  Rossi 


VI. 

Fabeln. 

I. 
Die  Fabel  vom  kranken  Löwen. 

*Dem  kranken  Löwen  machen  alle  Tiere  ihren  Krankenbesuch, 
nur  der  Fuchs  nicht.  Deshalb  tritt  der  Bär  als  Ankläger  gegen  ihn 
auf  und  veranlaßt  den  Löwen  unter  dem  Beifall  seiner  Umgebung 
den  Frechen  zum  Tode  zu  verurteilen  (1 — 34). 

Der  Fuchs  erfährt  dies  und  ersinnt  eine  List  um  sich  zu  retten. 
Er  erscheint  eines  Tages  mit  einem  Bündel  zerrissener  Schuhe  auf 
der  Schulter  im  Lager  des  Königs,  der  über  seinen  komischen  Aufzug 
lachen  muß,  erzählt,  er  habe  die  ganze  Welt  auf  der  Suche  nach 
einem  hervorragenden  Arzt  durchwandert,  und  verkündet  schließlich, 
aber  erst  nachdem  ihm  der  König  zugeredet  hatte,  mit  erheuchelter 
Zurückhaltung,  daß  nur  die  abgezogene  Haut  des  Bären  dem  kranken 
Herrscher  Heilung  bringe  (35 — 58). 

Dies  geschieht,  der  König  wird  gesund  und  der  Fuchs  verspottet 
den  seines  Felles  beraubten  Bären  (59 — 66).'  — 

In  den  beiden  Schlußversen  fordert  der  Dichter  auf  nachzudenken, 
was  diese  Fabel  bedeute. 


Diese  Fabel  und  die  dazu  gehörigen  Das  Kalb  und  der 
Storch,  Das  Podagra  und  der  Floh  hielten  Müllenhoff  (Zeit- 
schrift für  deutsches  Altertum  XVIII  3)  und  Dümmler  für  Werke 
des  Paulus  Diaconus.  Für  diese  Anschauung  scheint  allerdings  die 
Oberlieferung  zu  sprechen;  denn  sie  stehen  in  der  St.  Galler  Hand- 
schrift 899  inmitten  von  Gedichten,  die  Paulus  zum  Verfasser  haben 
oder   sich   auf   den   karolingischen   Hof    beziehen.     Dann   berühren 


192  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

sie  sich  inhaltlich  mit  den  Rätselgedichten,  mit  denen  zusammen  sie 
überliefert  sind,  und  gehörten  sicherlich  auch  zu  den  Stoffen,  mit 
denen  sich  der  literarische  Kreis  am  Hofe  Karls  unterhielt. 

Die  stilistische  Untersuchung  ergab  jedoch,  daß  Paulus  unmöglich 
der  Verfasser  ist.  Zuerst  wurde  darauf  geachtet,  ob  sich  in  diesen 
Gedichten  nicht  Stellen  finden,  die  wir  in  paulinischen  Gedichten  als 
charakteristische  Wendungen  kennen  gelernt  haben.  Dies  führte  zu 
einem  negativen  Ergebnis;  auch  der  von  Dümmler  im  Anschluß  an 
Vers  67  servulus  ecce  tuus  gemachte  Hinweis  auf  die  ähnliche  Aus- 
drucksweise in  der  Dedikation  des  Festus,  wo  sich  Paulus  auch 
Karls  ultimus  servulus  nennt,  ist  bedeutungslos;  denn  diese  Bezeich- 
nung findet  sich  auch  bei  anderen  Dichtern,  z.  B.  wörtlich  bei  Angilb.  I 
363  V.  1,  außerdem  vgl.  Poet.  I  94  v.  10,  95  v.  16,  97  v.  61. 

Wenn  auch  dieses  Fehlen  von  Parallelstellen  noch  zu  keinem 
absprechenden  Urteil  berechtigt,  da  wir  es  mit  einem  eigenartigen 
Stoff  zu  tun  haben,  der  sich  auch  von  dem  bisher  von  Paulus  be- 
handelten bedeutend  unterscheidet,  so  werden  wir  aber  dadurch  dazu 
gezwungen,  daß  besonders  die  I.  Fabel  Ausdrucksformen  enthält,  die 
Paulus  in  seinen  Gedichten  vermieden  hat  (vgl.  Anm.). 

Paul  von  Winterfeld  spricht  besonders  deshalb  die  I.  Fabel 
dem  Paulus  ab,  weil  er  „den  gelehrten  Pedanten"  nicht  für  fähig 
hält  solch  ein  „Meisterstück  reifster  Kunst"  zu  schaffen.  Wenn 
ich  auch  nicht  in  den  bekannten  Fehler  verfallen  will,  daß  man 
Personen,  mit  deren  Werken  man  sich  eingehend  beschäftigt,  un- 
willkürlich etwas  zu  hoch  emporhebt,  so  erscheint  mir  doch  diese 
Kritik  nicht  entsprechend  und  dieser  Grund  als  Gegenbeweis  nicht 
überzeugend,  da  die  Eigenart  eines  Stoffes  oft  Qualitäten  eines 
Dichters  zum  Vorschein  kommen  läßt,  die  man  vorher  nicht  in  dem 
Maße  kannte. 

Daß  wir  in  der  Fabel  vom  kranken  Löwen  ein  sehr  wirkungs- 
volles Gedicht  vor  uns  haben,  ist  kein  Zweifel.  Seine  Lektüre  wirkt 
nach  den  Gedichten  geistlichen,  grammatikalischen  und  —  rätselhaften 
Inhalts  wie  eine  Erfrischung.  Der  Verfasser  gibt  mit  wenigen  Strichen 
eine  scharfe  Charakteristik  seiner  Hauptfiguren  und  führt  uns  mit 
geradezu  dramatischer  Lebendigkeit  und  herzerquickendem  Humor 
die  beiden  Szenen  der  Tragikomödie  vor  Augen. 

Dieser  Künstler,  der  diese  drei  Fabeln  verfaßte,  ist  nach  Winter- 
felds Anschauung  Notker  der  Stammler,  der  in  der  I.  seinem  Schüler 
Salomo  die  Lehre  geben  will:  Wer  andern  eine  Grube  gräbt,  fällt 
selbst    hinein    (Neues   Archiv   XXIX    468—471).     Da    er   für    diese 


Anhang.    Fabeln. 


193 


Behauptung  aber  keinen  andern  Beweis  hat,  als,  wie  er  selbst  sagt, 
nur  die  ganze  Art  und  Anlage  des  Gedichtes  und  die  St.  Galler  Über- 
lieferung, die  ihn  auf  St.  Gallen  als  Ursprung  des  Gedichtes  hinwies, 
so  ist  damit  die  Autorfrage  noch  nicht  gelöst,  zumal  da  mir  die 
Schlußworte  nicht  in  den  Mund  eines  Lehrers,  sondern  eher  eines 
Untergebenen  passen. 

Fassen  wir  das  Ergebnis  der  stilistischen  Untersuchung  zusammen, 
so  haben  wir  in  diesen  Fabeln  Gedichte,  die  sicherlich  nicht  Paulus 
zum  Verfasser  haben  und  gar  nicht  am  Hofe  Karls  entstanden,  sondern 
dorthin  gebracht  wurden,  weil  der  König  an  dieser  lehrhaften  Dichtungs- 
gattung, die  den  Rätselgedichten  inhaltlich  nahe  steht,  sich  erfreute. 
Vielleicht  sollten  diese,  wie  das  in  der  gleichen  Handschrift  über- 
lieferte Epitaph  des  Konstans  für  die  Abfassung  von  Epitaphien  ein 
Muster  war,  für  die  Fabeldichtung  zum  Vorbild  dienen. 

In  den  Anmerkungen  besprach  ich  alle  stilistischen  Eigentümlich- 
keiten oder  wies  wenigstens  auf  alles  Außergewöhnliche  hin  um  da- 
durch die  Lösung  der  Autorfrage  anzubahnen. 


Aegrum  fama  fuit  quondam  iacuisse  leonem 

Paeneque  supremos  iam  tenuisse  dies. 
Iste  feras  dum  rumor  adit  maestissimus  omnes, 

Regem  namque  suum  intoleranda  pati, 
Concurrunt  flentes  cunctae  medicosque  vocantes, 

Ne  careant  tanto  principis  auxilio. 
Hie  aderant  bubali,  magni  quoque  corporis  uri, 

Asper  adest  taurus,  affuerantque  boves, 


G  (v.  1—40:  Rom  Reg.  lat.  421  /.  28— 28v,  v.  41—68  St.  Gallen  899  p.  9; 
Fabula  de  leone  von  jüngerer  Hand. 

2  peneque  (e  öfter  statt  ae)  G    1|    6  ne  Dümmler,  ni  G. 


4 — 6  regem  namque:  Die  Verwen- 
dung des  nam  und  namque,  wie  hier, 
V.  18  und  47,  findet  sich  in  keinem  der 
Gedichte  des  Paulus.  —  ne  careant  tanto 
principis  auxilio:  Man  erwartet  tanti, 
allein  der  Verfasser  zeigt  eine  auffallende 
Vorliebe  für  leoninische  Verse,  vgl.  v.  5. 
10.  18.  20.  22.  24  etc. 

7 — 8   Die  willkürliche  Verwenduna 


der  Tempora  ist  eine  Eigentümlichkeit, 
die  den  Dichtern  am  Hofe  Karls  in  dieser 
Ausdehnung  fremd  ist,  vgl.  aderant  adest 
affuerant;  v.  15  veniunt  conf laxere;  v.  19 
u.  20  emittere  iterare  statt  Inf.  Perf. ;  v.  25 
u.  26  fuit  und  potuit,  darnach  aber  velit; 
V.  28  hätte  man  adire  erwartet ;  v.  39  u.  40 
risit  expectatque.  —  bubali  ist  hier  mit 
verkürztem  'u   gebraucht. 


Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4. 


13 


194 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Discolor  et  pardus  necnon  pariter  platocervus, 
10         Hie  sonipes  pariter  hoc  comitatus  iter. 
His  nee  defuerant  monstrantes  cornua  cervi 
Capreolique  simul  caprigenumque  pecus. 
Dentibus  hie  aper  est  fulgentibus,  asper  et  ursus 
Unguibus  haud  seetis,  hie  lepus  atque  lupus. 
15    Hue  veniunt  linees,  hue  eonfluxere  bidentes 
lungunturque  canes  atque  simul  eatuli. 
Vulpis  sola  tarnen  turmis  non  affuit  istis 

Nee  dignata  suum  visere  nam  dominum. 
Has  tune  ante  aUos  voees  emittere  fertur 
20         Ursus  et  has  iterum  sie  iterare  minas: 

*0  rex  magne,  potens,  prineeps  inviete  ferarum, 

Auribus  haee  plaeidis  suseipe  verba  tuis, 
Audiat  atque  eohors  tota  haee,  quae  subdita  magno, 
O  rex  iuste,  tuo  noseitur  imperio. 
25     Quae  tam  dira  fuit  vulpi  dementia  quaeve 
Tantillam  potuit  ira  subisse  feram, 
Ut  regem,  quem  euneta  sibi  pieps  subdita  visit, 

Hüne  haee  sola  quidem  non  adiisse  velit? 
Magna  est  ista  quidem  vulpis  protervia  mentis 
30         Atque  deeet  magnis  subdier  illa  maHs'. 


17  vulpis  aus  vulpes  corr.  0  1|   21  ferrarum  G. 


9 — 10  Auffallend  ist  pariter  in  den 
beiden  auf  einanderfolgenden  Versen ;  viel- 
leicht hat  er  es  des  Reimes  halber  (pa- 
riter —  iter)  wiederholt,  wie  überhaupt 
eine  Vorliebe  für  die  Zusammenstellung 
ähnlich  lautender  Wörter  unverkennbar 
ist,  vgl.  V.  12  capreolique . . .  caprigenum- 
que, V.  13  aper  .  .  .  asper,  v.  14  lepus  at- 
que lupus:  V.  20  iterum  sie  iterare:  v.  25 
u.  26  dira  .  .  .  ira.  —  hoc  comitatus  iter 
Verg.  Aen.  VI  112. 

12  caprigenumque  pecus  vgl.  Verg. 
Aen.  III  221. 

16  lungunturque  canes  .  .  eatuli: 
Die  sonst  feindlichen  Hunde  und  Katzen 
kommen  hier  mit  einander,  in  der  Trauer 
um  ihren  kranken  König  vergessen  sie 
ihre  persönlichen  Feindschaften. 


20  has  iterum  sie  iterare  minas: 
Diese  Häufung  gleichbedeutender  Wörter 
soll  wohl  andeuten,  mit  welcher  Eindring- 
lichkeit der  Ankläger  spricht;  denn  has 
iterare  minas  würde  das  gleiche  zum 
Ausdruck  bringen;  minas  ist  hier  in  der 
Bedeutung  „Anklagen"  gebraucht. 

27 — 28  Hier  hätte  er  mit  weniger 
Worten  dasselbe  sagen  können,  sibi  hunc 
haee  und  quidem  sind  überflüssig. 

29  protervia  mentis:  Seltene  Aus- 
drucksweise statt  protervitas. 

30  decet  subdier  illa:  Eine  solche 
Ausdrucksweise  verwendet  Paulus  nicht, 
auch  nicht  Formen  wie  subdier,  die  bei 
Alkvin  (1 181  v.  532)  und  Theodulf  (1449 
V.213;  521  v.47;  524  v.  28)  sich  finden. 


Anhang.    Fabeln. 


195 


Haec  dum  dicta  refert  ursus,  rex  omnibus  inquit: 

*Iam  moritura  cito  dilacerata  cadat'! 
Tunc  pieps  tota  simul  voces  ad  sidera  tollit: 

'lustum  iudicium  principis  atque  bonum!' 
35     Hoc  vulpi  innotuit  seseque  in  plurima  vertit 

Atque  diu  notos  praeparat  ipsa  dolos: 
Indumenta  pedum  multa  et  conscissa  requirit 

Inponensque  humeris  regia  castra  petit. 
Quam  rex  dum  vidit,  placato  pectore  risit 
40         Expectatque  diu,  quid  malefida  velit. 

Cumque  ante  ora  ducum  constaret,  rex  prior  inquit: 

'Quid  moritura  feres,  quae  lanianda  venis'? 
lUa  diu  trepidans  timidoque  in  pectore  versans 

Haec  subiecta  refert  praecogitata  cito: 
45    'Rex  pie,  rex  Clemens,  rex  invictissime  noster, 

Accipe  nunc  animo,  quae  tibi  dicta  fero. 
Haec,  dum  namque  vias  terrarum  lustro  per  omnes, 

Indumenta  scidi  ob  Studium  medici, 
Qui  posset  regis  magno  succurrere  morbo 
50         Atque  tuis  magnam  demere  maestitiam. 
Tandem  praecipuum  medicum  vix  inveniebam, 

Sed  tibi,  rex,  vereor  dicere,  quae  docuit'. 


35  seseque  G,  se  quae  Dümmler   \\    43  trepidans  aus  trepidas  corr.  G. 


31 — 37  dum  refert:  Paulus  verwendet 
zwar  auch  dum  =  cum  mit  Indik.  oder 
Koni.,  aber  nicht  mit  Praes.,  wo  eigentHch 
cum  mit  Koni.  Plqu.  erwartet  wird,  wie  an 
unserer  Stelle;  denn  der  König  begann 
doch  erst  seine  Rede,  nachdem  der  Bär 
geendet  hatte.  —  voces  ad  sidera  tollit 
vgl.  Verg.  Ecl.  V  62 ;  Aen.  II 222,  XI 878.  — 
ipsa  =  „er"  vermeidet  Paulus.  —  indu- 
menta conscissa  vgl.  Josua  9,  5.  13. 

41 — 46  in  pectore  versans:  Dieser 
Vergil  entnommene  Versschluß  (Georg. 
IV  83 ;  Aen.  IV  563),  wohl  auch  des  Reimes 
halber  (trepidans— versans)  gesetzt,  paßt 
nicht  hieher;  denn  er  braucht  jetzt  nichts 


mehr  zu  überdenken,  da  sein  Plan  schon 
vor  seiner  Abreise  zum  Hoflager  des 
Königs  feststand  (vgl.  v.  35 — 36).  —  prae- 
cogitata: o  ist  hier  kurz  gebraucht.  — 
rex  pie:  Diese  Anrede  (vgl.  sie  mit  der 
des  Bären)  soll  ihn  besonders  durch  das 
dreifache  rex  und  durch  invictissime 
(vgl.  V.  21)  als  den  Demütigen  erschei- 
nen lassen  (subiecta).  —  accipe  nunc 
animo  vgl.  Verg.  Aen.  III  250  accipite  ergo 
animis. 

47 — 48  haec  steht  auffallend  weit  von 
indumenta  weg.  —  ob  Studium  medici: 
„um  einen  Arzt  ausfindig  zu  machen." 

13* 


196 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


55 


60 


65 


Rex  quoque  ait:  'Si  vera  refers,  dulcissima  vulpis, 

Die  mihi  quid  citius  dixerit  hie  medicus'. 
Vulpis  ad  haec  ursi  non  immemor  improba  dixit: 

'Cautius  haec  famulae  suscipe  verba  tuae. 
Ursino  si  te  possum  circumdare  tergo, 

Non  mora,  languor  abit  sanaque  vita  redif. 
Continuo  iussu  domini  distenditur  ursus 

A  sociis  propriis  detrahiturque  cutis. 
Qua  dum  gestirent  obducere  pelle  leonem, 

Aufugit  penitus  languidus  ille  dolor. 
At  cum  post  ursum  vulpis  sie  corpore  nudum 

Viderat,  haec  laetis  dicta  refert  animis: 
'Quis  dedit,  urse  pater,  capite  hanc  gestare  tyaram 

Et  manicas  vestris  quis  dedit  has  manibus'? 
Servulus  ecce  tuus  depromit  hos  tibi  versus. 

Fabula  quid  possit  ista,  require  Valens. 


68  possit  quid  fabula  G,  com  ed. 


53 — 54  quoque  ist  hier  und  in  der 
dritten  Fabel  v.7  —  tum  gebraucht,  was 
Paulus  nicht  hat.  —  citius  muß  zu  die 
bezogen  werden.  Der  Fuchs  soll  ohne 
Zögern  ihm  das  Mittel  angeben. 

56  Mit  diesen  Worten  ist  der  Schlau- 
kopf sehr  gut  charakterisiert. 

58  non  mora  Verg.  Georg.  IV  548; 
Aen.  III  207,  V  140. 

63 — 65  at  cum  post  viderat:  Ganz  un- 


gewöhnliche Ausdrucksweise.  —  tyaram: 
Der  Fuchs  fragt  den  Bären,  der  nur  noch 
am  Kopf  und  an  den  Tatzen  etwas  Fell 
hat,  im  spöttischen  Tone,  wer  ihm  diese 
Bischofsmütze  und  die  Handschuhe  ver- 
liehen habe.  —  In  dem  doppelten  quis 
dedit  liegt  nicht  bloß  Hohn,  sondern  der 
Fuchs  sagt  damit  auch  triumphierend,  daß 
er  nun  Sieger  geblieben  ist  und  an  seinem 
Gegner  blutige  Rache  genommen  hat. 


II. 

Das  Kalb  und  der  Storch. 

Traurig  sucht  das  Kalb  seine  Mutter.  Da  begegnet  ihm  der 
Storch  und  fragt  es  nach  dem  Grund  seiner  Traurigkeit.  Als  es 
erwiderte,  es  habe  seit  drei  Tagen  keine  Milch  mehr  bekommen,  da 
sagte  der  Storch:  „Wie  kann  man  denn  so  dumm  sein  und  sich  um 
so  etwas  sorgen!  Bei  mir  sind  es  schon,  drei  Jahre,  daß  ich  keine 
bekam."  Voll  Ärger  rief  ihm  das  Kalb  zu:  „An  deinen  Beinen  merkt 
man  freilich,  womit  du  dich  genährt  hast." 


Anhang.    Fabeln. 


197 


Diese  Fabel  berührt  sich  dem  Inhalt  nach  mit  der  vorausgehenden. 
Wir  sehen  auch  hier,  wie  der  zuerst  Angegriffene  und  Verspottete 
durch  Witz  und  Verstand  erreicht,  daß  sein  Angreifer  den  kürzeren 
ziehen  muß.  Der  Verfasser  hat  in  der  Form  der  Darstellung  ganz 
den  Fabelton  getroffen,  wie  wir  ihn  bei  Phaedrus  finden. 


10 


Quaerebat  maerens  matrem  per  prata  vitellus. 

Cruribus  huic  longis  obvia  venit  avis, 
Dicit:  *Io  frater,  cur  tristis  pectore  mugis, 

Vel  cur  turbatus  florida  rura  teris'? 
Cui  sie  respondit:  *Soror,  est  iam  tertia  nunc  lux, 

Quod  lac  non  tetigi  et  famulentus  eo'. 
Verba  refert  ales:  'Ne  eures  talia,  demens; 

Nam  quia  non  suxi,  tertius  annus  abit'. 
Ad  quam  indignatus  fertur  dixisse  vitellus: 

'Quo  sis  pasta  cibo,  en  tua  crura  docent'. 


Fabulae  vitulo  et  ciconia  (de  fehlt,  ciconia  aus  coconia  corr.)  G  p.  6. 

3  dicit  lo  Müllenhoff,  dicito  frater  am  Rand  B  G  ||  5  cui  aus  qui  corr.  G. 


5  tertia  nunc  lux,  quod:  quod  (v.  8 
quia)  statt  des  temporalen  cum  konnte 
ich  bei  den  karolingischen  Dichtern  nicht 
finden;  Paulus  vermied  diese  Wendung, 
vgl.  XI V.  5  septimus  annus  adest,  ex  quo. 


9  indignatus:  Das  Kalb  ärgert  sich 
über  die  höhnenden  Worte  des  Storches 
(besonders  über  demens);  Winterfeld  er- 
klärt es  „mit  tiefster  Verachtung"  (Neues 
Archiv  XXIX  471). 


III. 

Das  Podagra  und  der  Floh. 

Vor  Zeiten  quälte  das  Podagra  die  Armen,  der  Floh  die  Reichen. 
Dabei  hatten  beide  ein  trauriges  Dasein  und  beschlossen  ihre  Rollen 
zu  tauschen.  Früher  kam  das  Podagra  nie  zur  Ruhe,  da  ja  der 
Arme  immer  unterwegs  sein  muß,  jetzt  beim  Reichen  geht  es  ihm 
gut,  da  dieser  der  Ruhe  pflegen  kann.  Auch  für  den  Floh  kamen 
bessere  Zeiten.  Beim  Reichen  schwebte  er  in  steter  Todesgefahr,  vom 
Armen  aber,  der  müde  auf  sein  Lager  sinkt  und  fester  schläft  als  der 
Reiche,  hat  er  nichts  zu  fürchten. 


Diese  Fabel  folgt  in  der  St.  Galler  Handschrift  unmittelbar  der 
Fabel  vom  Kalb  und  Storch  und  ist,  wie  die  beiden  andern,  mit 
Witz  und  Humor  durchgeführt. 


198 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


Temporibus  priscis  pulix  lacerasse  potentes 

Dicitur  atque  inopes  dira  podagra  viros. 
Sed  pulix  noctu  ditis  dum  carperet  artus, 

Protinus  adlato  lumine  captus  erat. 
Altera  dum  plantis  sese  occultaret  egeni, 

Stare  nequibat  egens,  fessa  erat  illa  satis. 
Sic  quoque  consumpti  fatis  agebantur  amaris, 

nie  timore  necis,  illa  labore  viae. 
Convenere  simul,  referunt  sua  damna  vicissim 

Et  placet  alterne  has  agitare  vices. 
Divitis  interea  gressus  lacerare  podagra, 

At  pulix  Stratum  coepit,  egene,  tuum; 
Hinc  vacat  et  recubat.   Requies  tibi  magna,  podagra,  est. 

Tu,  pulix,  tutus  viscera  fessa  comes. 


Fabula  podagrae  et  pulicis  G  p.  6. 

3  ditis  scripsi,  divites  G,  dites  Dümmler  \\  8  ille  labore  vitae  G,  corr.  Müllen- 
hof f  II  10  agittare  G  \  vices  aus  voces  corr.  G  jl  12  egere  G  1!  13  hinc  vacat  et 
recubat  scripsi,  huic  vagat  et  recubat  G,  hinc,  vaga,  tu  recubas  Haupt,  huic  vacat 
et  recubat  Winterfeld. 


2 — 3  dira  podagra  vgl.  Eugen.  Tolet. 
carm.  14,  22  podagra  dura.  —  ditis:  Das 
überlieferte  divites  konnte  aus  metrischen 
Gründen  nicht  gesetzt  werden,  vgl.  v.  11 
divitis;  ditis  ist  dem  dites  vorzuziehen, 
da  es  V.  5  auch  plantis  egeni  und  v.  11 
divitis  gressus  heißt. 

7  quoque  ist  ähnlich  gebraucht  wie 


in  der  I.  Fabel  v.  53. 

13 — 14  hinc  vacat:  Das  Podagra  hatte 
vorher  beim  Armen  keine  Zeit  zum  Aus- 
ruhen und  bekam  diese  infolge  des  Rollen- 
tausches (hinc) :  während  vacat  et  recubat 
in  Beziehung  steht  zu  labore  viae,  so 
tutus  zu  timore  necis  (v.  8). 


VII. 


10 


15 


Coniurationes  convivarum  pro  potu, 

Dulcis  amice,  bibe  gratanter  munera  Bacchi; 

Si  vivas,  totum,  dulcis  amice,  bibe. 
Fercula  sume  libens  adlata  ex  viscere  cervi, 

Si  non  Acteonis  mors  sit  acerba  tibi. 
Dente  timendus  aper  tibi  ponitur:  accipe  laetus, 

Si  te  non  findat  dente  timendus  aper. 
Si  tibi  non  oculos  nox  atra  pro  grue  claudat, 

Fercula  carpe  libens,  dulcis  amice,  gruis. 
Unda  marina  tibi  quod  misit,  sume  libenter, 

Vitam  adimat  si  non  unda  marina  tibi. 
Unguibus  accipitris  captam,  rogo,  percipe  praedam, 

Si  non  scindaris  unguibus  accipitris 
Clara  coloris  aqua  tribuit  hos,  tu  cape,  pisces, 

Si  te  non  perimat  clara  coloris  aqua. 
Quod  meus  hortus  habet,  gratanter  suscipe  mente, 

Si  frueris  laetus,  quod  tuus  hortus  habet. 


Coniurationes  convivarum  pro  potu  J/7.  475;  Item  coniurationes  convivarum 
pro  potu  V  p.  245,  Epigrammata  et  Poematia  sacra  (Paris  1590)  p.  484. 

1  bibas  ed.  Par.  \  bachi  V  |1  2  sie  ed.  Par.  \\  3  uiscera  V  \\  4  si  non 
ut  acteonis  J,  ut  actionis  V,  sin  Acteonis  ed.  Par.  \  sit  acerba  scripsi,  sita  cerua  J, 
Sit  a  cerva  Dümmler  \\  5  letus  (e  für  ae  öfter)  J  ||  6  non  te  ed.  Par.  \  fingat  V  \ 
timedus  7  H  7  sie  ed.  Par.  \  grue  aus  crue  corr.  J  i|  8  carpe  J,  sume  V  ed.  Par.  \\ 
9  misi  am  Rande  ein  kritisches  Zeichen  J  \\  10  si  non  vitam  adimat  ed.  Par.  \\ 
\\  ungibus  V  \\  12  ungibus  V  \\  13  hos]  quos  ed.  Par.  \\  14  si  non  te  ed.  Par.  \\ 
15  ortus  J  1  gratanter  J,  gratanti  ed.  Par.  Dümmler  \\  16  si  fruaris  V,  sie  fruaris 
ed.  Par.   \    ortus  J. 


2 — 5  si  vivas:  Vollmer  möchte  statt 
si  immer  sie  einsetzen  und  es  ebenso 
erklären,  wie  in  Hör.  1,  3,  1  sie  te  diva 
potens.  —  mors  acerba  vgl.  XXVIII  v.  1 ; 


der    Dichter    wollte    wohl    einen    Witz 
machen  (vgl.  cervi  und  a  cerva).  —  dente 
timendus  aper  Ov.  Ep.  IV 104,  Mart.  XIII 94. 
15 — 16  vgl.  Priapea  5,  3. 


200  Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 

Si  tua  perpetuus  non  claudat  lumina  somnus, 

Non  dedigneris  dicere:  misce  puer. 
Praeda  cruenta  canum  tibi  fertur:  mande  libenter, 
20  Si  non  sis  ipse  praeda  cruenta  canum. 


17  perpetuis  V    \    summus  V   \\    18  misse  V    \\    20  fis  V    \\     19—20  fehlt 
ed.  Par. 


17 — 19  claudat  lumina  somnus  vgl. 
Verg.  Georg.  IV  496.  —  praeda  cruenta 


canum  vgl.  Ov.  Fast.  V 178. 


Dieses  Gedicht  ist  in  zwei  St.  Galler  Handschriften  überliefert, 
von  denen  die  erstere  (St.  Gallen  184  saec.  XI  p.  245)  es  neben  Ge- 
dichten von  Beda  und  Fortunat  überliefert,  die  andere  (573  saec.  X 
p.  475)  durch  ihren  Inhalt  zu  jener  wichtigen  Leipziger  {L  vgl.  S.  2) 
und  damit  zu  dem  karolingischen  Kreis  in  Beziehung  steht.  Dümmler 
gab  es  MG.  Poet.  aev.  Carol.  I  65  heraus.  Riese,  Anth.  lat.  II  p.  XLI 
schied  es  als  nicht  dem  Altertum  zugehörig  aus,  weil  v.  11  von  der 
Falkenjagd  die  Rede  ist.  Eine  genaue  Untersuchung  des  Inhaltes  und 
der  Form  brachte  mich  auf  den  Gedanken,  daß  ein  kleines  Gedicht 
durch  Hinzudichtung  neuer,  das  angeschlagene  Thema  eingehender 
behandelnder  Verse  erweitert  wurde. 

Ein  Freund  fordert  den  andern  zum  Lebensgenuß  auf  und  emp- 
fiehlt als  Genüsse:  Wein,  Wild  (Hirsch  und  Wildschwein),  Geflügel, 
Fische,  Wild,  Fische,  Gartenfrüchte,  Wein  und  Wild.  Streicht  man 
die  auffallenden  Wiederholungen  weg,  mit  Ausnahme  von  Wein,  der 
mit  Recht,  der  Oberschrift  entsprechend,  den  Anfang  und  auch  den 
Abschluß  bilden  muß,  und  dann  noch  die  Verse  15  und  16,  die  in- 
haltlich von  den  anderen  verschieden  sind,  so  bleibt  ein  Gedicht  übrig, 
das  einen  ganz  regelmäßigen  Bau  zeigt.  Die  Distichen  1.  3.  5.  ent- 
halten reziproke  Verse,  2.  4.  6.  sind  regelmäßig  gebaut. 

Demnach  sind  die  Verse  11 — 16,  19 — 20  hinzugedichtet  und 
erscheinen  nur  als  ungeschickte  Nachbildungen.  So  bringen  die  Verse 
13 — 14  nur  eine  Nachbildung  von  9 — 10;  aber  während  hier  mit  Recht 
von  der  todbringenden  Meereswelle  gesprochen  wird,  erscheint  v.  14 
Si  te  non  perimat  clara  coloris  aqua  als  unpassend.  Auch  hätte 
man  erwartet,  daß  diese  Verse  sich  an  v.  10  angeschlossen  hätten. 

Es  ist  überhaupt  eine  Eigentümlichkeit  des  Dichters  das  Zu- 
sammengehörige auseinanderzureißen.  Dies  beweisen  besonders  die 
Verse  19 — 20,    die   nicht   an    diese   Stelle   gehören    und   nach    v.  6 


Anhang.    Coniurationes  convivarum  pro  potu. 


201 


sich  gut  einfügen  würden.  Er  hat  aber  dadurch  nur  seine  nach- 
bildende Tätigkeit  deuthcher  erkennen  lassen.  Die  Verse  15 — 16 
bringen  einen  nach  dem  Vorausgehenden  nicht  erwarteten  Gedanken 
und  unterscheiden  sich  auch  formell  von  den  andern  ursprünglich 
vorhandenen:  gratanter  suscipe  mente  und  si  fruerls  laetus  sind 
Nachbildungen  von  v.  1  und  5  und  müssen  in  dieser  überlieferten 
Form  beibehalten  werden. 

Nach  Beseitigung  dieser  beanstandeten  Verse  hatte  das  Gedicht 
ursprünglich  folgende  Fassung. 


10 


Dulcis  amice,  bibe  gratanter  munera  Bacchi, 

Si  vivas,  totum,  dulcis  amice,  bibe. 
Fercula  sume  libens  adlata  ex  viscere  cervi, 

Si  non  Acteonis  mors  sit  acerba  tibi. 
Dente  timendus  aper  tibi  ponitur:  accipe  laetus, 

Si  te  non  findat  dente  timendus  aper. 
Si  tibi  non  oculos  nox  atra  pro  grue  claudat, 

Fercula  carpe  libens,  dulcis  amice,  gruis. 
Unda  marina  tibi  quod  misit,  sume  libenter, 

Vitam  adimat  si  non  unda  marina  tibi. 
Si  tua  perpetuus  non  claudat  lumina  somnus, 

Non  dedigneris  dicere:  'misce  puer.' 


10  vitam  adimat  si  non:  Diese  Um- 
stellung (vgl.  oben  krit.  App.  zu  v.  10) 
im  Gegensatz   zu  v.  2.  4.  6  wurde  wohl 


vom  Dichter  vorgenommen  um  zu  ver- 
meiden, daß  zwei  auf  einander  folgende 
Verse  (v.  10  und  11)  mit  si  beginnen. 


VIII. 

Dieses  bis  jetzt  noch  nicht  herausgegebene  Gedicht  schließt  sich 
in  der  Handschrift  (Oxford  Bodl.  Add.  C  144  saec.  XI)  unmittelbar 
an  das  Gedicht  XIX  {Candidolum)  des  Paulus  Diaconus  an.  Wie 
bei  diesem  ist  auch  bei  dem  vorliegenden  der  Name  des  Verfassers 
angegeben,  nämlich  Paulinus. 

Es  ist  auf  Grund  einer  stilistischen  Untersuchung  kein  Zweifel, 
daß  damit  Paulinus,  der  Patriarch  von  Aquileja,  gemeint  ist,  der 
venerabilis  artis  grammaticae  magister  am  Hofe  Karls,  ein  Mitglied 
jenes  wissenschaftlichen  Kreises,  dem  Petrus  von  Pisa,  Alkvin  und 
Paulus  Diaconus  angehörten  (vgl.  Wattenbach  I  168,  Neues  Archiv 
IV  113). 

Der  poetische  Brief  ist  an  einen  Priester  Zacharias  gerichtet,  der 
aus  Italien  stammend  nach  Irland  zog  und  dort  eine  segensreiche 
Tätigkeit  als  Seelsorger  entfaltete.  Paulinus,  der  ihn  jedenfalls  in 
Italien  kennen  gelernt  hatte,  schickt  ihm  Grüße  und  bittet  ihn,  er 
möge  ihn  in  sein  Gebet  einschließen,  wenn  er  seines  priesterlichen 
Amtes  waltet. 


Hausimus  altifluo  perfusas  rore  salivas 
Ore  fluenta  tuo  labio  stillante  iocundo, 
Quae  maduere  meas  multa  dulcedine  fibras. 
Fönte  quasi  flavo  liquantia  mella  redundant. 


Versus  Paulini  B  f.  58  v. 

1    salivas   aus  salibas   corr.  B    \\    Z  Que  aduere  B 
lauo  B    I    redundant  aus  redundat  corr.  B. 


sibras  B    \\    4  quasis 


1 — 4  vgl.  Anh.  XI  V.  1  hausimus  alti- 
fluam  .  .  salutem.  —   rore  salivas  vgl. 


Paulin.  MG.  Epp.  IV  517, 9  mellitis  salu- 
brius  inrorantibus  salivis.  —  maduere 


Anhang. 


203 


10 


15 


20 


Zacharias  frater,  domini  venerande  sacerdos, 
Accola  Brittaniae,  Latii  telluris  alumne, 
Hiberniaeque  decus,  mundi  gratissima  salpix, 
Undisoni  oceani  famosus  litoris  hospes, 
Ventilabrum  ecclesiae,  ruralis  pala  vicissim 
Ventivagas  paleas  a  fulvis  cernis  aristis, 
Mittis  ad  astra  poli  splendentis  farrea  grana, 
Flammigeras  stipulas  Vulcani  mergis  ad  ollas. 
Tantas  ergo  tibi  sincero  corde  salutes 
Mandamus  calami  stricto  ludente  mucrone, 
Quantos  mater  humus  viridanti  gramine  flores 
Prorumpit  teneros  vernali  roscida  foetu, 
Quantas  tellus  habet  rosulas  sub  stirpe  roseti 
Seu  quantae  croceae  pallescunt  flore  violae 
Purpureaeque  rubent  quantae  per  litora  conchae 
Aut  bibulas  Libicus  profundit  pontus  arenas. 


6  accola  aus  accola  corr.  B  \\  7  Hiberniaeque  aus  Hibernaeque  corr.  B  \ 
salpix  nach  'i'  Rasur  ß  ||  9  ecclesi^  (q  =  ae  öfter)  B  \\  \\  mitis  B  \  ferrea  über 
dem  ersten  *e'  steht  'a'  B  \\  17  stirpe  aus  stipe  corr.  B  \\  19  quant  .  .  .  litora  B  \ 
conch^  aus  conC(^  corr.  B    \\    20  bibulas  aus  biblas  corr.  B. 


transit.  gebraucht.  — fönte  quasi flavo  vgl. 
Paulin.  Poet.  I  130  v.  144  fons  caritatis, 
amor  dulcis  super  omnia  mella;  ähnliche 
Vergleiche  verwendet  Paulinus  häufig,  z.  B. 
Epp.  IV  523, 1 — 10  quasi  mel  dulce;  Epp. 
IV  525  Anm.  super  omnia  flaventium 
favorum  dulcissimi  mella. 

7 — 10  salpix  vgl.  Osee8,l.  Auf  diese 
Stelle  nimmt  auch  Alkvin  Bezug  in  einem 
Brief  an  Paulinus  (Epp.  IV  70, 19) :  Sit  gut- 
turtuum  tuba  Domini;  vgl.  auch  Ale.  Poet. 
1  238  V.  3  Christi  clarissima  salpix.  — 
undisonus:  Paulinus  liebt  besonders  die 
Zusammensetzungen  mit  sonus:  Poet.  I 
128  V.  85  grandisonus ;  129  v.  106  und 
Epp.  IV  523,  11  horrisonus;  Poet.  I  130 
V.  140  almisonus;  Epp.  IV  517,  7  stili- 
sonus;  518,  28  aurisonus;  Poet.  I  129 
V.  121  aequisonus.  —  ventivagus:  Paulin. 
Epp.  IV  517,  40. 


11 — 16  mittis  ad  astra  poli  vgl. 
Anh.  I  V.  14.  —  poli  splendentis  vgl. 
Anh.  X  V.  12  caeli  mittat  splendentis.  — 
tantas  ergo  tibi  vgl.  Anh.  X  v.  13.  — 
sincero  corde  salutes  mandamus  vgl. 
Anh.  XI  V.  4  toto  mandamus  corde  sa- 
lutem.  —  calami  mucrone  vgl.  Paulin. 
Poet.  I  126  Überschrift:  promulgata  stili 
mucrone.  —  prorumpit  transit.  gebraucht. 

17 — 20  quantas  tellus  habet  vgl. 
Anh.  X  V.  15.  —  croceae  pallescunt  flore 
violae  =  Goldlack  oder  Nachtviole  (Verg. 
Ecl.  II  47  pallentes  violas);  vgl.  auch 
Paulin.  Poet.  I  128  v.  62  rubent  croceo 
de  flore  virecta.  —  purpureaeque  conchae 
vgl.  Paulirt.  147,  3  in  littore  harenae 
mixtae  purpuratis  conculis.  —  bibulas 
arenas  vgl.  Verg.  Georg.  I  114,  Ov.  Ep. 
XVIII,  201.  — pontus  arenas:  Der  gleiche 
Schluß  Anh.  X  v.  16. 


204 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Cum  patris  altitroni  pretiosi  sanguinis  ostrum 
Et  trini  prolis  sacrata  libas  in  ara, 
Agni,  qui  tollit  probrosa  crimina  mundi, 
Vivificas  puro  mactas  in  pectore  carnes, 

25    Ante  dei  vultus  ferventis  munera  voti 
Salsifluo  faciem  lacrimando  gurgite  ponis, 
Pro  me  pasce  deum,  tremendi  iudicis  alta 
Limina  mellisono  cordatim  murmure  pulsa, 
Quatenus  ille  meas  dignetur  demere  noxas 

30    Et  iubeat  caeli  sancto  me  scribere  libro. 


22  trini]   tni     ||    24  in]   zwischen  i  und  n  Rasur  B    \\    26  lacrim  . 
28  mellison  .  B   1    cordatimmure  B. 


0  B 


21 — 23  pretiosi  sanguinis  ostrum  vgl. 
Paulin.  Epp.  IV  527,  26  pretioso  subvenit 
sanguinis  ostro.  —  trini  prolis  vgl.  Paulin. 
Poet.  I  126  V.  4  trlnumque  deum.  —  sa- 
crata libas  in  ara  vgl.  Anh.  I  v.  41  sacra 
praeliba  munus  in  ara.  —  tollit  probrosa 


crimina  mundi  vgl.   Anh.  II  v.  21 — 22; 
Paulin.  Poet.  I  146,28;  147,2. 

26—27  salsifluo  vgl.  Poet.  131,  6.  — 
tremendi  iudicis:  tremendus  bei  Paulin. 
beliebt:  130  v.  143;  139  v.  3. 


IX. 

Da  das  Gedicht  in  der  Oxforder  Handschrift  unmittelbar  auf 
VIII  folgt  und  der  Inhalt  auf  Paulinus  hinweist,  so  möchte  ich  ihm 
auch  dieses  zuschreiben. 

Die  Herstellung  des  Textes  bot  große  Schwierigkeiten.  Das 
Gedicht  lag  mir  nur  in  einer  photographischen  Wiedergabe  vor  und 
ich  glaubte,  daß  darin  der  Grund  liege,  daß  soviele  Stellen  nicht 
lesbar  seien.  Allein  auch  die  Vergleichung  mit  dem  Original,  die 
Wilhelm  Meyer  aus  Speyer  in  Oxford  in  dankenswerter  Weise  vor- 
nahm, ergab  keine  weitere  Aufklärung.  Gerade  an  Stellen,  die  in- 
haltlich besonders  interessant  sind  (v.  7 — 8),  ist  die  Überlieferung  am 
schlechtesten  (vgl.  die  beigegebene  Tafel). 

Paulinus  schreibt  einen  Abschiedsbrief  an  einen  Freund  und 
trägt  ihm  Grüße  an  Karl  und  seine  Gemahlin  auf  (v.  1  und  11).  Die 
Trennung  fällt  ihm  sehr  schwer.  Er  möchte  sogar  der  Brief  sein, 
weil  er  dorthin  geht,  wohin  das  Herz  den  Dichter  zieht,  selbst  wenn 
er  Benevents  Trauer  mitansehen  müßte  (vgl.  v.  7  und  8,  vielleicht 
ut  statt  et). 

Paulinus  kehrt  in  seine  Heimat  Friaul  zurück,  als  er  Patriarch 
von  Aquileja  geworden  war,  und  zwar  nach  der  allgemeinen  Annahme 
im  Jahre  787.  Damals  verlor  Benevent  seine  Selbständigkeit;  denn 
Arichis  unterwarf  sich  in  diesem  Jahre  dem  Frankenkönig.  Mit  dem 
im  gleichen  Jahre  erfolgten  Tod  des  Arichis  spielte  Benevent  keine 
bedeutende  Rolle  mehr  (Abel  I  564). 

Das  Gedicht  ist  jedenfalls  in  jener  Zeit  entstanden. 


206 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


15 


20 


Perge,  libelle  meus,  dominum  dominamque  saluta 

Et  die,  ut  valeant  tempora  longa  bene. 
Et  cum  te  palmis,  o  parve  libelle,  tenebunt. 

Pro  me  da  manibus  oscula  fixa,  rogo. 
De  me,  quod  cernis,  hoc  tu  narrare  memento 

Absque  <ioco,  vexat)  quod  mea  corda  dolor: 
Cur  meus  infelix  nequeo  nunc  esse  libellus. 

Et  l<uctum>  aspicerem,  o  Benevente,  tuum. 
Plura  loqui  cupiens  <tr>istis  mihi  carrnina  sensus 

Abscidit  et  stringit  pectora  nostra  dolor. 
O  domini  dulces,  iterumque  iterumque  valete; 

Namque  ego  in  patriam  ceu  peregrinus  eo. 
Ante  bibet  Garamans  Rodanum,  prius  India  Rhenum, 

Hauriet  A<driac>as  antea  Beigus  aquas, 
Ante  polus  segetes,  gestabit  sidera  tellus, 

Quam  tuus  e  nostro  pectore  cedat  amor. 
Tu  nisi  sis  nostri  memor,  o  carissime  frater, 

Silicibus  duris  durior  esse  potes. 
Odi,  nee  possum  cupiens  non  nosse,  quod  odi. 

Heu  quam<vis>  studeas  ponere,  ferre  grave  est. 


Ohne  Übersdirift  B  f.  58v. 

4  rogo  scripsf,  rogu  B  \\  6  ioco  vexat  supplevi,  unleserlich  B  \\  7  cur  meus 
nicht  deutlich  zu  lesen;  sicher  sind  C  .  .  .  eus  |  neq;  o  5  ||  8  aspicerem  B,  vom 
vorhergehenden  Wort  nur  1  lesbar  \\  9  cupiens  . .  istis  B  \  sens'  B  \\  10  abstidit  B  |] 
11  iterum  iterumque  B  \\  12  ego  impatriam  B  \\  13  India  Rhenum  scripsi,  indias 
henü  B  \\  14  hauriet  scripsi,  aurit  {über  a  ein  h,  über  t  ein  a)  B  j  Adriacas 
scripsi,  a  .  .  .  .  as  B  \\  15  gestabit  aus  gestabt  corr.  B  \\  19  noss.  B  \  zwischen 
quod  und  odi  ist  od  durch  Rasur  getilgt    \\    20  quamvis  scripsi,  qua  Ä 


1 — 3  perge,  libelle:  Ähnlicher  Anfang 
bei  Alcvin  Poet.  I  284  V  und  Theodulf 
Poet.  I  527  XXXVI.  —  et  cum  te  palmis 
vgl.  Theod.  579  v.  7  cum  sua  te  (cartula) 
teneris  tractarit  dextera  palmis. 

5  narrare  memento  Ale.  223  v.  76. 

9  carmina  sensus  abscidit  vgl.  Pau- 
lin. Poet.  I  142  V.  1  dolor  sensum  ab- 
stulit. 


1 1  iterumque  iterumque  vgl.  Ov.  Ars 
am.  II 127;  Theod.  513  v.  765,  Anh.  XI  v.3. 

13 — 16  ante  bibet  vgl.  Anm.  zu  Pau- 
lus XXXI.  —  Garamantes  ein  Volk  im 
Innern  Afrikas  südhch  von  der  großen 
Syrte.  Beeinflußt  ist  Paulinus  jedenfalls 
durch  Verg.  Aen.  VI  794,  wo  auch  die 
Garamanter  in  Verbindung  mit  den  Indern 
genannt  sind. 


X. 

Dümmler  gab  dieses  Gedicht  unter  den  versus  libris  saeculi 
octavi  adiecti  heraus  (Poet.  I  98)  und  wies  es  mit  den  ersten 
Herausgebern  der  Zeit  Karls  des  Großen  zu  (Nouveau  traite  de 
diplomatique  III  78  Paris  1757).  Ich  habe  es  an  dieser  Stelle  abdrucken 
lassen,  da  ich  einige  Anklänge  an  Gedichte  des  Paulinus  (besonders 
Anh.  VIII)  bemerkte,  die  mir  so  auffallend  erscheinen,  daß  damit 
nicht  bloß  die  Zugehörigkeit  dieses  Gedichtes  zum  karolingiscfien 
Kreis  bewiesen  ist,  sondern  auch  die  Autorschaft  des  Paaliniis  oder 
eines  seiner  Schäler  angenommen  werden  kann. 


10 


Filius  ille  dei,  caeli  quem  summus  ab  arce 
Voce  pater  clara  testatur,  'filius,  inquit, 
Ecce  meus  hie  est,  mando,  carissimus,  ipsum 
Audite  et  illi  devotas  sternite  mentes'. 
Dixerat  ista  pater,  quando  lordanis  in  unda 
Auetor  erat  vitae  testis  baptista  lohannis. 
Dixerat  et,  quando  praecelso  in  vertice  montis 
Fulgebat  super  omne  decus,  radiabat  amictu; 
Testis  erat  Petrus  fidus  lacobque  lohannis. 
Ipse  pius,  princeps  mitis,  gratissime,  Clemens, 


Paris  653  f.\  ^W\  der  Anfang  fehlt. 


1 — 5  filius  ille  dei:  Der  gleiche  Vers- 
anfang Paulin.  Poet.  1 127  v.  48.  —  Jordanis 
in  unda:  Der  gleiche  Versschluß  127 
V.  30. 

8  fulgebat  super  omne  decus:  Eine 
bei  Paulin.  häufige  Ausdrucksweise,  vgl. 


130  V.  144  dulcis  super  omnia  mella,  in 
prosaischen  Schriften  (Migne  Bd.  99  p.  158) 
super  omne  malum  deterius,  super  om- 
nem  impietatem  scelestius:  MG.  Epp.  IV 
525  Anm.  super  omnia  flaventium  favo- 
rum  dulcissimi  mella. 


208 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


15 


Te  salvet  servetque,  regat,  sine  fine  gubernet, 
Ad  caeli  mittat  splendentis  lucida  regna. 
Tantas  namque  fero  summissa  mente  salutes, 
Quantas  alta  poli  stillabunt  sidera  flammas, 
Quantas  tellus  habet  sub  caeli  cardine  glebas 
Fluctivagasque  vomit  quantas  nam  pontus  harenas. 


11  salvit  W    I    servitque  W    |    guvernit  W   \\    16  pontis  W. 


12  caeli  mittat  splendentis  vgl.  Anh. 
VIII  V.  11  poli  splendentis. 

13  tantas  .  .  .  salutes  vgl.  Anh.  VIII 
V.  13. 


15 — 16  quantas  tellus  habet:  Der 
nämliche  Versanfang  Anh.  VIII  v.  17.  — 
pontus  harenas:  Der  gleiche  Versschluß 
Anh.  VIII  V.  20. 


XI. 

Der  für  die  Oberlieferung  von  Gedichten,  die  zum  Hofe  Karls 
des  Großen  in  Beziehung  stehen,  wichtige  Harleianus  3685  enthielt 
f.  2  ein  noch  nicht  veröffentlichtes  Gedicht  mit  der  Überschrift  de 
peste.  Es  folgt  unmittelbar  auf  das  Gedicht  Ad  Moulinum  de 
Dagulfo  scriptore  (Dümmler,  Poet.  I  92). 

Wegen  der  wenigen  Anklänge  an  Anh.  VIII  wage  ich  es  nicht 
dem  Paulinus  zuzuschreiben,  glaube  aber,  daß  es  in  die  Zeit  gehört, 
wo  Petrus  von  Pisa  und  Paulus  Diaconus  noch  am  Hofe  Karls  weilten. 
Sie  sind  es  jedenfalls,  die  dem  Verfasser  einen  ersehnten  Gruß 
schickten  (v.  1 — 3).  Der  wegen  seines  vorbildlichen,  verdienstvollen 
Lebens  und  seiner  Weisheit  gerühmte  Adressat  ist  möglicherweise 
Alkvin. 

Die  schönen  Mädchen,  über  deren  Genesung  der  Verfasser  seine 
Freude  äußert,  und  denen  er  alles  Gute  wünscht,  sind  wahrscheinlich 
Prinzessinnen,  vielleicht  die  in  den  Briefen  Alkvins  unter  dem  Namen 
Lucia  vorkommende  Gisla,  die  Schwester  Karls,  oder  Rodtruda,  die 
auch  Columba  genannte  Tochter  Karls. 

Der  Verfasser  übermittelt  die  Grüße  von  dreien,  die,  als  aurea 
progenies  bezeichnet,  jedenfalls  auch  dem  königlichen  Hause  an- 
gehören. 

Hausimus  altifluam  Petri  Paulique  salutem, 
Quos  primos  terrae  comites  coelique  retentant, 
Atque  hanc  ardenter  iterumque  iterumque  sitimus. 
Nilominus  toto  mandamus  corde  salutem 
5     Vobis,  0  pater,  o  laudandae  formula  vitae, 


De  peste  H  f.2. 

1  ausimus  H   \\    2  comittes  H. 


1 — 5  hausimus  altifluam  vgl.  Anfang  |  salutem  vgl.  Anh. VIII  v.l3 — 14.  —  laudan- 
vonAnh.VIII.  —  iterumque  iterumque  vg\.      dae  formula  vitae  vgl.  Alcvin  Poet.  I  193 
Anh.  IX  V.  11  Anm.  —  mandamus  corde  \  v.  1086  priscorum  formula  patrum. 
Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA.    III,  4.  14 


210 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


10 


Quos  meritum  et  sollers  pariter  sapientia  comit. 
Nostrisque  optamus  speciosis  laeta  puellis 
Laetamurque  satis,  quod  pestis  amara  recessit 
Virgineosque  artus  domini  salus  alma  revisit. 
Virgineas  marga  -  fraterna  per  oscula       ritas 
Aurea  progenies  geminato  germine  creta 
Nectareo  affectu  terna  de  voce  salutant. 


7  nostrisque]  vorher  vest  ausgestrichen  H   \\    11  geminati  H. 


6  sollers  sapientia  comit  vgl.  ähn- 
lichen Schluß  bei  Paul.  IV^  v.  15;  vgl.  auch 
Paul.  X  V.  18  krit.  Apparat. 

8 — 9  pestis  amara  recessit  vgl.  Alc- 
vin  Poet.  I  214  v.  14  mox  pestis  acerba 
recessit. — marga-ritas  vgl.  Anm.  XXXVIII 


V.  10. 

11 — 12  aurea  progenies  vgl.  Poet.  I 
92  V.  11;  II 672  v.  1.  —  nectareo  affectu: 
vgl.  Paul.  XIII  9  amoris  .  .  nectar  omne 
quod  praecellit  quodque  f lagrat  optime. 


Indices. 


14' 


I. 


Initia  carminum  et  epistularum. 

(Die  mit  *  bezeichneten  Stücke  finden  sich  im  Anhang.) 


A  principio   saeculorum   usque   ad  dilu- 

vium  II. 
Adam   per   lignum   mortem    deduxit    in 

orbem  Viii. 
Adsunt  quattuor  in  prima  iunctione  species 

XVI. 
Aegrum  f  ama  f  uit  quondam  iacuisse  leonem 

VII*. 
Aemula    Romuleis    consurgunt    moenia 

templis  IVi. 
Amabillimo  et  totis  mihi  praecordiis  di- 

lecto  domino  meo  . .  Theudemari  XIV. 
Ampla   mihi   vestro    est   humili    devotio 

servo  XXXII. 
Angustae  vitae  f  ugiunt  consortia  MusaeVIII. 
Ante  suos  refluus  Rhenus  hinter  XXXI. 
Aurea  quae  fulvis   rutilant   elementa  fi- 

guris  XXVI. 

Candidolum    bifido    proscissum   vomere 

campum  XIX. 
Carissimo  fratri  et  domino  Adalardo,  viro 

Dei,  Paulus  supplex  XXXI. 
Carmina    ferte    mea   Anghelramo    dicite 

patri  IVI*. 
Carmina  mitto  Pfetro  dulci  doctoque  ma- 

gistro  XXXIX. 
Christe  pater  mundi  saecli  radiantis  origo 

XXXIV. 
Christe  salus  utriusque  decus  spes  unica 

mundi  IVH. 
Christe  potens   sollers   summi    sapientia 

patris  unter  X. 
Credere  si  vellis  cecini  de  fauce  libellos 

IV II*. 


Crux  tua  Christe  potens  his  sit  protectio 

saeptis  Vm. 
Crux  tua  lux  lucis  has  vallet  fulgida  cau- 

las  VI". 
Crux  tua  rex  regum  Christe   hoc  tueatur 

ovile  VIII. 
Culmina  si  regum  dudum  cecinere  poetae 

XXXVIII. 
Cum  ad  imitationem  excellentissimi  com- 

paris  III. 
Cupieram  dilecte  mi  XXXI. 
Cupiens  aliquid  vestris  bibliothecis  addere 

XXX. 
Cynthius    occiduas    rapidis    declivus    ad 

oras  XVIII. 

Divinae  largitatis  munere  sapientia  po- 
tentiaque  domino  regi  XXX. 

Domnae  Adelpergae  eximiae  summaeque 
ductrici  III. 

Dulcis  amice  bibe  gratanter  munera  Bacchi 

Vir*. 

En  tibi  Paule  deus  ter  quinas  augeat 
horas  XXIII. 

Filius   ille   dei,   caeli   quem  summus  ab 

arce  X*. 
Fratres  alacri  pectore  VII. 
Funereo  textu  scribuntur  facta  priorum  III*. 

Haec   domus   est  domini   et  sacri  ianua 

regni  IVm. 
Hausimus  altifluam  Petri  Paulique  salutem 

XI*. 


214 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Hauslmus   altifluo   pcrfusas   rore    salivas 

VIII*. 
Hie  ego  quae  iaceo  Rothaid  de  nomine 

dicor  XXIV. 
Hildegard  rapuit  subito  te  funus  acerbum 

XXVIII. 
Hoc   opus    exiguo    quod    cernis   tramite 

lector  XXXVII. 
Hoc  satus  in  viridi  servaturflosculus  arvo  P. 
Hoc  tumulata  iacet  pusilla  puellula  busto 

XXVII. 

lam   puto    nervosis    religata    problemata 

vinclis  XX. 
Ingenio    clarus    sensu    celer   ore   suavis 

XXIX. 

Lactea  splendifico  quae  fulget  tumba  me- 

tallo  IX. 
Lugentum    lacrimis    populorum    roscida 

tellus  XXXV. 
Lumine   purpureo    dum    sol   perfunderet 

arva  XVII. 

Multicolor  quali  specie  per  nubila  fulget 
VI. 

Nos    dicamus   Christo    laudem   genitoris 
unico  XII. 

O    una    ante    omnes    felix    pulcherrima 

virgo  VII. 
Ordiar  unde  tuas  laudes  o  maxime  Lari  I. 
Ordiar    unde    tuos    sacer    o    Benedicte 

triumphos  VI. 

Pallida    sub   parvo    clauduntur   membra 
sepulcro  11*. 


Parvula  rex  Karolus  seniori  carmina  Paulo 

XXXIII. 
Paule  sub  umbroso  misisti  tramite  versus 

XXI. 
Perge  libelle  meus  dominum  dominamque 

saluta  IX*. 
Perpetualis  amor  capiendae  et  causa  sa- 

lutis  XXV. 
Perspicua  darum  nimium  cum  fama  per 

aevum  XXXVI. 
Post  has  nectit  subsequentes  in  secunda 

species  XVH. 
Pulchrior  me   nullus  versatur  in  poculis 

umquam  XVI. 

Quaerebat    maerens    matrem    per    prata 

vitellus  VI"*. 
Quamvis  prolixa  terrarum  spatia  XIV. 
Qui  Sacra  vivaci  studio  domicilia  lustras  V*. 

Rex   Carulus  Petro   dulci  doctoque  ma- 

gistro  XL. 
Rex  Karolus  gaudens  ad  te  Petre  docte 

magister  XLI. 
Roscida  de  lacrimis  miserorum  terra  pa- 

rentum  X. 

Sensi  cuius  verba  cepi  exarata  paginis  XIII. 
Sic   ego    suscepi    tua    carmina    maxime 

princeps  XXII. 
Summo  apici  rerum  regi  dominoque  po- 

tenti  XXXII. 

Temporibus   priscis   pulix   lacerasse   po- 
tentes Villi*. 

Verba  tui  famuli  rex  summe  adtende  se- 
serenus  XI. 


IL 

Index  nominum. 


Abbo  ep.  Mettensis  V*  48,  51. 

Abraham  II  2,  1. 

Actaeon  (Acteon)  VII*  4. 

Adam  Viii  1. 

Adalard  (Adalhardus)  abbas  Corbeiensis 

XXXI  1,  28. 
Adelchis  (Adelgis)  rex  Langobardorum 

119,2;  IX  10. 
Adelphus  ep.  Mettensis  V*  28. 
Adeleid    (Adheleid)    filia    Karoli   regis 

XXVII  2;  filia  Pippini  regis  XXV  9. 
Adelperga  uxor  Aridiis  ducis  II  10,3; 

III  1. 
Adriaticus  IX*  14. 
Agatimber  ep.  Mettensis  V*  40. 
Aggarenus  tyrannus  XXIV  6. 
Aggiardus  dapifer  Karoli  M.  II*  7,  22. 
Agiulfus  ep.  Mettensis  V*  44. 
Alpes  XL  9. 
Anschises  Francus  Arnulf i  filius  XXIV  8; 

Troianus  XXIV  9. 
Angelbertus  (Angelpertus)  abbas  Centu- 

lensis  XXXIX  2;  IV  *i  17. 
Angelramnus  (Anghelramus)  ep.  Mettensis 

XXXIX  11;  IV* I  1;  V*  58. 
Angli  in*  28. 

Ansa  regina  uxor  Desiderii  IX  4. 
Aptatus  ep.  Mettensis  V*  52. 
Apulus  XXXV  35. 
Aquitania  II*  14. 
Arar  (Saöne)  XXXV  37. 
Arichis  (Arechis)  dux  BeneventanusW  10,2; 

12,2;  IVil3;  Vii2;  ViiiH;  XXXV 4. 


Arnoaldus  ep.  Mettensis  V*  45. 

Arnulfus  S.  XXIV  11;  XXVI  35;  ep.  Met- 
tensis V*  47. 

Arx  (in  castro  Casino,  quod  Arx  appellatur) 
VI  S.  25. 

Asia  XIII  10. 

Auetor  ep.  Mettensis  V*  31. 

Aufidus  IX  13. 

Ausonia  XXXIV  10;  gentes  XXIV  4;  hu- 
mus  XXIX  4;  regio  II  9,  1;  rex  IX  3. 

Avernus  I  17. 

Babylonica  captivitas  II  5,  2. 

Bacchus  IV*i  10;  VII*  1. 

Bardi  =  LangobardiWi  18;  IXl  1;  XXXVI 9. 

Beigus  IX*  14. 

Benedictus  S.  VI  1,  134;  VII  2;  XIV  17, 

39;   XXXII  7;  XXXIII  7;  XXXIV  19; 

XXXVI  29. 
Beneventum  XXXV  32 ;  Beneventi  princi- 

patus  II  10,  1;  IX*  8. 
Bonifatius  S.  ep.  Moguntinus  III*  23. 
Bonulus  ep.  Mettensis  V*  34. 
Britannus  XXVI  25. 
Brittania  VIII*  6. 

Caelestis  ep.  Mettensis  V*  20. 

Calaber  XXXV  35. 

Campanus  XXXV  35. 

Casinum  castrum  quod  Arx  appellatur  VI, 
S.  25;  Casinus  mons  XXXIII7;  Bene- 
dict! tecta  XXXIV  19. 

Cassandra  IV* i  11. 


216 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Christus  passim;  reperator  et  auctor  IVi 
23;  redemptor  I  29;  II  8,  1 ;  salus 
mundi  II  6;  rex  aeternus  II  7;  via,  vita, 
Salus,  spes  sola  tuorum  IVi  28;  do- 
minans  Vi  5;  rex  regum,  lux  lucis 
Viii;  unicus  XII  1;  pater  mundi,  saecli 
radiantis  origo  XXXIV  1 ;  rex  XXXVII 
16;  Christi  heres  I'-  25;  de  munere 
Christi  VIII  15;  XXXI  29;  V===  60. 

Chrodegangus  ep.  Mettensis  V*  55. 

Clemens  ep.  Mettensis  V''=  13. 

Cynthius  XVIII  1;  XIX  5;  r==  10. 

Danaus  V-'  40. 

David  rex  XXXVIII 45;  Davidicus  IV===ii  5. 

Dardanida  gens  XXXII  5  unten. 

Desiderius  rex  Langobardorum  II  9,  2. 

Diana  IVi  11. 

Diomedes  grammaticus  XVi  23. 

Dombercht  presbyter  Anglicus  III*  10. 

Emmanuel  II  6,  2. 

Engadi  I*  6. 

Eous  conspicuus  XVIII  14. 

Epirus  (Epyrus)  I  18. 

Epletus  ep.  Mettensis  V^'  32. 

Eutropius  III  10,  22. 

Ezechias  XXIII  2. 

Felix  ep.  Mettensis  V*  21/53. 

Fiducia  IV* i  3. 

Firminus  ep.  Mettensis  V*  29. 

Flaccus    =    Horatius    XII   5;     XIII   4; 

IV*i  18. 
Fortunatus  ep.  Pictavensis,  poeta  XXIX  3. 
Francus  XXVI  25;  II*  13;   Franci  II*  3; 

III*  27. 
Fronimus  ep.  Mettensis  V*  38. 
Fucinus  I  19. 

Galilaeus  I  22. 

Gallia  XXIX  7;  XXXV  44;   XXXVIII  51; 

XL  6. 
Gamalihel  doctor  legis  XII  9. 
Garamans  IX*  13. 
Gargania  rupes  IX  21. 
Gedeon  XXXVIII  42. 
Germania  11*  14. 


Germanus  XXVI  25. 

Gethae  duri  -=  öothi  XXVI  26. 

Godo  ep.  Mettensis  V*  49. 

Goericus  ep.  Mettensis  V*  48. 

Golian  XXXVIII  46. 

Graeca  loquella  XIII  11;    Graia   loquella 

XIII   6;    regula  =  lingua   XII  9,  12; 

Graeco  tramite  erudire  XII  10;  Graeca 

lingua    XII    5;    grammatica    XII    12; 

Graecorum  Studium  XII  7. 
Grammatus  ep.  Mettensis  V*  39. 
Gregorius  I  papa  VI  S.  25. 
Gunsolinus  ep.  Mettensis  V*  36. 

Hadrianus  I  (Adrianus)  papa  XXXIV  15. 
Hebraea  lingua  XII  5;  Hebraica  loquella 

XIII  6. 
Hebraeorum  studia  XII  9;  Hebreae  gentis 

regnator   IVii    5;    Hebraeus    sanguis 

V*  25. 
Hebrus  XIII  v.  1. 
Hibera  cohors  XXVI  26. 
Hibernia  VIII*  7. 
Hildricus   (Hilderic)  Pauli  Diaconi  dis- 

cipulus  XXXVI  39. 
Hildegardis   (Hildegarda,   Hildegard)   re- 

gina,  Karoli  M.  uxor  XXVI  4;  I*  38; 

filia  Karoli  M.  XXVIII  1. 
Hister  IX  14;  XXXV  37. 
Hlutharius  filius  Karoli  M.  I*  30. 
Homerus  XII  5;   XIII  4;    Zmyrnae   rure 

creatus  XIX  17. 

lacob  X*  9. 

lanus  XIV  59. 

lesus  I  21;  XXVI  35;  I*  44. 

India   inclyta   campis   floriferis    XXXVIII 

53;  IX*  13. 
Indiens:  gemma  XXVI  6;  lapides  XIII  8. 
Indus  lapis  I*  12. 
lohannis     baptista    X*    6;     evangelista 

X*  9. 
lordanis  I*  5;  X*  5. 
Iris  Vi  2. 
Israel  II  5, 3. 

Italia  XXXVIII  51 ;  V*  60. 
Italus    II*    13;    regna    XXVII   6;    tellus 

XXVI  27. 


Index  nominum. 


217 


luppiter  IVi  10. 

lustinianus  Augustus  III  25;  Imperator  VI 

S.  25. 
luvencus  poeta  IV*i  16. 

Karolus  Magnus  (Carolus,  Carulus)  XVII 
38;  XXIV  4;  XXVI  4;  XXVII  3;  re- 
gum  sublimissimus  XXX 2;  —  XXXII 3 
unten\  XXXIII  1,  12;  XXXVIII  4; 
XXXIX  9;  XL  1;  XU  1;  V  35,  48; 
II*  11;  IV*i  21;  V*  59. 

Karolus  Martellus  XXIV  5. 

Langobardi  (vgl.  Bardi)  XXXVIII  10. 

Larius  lacus  I  1. 

Latia  gens  IVi  17;    ille   caret  Latus  lo- 

quellis  XXII  19. 
Latium  (Lacium)  XL  5;  VIII*  6. 
Latina  lingua  XII  5;    Latini  rivuli  gram- 

maticae  XII  7. 
Legontius  ep,  Mettensis  V*  30. 
Libicus  pontus  VIH'-'  20. 
Liger  XXVI  27;  XL  10. 
Lucanus  poeta  Wf^'i  18. 
Lucrinus  I  20. 
Lyris  VI  49,  50. 

Maria:  o  una  ante  omnes  felix  pulcher- 
rima  virgo  Vii  1;  virgo  genitrixque 
creantis  XXXV  51;  —  I*  42. 

Marc  XXXV  6. 

Memphiticus  Philo  XII  5;  XIII  4. 

Mettis  urbs  V*  15. 

Michael  legatus  Graecorum  XII  11. 

Minciades  =   Vergilius  XIX  17. 

Moseila  clara  XXXI  26;  vitrea  XIV  60. 

Moyses  II  3,  1 ;  XXXVIII  38. 

Musae  VIII  1;  XLI  5. 

Naso  =  Ovidius  IV*  i  18. 
Noe  XXXVIII  38. 
Numae  moenia  VI  63,  64. 
Nursia  VI  5. 

Padus  cignifer  XXVI  18;  XXXV  37. 
Papia  XXVII  5. 
Papulus  ep.  Mettensis  V*  46. 
Parius  lapis  XXVI  10. 


Patiens  ep.  Mettensis  V*  22. 

Paulus    Diaconus    III   3;    XII  4;    XIV  2; 

XXI  1;   XXIII  1,  6;  XXX  3;  XXXI  2, 

30;  XXXIII  1,9;  XXXVI  4;  XI*  1. 
Persis:  delatum  Perside  malum  I  15. 
Petrus  apostolus  IX  20;  XXII  13;  XXXIV 

15;  V*  8,  14;  X*  9. 
Petrus    diaconus,    grammaticus    XXXIV 

11;  XXXVII  2,  6;  XXXIX  1,  2,  3,  4, 

13,  14;  XL  20;  XI*  1. 
Petrus  ep.  Mettensis  V*  43. 
Philo  Memphiticus  XII  5;  XIII  4. 
Phoebus    (Foebus)    IVi    10;     XVIII   17; 

XXXVI  21. 
Pierium  Carmen  XXIII  4. 
Pippinus  paterKaroli  M.  XXIV  5 ;  XXV  9 ; 

pater  Karoli  Martelli  XXIV  7. 
Punica    mala    I    11;     puniceum    bellum 

XXXVIII  45. 

Ratchis  rex  Langobardorum  XXXVI  19. 
Rhenus  (Renus,  Hrenus)  VIII  17;  IX  14; 

XXXI  25;  XL  9;  IX*  13. 
Rhodanus   (Rodanus)   XXVII  7;    XL  10; 

IX*  13. 
Rigulfus  archiep.  Moguntinus  XXXIX  12. 
Roma  VI  S.  25;  VI  10;  XXVI  28;  V*  14; 

moenia  Numae  VI  63,  64;  Petri  loca 

sancta  XXXIV  15. 
Romana  studia  XXX  6. 
Romanus  ep.  Mettensis  V*  37. 
Romuleus:  civitas  XXX  14;  templa  IVi  1; 

Tibris  XXVI  18;  XXXV  36;   Romula 

moenia  V*  8. 
Rothaidis   (Rothaid)  filia   Pippini  regis 

XXIV  1. 
Ruffus  ep.  Mettensis  V*  27. 

Salernum:  clara  Salerne  XXXV  34. 
Sambatus  ep.  Mettensis  V*  26. 
Samson  XXXVIII  40. 
Sextus  Pompeius  XXX  5. 
Sigibaldus  ep.  Mettensis  V*  54. 
Sigifrit  rex  Danorum  XXI  17;  XXII  17. 
Siler  fluvius  (Sele)  XXXV  36. 
Simeon  IV*i  15. 
Simeon  ep.  Mettensis  V*  25. 
Solyma  IVii  5. 


218 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


Sophia  Ansäe  neptis  X  2. 

Spania  II*  11. 

Sperus  ep.  Mettensis  V*  41. 

Stephanus  S.  V*  61. 

Suavi  flavi  VIII  17;  Suevus  XXVI  25. 

Sublacus  (Subiaco)  VI  S.  25. 

Sycambra  stirps  V*  45. 

Tartareae  flammae  VI  44. 

Theodulfus  (Teudulfus)  ep.  Aurelianensis, 

poeta  IV*  I  16. 
Terentius  ep.  Mettensis  V*  35. 
Tertullus  XII  5;  XIII  4. 
Theudemarus  abbas  XIV  2. 
Thonar  XXII  36. 
Tibris  (Tybris)  VIII  18;  Romuleus  XXVI 

18;  XXXV  36. 
Tibullus  XII  5;  XIII  4. 
Timavus  fluvius  XXXVI  12. 
Titan  Vi  3. 

Titania  purpura  XVIII  15. 
Tracia  felix  XXXVIII  52. 
Trax  XIII  v.  1. 


Troianus  Anschisa  XXIV  9. 
Tullius  ore  potens  XXXV  5. 

Umber  XXXV  35. 

Urbicius  ep.  Mettensis  V*  33. 

Valens  III  22. 

Varro  IV*i  18. 

Venus  IVi  10. 

Vergilius  XII  5;   XIII  4;  Maro  XXXV  6; 

Minciades  XIX  17. 
Veronensis  Tibullus  XIII  4. 
Victor  ep.  Mettensis  V^  23. 
Vilicus  ep.  Mettensis  V*  42. 
Vincentius  martyr  11^  15. 
Vulcanus  VIII*  12. 
Vulgär  XXXV  35. 

Waten  XXII  36. 

Zacharias  sacerdos  Anglicus  VIII*  5. 
Zmyrna  XIX  17  vgl.  Homerus. 


III. 


Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus 

Diaconus. 


A  Interj.  VI  97,  98. 

ab:  ignis  ab  igne  perit  VI  27,  28;  tutus 
ab  auxilio  IX  22 ;  ab  hac  arte  sustentat 
XI  11;  ab  amni  trahi  XIII  3. 

abbas:  vestri  fidelis  abbatis  daminique 
mei  XXXII  9. 

ablativus  sine  praepositione:  plecteris 
hoste  gravi  VI  65,  66;  funduntur  am- 
nes  rupibus  VII  7;  claustrorum  saeptis 
habitare  VIII  2;  his  terris  manet  X  4; 
paginis  librorum  legitur  XII  1 ;  mente 
gero  XXII  7;  hoc  busto  iacet  XXVII 1. 

pro  accusativo:  tribus  annis  perfers  VI 
17;  ter  binis  lustris  rexit  habenas 
XXXV  17. 

abstemius:  abstemium  pascens  VI  24. 

abstrusus :  pandenti  abstrusum  =  aenigma 
XX  14. 

abundantiae  exempla:  laudem  gloriae 
captare  XIII  9;  quasi  puri  muneris 
instar  XVIII  7;  saepe  frequentare  XIX 
41 ;  firmum  robore  pectus  XXVI  31 ; 
puellula  pusilla  XXVII  1 ;  virguncula 
parvula  XXVIII  5;  in  perpetuum  sem- 
per  erit  XXXV  26. 

acceptare:  nunc  opus  acceptans  XXXII  14. 

accola  Ligeris  XXVI  27. 

accomodare:  Christo  qui  accommodat 
aurem  VI  23. 

accusativus  sine  praepositione:  Suavos 
repedare  VIII  17  {vgl.  repedabit  ad 
ortus  XXXI  25) ;  Rhodanum  properans 


XXVII  7.  —  graecus:  pectus  trans- 
fixa  mucrone  XXXV  41. 

acerbus:  rapuit  subito  te  funus  acerbum 

XXVIII  1. 

actus:  venerabilis  actu  XXIX  3. 

adde  quod  IVi  9. 

adesse  sacris  VI  79. 

adfinis  opp.  exter  XXXV  38. 

adiectivi  neutrum  pluralis  pro  substan- 
tivo:  efferri  in  ardua  IVi  24;  in  ardua 
consurgere   XXII   43;    florida   mundi 
VI  9;  ima  gurgitis  VI  35,  36;  amoena 
Lyris  petens  VI  49,  50;  alta  petere  VI 
107;  Sacra  canere  VI  120;  noxia  vitare 
VI   129;   intima    mea   VI   145;    mira 
facere  VI  154;  mundana  nubila,  flo- 
rida aevi  VII  3;  gestorum  lux  1X27 
intima    iocineris    penetrare   XVIII  9 
singularis:    servator   honesti  IVi  19 
in  occiduo  XXVI  8;    divini  cultor  et 
index  XXXV  13. 

aether:  aethera  Vi  2;  VI  111;  aether 
inminet  XIX  9. 

aetherius  opp.  carneus  ignis  VI  28. 

aevum:  ab  aevo  IVi  29;  per  aevum  I  27; 
VI  153;  VIII  11;  XVIII  24;  =  aetas 
VI  7;  =  mundus:  florida  aevi  VII  3 
vgl.  florida  mundi  VI  9. 

afflicto  pectore  XI  8. 

agape:  signat  adesse  dapes  agapes  VI  21. 

allegorica:  ulcera  cordis  IViii  7;  fulgida 
lux  saecli  =  Benedictus  VI  4;  fames 


220 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


atra  mentis  VI  73,  74;  vincula  piacli 
VI  135;  vincula  pectoris  et  plectri  VI 
136;  arma  crucis  VI  30;  VII  6;  rura 
cordis  replere  fecundis  seminibus  XIII 2 ; 
anchora  amoris  XIII  9;  hortus  divinus 
=  mundus  XVIII  22;  candidolus  Cam- 
pus =  carta  XIX  1 ;  hortus  mentis 
XX  3;  quae  tantis  decoraris,  Gallia, 
gemmis  =  viris  XXIX  7  {vgl.  astra 
ferens  mundo,  Nursia  VI  6);  in  arce 
mentis  XXXV  12. 

alliteratio:  via  vita  salus  spes  sola  IVi 
28;  pro  plausu  pectora  pugnis  X  15; 
hirsutus  hirtisque  simillimus  hircis 
XXII  23;  cumque  suo  ponat  crimina 
crine  simul  XXII  32;  heu(o)  decus  at- 
que  dolor  XXVI  24,  XXXV  4;  pusilla 
puellula  busto  XXVII  1 ;  solamenque 
mali  sollicitusque  timor  XXXV  46. 

alma  fides  VI  22. 

alter  ab  undecimo  annus  XXVI  21,  23. 

altisonum  Carmen  XIX  8. 

altithronus  IX  17. 

ahus  —  deus:  alti  flamine  äff  latus  VII  4; 
altissimus  II  3;  ab  altis  =  caelo 
XXXII  3. 

alumnus  VI  5;  stirpis  XXVI  5. 

amator  pietatis  XXII  15,  XXXII  10;  pacis 
XXXV  19. 

amnis  lacrimarum  IViii7;  XXVIII  9;  sacer 
=r.  baptisma  XXVII  2. 

amor  laudis  XXIII  12;  omnia  vincit 
VI  105,  106  vgl.  quo  plus  amat  quis, 
plus  valet  VII 13;  amor  summus  orbis 
=  Karolus  M.  XXII  54. 

anchora  amoris  XIII  9. 

androgenus  =  androgynus  XIX  33. 

anguis  :=  diabolus  VI  51,  52. 

anhelum  cor  IVi  30. 

annalis  ordo  percucurrit  sua  spatia   II  5. 

annua  lux  XXVIII  4. 

annus:  evoluta  annorum  curricula  II  1; 
orbes  evoluti  sunt  II  4;  peracti  sunt 
circuli  II  6. 

annotare  II  9. 

apex:  celsus  vester  =  celsitudo  vestra 
XXII  52;  vatum  XXIX  3;  summo 
apici  rerum  =  Karolus  M.  XXXII. 


aptus  —  ornatus:  apta  est  et  foliis  myrtea 

virga  I  14;  =  acceptus  o  nimis  apte 

deo   VI  109,  110;    sint,  precor,   apta 

tibi    {seil,  poemata)  VI  133,  134;    ■=- 

rectus    apte    pinxit    lineam    VII    15; 

repperit  apte  XXII  45. 
aqua:  tinguatur  vestris  purificandus  aquis 

(==  baptizare)  XXII  34. 
arbiter  togate  orbis  =  Karolus  M.  XXXII 

4  unten. 
ardens  cor  XXXII  6. 
arduus:  efferri  in  ardua  IVi  24;  consurgere 

in  ardua  XXII  43. 
area:  ex  his  (syllabis)  mihi  est  ferendus 

maniplus  ad  aream  XIII  6. 
arida  corda  VI  34. 
arma  crucis  VI  30;  VII  6;  virtute  insignis 

et  armis  IVi  14. 
armipotens  XXVI  17. 
ars :   hac  turpi  sustentat  ab  arte  XI  1 1 ; 

vitam    mihi   tollet   et  artem   XXII  29. 
artare:  artat  et  incertum  quaestio  XXII  6. 
arundo:  gracili  sub  arundine  XIX  8. 
arva  civilia  Xf  25. 
arx:  poli  XXII  8;  mentis  XXXV  12. 
ast  XVI  2;  XXIV  8;  XXXV  44. 
astra  ferens  Nursia  =  viros praeclaros  VI  6. 
astriger  polus  XXV  4. 
asylum  I  5;  IVii  5. 
atavus  patronus  =  Arnulfus  XXV  7. 
augmenta  sumere  IVi  3. 
auctores  =  conditores  IVi  9;    reparator 

et  auctor  =  Christus  IVi  23. 
aula  regis  XVIII  6;  XXXV  25;  =  caelum: 

aula  astrigeri  poli  XXV  4. 
aura:  per  auras  pandere  XIX  29. 
aureus:   regna  VII  2;   rubor   =   aurora 

XVIII  16. 
avitum  sceptrum  XXVI  17. 
avius:   avia   qui   sunt  sequuti  pergentes 

per  invium  XIII  5. 
axis  =  caelum:  axem  conscendens  Cyn- 

thius  XIX  3. 

baiulus:  fregit  veneni  baiulam  cymbiam 

VII  6. 
bene  =  valde:  pandit  bene  rumor  IX  18. 
bifidum  vomus  =  penna  XIX  1. 


Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus  Diaconus. 


221 


bissenus  II  5. 

boreas  XXVIII  2. 

brevitas  =  lapidis:  plura  loqui  brevitas 
vetat  inproba  IX  25;  =  temporis: 
non  sivit  brevitas  XVIII  12. 

brutum  pecus  XIX  37;  XXII  21. 

bustum  VI  78;  XXV  3;  XXVII  1. 

cachinnus:  cachinnis  obprimor  XIII  3. 

caelitus  adtrahi  VI  50. 

caerulei  nimbi  Vi  2;  caerula  nox  XVIII  2. 

calamus:  calamos  inflare  labello  XIX  12. 

calculus:  per  calculum  II  7. 

callis  tui  sequax  VII  16. 

camena  dulci  resonare  XIX  7. 

Campus  candidolus  =  carta  XIX  1. 

candidolus  XIX  1. 

captare:   captantur  flamina  laudis  IVi  6; 

suado  captaris  ab  ydro  VI  69,  70. 
capulum  VI  35. 
Caput:  totum  hoc  in  meum  caput  (—  in  me) 

dictum  per  hyroniam  XIII  3,  vgl.  deri- 

detque    meum    stulta    caterva    caput 

XXII  22. 
Carmen:   condere  XIX  8;   pangere  tereti 

versu  XIX  20. 
carneus  ignis  opp.  aetherius  VI  28. 
carpere:   viam  IX  19;  iter  lucis  XXIX  6. 
carus   amore   patris  VI  114;   antiquo   et 

caro   sodale  XVIII  8;   qui   carum   ut 

hostem  iaculis  confixit  XVIII  19. 
catholicus  princeps  Arichis  IVi  13. 
cauditus  agnus  XIX  38. 
caula  Viii. 

cautio:  mea  cautio  Christus  erit  XXII  48. 
cavere:  cave  submergere  123;  ne  perdas 

I  24. 
cedrus  ardua  =  Karolus  M.  XVIII  23. 
celsi  nimbi  XVIII  23. 
census  proprius  XXXV  21. 
cernere:  cernitur  ignis  insurgere  VI  55. 
ceu:   ceu   raptat  boreas   XXVIII  2;    ceu 

paradiseo  culmine  missa  forent  XXII  2. 
chalybs  (calibs,  calybs)  VI  35,  36;  VII  7. 
Christicola  XXXII  4. 
cignifer  Padus  XXVI  18. 
circulus   explevit  annum  XXVIII  3;   cir- 

culi  =  anni  II  6  (orbes  II  4). 


circumsaepire  obrizo  IVii  6. 

citreon  I  16. 

civiiia  arva  XI  25. 

Claustrum:    claustrorum   saeptis   habitare 

VIII  2;  non  opus  est  claustris  nee 
me  compescere  vinclis  XXII  9. 

clericus  XIII  11. 

cohors  Hibera  XXVI  26. 

colere:  ore  colende  mihi  VIII  20. 

Collum:  colla  paterna  ferunt  VI  103,  104; 

colla  tangere  XIX  18. 
colubra  VI  89. 
comere:  omnia  componens  quem  sie  sa- 

pientia  compsit  IVi  15. 
comitari:  ducibus  comitaris  opimis  VI  49; 

rutilo  comitare  favore  XXXII  14. 
compar:  compare  cum  magno  IX  8. 
compescere:  nee  me  compescere  vincHs 

XXII  9. 
componere:  omnia  componens  sapientia 

IVi  15. 
concentus:  concentu  pari  VII  1. 
conchae  (concae)  XIX  41. 
condecoratus:  cunctis  condecorata  bonis 

XXVI  14. 
condere  Carmen  XIX  8;    opus  XXXII  13. 
confidere  de  bonitate  IViii  9. 
conferre:  spes  omnia  confert  XIX  26. 
confundere:    qua   (spe)   quisque   innixus 

numquam  est  confusus  ab  aevo  IVi  29. 
congruus :  congrua  signa  dedit  VI  1 17, 1 18. 
coniugatio:  cupii  XVii  2,   sapui  XV ii  3, 

salii  XVii  4  —  laudabere  I  25,  sump- 

sere  IVi  3,    patiare  IVi  30,    calcasset 

I  21,  patrastis  IViii  5,  reparasti  Vii  2, 

mandasti    XXXII   13   —   fulgit   Vi  1, 

IX  1  (vgLkrit.App.),  fulgis  XVIII  22, 
nitit  Vi  4,  stuperent  X  6,  deridor  XIII 
3,  deridentur  =  Fat.  XIII  11,  deridet 
=  Fut  XXII  22. 

consociare:   mellifluus   consociavit  amor 

XXVI  22. 
consortia  vitae  linquere   VI    117;    vitae 

angustae  VIII  1. 
conspicuus:  conspicuo  cum  lux  fulgebit 

Eoo  XVIII  14. 
consurgere:  necnon  per  ternos  consurgat 

littera  ramos  XXI  24. 


222 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


cor  indoctum  XXII  19;  mea  corda  quatit 

XI  6;    corda   regia   patris   XXVIII   6; 

arida  VI  34;  perfida  VI  43,  44. 
coruscare:  gestorum  luce  coruscat  IX  27. 
crescere  =  syllaba  augeri  XV  ii  6. 
cretus:  Karolo  de  principe  cretus  XXIV  5. 
crinis:    cumque   suo  ponat  crimina  crine 

simul  XXII  32. 
crux:    arma   crucis   VI  30;    VII  6;    vgl. 

lignum. 
culmen  Bardorum  IVi  18;   culmina  Petri 

IX  20;    cum   modicis    rebus   culmina 

redde  simul  XI  26;  ceu  paradiseo  cul- 

mine   missa   forent   XXII  2;   generis 

culmina  celsa  XXXV  8. 
cultor  et  index  IVi  18;  XXXV  13. 
cultus  altithroni  IX  17. 
cumulus:   virtutum  cumulos  ordiar  unde 

tuos  VI  2. 
cupere:   cupii  XVii  2;  magis  cupiunt  = 

malle  VIII  3;  enixe  ut  cupio  XXXII 19. 
curricula  annorum  II  1. 
curtatus:   patre  curtato  cauditus  gignitur 

agnus  XIX  38. 
cymbia  VII  6;  XX  14. 
cyparissus  =  regina  cum  fructu  =  liheri 

XVIII  24. 

dactilus  XX  6. 

dapes  agapes  VI  21,  22. 

dapsilis  XXVI  14. 

dare  sequente  inf.\  suppetias  dedit  esse 

suis  IVi  27;  gliscere  dat  fructus  XIX  6. 
dativus:  semper  laudabere  cunctis  I  25; 

deprensa  sagaci  VI  29;   cernitur  tibi 

VI  56. 
de:  de  bonitate  dei  confidite  IViii9;  diffi- 

dere  IVm  10;  fidens  de  spe  XIX  25; 

de   spe   titubando   tepescit    XIX   27; 

flagrat  de  vestro  pectus  amore  VIII  9; 

de  nomine  dicor  XXIV  1 ;  renovas  de 

matre  dolorem  XXVIII  7;    lumine  de 

quarum  nox  fugit  XXIX  8;  de  munere 

Christi  VIII  15,  XXXI  29. 
declinatio:    absentum    VII    9,    egentum 

XXXV    23,    sapientum    XVii    1;    tu 

Benevente  XXXV  32,    clara   Salerne 

XXXV  34,  decus  summe  IV ii  4,  mag- 


nus  amice  dei  VI  150;  ab  amni  trahi 

XIII  3. 

declivus  Cynthius  occiduas  ad  oras  XVIII 1. 
decoquere:  vitem  decoxit  pruina  X  17. 
decor:    caperisque  decore  IVi  25;    tener 

XXVI  9;  interior  opp.  species  XXVI  12. 
decorare:  tantis  decoraris,  Gallia,  gemmis 

XXIX  7. 

decus:  lux  omne  decusque  suorum  IVi  20; 
decus  summe  IVii  4;  tu  decus  omne 
tuis  X  3;  decus  atque  dolor  XXVI 
24,  XXXV  4;  decus  et  mirabile  mundi 
XXXII  11. 

deicere:  visere  deiectam  non  vult  elatio 
mentem  XX  9. 

deliciae:  populi,  summus  et  orbis  amor 
XXII  54;  gloria,  deliciae,  tu  generalis 
amor  XXXV  28;  opp.  pauperies  VIII  4. 

deridere  vgl.  coniugatio. 

deus:  vgl.  Christus;  altithronus  IX  17; 
altus:  alti  flamine  afflatus  VII  4;  altis- 
simus  II  3;  cuncta  creantem  VI  143; 
dominus  II  11;  omnia  conponens  sa- 
pientia  IVi  15 ;  omnicreans  rector  XXXII 
3;  pater  aeternus  XXVII  10;  reparator 
et  auctor  IVi  23;  supernus  II  10; 
supernus  iudex  II  11;  tonans  XXII  37. 

devotio  ampla  XXXII  1. 

diabolus:  anguis  VI  51,  52;  perfidus, 
pestifer  ille  draco  VI  83,  84,  145,  146; 
leo  crudelis,  lupus  insidians,  serpens 
dira  Vm;  hydrus  VI  69,  70;  VII  16. 

diadema:     gemino     diademate     pollens 

XXVII  3. 

diecula:   decima   de  mense  diecula  Jani 

XIV  59. 

diffidere  de  bonitate  dei  IVm  10. 
dignus  c.  inf.:  XXVI  19;  ut  dignum  est 

XXXII  10,  XXXV  6. 
diluvium  II  1. 

dimittere:  dimisit  crimina  Christus  XXII 14. 
dirigere  pro  'mittere'  usurpatur:  XIII  1 ; 

XIV  60. 
dirimere  opp.  reformare  VI  12. 
dirus:  dira  alimenta  VI  46;  procella  X  18. 
discursare:    discursat   grando   per  agros 

XIX  10. 
discutere  problemata  XX  2. 


Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus  Diaconus. 


223 


dissolvere  aenigma  XIX  44. 

diurna  spatia  XVIII  11. 

doctrina  simplex  XX  4. 

dominus  rex  XXII  10. 

donare:  dona  eis  cum  electis  laetari  per- 
enniter  II  12;  donare  facinus  XXII  15. 

draco  vgl.  diaboliis. 

ducere:  duc  et  educ  IVii  2;  proprium  nil 
ducens  tradere  censum  XXXV  21. 

ductor  Arechis  II  10,  12. 

dum  cum  indic.  viridi  dum  cespite 
polles  I  7;  frigora  dum  superas  I  8; 
dum  steterit  solium  II  12;  dum 
perduntur  urbes  IVi  5;  dum  ludit  in 
Hebro  XIII  1  unten;  coni.  =  cum 
tempor. :  dumque  traherentur  ab  amni 
XIII  3  unten;  dum  conderet  urna 
XIII  5  unten. 

duocenti  II  1. 

edax  ignis  VI  55,  56. 

educere:  duc  et  educ  IVii  2. 

effectus:    sit   licet   effectus   modicis   pro 

viribus  impar  XXXII  5. 
effulgere:  effulsit  ut  sidus  novum  VII  3. 
effulgurare:  noctu  iubar  effulgurat  VII  14. 
egestas:  nobilitas  periit,  miseris  accessit 

egestas  XI  21. 
eheu  XXII  5;  XXXV  41. 
elatio  XX  9. 
electi  =  beati  II  12. 
elementa  aurea  epitaphii  XXVI  1. 
eloquium :  omniumquepraemineregentium 

eloquio  XIII  2;  strenuus  eloquii,  divini 

cultor  et  index  XXXV  13. 
enigma:    sanctorum   effigies  pulchro  sub 

enigmate  vernant  Vi  6. 
enixe  cupere  XXXII  19. 
equus:    Cyntliius  rapidis  volitabat  equis 

XVIII  2. 
ergastulum  VII  5. 
ergo  age  XIX  28. 
esse:   cui   {exspectes  cuius)  fallere   non 

est  IVi  26;   =  Interesse:  esse  sacris 

VI  79,  80  (vgl.  krit.  App.). 
ethica:  quod  logos  et  phisis  moderansque 

quod  ethica  pangit  XXXV  11. 
etiam  et  XVii  2. 


euge  VI  3. 

evolvere:  evoluta  annorum  curricula  II  1; 

orbes  evoluti  sunt  II  4. 
exarare:  verba  cepi  exarata  paginis  XIII  1. 
excelsi  muri  XXXV  33. 
excessus  —  peccatum  VI  48;  VII  9. 
excubare:     Christo    sacrata    excubat    = 

nonna  XI  14. 
exhinc  II  6. 

exire  in  =  terminari  XVii  3,  8. 
exitiale  malum  VI  85,  86. 
exorare:    lesum    nunc    precibus    exores 

XXVI  35. 
explere:  etsi  iussa  nequivi  explere  XXXII 9. 
ex  quo:  septimus  annus,  ex  quo  XI  5. 
exsistere  (existere)  =  esse  XXVI  2. 
exsuperare  VI  8. 
extorris:    extorrem,    Gallia    dura,    tenes 

XXXV  44. 
extunc  XI  7. 

exsul  inops  tenuis  VI  132. 
exuviae:  exuviis  ex  orbe  petitis  IVi  4. 

facere:   fac  laudent  VI  143;   quem   huc 

properare  facit  XXV  2. 
famen:  sacro  nuper  mandasti  famine  condi 

XXXII  13;  famina  sancta  dabat  XXXV 

16. 
fames  atra  mentis  VI  73,  74. 
famosa  merita  IX  5. 
famulus   supplex  VI  131,  XXXII;    verba 

tui  famuH,  rex  summe,  adtende  XI  1 ; 

excipe    tui    famuli,    rex   magne,    la- 

borem  XXXII  12. 
fantasticus  VII  9. 
festivitas  VII  1. 
ferre  =  auferre:  tulit  dira  procella  rosam 

X  18. 
fidelis  Abraham  II  2. 
fidere  de  spe  XIX  25. 
figura:    arce  varias   a   corde  figuras   VI 

137;   aurea   quae  fulvis  rutilant  ele- 
menta figuris  XXVI  1. 
flabrum:  frigora,  flabra,  nives  VI  17,  18. 
flagrare:  nectar  .  .  .  quodque  flagrat  op- 

time  XIII  9;  de  amore  VIII  9. 
flamen  =  Spiritus:   afflatus   aUi  flamine 

VII  4;    =    aura:    fragilis    captantur 


224 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


flamina    iaudis    IVi   6;    =  sacerdos: 

flaminibusque  ipsis  famina  sancta  dabat 

XXXV  16. 
flammeus  orbis  VI  111,  112. 
flavere:    flaventis    metalli    copia    XIII   7 

{vgl.  fulvus). 
flexus:  cum  pietate  doce  flexum  XIX  43. 
florere:    florentia   rura  XIX  4;   florentis 

gratia  formae  XXVI  7. 
floridus:  florida  mundi  VI  9;  aevi  VII  3. 
fluctuäbunda  pavet  XXXV  48. 
fluere:  iam  fluebat  decima  diecula  XIV  59. 
fore:  missa  forent  XXII  2. 
forma  coniugationis  =  species  XVii  2,  5; 

formula  XVii  4,  6. 
fortis  ad  arma  XXVII  4;  =  firmus:  fortes 

lacerti  XIII  1;   perplexes  forti  religa- 

mine  nodos  XIX  28. 
fragilis  laus  IVi  6. 
frenum:  frena  vitae  capere  VI  62;  frena 

dare  loquelis  VI  77. 
frequentare:    conchae  quoque  saepe  fre- 

quentant  XIX  41 ;    mens   ut  Christo 

laudes  in  saecla  frequentet  XI  27. 
frustrare  vota  cordis  IVi  30. 
fugere:  nox  tibi  tetra  fugit  XXIX  8. 
fulgens  regina  Ansa  IX  28. 
fulgida  lux  Vm,  VI  4. 
fulva  metalla  {vgl.  flaventis  metalli  copia 

XIII  7)    VI  87,  88;   fulvis  rutilant  fi- 

guris  XXVI  1. 
fundare  aedes  IX  17. 
fundere  preces  VI  131,  132. 
funus   =   mors:  post  funera  carnis  VI 

147;  viderat  nuper  funera  nati  XXXV 

43;    acerbum   XXVIII  1;   —    mortui: 

funera  vitam  receptant  VII  12. 
furtum:  pietatis  furta  probantur  VI  19. 
furva  sub  nocte  IX  23. 

gaudium :  gaudia  longa  =  vitam  beatam 

petis  XXVIII  10. 
gratanter  excipe  XXXII  11. 
gemma:   micans  VI  56,   X  2;   decoraris, 

Gallia,  gemmis  XXIX  7;  gemmas  In- 

dicosque  lapides  XIII 8;  Indica  XXVI 6. 
gemmare:    gemmantem    vitem    decoxit 

pruina  X  17. 


generalis  amor  XXXV  28. 

generare:  dolores  multiplices  generat  XI  6. 

genitor  XXVII  6;  genitrix  regum  Hilde- 
gard, uxor  Karoli  M.  XXVI  24;  = 
Maria:  virgo  genitrixque  creantis 
XXXV  51. 

gerere:  iussa  paterna  gerens  VI  37,  38. 

germanus  XI  7. 

gliscere  bonis  VII  16. 

gloria:  quo  merito  Latiae  dicatur  gloria 
gentis  IVi  17;  Dardanidaeque  gloria 
gentis  XXXII  5  unten. 

gramma :  sie  fantur  grammata  vestra  'cave' 
XXII  46. 

gratia:  clara  fuit  florentis  gratia  formae 
XXVI  7. 

gravare:  iam  gravante  senio  XIII  12. 

grex  =  monachorum  societas:  mitis 
adesto  gregi  VI  128;  adsis  gregis 
suspiriis  VII  16. 

habenas  patriae  regere  XXXV  17. 

habitacula  templi  IVii  3. 

hactenus  (actenus)  XIX  42. 

heremus  II  3. 

herilis   structor   IVi    12;    spes   XIX   25; 

pectus  XXVI  32. 
heros  celeberrimus  =  Aridiis  XXXV  3. 
heu  X  5,  15;  XXVI  24;  heu  mihi  XXXV 

29;  hei  mihi  X  13;  heu  (zweisilbig) 

XIII  3. 
hirtus:  hirtisque  simillimus  hircis  XXII  23. 
hiulca  tellus  VI  81,  82. 
bonos:  capitis  decussit  honorem  =  pul- 

chritudinem  VI  85. 
hora  =  vitae  tempus:  tristis  et  hora  mihi 

XI  4. 
hortus    divinus    =    mundus   XVIII    22; 

mentis  XX  3. 
hydrus  (ydrus)  VI  69,  70;  VII  16. 
hyronia:  dictum  per  hyroniam  XIII  3. 

iaculo  confodiens  corda  patris  XXVIII  6. 
leere:  corda  icta  sunt  dolore  XXVII  8. 
igneus  Cynthius  XIX  3. 
ignitae  sagittae  XVIII  7. 
imagines    in    tribunali    et    in    basilica 
sanctae  Mariae  Vi,  ii. 


Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus  Diaconus. 


225 


imperativus:  ne  carpe  VI  71,  72. 

in:  annum,  in  quo  est  indictio  II  8;  in  mu- 
nere  tribuere  XIII  8,  vgl.  pro  munere 
dare  VI  131 ;  in  armis  vincere  XXII 51 ; 
in  cunctis  celeberrimus  heros  XXXV  3. 

incassum  certans  XIX  42. 

inclytus  atque  potens  XX  10. 

inculta  poemata  VIII  7. 

inde  est,  quod  VIII  7. 

index:  cultor  et  index  pietatis  IVi  18; 
caelestis  tramitis  VI  133. 

indictio  prima  —  763  II  8. 

inesse:  ver  tibi  semper  inest  I  7,  8; 
semper  inest  luctus  XI  4. 

infinitivus :  venit  restaurare  II  7;  mulcet 
properare  VI  83;  currere  cede  viam 
VI  139,  140;  gliscere  dat  fructus  XIX 
6;  monitas  non  esse  superbum  XX  7; 
curam  habere  monet  XXII  44;  quem 
huc  properare  facit  XXV  2;  digna 
tenere  sceptra  XXVI  19;  mandasti 
famine  condi  XXXII  13;  t;^/.  XX  5. 

inmensa  trinitas  I  27. 

inmodicus  amor  VIII  9. 

innumerum  vulgus  XXII  41. 

inpar:  vatibus  antiquis  non  inpar  XIX  44. 

inproba  brevitas  IX  25. 

instar:  instar  nectaris  clarescere  VII  15; 
quasi  puri  muneris  instar  XVIII  7. 

instituta  praeceptorum  =  leges  a  Moyse 
traditae  II  3. 

insurgere  flammis  VI  55. 

interrogat.  indir.  semper  rede  c.  coni.: 
IX  17;  XXV  3;  XXVI  2. 

intima  mea  ne  turbet  VI  145;  intima 
iocineris  penetrantes  sagittas  XVIII  9. 

invius:  avia  qui  sunt  secuti  pergentes 
per  invium  XIII  5. 

ironia  (hyronia):  dictum  per  hyroniam  XIII 3. 

iudex  supernus  II  11. 

ius:  iuraque  det  haedis  XXII  24. 

labes:  labe  peremptum  VI  47;  integrum 
generat  sine  labe  XIX  36;  in  quo 
(=  opere)  si  quid  erit  labis  vitiique 
XXXII  15. 

labi:  lapsus  mundus  Vii  2. 

lacer:  patriam  bellis  laceram  IX  7. 

Quellen  u.  Untersuch,  z.  lat.  Philologie  des  MA 


lactea  tumba  IX  1. 

lampas:  meriti  pro  lampade  summi  VI  149. 

languida  membra  trahens  XXXV  42. 

lapides  Indici  XIII  8. 

lar:  sacro  membra  dedisse  lari  XXXV  52. 

laurus:  palmas  et  odoras  pandere  lauros 

XIX  16. 
laus  et  honor  I  27;  VI  153,  154;   laudi- 

bus  antra  sonant  VI  15,  16. 
lecitus   (lechitus)  stillam  praebere  lechiti 

VI  93. 

leges  atque  iura  XVI  4. 

legitimum  germen  XXV  6. 

leo  =  diabolus  VII  8;  Viii. 

licet  indignus  VIII  14;  sit  licet  XXII  23. 

ligare:  pacis  amore  ligans  IX  14. 

lignum  =  arbor,  crux  Viii. 

ligustrum :  ceu  raptat  boreas  vere  ligustra 

novo  XXVIII  2. 
lilia  mixta  rosis  XXVI  10. 
limen:   aetatis  ipso  limine  VII  3;   extre- 

mo  nostrum  tenuit  quod  limine  Carmen 

XVIII  21;   rapta   est  de  limine  vitae 

XXVII  7. 
linea:    pinxit   apte   lineam   vitae    sacrae 

sequacibus  (=  regulam  S.  Benedicti) 

VII  15. 

litare:  ne  lites  munus  ad  aram  VI  65. 

litterae:  vitam  litteris  ni  emam  XIII  7. 

logos  et  phisis  moderansque  quod  ethica 
pangit  XXXV  11. 

longaevi  senes  X  6. 

longo  post  tempore  XXIV  9. 

loquella:  Graeca,  Graia,  Hebraica  XIII  6, 
11;  caret  loquellis  Latus  XXII  19. 

lumen  aeternum  IVi  9;  proprii  perfudit 
lumine  vultus  XIX  23;  lumina  cordis 
=  virtutes  XXVI  11;  =  oculi:  lu- 
minibus  tacitis  notavi  XXII  3. 

lusus  verboram:  flos  despexit  florida 
mundi  VI  9;  avia  qui  sunt  secuti 
pergentes  per  invium  XIII  5;  nee  iners 
vitam  mihi  tollet  et  artem  XXII  29; 
cumque  suo  ponat  crimina  crine  simul 
XXII  32;  parvula  non  parvum  linquis, 
virguncula,  luctum  XXVIII  5;  flamini- 
busque  ipsis  famina  sancta  dabat  XXXV 
16;  patriae  amore  mori  XXXV  22. 
III,  4.  15 


226 


Karl  Ncff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


lux  fulgida  Viii,  VI  4;  annua  XXVIII  4; 
lux  omne  decusque  suorum  IVi  20; 
luxque  decusque  XXXII  2  unten',  lux- 
que  decorque  XXXV  10. 

mage  sed  sustolle  iacentem  IVi  31. 
mandare  ut  XX  5;  c.  inj.  XXXII  13. 
mane  novo  XVIII  10. 
manere  =  esse:  IX  11,  28;  X  4;  XX  8. 
maniplus:   ex  his  (syllabis)   mihi  est  fe- 

rendus  maniplus  ad  aream  XIII  6. 
marsuppium  XIII  7. 
medela:  unde  medela  tibi  VI  95. 
mellifluus  pater  XIV  61 ;  amor  XXVI  22. 
melos:    cuius  dulce  melos  pagina  multa 

canit  XXIX  2. 
mens   deiecta   opp.   elata  XX  9;   mentis 

hortus  XX  3. 
meritum :  quo  merito  Latiae  dicatur  gloria 

gentis  IVi  17. 
meta:  metas  positura  labori  XVIII  3. 
metallum:   lactea  splendifico  quae  fulget 

tumba  metallo  IX  1 ;  fulva  metalla  VI 

87,  88;  metalli  flaventis  copia  XIII  7. 
munus:   per  domini  munus  VIII  12;   de 

munere  Christi  VIII  15,  XXXI  29. 
micare:  virgineo  splendore  IX  16;  mente 

IX  27;  gemma  micans  VI  56,  X  2. 
miraculum:  miraculorum  praepotens  VII 

4;  mira  gesta  XXIV  11;  mira  patrare 

XXXII  7;  miranda  VII  15. 
modulamen:  replere  et  densas  suavi  mo- 

dulamine  Silvas  XIX  21. 
monere:   bella  monens  VI  115,  116;    c. 

inf.  XXII  44. 
monitare  c.  inf.  XX  7. 
mordaces  sensus  XX  5. 
mucro:  perpetuo  pectus  transfixa  mucrone 

XXXV  41. 
mulcere    =    suadere:   mulcet   properare 

VI  83. 
multicolor  Iris  Vi  1. 
multimoda  ratione  XIX  29. 
multus:  pagina  multa  canit  XXIX  2. 
mundanus:  nubila  mundana  pellere  VII  3. 
mundus  cui  panditur  omnis  VI  109;  hor- 
tus divinus  XVIII  22. 
munificas  dotes  ordiar  unde  tuas  I  2. 


mutarc:  'o'  'vi'  mutans  XVii  2;  XVii  6. 

mutilum  pecus  XIX  37. 

myrtea  (mirtea)  virga  =  myrtus  I  13. 

namque  =  autem:  IVi  12;  XXXV  39. 
nativus:    unda   nativo  e  marmore   manat 

VI  33. 
nectar:  instar  nectaris  clarescere  VII  15; 

nectar  omne  quod  praecellit  XIII  9. 
nectere  post  has  XVii  1. 
negationes:  nee  =  ne-quidem  XXII  28; 

XXVI   8;    necdum   =   nondum  XXII 

49;  nonque  :=  neve  VI  146. 
nequire,  quire  XXXII  9,  17. 
ni:  vitam  litteris  ni  emam,  nihil  est,  quod 

tribuam  XIII  7. 
nilöminus  VI  74;  nil  minus  VI  22. 
nimis,    nimium   pro    superl.    adiectivis 

adduntur  VI  109,  110;  XIX  3;  XXIV 

2;  XXVIII  10;  XXXII  16. 
nodus  aenigmatis  XIX  28. 
nomisma:    aether    pluit    nomismata   VII 

11. 
novitas:  testis  novitatis  habendus  VI  113; 

est  fortasse  aHut  novitas  quod  reppe- 

rit  apte  XXII  45. 
novus:  mane  novo  XVIII  10;  vere  novo 

XXVIII  2. 
nubila  mundana  pellere  VII  3. 
numeralia:    octodecem    II   6;    duocenti 

II  1;  novies  centeni  112;  nona  atque 

decima   XVii  7;    bis.  binas  formulas 

XVii  4;  bis  sena  XV ii  3;  bis  septena 

XVii  4;  trini  supplicii  optio  XXII  5. 

o  nimium  felix  XIX  3. 

obrizum:  pondere  quod  factum  sie  cir- 
cumsepsit  obrizo  Vii  6. 

occa:  restrictas  per  occas  =  lineas  car- 
tae  XIX  2. 

occiduus:  ab  oris  occiduis  1X20;  in  oc- 
ciduo  XXVI  8. 

officium :  pro  taedis  miserum  funeris  offi- 
cium X  14. 

oliviferä  silva  I  9. 

omnicreans  rector  XXXII  3. 

omnis:  omne  quod  IVi  24  vgl.  quod  lo- 
gos    et    phisis     moderansque    quod 


Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus  Diaconus. 


227 


ethica  pangit,  omnia  condiderat  XXXV 

11,  12.« 
opimus:   duces  VI  49;   consilium  servat 

opime  XXII  40. 
ops:  Opern  pietatis  ferre  VI  14, 
opus:  vix  perpendo  aüquod  utilitatis  opus 

XXII  18. 
orbes  =  anni  evoluti  sunt  II  4. 
orgia  colere  VI  23,  24. 
ostensor  arti   tramitis  VII  2;   vgl.  index 

tramitis  VI  133. 
otium:  numquam  dabat  otia  plectro  VI  119. 
ovile    =    Claustrum:   qui   post   servavit 

ovile  XXV  5;  Viii. 

paedagoga  (pedagoga)  VI  11,  12. 
palma:  palmas  et  odoras  pandere  lauros 

XIX  16. 
pandere  nodos   =    aenigmatis  XIX  29; 

abstrusum  XX  14;   palmas   et  lauros 

XIX  16. 
pangere   carmina  XIX  20;  laudes  XXXV 

5;   moderansque   quod   ethica  pangit 

XXXV  11. 
pannücia:    quos  vix  pannuciis  praevalet 

illa  tegi  XI  12. 
paradigma:   et  valet  a  summis   hie  para- 

digma  trahi  XXII  12. 
paradiseum  culmen  XXII  2. 
paradisus  (paradysus):  flos,  paradise,  tuus 

==  Benedictus  VI  9,  10;  te  paradisus 

=  caelum  habet  XXXV  50. 
parare:  paräbantur  X  11;  vgl.  fluebat  XIV 

59 ;  stuperent  X  6 ;  terruerunt  XXII  4 ; 

vinceres  I  21. 
pastus:  tecta  tibi  pastumque  paravit  1X24. 
pater  patriae  IVi  20;  aeternus  XXVII  10. 
patulo  =  aperte  produntur  VI  59. 
paviscere  XIX  48. 
paxque  quiesque  XXXV  30. 
pedum  =  pastorum  baculum  XIX  18. 
pellere:  arcu  pellente  sagittas  XVIII  18. 
pelta:   digne  opponere  peltam  missilibus 

XVIII  12. 
peplum  VII  7. 
per:    per   domini   munus   VIII   12;    per 

hyroniam  XIII  3;   per  omnes  plateas 

XI  9;  per  sacra  domicilia  XXXII  17. 


perennis  aquae  unda  VI  33,  34;  peren- 
niter  II  12. 

perfida  corda  VI  43^  44. 

perflare:  geüda  perfiantc  procella  XIX  11. 

perfundere  gramina  fletu  XIX  14. 

pergere  succedit  in  locum  verbi  'ire': 
VIII  18;  XIII  5,  10. 

perimere:  labe  peremptum  VI  47;  peri- 
mitur  consonans  XVii  7  {^gl.  perit 
consonans  XVii  6). 

perpetualis  amor  capiendae  salutis  XXV  1. 

perpetuum  =  in  perpetuum  IV ii  3. 

perplexus:  perplexos  forti  religamine  no- 
dos =  aenigmatis  pandere  XIX  28. 

pertingere:  pertinge  cacumine  nimbos 
XVIII  23. 

pervigil  in  lacrimis  tempora  noctis  agens 
XXXV  14. 

pestifer  ille  draco  VI  145,  146. 

phalanx  (falanx)  =  societas  hominum: 
sancta  VI  147,  148;  peregrina  XXXV 
38. 

pharetrigera  Diana  IVi  11. 

phisis:  quod  logos  et  phisis  moderans- 
que quod  ethica  pangit  XXXV  11. 

piaclum  IViii  5;  VI  135. 

pietas  =  dementia  VI  14,  XI  2,  XIX  43, 
XXII 15,  XXXII 10;  pietatis  furta  VI  19. 

pius:  piis  quem  contines  ulnis  Vii  3; 
==  Clemens:  finem  his,  pie,  pone  malis 
XI  24;  amor  VI  112;  merita  VI  137, 
138;  rex  XXII  50. 

planctus  ubique  sonat  X  16,  XXXV  31. 

platea:  per  omnes  plateas  XI  10. 

plaudere:  Nursia,  plaude  satis  VI  5. 

plebs  =:  societas  christiana  Vii  4. 

plebeius:  prompsi  plebeio  carmine  versus 
XXIX  9. 

plectrum  —  cantus  VI  119;  pectoris  et 
plectri  (=  linguae)  vincula  solve  mei 
VI  136;  Benedictus  plectro  claruit; 
nam  pinxit  apte  lineam  vitae  sacrae 
sequacibus  {=  regulä)  VII  15. 

poemata  {trisyll.)  parva  VI  131,  132;  in- 
culta  VIII  7. 

poetae  vatesque  XIII  2. 

pollere:  viridi  dum  cespite  polles  I  7; 
gemino  diademate  pollens  XXVII  3. 

15* 


228 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


polus    —   caeliim:    regna    pol!    VI   108, 

XIX  26;  VII  13. 
populus  =  christiani,  homines:  IVii  4; 

VI  52;  XXIX  10;  XXXII  4. 
portio:    aeterno   mansit    sua   portio   regi 

IX  15. 
portus  quietis  IVi  27;  tuis  portusque  sa- 

lusque  fuisti  XXXV  27. 
poscere  =  orare  saepe. 
potare:  quosque  Siler  potat  XXXV  36. 
potens  artibus  IVi  16;  formaque  animoque 

potentem  IX  10. 
praecellere:  nectar  omne  quod  praecellit 

XIII  9. 
praecelsa  regina  XXVI  3. 
praeceptum:    praeceptorum   instituta   (== 

leges  a  Moyse  datae)  II  3;    vgl.  lex 

data  et  conscripta  caelitus  II  4. 
praeda:  hae  ne  praeda  fiant  (—  eripian- 

tur),  fluctuabunda  pavet  XXXV  48. 
praenoscere:  futura,  praenoscimini  VII 10. 
praepes:  mandata  praepes  efficit  VII  8, 
praepollens  Arichis  XXXV  4. 
praepotens  miraculorum  VII  4. 
praesul  Arnulfus  XXIV  10. 
praevalere  =  efficere:  quos  vix  pannu- 

ciis  praevalet  illa  tegi  XI 12;  =  posse: 

nullus   cui   sistere   contra   praevaleat 

XIX  48. 
primatum  tenere  XVI  2. 
pro  pudor  IVi  6;   pro  munere  dare  VI 

131;   vgl.  in  munere  tribuere  XIII  8. 
problema  (problemma)  =  aenigma  XX  1 ; 

problema  XXII  49. 
promocondus  VI  93,  94. 
promptus  ad  praecepta  magistri  VI  39. 
pronomina:  vester  amor  =  vestriV\\\9\ 

XXII  16;    pretiosa    quaeque    XIII    8; 

aliquod  =  ullum  opus  XXII 18;  nullus 

pro  nemo  IViii  10,  XIX  47;  ullus  vgl. 

später;  non  Übet  hunc  talem  calamos 

inflare   labello   XIX  12;   elicuit  quas- 

cumque    voces    XIX   24;    hie   locus, 

astrigeri   qua  patet  aula  poli  XXV  4; 

suscipe  qualiacumque  tamen  VIII  8; 

excipe  qualemcumque  laborem  XXXII 

12;  quantus  =  quot  IX  17,  tantus  = 

tot  XXIX  7. 


pronus  c.  inj.  XIX  13. 

propheta  II  6. 

proprius  =  suus:  proprio  quaesitam  san- 
guine  plebem  Vii  4;  me  proprii  per- 
fudit  lumine  vultusXIX23;  proprium 
nil  ducens  tradere  censum  XXXV  21 ; 
hie  deus  ipse  manet  proprie,  qui  sem- 
per  ubique  est  IViii  3. 

proscindere  campum  XIX  1. 

protectio:  crux  sit  protectio  saeptis  Viii. 

psalmicen  assiduus  VI  119,  120. 

puellula  pusilla  XXVII  1. 

puerile  decus  VI  7,  8. 

purificandus  XXII  34. 

Purpura:  tinxerit  et  tremulos  Titania  pur- 
pura  fluctus  XVIII  15. 

purpurea  rosa  X  18. 

quo  =  ut  fin.  IVi  17;  VI  129,  130. 
quod  pro  acc.  c.  inf.:  spes  quod  XXXV 

50. 
quousque  II  3,  vgl.  usque  quo  II  4. 

radiäre:  Phoebo  radiante  XVIII  17. 
ramus:   littera,   quae  ternis   consurgit  in 

ardua  ramis  XXII  43. 
reboare:  reboans  clamore  minaci  VI  101. 
rector  vafer  VII  10;   potens  XI  23;   XIII 

10;  omnicreans  XXXII  3. 
reddere  c.  inf.:  esse  potentem  IVi  16. 
redemptor  I  29;  II  8. 
regifica  mensa  I  6. 
regnare  principatum  II  10. 
regnator  ille  Hebreae  gentis  =  Salomon 

IVii  4. 
regnum:   regna  aurea  VII  2;    beata  VIII 

12;   XXVII   10;    sacra  poli  XIX  26; 

Sacra  regna  tenere  XXVI  34,   sacrum 

regnum  IViii  1 ;  regna  mundi  XIX  48. 
relevare:  patriam  relevans  stabilivit  IX  8; 

hos  verbis,  hos  relevare  manu  XXXV24. 
religamen:     perplexos    forti    religamine 

nodos  =  aenigma  XIX  28. 
religare:     nervosis    religata    problemata 

vinclis  XX  1. 
repedare:    ante  potest  Rhenus   repedare 

Suavos  VIII  17;  refluus  Rhenus  repe- 

dabit  ad  ortus  XXXI  25. 


Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus  Diaconus. 


229 


remorari:  nil  remorante  fide  VI  140. 
reparator  et  auctor  IVi  23. 
requies  tuis  portusque  salusque  XXXV  27. 
res:  rebus  exclusa  paternis  XI  19. 
resecare:  carens  seu  parte  resectus  XIX  35. 
resolutio  aenigmatis  XXII  49. 
resonare  dulci  camena  XIX  7. 
respicere:  respice  et  ad  fletum  XI  2. 
restaurare:  mundum  venit  restaurare  per- 

ditum  II  7. 
retentare:   luctum  sine  fine  retentans  XI 

15;  cur  busta  sacer  numerosa  retentet 

XXV  3. 
retia  fraudis  frustrantur  VI  61. 
revolvere:    spatiis    lux   revoluta    diurnis 

XVIII  11. 
rex  aeternus  II  7;  IX  15;  sapientissimus 

=  Salomon  II  4;  summe  =  Karolus 

M.  XI  1. 
ridere:    cuncta    et   ridebunt  Phoebo   ra- 

diante  XVIII  17. 
roscidus:   roscida  de  lacrimis  terra  X  1; 

lacrimis  roscida  tellus  XXXV  1. 
rosulenta  prata  VIII  3. 
rubor  aureus  =  aurora  XVIII  16. 
rupea  saepta  VI  125,  126. 
rusticitas  opp.  nobilitas  XI  20. 
rutilare:   aurea   quae  fulvis   rutilant  ele- 

menta  figuris  XXVI  1. 
rutilus:  rutilo  comitare  favore  XXXII  14. 

Sacra  =  missarum  sollemnia  VI  79;  sacra 

canere  VI  120. 
sacrare:  primis  Christo  sacrata  sub  annis 

XI  13. 
saeculum   (saeclum)  =  mundus  IVi  22; 

VI  4;  VII  4,  14;  in  saecla  frequentare 

laudes  XI  27;   =   tempora:  a  prin- 

cipio   saeculorum   II  1;    cunctis   sae- 

clis  VI  127. 
saeptum  =  claustrum  Viii;    VI  67,  68; 

saepta   rupea    VI    125,    126;    saepta 

claustrorum  VIII  2. 
sagax  sapientia  XXXII  16. 
salire,  salii  XVii  4. 

Salus  mundi  116;  salus,  decus,  spes  IVii  1. 
sanctio:   firmum   oro  capiat  vestra  sanc- 

tione  vigorem  XXXII  20. 


'   sapere,  sapui  XVii  3;  sapientes  =  gram- 

matici  XV ii  1. 
sardonix   Pario,    lilia    mixta   rosis   XXVI 

10. 
satagere  XXXV  24. 
satis  pro  superlativo  additum  adiectivo: 

IVi  16,  21;  XXII  6;  XXVII  4;  plaude 

satis  VI  5,  6. 
sator  XXVII  3. 

satus  stirpe  ducum  regumque  XXXV  7. 
sceptrum  capessere  XIII  10;  avitum  XXVI 

17;  sceptra  aurea  XXVI  20. 
scola:    tres   aut  quattuor  in  scolis  quas 

didici  syllabas  XIII  6. 
sed  postponitur:  passim;  sed  potius  XIII 

5;  XIX  13;  XXII  7. 
semper  ubique  IViii  3. 
Senium:  iam  gravante  senio  XIII  12. 
sensus    =    cogitatio:    mordaces   XX  5; 

sensu  celer  XXIX  1 ;  si  sensibus  altis 

Karoli  M.  placebit  XXXII  18. 
sequax:   vitae  sacrae   VII  15;   callis  tui 

VII  16. 
serenare:   tempestatesque  serenat  XIX  6. 
servator  summus  honesti  IVi  19. 
servus  humilis  XXXII  1. 
sessor  VI  53,  54. 
sexus  et  aetas  XXXV  31. 
si:  o  si  =:  utinam  XIX  15;  si  calcasset 

I  21,  vgl.  si  eras  =  esses  I  22. 
sie  —  ceu  XXII  1. 
sigma  littera  XVii  3. 
similari:    similor  Tertullo   XIII  4;    mutis 

similati  deridentur  statuis  XIII  11. 
simplicitas:    animae   XXVI    12;    egregia 

XI  14;    simplicitate  placens   VI  107, 

108. 
simul:  mixta  simul  I  12. 
sinere:  sacris  non  adesse  sinuntur  VI  79; 

sine  dentur  VI  53. 
singultantia  verba  XIX  13. 
sistere:  contra  XIX  47;  iter  VI  84. 
solari:    solatur  cunctos   spes  XXVI  33; 

solatur  tantos  spes  dolores  XXXV  49. 
somnus   abest  oculis  VI  106;   desidiam 

et  somnos  arce  VI  138. 
sonare:  pectora  vestra  sonent  IViii  13. 
sospitas  revisit  fractum  VII  9. 


230 


Karl  Neff,  Gedichte  des  Paulus  Diaconus. 


spatiose:    non   sivit  brevitas  spatiose  lu- 
dere teils  XVIII  13. 
species  =  forma  coniugationisXVn  1,5; 

rerum  species  diversa  per  orbem  XIX 

39. 
speciosa  virgo  X  3. 
speleum  VI  25. 
spes  laudatur:  qua  quisque  innixus  num- 

quam   est   confusus  ab  aevo  IVi  29; 

spes    Sacra   regna    poli  tribuit,    spes 

omnia  confert  XIX  26. 
splendificus :  splendifico  quae  fulget  tumba 

metallo  IX  1. 
Stabilire:  patriam  stabilivit  et  auxit  1X8. 
statuae:  mutis  similati  deridentur  statuis 

XIII  11. 
stelliger  fulgor  XVIII  4. 
stillam  praebere  lechiti  VI  93. 
structor  herilis  IVi  12. 
suadus:  suado  captaris  ab  ydro  VI  69. 
suavis  (trisylL):  ore  XXIX  1. 
sub:  sanctorum  effigies  pulchre  sub  enig- 

mate  vernant  Vi  6;   furva  sub  nocte 

IX  23;  teneris  sub  annis  X5;  primis 

sub  annis  XI  13;  sub  gracili  arundine 

XIX  8;  sub  ardenti  corde  XXXII  6. 
subruere:  subruiturque  domus  XIX  11. 
superbus  equo  VI  101,  102. 
supercilium  lange  XX  7. 
supernus  =  deus  II  10;  iudex  II  11. 
suppetiae:  suppetias  dedit  esse  suis  IVi  27. 
supplex:  famulus  VI  131,  XXXII. 
supputare  II  1. 
supremus:  tempore  supremo  Ventura  peri- 

cula  saeclo  IVi  22. 
suspicio:  digiti  suspicione  mei  XX  2. 
suspirium:  adsis  gregis  suspiriis  VII  16. 
sustentare:  turpi  natos  sustentat  ab  arte 

XI  11. 
sustollere:  sustolle  iacentem  IVi  31 ;  fidens 

de  spe  sustollor  herili  XIX  25. 
susurrus:   tenui  quod  canto  susurro  XIX 

22. 

tacitus:   luminibus  tacitis  notavi  XXII  3; 

vgl.   quaeque    stupens   lustras    tacite 

(Wattenbach)  IVi  25. 
tarn  —  quamque  IVi  13. 


tantum  transcendit  —  quantum  XXVI  5. 
tantus  ^  tot  XXIX  7  fquantus  =  quot  IX 

17). 
templum:  vgl.  asylum;  domicilia  Christi 

XXXII  17;  habitacula  templi  IVii  3. 
tendere  regni  vires  in  Asiam  XIII  10. 
tener:  teneris  sub  annis  X  5. 
tenere:   tenet   corpus  tellus  VI  82;   pri- 

matum  XVI  2. 
tenuis:  exul  inops  tenuis  VI  132. 
teres:   tereti   me   pangere  carmina  versu 

XIX  20. 
terminari:    terminatae    'io'    formae   XVii 

2;   terminata  'uo'  verba   XVii  5;   'ui' 

terminatur  XVii  3. 
terminus:   annos   quinque  et  quingentos 

praeterisse  terminos  II  3. 
thalamus:  natarum  thalamis  sibi  pectora 

vinxit   IX   12;   thalamus   sponsusque 

tibi   parabantur   X  11;    pro   thalamo 

dedimus  tibi,  virgo,  sepulchrum  X  13; 

regalis  XXXV  40. 
tinguere  aquis  =  baptizare  XXII  34. 
titubare  de  spe  opp.  fidere  XIX  27;  titu- 

bante  «de  XXXII  18. 
togatus  arbiter  orbis  =  Karolus  M.  XXXII 

4  unten. 
tonans  IX  5;  XXII  37;  XXIV  4;  vgl.  deus. 
totum   =   omnia:  totum  hoc  in  meam 

cerno  prolatum  miseriam,   totum  hoc 

in  meum  caput  dictum  XIII  3. 
trames:    caelestis   VI   133;    arti   tramitis 

ostensor  VII  2. 
tranquilla  Adelperga  II  10. 
transcendens  moribus  aevum  VI  7. 
transmeare  XVii  8. 
tremere:  ore  tremente  XI  10. 
tremulus:  fluctus  I  23;  XVIII  15. 
tribrachis  XX  11. 
tribunal  Vi  4. 

trinitas  inmensa  I  27;  VI  153. 
trmominis:  Hebraea  gens  IVii  4. 
triumphus:   ordiar  unde  tuos  triumphos 

VI  1;  patrios  non  conspectura  trium- 
phos XXVII  9. 
tröcheus  XX  11. 
tumba:     lactea    splendifico    quae    fulget 

tumba  metallo  IX  1  {vgl.  XXVI  1). 


Index  grammaticus  zu  den  Gedichten  des  Paulus  Diaconus. 


231 


tus:  ponentes  tura  Dianae  IVi  11. 
tutus  ab  auxilio  IX  22. 

ubertim  perfundere  gramina  fletu  XIX  14. 

ulcera  cordis  IViii  7. 

ullus  vgl.  pron.:  qua  non  gratior  ulla 
manet  X  4;  quantum  vix  ullus  in  orbe 
est  XI 3;  nee  est,  qui  ferat  ullus  opem 
XI  18;  quo  non  audacior  ullus  XXIV 
7;  qua  nee  in  occiduo  pulchrior  ulla 
foret  XXVI  8;  cum  non  sit  grandior 
Ulla  laus  XXVI  15. 

unica  spes  mundi  IVii  1. 

urere:  quem  plus  ussit  amor  VI  112. 

usque  quo  II  2,  4;  exhinc  usque  quo 
II  6;  ex  hoc  tempore  quousque  II  3. 

utcumque:  si  sensibus  vestris  utcumque 
placebit  XXXII 19;  solatur  tantos  spes 
haec  utcumque  dolores  XXXV  49. 

vagus:  mens  VI  31;  VII  6;  pestis  VI  32; 

undae  XVIII  16. 
valere  saepius  usurpatur  quam  posse. 
validus  amor  XXII  16. 
variare:  cutem  variant  cui  fella  colubrae 

VI  89. 
vel:  non  tela,  frigora  vel  nimbos  timebis 

IX  23. 
venatus :  anteibat  (trisyll.)  iuvenes  venatu, 

viribus,  armis  XXXV  15. 
venerandus:  fraus  VI  19,  20;  venerande 

pater  VI  127,  128. 
venire  c.  inj.:  venit  restaurare  II  7;  Ven- 


tura pericula  saeclo   IV  i  22;    Ventura 

saeclo  praecinens  VII  4. 
ver:  vere  novo  XXVIU  2. 
vernare:  vernanti  flore  XXXV  45;  =  ful- 

gere  Vi  6. 
vicem:  misero  redde  vicem  VIII 16;  redde 

vicem  misero  XXIX  11. 
viduare:  viduatae  civibus  urbes  IV i  5. 
vigere:  si  felix  vigeas  de  munere  Christi 

VIII  15;  XXXI  29. 
vigil:  mente  satis  vigili  IVi  21. 
vigor:  firmum  oro  capiat  vestra  sanctione 

vigorem  XXXII  20. 
vinculum  (vinclum):  vincula  piacli  VI  135; 

pectoris  et  plectri  VI  136. 
vires  regni  XIII  10. 
virgineo  splendore  micans  IX  16. 
virguncula  parvula  XXVIII  5. 
virtus  =  vis  sive  robur:  virtus  vini  XVI 

6;  virtute  carens  ingenti  robore  natum 

procreat  XIX  46;   virtus   solita  Bene- 

dicti  VI  135;  virtus  tonantis  XXIV  4; 

leges    atque    iura    per    me    virtutes 

amittunt  XVI  4. 
viscus,  viscera  =  corpus:  Vii  2;   VI  27, 

57,  103. 
visio:  vinctum  resolvit  visio  VII  12. 
Visum:  per  visa  monens  VI  76. 
Visus    =    oculi:   visu    et   restrictas    adii 

lustrante  per  occas  XIX  2. 
vitrea  unda  I  19;  Mosella  XIV  60. 
Votum:  Vota  precesque  IVi.  31;  hoc  mihi 

est  Votum  VIII  13. 


K.  Neff,  Paulus  Diaconus 


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OXFORD  BODL.  28188  =  ADD.  C  144 


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TORONTO— 5,   CANADA 

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